Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 9 (1.3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ter I. Marz MH ui._ j^rau Korn machte eine abivehrendc Beivegung. Tie harte Stimme des Mädchen« schien sie zu schmerzen. Der still heitere Zug war aus ihr-m Gesicht geschwunden. Ihre Hand blätterte m dem Gebetbuch, das sie aufgeschlagen auf dem Schoß hiest, aber die Bugen glitten, Ivie abwesend darüber. Emma verliest das Zimmer. Als sie leise die Tür schlost, hörte sie noch einen tiefen Seufzer von den Libden der Mutter. — (Fortsetzung folgt.) Meivrick Neer. Eine Erzählung von Friedrich Siott. >3« Alle nahmen sich jedoch die Mahnung des stets heileren Mannes zu Herzen und in heiterster Stimm- .!ng entflohen ihnen die Stunden. In den spätern Rachtniittcigsiundcn drängte .Heinrich zur Rückfahrt, denn es lag ihm daran, sich nochmals nicht allzu kurz in Grostdorf aufzuhalten. — Als sie das Dorf er reicht hatten, gewahrten sie sofort, dast eine ungewohnliche Erregung dort herrschte, gruppenweise standen die Leute kor den Häusern und auf dem Marktplatz, alle in lebhaftester Unterhaltung. Der Röstelwirt kam ihnen schon vor dem Wirtshause ent gegen und begrüstte sie wie ein alter Bekannter. Er erklärte, sie erwartet und ihnen den besten Platz auf seiner Veranda bewahrt zu haben, denn er müstte ihnen doch die Ereignisse des heutigen Tages erzählen. .,Was ist denn vorgefallen?" fragte Irma, .haben die Zigeuner noch eine Kalbin iveggetrieben?" ״Schlimmer als das, gnä' Frau, ungleich schlimmer. Aber belieben nur erst auszustcigen, werd' 1rtu die Ehre geben und gleich alles berichten." ״Wollen Sie uns nur zuvor einige Flaschen Pitsener kommen lassen," bat Heinrich, ״dann geht es bester mit dem Erzählen und auch mit dem Zuhoren." ״Recht haben der gnä' Herr," lachte der Wirt, und auf seinen Wink war das Verlanate rasch zur Stelle. Mar öffnete die Flaschen und leerte den schäumenden Gerstensaft in die hohen Gläser, von den-n er eins dem Röstelwirt zuschob. ״Sie müssen a׳.!t unser Wohl trinken, .Herr Wirt." ״Untertäniger Diener, gnä' Herr," erwiderte er laclxnd mit tiefer Verneigung, ״alsdann auf das Wohl von den Herrschaften!" ״Auf Ihr Wohl auch. Herr Wirr!" sagte Irma, ihm zutrintend, ״aber jetzt müffen Sie uns auch er-׳ zählen, was heute vorgegongen ist, ich bin sehr neugierig." ״Gleich, gna' Frau, gleich!" erwiderte der Hö>!:che. sich abermals verneigend und mit dem Aermel den Bierschaum von den Lippen streifend ״Alsdann, gnä' Frau. Sie werden's auch schon gehört haben, denn es ist doch eine alte Geschichte, mir scheint, der Herr Pfarrer hat gesagt, es steht schon in der Bibel", daß eine Sünde immer noch eine andere nach sieb, zieken mutz, und darum darf's einem eigentlich gar nicht Wunder nehmen, dast die Tochter von einem, der gemordet hat, auch so was tun möcht." ״Was?" rief Irma voll Entsetzen, noch ein Kind :st ermordet worden?" ״Beruhigen Sie sich, gnä' Frau, ich Hab' ja nur geiagt, dast ein« so etwas tun möchte — aber ge sch«den ist's nicht, Gott sei Lob und Dank!" ״Gott sei Lob und Dank." wiederholte Irma, ״Sie haben mir wirklich Angst gemacht, Herr Wirt. Sie können so schön erzählen." ״Aber Tu mußt den Herrn W,rt nicht immer unierbrcchcn," sagte Max, ״sonst erfahren wir gar nichts." ״Das hat gute Wege, gnä' Herr." entgegnete der Röstelwirt lachend, ״alsdann fang ich gleich an. Ich weist nicht, ob ich Ihnen schon erzählt habe oder p.'chl dast der Iud', der das Kind gemordet hat, eine Tochter bei sich gehabt hat. ein sauberes, bildschönes Mädel. Und der Guisbesitzer KetthoE. dem der Wald und der Teich drüben gekört, auch ein sebr schöner Marsch, der hat sie gesehen und hat sich in sie oerliebt und alle Abend, wenn der alte Iud in sein Bett gegangen ist, dann ist seine Tochter hinaus zu ihrem Schatz; die Qiiastelbäuerin bat aesagt. vor Mitternack: ist sie ni, heimgekommen. Und etlicki« Mal hat sie's dem Madel gesagt, sie soll Obacht geben mit ihrem Schatz, dast da nichts Schieies herauskommt. Aber die Maid hat gelack' und gesagt, ihr Ehristos hält' ehrliche Avsicdien und wird sie heiraten, aber noch dürft der 'Vater nichts davon willen, weil er's nicht zugeden möchte, dast sie einen Ehristen heiratet, lind der Gutsbesitzer selbst hat's auch zu der Ouastelbäuerin gesagt, dast er die schöne Maid heiraten wird. Und das hat er auch gewollt. Aber in der Mordsnacht sind die z>vri auch beisammen gewesen, und gesehen haben sie zwar nichts, aber beide Habens gehört. Wie der alte Iud!n den Schuppen gegangen ist. wo er das Kind geschachtet hat. Gewußt haben sie's ja nicht, was da vorqeganqen ist, aber als es am andern Tag 'rausgekommen ist. da hat es dr'ii Krtthvff gegraut vor der Tochter von dem Mörder, und obwohl das arme Madel doch nichts dafür kann, das׳, ihr Bater so'n Verruchter isi, per denken kann man'ü dem Kettboff doch nicht, dast er nichts mehr von ihr misten will. Und heute Rach mittag ist sie bei ihm gewesen und aus den Knieen bat sie ihn gebittet, er soll sein Wort halten und soll sie heiraten, sie könnt'?- sonst nicht überlebt». Aber er hat nein gesagt und immer nur nein. Da hat sie geschrieen, eS soll ganz grauselig gewesen sein, und fortgelaufen ist sie, direkt ins Wasier hinein, und der Ketthosf ihr nach und mehrere von seinen Leuten mit ihm. Aber es soll vielleicht eine Bierirlstunde g-- dauert haben, bis sie sie 'rausgcsjscht haben, sie haben alle geglaubt, sie war schon tot, der Kettboff soll ganz desparat getvesen sein, aber er gnd der Bader haben Verschiedenes mit ihr angestellt, dast sic wieder zu sich gekommen ist." ״Wo ist sic jetzt?" fragte Emmi. ״Drüben bei der Quastelbäuerin. Die hat sic gern, und sie hat gesagt, sic hat noch Kleider und Wäschvon ihr. man soll sic zu ihr bringen." Die Schwestern ivechsclien einen Blick des Ein Verständnisses, dann flüstertk Irma ihrem Manne tiuigt Worte zu, dikscr nickte zustimüiend. ״Ich habe nichts dagegen, meinethalben kann sie mit uns fahren, wenn Tu willst, gehe ich hinüber und hole sic." ״Rein, ich danke Dir, es wird bester sein, wenn Emmi und ich zu ihr gehen, iver weist, ob sie mit Dir gehen würde." ״Die gnä' Frau wollen das arme Madel mit nehmen in ihrem Wagen?" fragte der Wirt lebhaft, ״das bin ich froh, 's ist zwar ein Iudenmadel, aber das Herz hat einem dock weh getan, wenn man gesehen hat, wie's ausgeschaut hat. und es ist ein seines, sauberes Madel, zu Fuß kam' die heute nicht nach Haus." ״Also komm, Emmi, last »ns hinüber geben." Sie begaben sich in das ihnen vom Röstelwirt bezcichnete Haus und erklärten der Bäuerin, dast sie das junge Mädchen, das seit einigen Stunden bei ihr »:eile, in ihrem Wagen mit in die Stadt nehmen wollten. Die Ouastelbäuerin war darüber von Herzen froh, denn nachdem sie gesehen hatte, dast der Gutsbesitzer sich nicht mehr um das Mädchen kümmerte und dast dieses selbst vollständig gebrachen, stumm und teilnahmslos dasast und die wohlgemeinten Worte der Bäuerin kaum zu hören schien, hatte sie ihre crste mitleidige Regung bereits bereut und bemühte sich nun im Bercin mit den Schwestern die sichtlich Leidend« zu bewegen, ihnen zu ihrem Wagen zu folgen. ״Kommen Sie, komn>«n Sie," bat Irma, ״wir bringen Sie zu ihrer Mutter, die Ihretwegen in Sorgen sein wird." Ein Seufzer, oder vielmehr ein Aechzen, entrang sich der Brust des Mädchens. ״Ich darf Ihre Güte nicht mißbrauchen," stammelte sie, ״Sie wissen nicht, wen Sie mit sich nehmen würden." ״Sie sind unglücklich," entgegnete Emmi, ״und jeder Unglückliche hat rin Recht auf unsere Unterstützung. Kommen Sie. Sic dürfen Jbre Mutier nicht länger in Sorqen lasten." Abermals entrang sich der Brust des Unglücklichen Mädchens rin schmerzlicher Seufzer, aber sie sträubte sich nicht mehr, sondern erhob sich mit sichtlichcr Anstrengung. ״Warten S׳e." bat Irma, ״strengen S׳e sich nicht an. Sie sind zu schwach, um hinüber z» geben, wir werden mit-dem Wagen h,r»an״nen. Sie können hier einsteigen." ätll» tu Nr!> Schwcigcud liest sich Mcla wieder aut die Holz bank zurüllsinken. ״Kennen Sie uns?" fragte Emmi, als die Bäxerin für einen Augenblick da» Zimmer verlassen hatte. Ein leises, kaum gehaucht,« ״ja' war die Antwort. ..Rennen Sie unseren Rainen hier nicht, rkönnte vielleicht >m Interesse Ihre? Vater? sein, dast man uns hier nicht erkennt." Die Schwestern entfernten sich, kamen jedoch sebr bald mit ihrem Wagen zurück, um die Richte ittfunbfÄ, bit!חי?ח1? ח i!t׳fTcu!׳J־ beklagenswerten Zustand, befand, heim zu bringen. Heinrich war mil aurgestiegen. so konnte er in unaus fälliger Weise die Wohnung in Augenschein nehmen in 1*ז Weistkovs zur Zeit de» Mordes, dessen man ihn beschuldigte, geioeilt hatte. Seine Tochter lehnte dort aus der Bank in der Eäe, die Augen waren ihr zugefallen, wie in Fieberfrost schlugen ihre Zähne an einander. Irma uno Emmi demübien sich ׳.׳ergebrn«. sie zum Aiifstehen zu bewegen, d. b. sie versuchte es wi-derbolt, sank aber jedesmal kraftlos lurüst. Ein Wink der Schwestern rief ihren Bruder zu Hilfe. Mitleidig neigte er sich über das :itternde Mädchen. ״Rassen Sie alle Ik׳re «Rissest röste zusammen. Fräulein. Sie diirsen ,ctzt nicht erkranken. Sie wissen, ich bade die 'Verteidigung Ihres 'Vaters über nommrn. dabei sind mir Informationen non Ihnen unerlässlich׳ wenn Sie jetzt krank würden, wäre da? Leven Ibres Vaters in Gefahr." Sir fuhr zusammen, aber s-e schlug die Augen aus und blickte fragend z» ihm einpor. ״Sie glauben, meine Aussagen lönntcn ihn, nützen'" flüstert: sie bebend. w . ,mi'i ii'iuimi — ic 11)111 nuncu, z. IC tuip poa! die Einzige. die während iener Zeit bei ibm war. Gleich morgen müssen Sie mir über Verschiedene» 1 m Ci ו ) •/ u)(! ,1414/111 auuuuik ■»Ti Sie dürfen jetzt nicht krank v-erdrn. Kommen Sie. flütlfn ׳Sif flllf s*Trm 0d tmrh fnÄ♦ u Sie erwiderte nichts, aber sie rntsvrach seiner Aufforderung, erhob sich dem Anscheine nach ohne übergroße Anstrengung und liest sich von ihm zu dem Wagen gclciten. Er hob sie hinein und folgte mit den kledrigen, dann setzte sich der Wagen in Beweg ung, ohne dast die vorhin sichtlich Leidende ein Un behagen zu empfinden schien. Es grenzte in der Tat an das Wunderbare, wie sehr Heinrichs Worte sie ausaerlchtet hatten, ohne dieselben hätte sie vielleicht noch in derselben Rack! ihren Selbstmordversuch wiederholt. Aber der Gedanke, dast sie ihrem Baker, gegen den sie sich, freilich ohne daß er es ahnte, so schu-er verkündigt hatte, möglicherweise nützen könne, hatte ihren! ganzen Gedankenkreis eine andere Nicht ung gegeben. Ihr Zittern hatte aufgehöri und auch der Ausdruck ihres in jüngster Zeit stets bleichen A11geslch:rs liest Eine ungewöhnliche Erregung er kennen. Es war schon vollständig Rächt, als der Wagen die Stadt erreichte und auf Irmas Anregung zunächst vor WeißiopfS Wohnung hielt. Da» junge Mädchen sprach den gütigen Leuten, die sich so überaus freund!ich gegen sic gezeigt, in wenigen hrrziichrit Worte» ihren Dank aus. Dann verliest sie leichten Fußes den Wagen und eilte hinauf in die Wohnung ihrer Mutter, die sie mit lautem Freudenschrei begrüßte. ״Mela! Gott sei Dank, dast Du da bist! - Was ich wegen Dir für Aengften gehabt habe, davon hast Tu keinen Begriff. Ader wo hast Du nur so lange gesteckt? Adolf läuft schon seit mehr als zwei Stunden zu allen Bekannten und fragt nach Dir." Das junge Mädchen wechselte die Farbe und entschuldigte sich, daß sie der Muitrr Sorge bereitet, al>er ibre innere llirruhe und Aufregung hätten sic nach Grostdorf getrieben, dort hätte sie den Doktor Beer mit seiner Familie getroffen, die sie in ihrem Wagen mit zurück genommen hätten. ״Allein bist Tu nach Grostdorf gegangen? Da? war nicht recht: was hätten die rabiaten Bauern Dir nicht antun können! Gott soll hüten und bewahren' 's war nur gut. dast Du den Doktor Beer getroffen hast, menn der dobei gemesen ist, bin ich schon rubsti Was Hai er denn gesagt?" ״Daß er morgen Vormittag, um elf Uhr zum Onkel kommen will, und dast ick auch dorthin kommen soll, er möchte mich verschiedene» fragen!veil ich doch mit dem Vater oben geweskn bin."