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Der Israelit · 1906-02-22 · 8 (22.2.1906) · p. Seite 6

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
8 (22.2.1906)
Date
1906-02-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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?Jr. י׳. 2flt< •i. Ter Israelit '2. Februar 1906. schäftsführende Ausschuß stimmte um so lieber der in Brüssel gefaßten Resolution bei. da bereits früher aui Antrag des HilfSvereinS bei der von ihm zu sammenberuftnen Kischinew Konferenz genau derselbe Beschluß gefaßt worden war. der aber leider bisher durch Hinderungen verschiedenster Art zur Durch fiibrung nicht gelangt ist. Der Hilfsverein wird sich auch an der Bildung einer Kommission beteiligen, die die verschiedenen Länder in Bezug auf JmmigrationS und KolonisationSmöglichkeiten studieren soll. Unter lebhafter Zustimmung der Versammelten resümierte Herr James Simon den Standpunkt des HilfSvereinS in der Frage der (Kooperation der Organisationen und der Bildung einer Studien- Kommission dahin, daß, wo immer die Hand gereicht werde, damit die zu erfüllenden bumanitären Auf gaben in Gemeinsamteit gefördert werden, der Hilfs verein zur Stelle wäre und immer bereit sein Iverde, pari |mksu mit den anderen Dereincn vorwärts zu geben. Bewilligt wurden in der Sitzung u. a. weitere 4ו׳0ח Ml. für die Herberge für russische Auswanderer, die bereits im vorige» Jahre in Königsberg ׳ Pr. e.ngericyket ivorden ist. und die unter der umsichtige,: Leitung des dortigen Sckutziomitres des Hilfsvereins der deutschen Juden höchst segensreich wirkt. ferner beschloß der Ausschuß, daß in der Kon irollstation ss.ubleden bei Spandau vom Hilfsverein der deutschen Juden eine Baracke für die durch reisenden russischen Auswanderer gebaut und emge richtet werde und daß in der Barocke zugleich für die "׳rtpflegung der Durchreisenden Sorge getragen wer den solle. Die .Kontrollstation Ruheleben wird tag täglich von russischen Emigranten aul der Durchreise nach Hamburg und Bremen passiert, die daselds׳ nrch den bestedenden gesetzlichen Vorschriften sich ärzt sicher Untersuchung und Desinfektion zu unterziehen haben. Dir vorbereitenden Schritte für die Hcr! stellung und Einrichtung der Baracke, die den > ärmsten unserer Glaubensgenossen zugute tomm'n wird, stnd bereits getan. Die Ausführung wird nach Möglich!«: beschleunigt. In der Sitzung des Aus schusses wurde jedoch nachdrücklich ^ervorgehoden, daß oer Hilfsverein, und das, für spezielle Zwecke tvr Auswanderer fürsorglich organisierte Zentralbmea,. und die Schutzkomiters des Hilfsvereins zwar für Gewährung von Schutz und Jnformationerteilung na» wie vor jederzeit zur Verfügung stehen würden, daß ader in Gemaßdeu des auch auf der Brüsseler Konferenz gefaßten Beschlusses — die Auswanderung der russischen Glaubensgenossen pekuniäre Unter Nutzung nicht erfahren kann. (Endlich wurde für die Unterbringung und Aus mldung gali-jicher Lehrlinge in Wrstösterreick üne Aktion, die der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zu Wien unter finanzieller Beteiligung des HilfSvrreins der deutschen Juden unternommen Hai für 1006 gemäß dem Voranschlag des Wiener Vereins ein weiterer Beitrag von 3!A>> Kronen gewährt. ,Eine Auskunft, wie es meide', mit "r r־'T geholten wird, wäre erwünscht. Dir Red.) Althen, ir». Febr. Die Kommission *117 ,''■tfcpd'unp Palästinas Dauiilia'lc! vom 25 ■2*י. April am diesigen Politechnikum einen Or׳entse׳ien ti riu.- der folgende Vorträge umsaßt: 1. ihv!:;r E verdarbt. Zarrentin «Mecklenburg). 2 Stunden. ״Tie Sckulverhältnisst in Palästina.' Dr. L. Kahn, Wien. 4 Stunden. .Rechtliche Orrbältnisse c^e^ türlischen Orients." 0. A. Kaiser. t^darlottenvurg, 2. Stunden. ״Die phvstsckcn und wirtschaftlichen Verdattnisse des Sinai." 4. Dr. A. '.lee. Brrtin. 2 Stunden. ,Zur Staatsverfassung oe. osmanischen Reiches." '1. Tr. Irans Ovpen veimer, Belli».. 2 Stunden. ״Genossenschaftliche Kolonisation." »!. Said Ruete. Berlin. 2 Stunden. ..Sie :virtschafrt'ch politischen Berkältimse in Baku tonten «Süd Mrsepotamicn»." 7. Dr. A. Sandler, Breslau. 5 Stunden. ״Dir epidemischen und ende mrschen Seuchen des vorderasiatischen Orients. 4v Tr S. Sostin. Berlin, 4 Stunden. ״Palästina in wirtschaftlicher Beziehung." 0. Pros. Dr. O. Marburg. Berlin. 4 Stunden. ..Kleinasien und Snrien als Kolonikationsgebie!" Hamburg. 13. Febr. In der Klausshnagoge Elbstraße, einer Stiftung des vor etwa hundert Jahren verstorbenen Vorstehers I. Wallach b"r, fand am Sonntag die Einführung des neugewählten Rabbiners Dr. L i ch t i g statt. Der Oberrabbiner sprach namens des Kuratoriums und gedachte zunächst des Gründers der Klaus und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der neue Klausrabdiner in dessen Sinne sein Amt verwalten, die Kenntnis der Thora zu verbreiten und für ihre Betätigung zu wirken bemüht sein werde. Hierauf hielt Herr Tr. L i ch t i g , dem als Schüler des Herrn Rabbiners Dr. Breuer in Frankfurt a. M. ein guter Ruf voran geht, seine Antrittsrede, die bei der zahlreichen Ver sammlung allgemeinen Beifall gefunden. Da; Klausinstitut, welches früher sehr stark frequentiert wurde und an dem auch, wie das Testament bcstimmt, zwei Talmide Chachomim angestellt waren, hat durch den Fortzuz vieler Interessenten nach der Grindelgegend mancherlei Einbuße erlitten. Man hofft, daß es durch den Schluß der großen Synagoge Elbstraße an Frequenz gewinnen werde; dazu kann die Tätigkeit des neuen KlauSrabbiners viel bei J*. . ־» n Aulochlhonknstolr und ‘Bru&rrlitßf. «von »»frrlin Korrespondenten.) M!1 n ch e n , den 1 8. Februar. An der Stelle, wo heute in der Mitte de! Stadt, in der schmalen Gruftstraße, der S-׳i!«ndau der Polizeidirekticn sich erhebt, stand im 1;!. Jahrhundert die Svnagoge der alten Münchener Judrngemeinde. Sie har einst ei» grausiges Ende gefundcn. Jin Jahre 128." war ha§ leider auch in unseren Tagen noch nicht endgiltia erstorbenk Märchen vom Ritualinord der Juden, aus Anlaß der Ermordung eines Ebristenknaben, in München aufgetaucht und der wabnwitzige Pöbel stürzte sich auf die ׳.vehrlosen Juden und tötete Jeden von ihnen, der ihm in den Weg kam. Tie meisten Juden fluchteten in oie Shnagoge. Der Pöbel legre von außen her Feuer an den Bau, der mitsamt den darin befindlichen 18«) Juden ein Opfer der Flammenwurde. Eine fromme Kapelle wurde damals an der Stelle errichtet zur Krönung der gottgefälligen Tat. — So hatte die erste Münchener Judengemeinde ihr End» gefunden. Doch müssen schon bald darauf wieder Juden nach München cingewanderl sein: erst mehr alv 150 Jahre spater, gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts, wurden sie dauernd aus der un gastlichen Siadt vertlieben. An diese Märtyrergeschichte der Münck^ner Juden im Mittelalter erinnert heute hier nichts mehr. Keine Synagoge, kein Friedhof ist erhalten geblieben. Nur alte Urkunden berichten davon, daß es eine lange Zeit gegeben, da auch der Jude in der schönen Jsarstadt zittern mußte für sein Leben, für fest! Hab und Gut; eine Zeit, in der lo mancher bei Nackt und Rede'» aufgepackt ha: und mit Weil und Kind und geringer Habe fortgezogen ist, «veit fort ״..ck Osten zu, nack den! fernen Polen, wo ihm Sckntz und Sicherheit gewährt wurde und liebevolle Aufnahme bei den gastlichen Glaubensbrüdern. Es dürste nicht unnütz sein, gerade in unseren Tagen den Blick in jene Zeit zuriick.zuwenden. München ist in den letzten beiden Jabrzebnten ein H a u v t e i n w a n d e r n n g co r t für unsere un g!ück'.:ch׳.n dvlu!schen Brüder geworden. Sein״ geograpbiscd« Lage bat das woh! mit sick gebracht. Es itt die erste deutsche Großstadt für den. der von Wien her nach dem südlichen Deutschland kommt. So bat nwncher Einwanderer hier sein Glück verflicht. Der, dem es gelang, zag seine Verwandten und Be kannten nach sich, und sobald erst eine kleine, zumeist aus Galiziern bestehende Freindenkolonie ud! ge bildet batte, blieben viele, die vom Osten hierher kamen, in München haften. «Inter ben über 10,000 Inden, di.׳ deute in München wohnen - die Er gebni sc der jüngste» Zählung sind noch nich, bekannt dürften sicherlich 2500 bis 3000 von dieser Ein «oandcrung aus dein Osten herrühren. Die über wiegende Mebrdei! der Einwanderer gehört natürlich dein Handels st and an. Besonders dessen niedere Formen, der Hausier- und Trödekhandel, tvcrdr» viel von Einwanderern betrieben. Auch daS Versandtgeschäft und der Partiewarenbandel liegen großenteils in ihren Händen. Das gilt allerdings nlcht von den minder zahlreichen russischen Immigranten, die zumeist in der Zigaretteninvustrie als Fabrikanten, Händler und Arbeiter ihren Unterhalt suchen und auch ihr Auskommen finden. Gesellschaftlich leben die Einwanderer, wenigstens dir erste eingewanderte Generation, meist abgeschlossen für sich. Sit haben ihre eigenen Vereine, auch zwei kleine eigene Synagogen. Die Mehrzahl wohnt in einem bestimmten Stadtviertel (Gärtnerplatzbezirk) nahe beieinander; in der dort befindlichen Volksschule sind zwisthen dreihundert und vierhu n der: jüdische, überwiegend jüdisch-polnische Kinder. Daß man die in den lebten Jahren starl ange wachsene östliche Einwanderung nicht überall gerne gesehen bat, ist begreiflich. Gegen die Betriebs formen des Kleinhandels, die von den Eingewanderten bevorzugt wurden, pflegt der sogenannte Mittelstand auch sonst aufzutreten. Hier wurde er unterstützt durch antisemitisch« Strömungen, die den Fremden gegenüber sich am offensten hervorwagten. Allerlei Anträge und eine starke Preßagitation hatten immerhin een Erfolg, daß heute .Hausierpatente an Galizier nicht mehr erteilt werden und daß die Polizei von ihrem Recht zur Ausweisung, wenn der Einwanderer aucb nur eine kleine Polizeiübertretung sich hat zus'.Z.lden kommen lassen, unnachsichilich Gebrauch macht. Ohne solchen Grund (oder Vor wand) w׳.d allerdings hier — im Gegensatz zu Preußen - - e:.. Ausländer, der sich im Besitz eines Ausweispapurcs befindet, nicht ausgewiesrn. Auch in den Kreisen der Münchener jüdischen G e m rinde Hai die Zuwandrrung"brLölirr׳.׳.ng sich nicht immer des größten Wohlwollens zu er freuen. Denkt auch nicht jeder so, wie der Münchener jüdische Kaufmann, der vor etwa zwei Jahren in einer anonymen Zuschrift an die ״Münchener Post" sich dem Zuzug der fremden Juden gegenüber voll tommeii den Postulaten der Ant!sem!ten angeschlossen hatte, so gibt es doch viele, sehr viele Juden hier, deren ängstlichstes Bestreben es ist, den Zuzug ihrer Stammckgenossen dom Osten her zu erschweren. Es läßt sich ja nicht leugnen, daß die Einwanderung der östlichen Brüder für die ansässigen deutschen Juden keine besondere Annehmlichkeit war und ist. (*in großer Teil der Zuwanderer ist Wirtschaft sich schwach und bedarf, wenn nicht dauernd, so doch wenigstens gelegentlich, vorübergehend der U n t e r st n b u n a. So bedeutet jedes Anwachsen der Einwanderung eine stärkere Belastima der Unterstützungskassen. — Ferner haben auch die ansässigen Juden unter den Angriffen, die das geschäftliche Gebabren mancher Einwanderer — sicherlich nicht immer mit Recht — treffen, häufig zu leiden. lleberhaupt zeigt sich, daß die starke Ein Wanderung östlicher Juden den A n t i s e m i i i s - m u s hier gestärkt, jedenfalls ihm ein dankbares Aaitationsmateriak geliefert hat. — Das alles mag zugegeben werden, und trotzdem kann es nicht genug?»׳urteilt werden, wenn man von jüdischer Seite es den Stammesbrüdern, die Rot und Elend von der Heimat weggetrieben haben, erschwert, hier Fuß zu fassen und sie von sich stößt. Es ist ein kleinlicher, unwürdiger Standpunkt, den diese vertreten, die das eigene Behagen da in den Vordergrund rüäcr!. wo es sich um eine Lebrnsmöglichlrit für den Bruder handelt. Es entspricht nicht jüdischem Brauch, den Juden, der aus anderem Land« kommt, als ״Fremden" zu betrachten. Und wie lange sind w i r denn hier ansässig? — Bor hundert Jahren gabs keine vierzig F a m i l i e n in der damals sich neu entwickelnden Münchener Judengemeinde, und noch vor vierzig Jahren hatte München kau in ein Fünftel seiner jetzigen Zahl an jüdischen Einwohnern. Nur durch die Einwanderuvg von außen, von nah und von fern, ist Münchens Judengemeinde groß geworden. Es dürfte wenig jüdische Familien hier geben, dir weiter als vier G?- schlechter zurück ihre Dorsabren in München nachweisen können. Wo bleibt dann unser Recht gegen über den ״Fremden"' Wie leicht mags geschehen, daß unter den armseligen polnischen Leuten, die hier Schutz und Zuflucht suchen, sich der und jener be findet, oessen Ahnen vor fünf- oder sechshundert Jahren die elenden Münchener Juden, die damals heimatlos nach dem Osten flüchteten, lirbrvrll bei sich

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