Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 8 (22.2.1906)
- Date
- 1906-02-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr a Seite 10. Der Israelit. Sommer bei der Ouastelbäuerin gewohnt hat. Und all die Tage, die unser Herrgott gibt, hat er dem armen Hascherl Zuckerl gegeben und dem Phylax Knochen und Fleisch und tvas da« Vieh sonst gern frißt, daß es nicht anschlagrn soll, rvenn er das Kindel zum Schächten holen kommt." ״C, iiber die Verruchtheit!" schluchzte die Bäuerin händeringend. Auch der Bauer fuhr sich mit dem Rücken seiner Hand über die trockenen Augen und verließ, alle Inden verfluchend, das Zimmer. Irma und Emmi sprachen noch einige be-׳ ruhigend« Worte zu der weinenden Frau, dann ent׳ frrnten sie sich mit ihren Begleitern; zunächst ging es wieder zum Wirtshaus, wo der Wagen ihrer harrte. Heinrich ließ sich von dem gesprächigen Wirt noch mancherlei erzählen, was ihn teils interessierte, teils gleichgiltig ließ; klarer war ihm der unglückliche?lall nicht geworden. Sie beabsichtigten, noch einige Aussichtspunkte zu besuchen und waren wieder in den Wagen ge- <" י C . » CYT\ . (V . 3 «i«M11 isJf* nlegen, ver nun iuiii!» uc»;u>uu/1» uu! yu glatten Kaiserstraße dahinrollt«. Heinrich hatte den Hut tief in die Stirn gedrückt und blickte ^׳nnend vor sich nieder, ohne die reizvolle Gegend zu beachten, die dem Walde gegenüber sich vor ihren Blicken aus breitete. Irma hatte ihn schon zweimal angeredet, ohne eine Antwort erhalten zu haben, jetzt legte Emmi die Hand auf seine Schulter und fragte: ,Run. Heinrich, bist Du zufrieden mit dem Re׳ sultat unseres Ausflugs?" Er fuhr zusammen und strich sich mit der Hand über die Stirn. Resultat — augenblicklich weiß ich noch nicht, ob man überhaupt von einem Resultat desselben reden kann." .Recht? — Ader Du hast doch hauptsächlich den Tatort in Auaenschern nehmen wollen, und die Ver haltnisie tennen lernen und das —" .Das haben wir allerdings getan, Freilich, frei-!ich. in gewisser Beziehung ist das auch ein Resultat. 2b es uns aber nützen wird?" .Du glaubst nicht? — Der arme, arme Weißköpf! — er ist doch an dem Mord so unschuldig wie wir." ״Frciltch ist er unschuldig, aber darin bat der Bauer doch recht, ein ganz Fremder -kann -es nickt gewesen lein, den hatte der Kettenknickd nM.herein aelaften offne zu ttäsfen, dahaben wir doch heute selbst gesehen." .Ich weiß gar nicht, ob dem Bauer gn der ganzen OZeschicdie gar so viel gelegen ist. Dir arme Frau rut mir leid, ihre Augen sind vom vielen Weinen ganz ״erschmallen, aber er — oft. wenn ste die Augen mit der Schürze getrocknet hat, dann ist er sich auch mit oem Handrücken über die Augen gefahren, als müsse rr sich die Tränen herau-wi'cben, aber ich bin übereuqt es waren überhaupt teine drin." .Daraus frlat noch nicht, daß ihm der Tod des ׳:indes gleicbgiltig ist." sagte Mar, ..Männer rh;btn nicht so leicht Tränen wie Frauen." .Damag sein," bemerkte Emmi, .aber ich glaube auch nickt an die ernste Betrübnis des Bauern, nicht, pv.il er nicht weinc, sondern ,veil ec. Wir rs scheint, seine Umgebung glauben macken mrchte, daß »dm öfter- Tränen in die Augen kommen." Ihr Schwager nickte ihr lächelnd zu. .Du l ältest Advok.1t oder Advokatin werden sollen, Emmi, riellcicki rvt'chliksiest Du Tick noch dazu, drüben in Amerika gibt es. wie icb glaube, schon weibliche .Idvokaten." .Da:u bä'te ich weder Lust noch Zeit," entgegnete ne glercktalls ickerzend. .wer sollte denn für Heinrich Surve lacken und dafür sorgen, daß er täglich ivazieren gebt ew. r!c." .Das ist rickiig," sagte Heinrich innig, ,,was 'i»ge ick an. 1r-nn Du nickt für mich sorgen würdest? trc-bdem wäre ick aar nickt unaebalren. wenn Du mir auch in dieser Anczelegenheit helfend zur Seite strbeo würdest. denn, ich wiederhole, der Bauer hat recht, ein vollständig Fremder kann die grauenvolle Tai n!ckvollbracht haben, wir miisien den Täter ׳!nter v׳n Hausleuten suchen, oder unter denen, die im H.ck, vcrkebren." .?Iber Weißkops gekört doch weder zu den Haus״ leuten. noch zu denen, die in dem ihm sremdcn Bauernhöfe verkehrt haitn," fiel Irma rin. .Ter Baurr behauptet das Gegenteil." versetzte Max. ״Er behauptet's. darum muß es noch nicht wahr sein. Wie denkst Du darüber, Heinrich? Hälft Du es für wahr oder auch nur für wahrscheinlich?" Er zuckte die Achseln. .Daß Weißkopf dem hübschen zutunlichen Kinde zuweilen Süßigkeiten ge geben hat, das weiß ich aus seinem eigenen Munde, daß er die Abfälle seines Tisches persönlich dem Kettenhund des Nachbarhofes gebracht haben sollte, das kann ich gerade nicht als wahrscheinlich bezeichnen, doch ebenso wenig als unglaublich, da er mir selbst erzählt hat, daß das kleine lebhafte Bübchen ihn zuweilen im Hofe des Ringelbauern herumgeführt hat. daß er dort die Hühner bewundern mußte und die Gänse usw., und ob er ihn nicht auch zuweilen zur Hundehütte geführt hat?" ״Das könntest Du ihn fragen," meinte Emmi. .Und wenn er;!ein sagen würde, was würde es nützen? — Ter Bauer behauptet es und wird sicher bereit sein, seine Behauptung zu beschwören. Es ist aber ungleich leichter, zu beweisen, daß etwas ge- ,ilü ju hnfc?ffrrtnö ntffjf geschehen ist." ״Das sehe ich ein," sagte Emmi schwer auf׳ atmend, ״demnach steht die Sache unseres armen Freundes sehr schlecht." ״Solange cs nicht gelingt, den mutmaßlichen Mörder auch nur annähernd zu bezeichnen, solange steht die Sache für den unschuldig Verdächtigten schlecht. Wir müssen vor allen Dingen näheres sowohl über die Bewohne: des Ringelhofes als über die des Nachbarhofes, in dem Weißkovf gewohnt hat, zu erfahren suchen. Ich schlage daher vor. auf dem Rückweg wieder bei dem redseligen Rökselwirt Station zu machen, vielleicht erfahren wir durch ihn irgend etwas, was uns auf die richtige Fährte führt." ״Einverstanden," sagte Max. ich vor, bis zum Rückweg dieses traurige Thema ruhen zu IttfTtii, iiiiycii können wir durch unsere diesbezügliche Ilntcrhaltung dem armen Manne doch nicht, nur uns verderben wir die Freude an dem schönen, sonnig heiteren Tag, und das halte ick auch ״Aber nun schlage für Sünde." ״Man nimmt es in dieser Beziehung sehr genau," bemerkte Irma lachend. ״Nur in dieser? — In anderer vielleicht nicht?" ״Aber gewiß, daß Du es in allen anderen Be- Ziehungen sehr genau nimmst, das ist doch selbsioer stündlich. Aber gerade diejenigen, die es in allem anderen sehr genau nehmen, taffen es Häring in dieser Beziehung fehlen." ״Das geht auf mich." bemerkte Heinrich, trübe lächelnd, ״aber ״Kein oder!" rief Emmi lachend. zForisetzung folgt.) Uermstckle;. Berlin, I- Febr. Für Veranstaltung einer würdige» Feier des A"'j a krige n Bcstebens der st ranke» pflege in der jüdischen 0*eme i 11 be zu Berlin bat sich, im Anschluß an den strcmkenbausvoriianö. ein ans 1"! Damen mW Herren bestellendes Nennt« gebildet, dem die Aufgabe!>,׳!rd. größere Mittel zur Begründung von Sonoeraöteilungen, besonders einer gmiäkologischcn Abtei lung uni E»11׳i»d»»gsanstall auf dem Terrain des neu zu erdauendeu Füdiichen strankenbaui'cs ui beschatten Hamburg, -1 Fedr. Tie diesige Lradibiblioibek er warb unter Beihilfe von Morin Warburg die aus dem Bestr, Tr. A Lcwus stammende wertvolle Lammlmig!»edraiicher Handschriften und Druse. Halberstabt. IN. F-ebr. 'Die Fnhabcr der großen Melallnrina 'Aron Hirsch »v- Lohn bier stifteten zum Ge käcbluis der Lilberbochzeit des stancrpaares für invalide Arbeiter ihrer Werket ..Meffmgwerk bei 0becsivalde" und ״.'{»vtcrwerg bei FIsenburg a. H יחסי,. ״nt Mark als ...Kaiser Wilbclm und st,Hierin Anausta Viktoria Ltiftnna". Qsterobe i. Cftur., >> Febr. Wie die jüdischen Blauer niiueilen. ist es den Bcmübungcn des Herrn Rabb. Dr. Finkcl in Paseivalk gelungen, das dorligc Regiments kommando zu einer Bersügung zu veranlassen. das! die — c׳ld׳.׳-len uden ׳-׳»->lc׳n ->an»kl,»g Z»»NZ iiidtich»»» Gottesdienst entsendet werden Dirt'e E1»r>cht»11g bestebt bier schon ieit י Jerusalem . :11. Fan. Herr Biar e >1 s Adler. Bruder des 0dies Rabbi von England. ist bier vorige Woche mit seinem Schwiegersodn, Herrn Mai aus Hamburg und seinen zwet 7 ״chtern angelangi Herr Bk. Adler bat hier den Gedächlinslag Fahrzeit ׳'eines seligen Vaters, de» berubmlen Rabbiners stialban Adlers welcher aus Omi׳ Rasch Obode,'cd Scheival fallt, in stiller Andacht in der heilige» Stadt begangen. Herr Adler bar fast alle biestae». jüdischen Wobisabrts Fnstimtionen besucht, und im Fsrael Blinden Fnstiunc wurde ibm seitens des Vereins ..Sichren Mosche", dessen Vorstcber Herr M. Adler ist. ein seicrlichcr Empfang veranstaltet. 1SU. Februar Ibtüi. Jerusalem, ». Febr. D>e,er Tage wurde ein jüdischer junger Mann von einem Araber aus der Straße mißhau delt. Ein Glaubensgenosse, der erster«,» zu Hilfe kam erhielt heftige Faustschläge von dem wütend gewordenen Araber und wehrte sich, indem er seinen Regenschirm über den stopf deffelben schwang. Ter Araber wurde i» diesem Augenblick ohnmächtig und starb 10 Minuten später. Sein jüdischer Gegner emstoh ins Ausland Die Aerzle stellte» fest, daß lediglich eine durch die Aufregung bervorgerusene Apoplrrir den Tod verursacht hat. Trotzdem ist 'man in der jüd. Bevölkerung sehr erregt: man fürchtet von dem Haffe der Familie des Verstorbenen, die sehr angesrben und weit verzweigt ist. Dank der strrrrgrn Maßregel!!. die der Gouverneur, ein gerechier uns gewiffenbasier Mann, getroffen hat, ist bisher alles ruhig geblieben. Mrcder Umintime». Fraukfurt a. M , 1:1. Febr. Fm ״Verein 'für judische Geschichte und Literatur" hielt gestern Herr Rabbiner Dr. Unna aus Mannheim einen Vortrag über jüdische Hochzeiten i m A 1 t e r t u m und i m M i t t e l a l t e r. Es ist. io führt der Redner aus. ziemlich unbestritten, daß sich da« Fudenlum um die Wertschätzung des Menschenleben« und drffr״ Uniuuuiiüuifcu vribiriii gru,uch» 1ml. Tugrgrn herrscht vielfach die Auffaffung, als wäre die Stellung der Frau bei den Fuden eine unwürdige gewesen. Das kommt aber nur daher, daß man die Vorstellung, die man von der Stellung der orientalische» Frau in, allgemeinen batte, amt» auf die jüdische Frau übertrug, ohne dabei die Sonderstellung des Fudenvolkes zu beachten. Der Meinung von der Ge ringschälzung des Weibes bei den Jude» widersprechen nicht nur die Erzählungen der Eilige» Schrift und die Aussprüche der Weisen, sondern auch die Formen, »nter denen stch Braulanwerbung, Angelobung und Hochzeit vollzogen. Red ner gibt eine Darstellung dieser Formen und gebt dann zur Schilderung der Hochzeilsfeier selbst über. Eine große Rolle spielte der öffenlliche Brautzug. Während früher bei der HochzeilSseier »ngebinidene Freudigkeit herrschte, beschränkte man später die Riuffk auf religiöse Hnmnen. Tie Hochzeit dauerte eine Woche. F» der nachlalnilldüchen Feil traten gewiffe Aenderunaen der Hoch-eitSkräuche ein. -.Oia» psiegle die Kinder sehr jung zu verhcirale». Die frühere Trennung zwischen Angelobung und Heirat verschwand. Tie Braut bekam ror der Hochzeit Geschenke. Eine Vorfeier, ״Spin» Holz״ genaiiiil, fand ,in der Rbringegeiibj um Vvi«ergeben den Freitagabend statt. Der Braut wurde dabei ein Spinnrocken übeigebe». Am Morgen des folgende» Frei tags wurde zum Gebete in die Snnagoge gerinen, in deren Hoi Braut und Bräutigam zusamntengefnkrt wurden. Fhre Hände wurden mit Weizen bestreut. Nach dem Morgen gottesdienste erfolgte die Trauung. Hernach wurde der Bräutigam nach seinem Hanse geleitet, unter dessen Tür er die nachfolgende Braut enipstng. Crt wurde auch am Abend mit der Feier begonnen. Es wurde dann ein Gottes dienst im Haine und am nächsten Morgen einer in der Snnagoge abgehalten. Dan» kam die Festfreude zu ihrem Rechte. Der Redner bemerkic zum Schluffe, daß beule an die Stelle der allvälcrlichen Sitte» und Gesühlsinnigkeit vielfach Lurus und äußeres!Gepränge getreten seien. Ksridruhe, I >. Febr. ״Raschi und Rkaiinonides׳' betitelte sich ein Vortrag, der henke Abend Mitglieder und Freunde des Vereins Ehinuch Neorim Herren und Damen im Schulhauie der Fsrael. Rellgwnsgeseuschasl vereintgle Ter Vortragende, Herr Llistsrabbiner Tr. Kramer entwarf in fesselnder Weise ein Lebensbild dieser beide» Geistessürilen. welche lebendig unter uns sorlwirken. wenn ne auch vor soo und 700 Jahren ihre Erdenlausbahn ab geschloffen habe». Es ist schade, daß uns der Raum nicht gestaltet, aus die höchst instruktiven Ausführnngci, bier näher referierend rinzugehen. Ter Redner, dem es gelungen war. die beiden Teile seines Vortrags durch eine zwischen dein Auftreten der beiden, grundverschieden geartete» Männer gezogene Parallele zu einem oraanischen l^anzen zu ver׳ stcchlen, erntete am Schlüsse reichen Beifall. Dem rührige» Vorstände de» Vereins ח'נ dessen nächstes :fiel cs ist. durch Einrichtung von Schiurim seine Milgltede zu inlennver Beschäftigung mit Bibel und Talmud anzuleiien. tst cs hoch anznrechnen, daß er sich angelegen sein läßt, dieselben von?,eil zu?,eil durch Vorträge allgemein oricn tiercnder Tendenz auch über Gegenstände weiteren Fnlereffes zu unterrichten. Und wir freuen un«, daß mit diesem an׳ regenden und belckrcnden Vortrag Herb Dr. Kramer sich zu», ersten Riale in unserem streife al« Redner eingesührk hat. :1—. Cltfroftf 1'Sstpreußcni, >X Febr. Unser unermüdlicher im Amte ergraute Prediger Herr Sturm an bat bier einen Verein!ungcr Leute, der der Förderung des jnbffchet׳. Wissens und des jüdischen Selbstdewußtseins dient, gegründet. י*י>ו.1י*יי •!*'ל bAaMtitmAfa O 4» •wi »־'« ־ WMll >»»f «Mt »> »4 IV » M• ««»•ךי«י und im Sommer alle 11 Tage zu einer bestimmten Stunde, die der Belebrung gewidmet ist. - Fi» ״Verein für jüdische Geschichte und LitcraMr" sprachen bis jenl die Herren: I. Prediger 2 türm an über die nntericheidenden Lehren in Fudenrnm und Ehristenlum. 1. Herr Dr. Fnlius Moses Berlin über Morris Roscnselds Lieder de« t'ibctto. :1. Herr Dr. med. Ritter׳ band über den Verband der deutschen Fuden mit anschließender Diskussion. 1. Herr Rabbiner Dr. Rofrnkhal Pr. Siaraard über Rasch! zu seine», stoojäbrigcn Todes« tage. ■\ Herr Fabnarzl Salonionsohn. über die Kreuz« züge im Vergleich zu den Leiden der Juden in Rußland.