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Der Israelit · 1906-03-01 · 9 (1.3.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
9 (1.3.1906)
Date
1906-03-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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f cb Ulclfrätsel. Von I>r. nu־«l. Naphael Vrtit 1» lUnncbcn. Fn einer merkwürdigen Zeit des Denkens und Strebens leben wir jetzt. Die Naturwissenschaft hat ihrer greisen Mutter, der Philosophie, blutige Fehde gekündet. Ihren Riesenschritten kann die alte Magd der Theologie nicht mehr folgen. Für diese war sie recht, sei es. ihr die Schleppe zu tragen, sei es, mit der Fackel voranzulcuchten. Heute ist's anders ge worden. Bei ihren: langsamen lastenden Tempo, mit den nach innen gerichteten Augen und dem schweren Rüstzeug der Formalistik beladen, muss die Philosophie immer weiter zurück bleiben, und mit jedem Schritt gräbt sie sich die Kluft um einen Schritt breiter, die sie von ihrer gewaltigen Rivalin trennt, dem nun ihr fremd gewordenen Kinde, dem sie einst das Leben schenkte. Der moderne Materialismus, das durchdringende Auge geradeaus nach vorwärts gerichtet, tritt unaufhaltsam jedes Hindernis nieder. Sein Gebiet ist gar gross. Gr Hai keine Zeit zu der lieren. Die Erfolge aber dieser rastlosen Tätigkeit sind gewaltig. Doch merkwürdig ist eine unverkennbare In konsequenz. Seinem Erbfeind, dem Idealismus, hängt er — an einem einzigen, winzigen Pünktchen, und das wird wohl noch sein Verderben — am Rostschoss, und kann nicht loskommen von ihm. El teilt mit ihm die Selbstüberhebung. Eine Art von Solipsismus und Ich׳Kult. Es kann doch nicht gut pure Bescheidenheit sein, dass er den alten Goti von seinem Throne absetzt und dafür — wie's eigent lief) gar nicht zu seinem Programm passt — ein paar Ganglienzellen der menschlichen Grosshirnrinde zum weltbewegenden Prinzip erhebt. So recht gesteht er r y. w . 9 ״:jti cm < r. <1f •... , 7 .5 ״ ׳ jiuj uur Ju utu/i cm. JUICIH }tf IXUU UII UHVCiUunt schlummert diese neu gekrönte Götterkraft. Und so stark fühlt sich diese Kraft, dass sie nicht zu geben kann, dass etwas ihren Tod überlebe. Was sollte es auch sein, das Substrat für ein Fortleben nach dem Tode? Jene Macht — hinter sich lässt sie nur das Nichts. Es hat wohl selten eine grössere Verk-nnung stattgefunden, als gerade die. dass es umgekehrt wäre, dass nämlich die Bibel einen homoeentrischen Stand- Punkt verträte. Nirgknds ist es so deutlich zum Ansdruck gekommen, wie gerade in diesem Buch der Bücher, was der Materialist so emphatisch verkündet (mit Ausschluß natürlich seiner eigenen Person): das: der Mensch ein Nichts, ein Atom sei im Weltall und das Zentrum wo ganz anders läge, als in seinem Gehirn. So glücklich und selbstzufrieden der Materialist dabei über jene Ammenmärchen des Stammesheiligtums der Menschheit lächelt, von einer Schwäche kann er sich nicht frei machen. Unserer Zeit haftet, all ihren Geistes-Siegen und -Festesrauschen zum Trotz — und das ist eine zweite Merkwürdigk»it -- eine unüberwindliche Unzufriedenheit an. All die glänzenden Geschenke, welche die Wissenschaft dem forschenden Geiste darbringi, all die kostbaren Kleinodien des Wissens und der Erfahrung, sie lassen das Herz unbefriedigt, und die reine, ungetrübte Freude fehlt. Das sieht man z. B. daraus: Kaum hatte Gin. Fischer seinen Triumph ocr Ehemie gefeiert, indem er eine eiweiss artige Sub stanz synthetisch herstellte, die Welt war eben daran, diese wissenschaftliche Tat ersten Ranges zu be Wundern, da erbebt schon wieder ein halbvergessenes Patenlind der Naturwissenschasren, >nsk>,snnv,re hfr Ehemie, der Homunculus, sein todmüdes Haubi, und schaut sich mit ängstlich scheuen Blicken um. ob denn die Zeit für ihn noch immer nicht gekommen sei. Ganz lebendig ist er ja nicht mehr; unv auch das synthetische Eiweiss wird ihm das Leben nicht mehr retren können. Zudem steht die Sache für den Homunculns eigentlich so: Wenn wir nämlich bloss Eiweiss not wendig hätten, um ihn zu machen, so wär's ein un nötiger Zeitverlust gewesen, bis heute damit zu warten. Ein einziges Hühnerei enthält nämlich homunculus fähiges Eiweiss genügend, um Legionen Menschen daraus herzustellen. Und dieses Eiweiss hat noch den gar nicht zu unterschätzenden Vorzug, dass es etwas besitzt, was ihm die Retorte nicht geben kann, sondern was sie, wenn's vorhanden ist. mi♦ allen ibr zu Gebote stehenden Mitteln zu vernichten sucht: dies Etwas ist das Leben. Auf diesem Wege geh: also die Multiplikation des Menschen scheint'? doch nicht. — was auch im Grunde genommen gar kein Unglück ist: denn ob wir mit der Retorte glücklichere und oer nünftigere Menschen machen könnten, muss oahm gestellt bleiben: nachdem die von der Natur mi, allen Vorzügen des?enns Immrninm ausgestatteten In dividuen manchmal die einfachsten Syllogismen verfehlen. Aus besonderen Dank unserer Schmerzens׳ kinder hätten wir also nicht zu rechnen (woraus mo» ja übrigens bei Kindern auch sonst nicht zu rechnen pflegt). Wir brauchen uns darüber aber einstweilen noch nicht zu grämen: denn beim Eiweiss selber sind wir noch nicht angelangt. Indes ich bezweifle nicht, dass das noch geschehen wird. Es ist heute gar kein vernünftiger Grund mehr einznseben, dass den strebenden Menschengeist etwas daran hindern soll. Was aber dann? Was haben wir dann erreicht? Das, was der Mollusk, die Qualle, was das Proto zoon vor — um mit deszendenztheoretischen Zahlen und Begriffen zu sprechen — einigen 1000 Millionen Jahren schon gekonnt hat. Und wenn wir von jetzt ab noch einmal so lange auf unsere ersten Menschenkinder warten müssen, dann brauchen wir uns heute auf die Gevatterschaft noch nicht vorzubereiten. Warum aber auch müssen wir in unserer Bescheidenheit gleich mit dem Menschen anfanqen. Probieren wir'» doch erst einmal mit einer Katze, einem Hund, oder sonst einem nützlichen Haustier. Oder wenn wir uns den Dank des komv nnpien« in vollem Masse verdienen wollen, probieren wir es doch ein» mal an einem von der Natur bereits sertiggestellten Menschen, ihm ein paar Tage zuzulegen aus eigener Machtbefugnis, wenn plötzlich die Natur den Willen zum Sein verneint; oder wenigstens eine neue Lunge, ein neues Auge geben wir ihm; bloss ein׳ neue Netzhaut, eine Linse, ein Stückchen. Schilbdrü'e. so gross, wie eine Haselnuss, das ihn vor'm Verblöden retten könnte! Doch das Ausbauen scheint nun einmal unsere starke Seite nicht -u sein. Versuchen wir'» also zu nächst mit einer Meinen Vorarbeit. Im Zerstören war der Mensch immer gross. Da qäd's auch noch Dank zu verdienen. Vernichten!vir doch einmal' Rotten wir die Tse Tse Fliege aus und das Malaria Plasmodium! Wozu nützt uns der Tuberkel Bazilli!-- und der Echinokoeeus! WaS die Feldmaus und die Pkilorera? Qder sollte am Ende das Zer stören auch nicht so leicht fein י Doch das müssen wir unbeoingt vorder lernen, wenn uns ans den Ruinen neues Leben erblühen soll. — — Einstweilen aber wollen wir uns solche Triumphe per Wissenschaft, wie diese Fjlcher'sche Entdeckung einen darstellt, nicht durch unfruchtbare Pbanlaslereien dom Homunculus verbittern lassen. Solche Tatsachen verdienen, dass man ganzen HerzenS sich ihrer freut. Es sind Marksteine in der Geschichte des m-nschliclren Denkens, und nur die Unzufrieden heit unserer Zeit kann den Menschen an ihrem wahren Genune verhindern. Warum aber wollen wir nicht zu'rieden sein? Freilich, ein bischen Religion, ein bischen Glauben gehört dazu: dann aber ist's nicht schwer.!Danken wir unserem Schöpfer für das, was er unserem Wissen vorentbält. ebenso wie für das. was er ihm eröffnet. Jeder Schritt weiter in der Erkenntnis enthüllt neue Rätsel: und jedes neue Licht in ihr macht den Schatten schwärzer. Welcher Mensch könnte da seines Lebens noch froh werden' Nur der Forscher, der weist, dass dort im Unerforschten liege sein Hoffen und — sein Trost: dass nn Frieden beisammen schlummern das Unerforschte und — das Unerforschliche Und die» letzte erst ist leine wahre Leuchte in der ewigen Nacht des Un erforschten. Es schützt ihn vor den beiden Erbübeln der Menschheir und der Forschung: auf der einen Seite vor der Ueberhebung, auf der anderen vor der Devression. Wir brauchen »n» vrr Grenzen unserer Erkenntnis nicht zu schämen und wir grollen ihnen nicht, denn: בנז־דת ־!בנ5־ א• נד נתן ישד־י ב*נד rr נד Die lebten Gründe der Weisheit, spricht der Herr, sind mein Grhrimnis. und Ich bin's, der die Grenzen der menschlichen Erkenntnis sestgestellt.

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