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Der Israelit · 1906-02-22 · 8 (22.2.1906) · p. Seite 7

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
8 (22.2.1906)
Date
1906-02-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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22. ftebtuar 1906. I« Israelit. ceue ז 'fix. ■י ausgenommen haben, ohne an die Unbequemlichkeiten zu denken, die der ״Fremde" ihnen verursachen könnte. — Cs dürfte wirklich heilsam sein, manchmal an jene Zeiten zurückzudenten. Selbstverständlich dürfen wir den MißstÜnben und den Gefahren gegenüber, die der Zuzug der öst lichen Juden mit sich bringt, die Augen nicht der schließen. Cs ist zweifellos, daß gewisse Erwerbs zweige — eben die von dem g a l i z i s ch e n Juden bevorzugten Arten des Kleinhandels — hier so über letzt M'v. dar. eine große Zahl der darin Be schäftigten ein Auskommen darin nicht finden kann. Da ein Urbergang vieler, besonders galizischer Einwanderer, zu anderen, ihnen völlig unbekannter Erwerbsartcn nicht möglich ist, so muß lnesen allerdings in ihrem Interesse zur Zeit davon abgeraten werden, gerade München als Domizil zu wählen. Mel energischer als bisher sollte darauf hingearbeitet werden, daß in mittleren und kleineren Gemeinden, wo ein jüdischer Händler oft leicht sein Brot finden könnte, Ans wanderersamilien ansässig gemacht werden. Bisher vrricnrii sich iürse in ouiircu sin ausschließlich aus die Großgemeinden Münch«׳.:, Nürnberg, Fürth und Würzburg. Bei manche» größeren Gemeinden, z. B. bei Augsburg, sprechen allerdings religiöse Gründe mit. wenn dort gar keine jiidisch-polnisihe Ansied lunq sich gebildet hat. Cs ist ja gewiß nicht leicht, m der angedeuteten Richtung Erfolge zu erzielen. Aber manches läßt sich bei einiger Anstrengung dom erreichen. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Erziehung der Kinder der Ein Wandererfamilien. Dir Erwachsenen sind unserem Einflüsse meist entzogen, auf die Jugend aber können wir solchen ausüben. Gerade die Kinder der Ein- Wanderer sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Ihren Eltern find sie meist bald, auch wenn sie bloß ein paar Jahre in die Volksschule gegangen sind und einigermaßen Münchener ״Hochdeutsch" reden ^elernt haben, an moderner Bildung überlegen und erkennen deren Autorität nicht mehr an. Ter jüdische Religionsunterricht der Volksschulen kann mit seinri: zwei Wochenstunden, selbst wenn er in den besten Händen liegt — und das ist in der hauptsächlich!» Betracht kommenden Schule der Fall nickt viel leisten. Mit Ausnahme von einigen Familien, oie ihre Kinder von polnischen Melamdim unterrichten tauen oder sie in die Unierrichtskursc de» אד.ל י7ךש Vereins schicken, bleibt die jüdische Erziehung, oder wenigstens das jüdische Wissen, auf den ReligicnS unterricht der öffentlichen Schule beschränkt. So ist's hier nicht selten, daß junge Leute aus galizische,׳ Familien, die hier die Schule besucht haben, kaum hebräisch lesen können. Natürlich wirkt da die viel verbreitete religiöse Indifferenz der Eltern mit. Immerhin ließe sich durch einen ausgiebigeren -übischen Unterricht auf die Kinder günstig einwirkcn. Der Plan, hier eine jüdische Volksschule zu gründen, der erst kürzlich an einem Diskiissionr׳ abend des Jüdischen Literaturvereins besprochen wurde, verdient ganz besonders im Hinblick auf die Bedürfnisse der Zuaewanderten ernsteste Beachtung. Bei der ״liberalen" Kultusgemeindeverwaltung ist allerdings ein Verständnis hierfür nicht zu erwarten. _ H- Qe st erreich-Ilnftarn Wien, 18. Febr. In Nr. 6 dieser geschätzten Blätter war ein Artikel Ihres Wiener Korrcspondenten enthalten, der viel Treffendes bringt, stdoch in manchen Punkten einer Berichtigung bedarf. Ter Wiener Kultusvorstand steht jeder Regung der Orthodoxie nach einiger Selbständigkeit ablehnend gegenüber, trotzdem würden die leitenden Kreise einer Vertretung derselben im Vorstand« Sympathien entqegenbringen. Nun sind aber die ungarisch deutschen Orthodoxen nicht gewillt, die Gcmeindrstube zu b» treten, ioeil sie varausschen. daß für dir Orthodoxie nichts zu erlangen ist, sie also nur die Verant- Wortung für die unjüdische Führung der Gemeinde mit zu tragen hätten. Die Polen, die bis vor wenigen Jahren überhaupt kein Interesse für die Gemeinde oder für die Orthodoxie betätigten, baben infolge von Umständen, die zu sehr auf das persönliche Gebier hinüber! pielen, um in der Oesscntlrchknt hrhondeK zu werden, seit einiger Zeit eine orthodoxe Politik inauguriert, deren hervorstechendster Zug ist, die Be strebungen der ungarisch-deutschen Orthodoxie zu durchqueren. Die Mikweh-Frage speziell, dir die Gemeinde nicht lösen mag. war׳.׳ vom Schisfsckuil Eoncern, trotz großer Gegnerschaft, längst mit großen Opfern gelöst worben, wenn die Herren Polen nicht, vem schönen Grundsätze huldigend, ר- נש לך לא z: den Kultusvorstand bestürmt hätten, um Himmels Willen nur nickt zu gestatten, daß die bösen Ungarn etwas für dir Allgemeinheit leisten. Die Wahl reformoorschläge des Herrn Mrisei, dessen frühere» durch Dick und Dünn mit dem Vorstande Gehen oon den Orthodoren nur ungern gesehen wurde, haben absolut leine Aussicht durchzudringen, jedoch auch für die Orthodoxie keinen Wert, weil eine Demokratisierung des Vorstandes Elemente in die Verwaltung brächten, die der Religiöntät nickt einmal jene Schonung entgegenbringen würden, zu der die oberen Zehntausend sich aus Anstandsrück sichten verpflichtet fühlen. Die große Majorität der Juden in Wien ist leider, wie in allen Großstädten, dem Judentum entfremdet. Eine Besserung wäre nur möglich, loenn sich alle Wiener religiösen Juden zu einem Zusammengehen entschließen würden und nicht jedes kleine Bethaus Khilleh spielen wollte. Anct. wir würden durch den Zusammenschluß der vielen kleinen Synagogen zu einer großen gesetzestreuen Gemeinde das Interesse des Wiener traditionellen Judentums iveit besser gewahrt sehen, als durch die emiigsten Bemühungen der Orthodoxen, deni all mächtigen Wiener Gemeindevorstand dies« oder ׳ene Konzession abzugewinnen. H ralau .!8. Febr. Am 14. d. Mts. ei folgte hier und in Lemberg die Auslösung der zionistisch:!! Vereine, mit Ausnahme von zwei zionistischen Frauenvereinen. Der letztere Umstand stellt die Nachricht des ״Navszod" (sozialdemo kratiscy's Organ in Krakau) in Frage, daß für ganz Galizien die Auflösung der kleinstädtischen Vereine angeordnet sei. Der Wunsch scheint da eininal wieder der 'Kater des Gedankens zu sein, denn die Sozial demoiratie bekämpft hier den Zionismus aufs schärfste, -während die hiesigen Vereine^ wenigstens äußerlich, sich in religiöser Beziehung nichts zu Schulden kommen lassen, sind sie in den!leinen Städten gerade;!! Brutstätten oer Auflehnung gegen das geseßestreue Judentum. Die Auflösung wird dem Einflüsse des Neichöraisavgeordneten Dr. Einil Vni zuqcschrieben. welcher die Agitation für abge sonderte jüdisch nationale Wahlkurien dadurch bei der Wurzel fassen und unschädlich machen will. In der Tat birgt diese von den polenfreundlichev Ruthenenführern lancierte Agitation nicht geringe Gefahren für die ohnedies ziemlich zweiseihaste Sicherheit der Lage der jüdischen Bevölkerung. Der Zionismus hat seine ergebnislosen Bemühungen für Palästina durch diese demagogischen Bestrebungen zu ersetzen und sein Fiasko dadurch zu bemänteln versucht, ohne Rücksicht auf die praktische Durchfuhr barkeit und dir damit verbundenen Gesc>br,n (f It 0 I 0 1t 9. London. 1י;. Febr. Wie der Vorsitzende des ״Board of Guardiens" mitteitt. hat das Mi nisterium des Innern eine wesentliche Milderung der Ausführungs Beslinunungen der Alien Bill in Aussicht gestellt. Rrvanfreid). Pari », 5. Febr. Eine Anzahl Pariser Juden, meist' Lehrer. Juristen und* Fabrikanten haben sich zur Gründung einer Gemeinde, die den sogenannten Sonntags gottesdien st pflegen soll, zusaminengctan. Die neu geqründctr Gesellschaft verlangt von der Pariser jüdischm Gemkinde leine besondere Synagoge, sondern nur die Erlaubnis, in einer der bestehenden Syna zogen ihren Gottesdienst abholten zu dürfen. Aber auch dies wird ihr möglicherweise nicht gewährt werden. Als Grund für die Einführung der Sonntags׳ messe geben die Herren die wachsende Gleichgiltiqteit . der jüngeren Generation gegenüber allen religiösen I Angelegenheiten an, ferner die Tatsache, daß belon d:r» die Arbeiterbevölkerung, dir in der Hauptstadt ständig wächst, sich mehr und mehr von allem Jii dischrn lossagr. Man müsse daher den Gottesdiensi zu einer Zeit abhalten, wo eü den Leuten möglich sei, ihn zu besuchen. Es kann freilich nickt geleugnet werden, baß ein großer Teil der jüdischen Arbeiter unter dem fortivährrnken Einfluß christlicher Arbeit« genossen sowie exkremer politischer Tendenzen sich immer mehr von den religiösen Idealen des Juden tums entfernt. An die Stelle der Synagoge tritt für diese die Lollsuniversität, die Organisation für soziale Ausviloung, das Voltshaus, und wenn sie sich auch noch als zum jüdischen Volke gehörig betrachten so stehen sie doch mit dem religiösen Leben, wie es ihre Vorfahren geführt, in kaum irgendwelchen: Zu sanimenhangc. Der Sonntagsgottesdienst ist da nun allerdings da» letzte, was dieser Entwicklung Einhalt zu tun vermöchte. Diese Veranstaltung die letzte ttebergangsstnfe auf dem iveiten Weg vom Juden tum zum Christentum - wäre, uxnn sie überhaupt sonderlick'e Beachtung finden würde, höchstens im stände. den vollkommenen Absall zn beschleunig,״ Es ha: sicn zevoch tctwn einmal gezeigt, daß eine der artige Institution sich nicht halten konnte. In den Kreisen der vnrnedmen ieidischen Welt gibt es wohl Leute, denen es Vergnügen bereitet, der christlichen Gesellschaft gleich am Sonntag morgen dem Tempel cinen Besuch ab,zustatten. Aber auch dies Vergnügen verliert bald seine Anziehungskrast. Als seiner Zeit Zadve Kahn, den Wünschen eininet Gemeindemit glieder nachacbend, eine Art religiöser Vorlesungen sür Sonntag morgen einrichtete, ergab sich das klag l'.che Resultat, daß selbst, wenn ein hervorragender Redner sprach, im ganzen höchsten.׳ LEE Personen anwesend waren. Man mußte bald die Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern aufgeben. Der neuen Ein richtung wird cs wohl nicht besser ergeben. Wie man hört, haben die Begründer derselben sür die religiöse Leitung jene:׳. Rabbiner gewonnen, der an dem im vorigen Jahr in Gens abgehaltenen Kongresse der liberalen Protestanten teilgenommen bat und dort warm, begrüßt wurde. Das war doch selbst der Mehr zahl der Pariser Jucen ein etwas zu starkes Stück Den Begründern des Sonntaasgotterdienstes s-chjen dieser Rabbiner aber der «-eckte Mann zu sein Er wird denn auck die Kinder dieser Herren vielleicht zu ganz gute«: Christen heranbilden. R u ft l a n v. Petersburg. 7. Febr. Der ״Ruß" meldet, daß eine Deputation des Berbandes für dir Gleichstellung der Juden beim Minister d.-s Innern Durnowo vorstellig war, um eine Erlaubnis zur Einberufung einrs Kongresses zu erbalten. Der Minister lehnte die Eingabe ab. Odessa, 11. Febr. Die Juden sinl5^n§olge von Gerüchten über bevorstehende Vlünderung,׳: wi'ker sehr aufgeregt. Dos Schwarze Hunden agitiert stark unter Km aus Mandschurien zurück kehrenden Soldaten. Man sucht den Soldaten ein Zureden, daß die Israeliten an allem Schuld seien. Der hiesigen Garnison ist unerhörterweist einge schärft, nicht aus Plünderer zu schießen. Israelitisch,, nach dem Krieg der Reserve zugeteilte Soldaten meldeten der Obrigteit die bevorstehenden Plunderungen. Dadurch wurden die Tatsachen bekannt. Die Obrigteit gab aber bisher nur schöne Worte zum b'sten. Finden elncute Metzeleien statt, so stehr die Mitschuld d.r Regierung somit außer Zweifet. Sozialistische Arbeiter agitieren energisch für den Boykott der Duma, unö der Bund fordert die Jsraelitrn durch Aufrufe und mündlich gleichfalls ous. sich in die Wählerlisten nicht eintragen zu lassen. Eine gut unterrichtete hiesige reaktionäre Zeitung be richtet, oaß der Kriegszustand drs zur völligen Be rnhigunz der Bevölkerung, voraussichtlich bis zum Sommer, dauern werde. Tie Obrigkeit bofst, durch den Kriegszustand die Agitation der sozialistischen Parteien bei den Dumawahlen lahmen und die im Frühjahr zu erwartende Agrarbewegung Niederhalten zu können Odessa. 1:j. Febr. Die Lage der Juden den ,Wahlen gegenüber ist geradezu tragikomisch zu snennen. In Odessa machen die Juden Kk Prozent

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