Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 7 (15.2.1906)
- Date
- 1906-02-15
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9886708--0143-7374654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ter Israelit. Rr 7, «eile 12 aus der Stadt. — Also wenn's gefällig war', gehn mer hinüber." Die kleine Gesellschaft erhob sich und geleitet von dem redseligen Manne, der noch immer neue Einzelheiten zu berichten wußte, durchschritten sie das Dorf. ״Schauen's, gnä' fterr, das da ist dem Kleebauern sein Hof, und das Häusel dort ist der Quastel« bäuerin ibreS. wo der Jud gewohnt hat. und gleich das nächste große Gehöft ist der Ringelhof. da hat's der Jud ganz kommod gehabt, von hier bis dorten ist nur ein Katzensprung. — Ah, grüß' Gott, Ringel- Hofbauer! Schaut'S, wen ich da bring: Das gnä' Freilen möcht' gern das Stüberl sich anschauen. wo Euer armes Hascherl geschlafen hat und das Fenster, durch das der schuftige Jud' reingestiegen ist." Der Ringelhofbauer, ein großgewachsener, breitscbulteriger Mann. Ende der Zwanziger, mit nicht rnsvmpathischen Zügen, warf einen lauernden Blick auf die Kommenden und erwiderte ihren Gruß durch ein Nicken mit dem Kopfe. ״Spazieren's die Herrschaften hinein, die Bäuerin ist drinnen und wird Ihnen alles weisen." ״Air wollen Ihre Frau nicht veläsliurn," sagte Mar, ״die Damen können hineingehen, wir werden hier draußen warten." ״Ah was belir,Ligen, die Bäuerin plauscht ah gern von dem gottseligen Engerl, gehn's 'nein, alle mit׳ sammen." «Fortsetzung folgte vie kürsagerin. 1ן1ו-י Multurlult* aus Rumänien i'Oit Bo bette sßried. , Lchluü aus Nr, 1.1 ״C, wie beneidenswert sind Sie, liebe Frau," rief ,ch begeistert aus. ״Das ist ein edler, erhabener Beruf, den Sie da auSübtcn. Die Stunden, die Sie der Andacht widmeten, auch nutzbringend und erbebend für andere die sich nicht aiE gleicher Bilduugs- Hobe befinden, zu verwenden." Mit unverlennbarer Bitterkeit antwortete Racbel: ״Ja, schön wäre es, sebr lobenswert sogar, wenn es aus reiner Ntensckieniirbr geschähe, aus dem Bestreben. Gutes zu wirten. So aber ist es nicht. Die Fürsagerin wird für ihre Tätigkeit bezahlt, abgelohnt, daher muß. sie denn auch gar oft Beleidigungen und Zurücksetzungen von denen erdulden, denen sie doch geistig überlegen ist. Fürsagerin zu sein, ist 'ein gar trauriger, demütigender Beruf." Rache! Wurde sehr erregt, weßwegen ich da» Ge sprach nicht fortsetze» loollte, zumal wir in der Nähe ihres Quartiers anaelangt waren. ״Hier also ist Ihre Wohnung," sagte ich. ״Morgen Abend aber bitte ick Sie. mein Gast zu sein. Den Abend nach Jo», Ki«׳ur verbringt man, selbst in der Fremde, lieber an einem trauten Familientisch, als in einem Gastbauie. Wollen Sie'" Frau Bluiiiberq wurde verlegen. ״Es ist inir ron der Schulverwaltung genügendes Reisegeld zur Verfügung gestellt worden, so daß ich niemanden be-!ästigen muß," ״Sie baden mich mißverstanden, liebe Frau," unrcrbrach ich sie. ״Es ivar krineswegs meine Absicht. Ihnen meine Gastfreundschaft etwa als eine Art oon Almosen anzubieten: im «Gegenteile: ick erbitte mir es als einen Vorzug. Sie bei mir bewirten zu bürien. da Sie mich ungemein tntereffieren. Und bann iverde ick Sie um eine ausführliche Beschreibung des Lebens unserer «vlaut'ensgenossen in Ihrem Heimailande bitten." Rachel reictne mir die Hand zum Zeichen der Emwilligung. -- ׳ — --- - Der Jom Hiput war vorüber. Nack Schluß des Gottesdienstes nahm ich meinen Gast mit nach z)ause, nachdem ich schon abends zuvor meine Familie aus dessen Ankunft vorvereitei kalte. Nickt wie am vorigen Abend schlenderien wir im ledhasren Ge plauder langsam durch die Gaffen — nein, heute trieb uns der durch säst 2üstünviaes Hasten entstandene Hunger und Durst zur Eile an. Wir kamen in unserer Wohnung an, woselbst schon ein lebhafte? Durcheinander herrschte. Mein Gatte und unsere Söhne, die den Fasttag in einem anderen Betlokale zugebracht hatten und schon früher zu Hause angekommen waren, saßen schon bei Tisch, mit Essen und Trinken beschäftigt. Wir wurden mit einem frohliehen: Gut I o m t v w! empfangen und mit dem Wunsche einer Cheffrm.oh tauwoh begrüßt. Als unser Bedürfnis nach Speise und Trank befriedigt war, lud ich meinen Gast ein, sich mit mir auf dir am rückwärtigen Teile des von uns bewohnten HauseS befindliche Veranda zu begeben, um dort etwas frische Luft zu schöpfen, wonach unsere Lungen nach dem langen Verweilen in dem kellerartigen Raune der Altneusvnagoge wahrhaft bedürftig waren. Gerne folgte sie mir, und als wir so an dem angenehmen, kühlen Herbstabende beim Hellen Mondscheine nebeneinander saßen, fragte mich Rachel, was mich ans ihrer Heimat interessieren würde, um es mir schildern zu können. ״Mich interessiert alles, namentlich dasjenige, was Sie betrifft, und würde ich gerne erfahren, ivas Sie veranlaßt hatte, Fürsagerin zu werden, wenn es nicht um Gotteslohn geschehen ist — vorausgesetzt, daß diese Erzählung Sie nicht zu sehr aufregt." ״Das ist eine lange Geschichte, und dabei so ein fach, so alltäglich, daß ich nicht weiß, ob sie des Zu- Hörens wert ist." ״O. bitte, erzählen Sie nur, wenn es Sie nicht zu sehr angreifl." ״Davor bin ich gefeit. Wir rumänischen Juden haben aufgehört, nervös zu sein. Unser Schicksal hat uns abgehärtet. Ich bin die Tochter eines Melamed, der aber keine feste Anstellung hatte, sondern sich von Stundengcben ernähren mußte. Ich bekam von meinem gelehrten Vater und meiner frommen Mutter eine gute Erziehung, batte Gelegenheit. Deutsch und Französisch zu lernen und mir auch einige Kenntniffe in den Naturwiffenschasten anzueignen, Wohl hat man das meinem guten Vater sehr verübelt, ja einige Böswillige sagten sogar, der Vater bereue mich zur K'firo «Taufe! vor. Wir kümmerten uns nicht um dies alberne Gerede, umsoweniger, als des Vaters Stellung nicht darunter litt, und ich durch Unterrichten einiger Mädchen zur Erhöhung unserer Einnahmen beitragen konnte. Unser Ruf als gvE Lehrer und Erzieher vrranlaßten den stolzen Rosch-hotahol, meinem Vater den Unterricht seines Sohnes anzuvertraue». Markus Hirschfeld war ein guter Junge, aber körperlich und geistig zurückge blieben. Es hieß, seine Wärterin habe ihn, als er noch ganz klein war, einmal fallen lassen, dadurch sei sein Rückgrat verkrümmt und sein Gehirn erscküttert worden. Mir tat der um einige Jahre ältere Bursche sehr leid, wenn ich sah. wie er sich anstrengen mußte, um die einfachste Rechnung auszuarbeiten und etwas vom Bibelunterricht zu verstehen. Ich nahm mich seiner an und half ihm im Stillen nach. So bewirkte ich. daß er doch etwas lernte, und ersparte ihm dadurch manche Strafe, und. was bei dem charaktervollen Jungen weit schwerer ins Gewicht fiel, manch« Beschämung Markus' Vater, Neb Awrom, bemerkte dies, und übertrug mir infolgedessen den Unterricht seiner beiden Zwillingstöchter. Daß die dankbare Ergebenheit, die der junge Hirschseld mir beioies, nach und nach zur glül/enden Leidenschaft «nerven würde, das freilich ahnte ich nickt. Ich dachte überhaupt ebenso wenig an Markus, als an irgend einen anderen jungen Mann aus der Gemeinde denn mein Herz hatte sckwn für einen anderen gesprochen. Jalob Blumberg, mein Gatte, war in einem nahen Dorfe als Hauslehrer tätig, und kam jede Wo«he zu uns, um gemeinsam mit meinem Vater Talmud zu studieren. Ich liebte ibn und wurde wieder geliebt. Er war ein fortgeschrittener junger Mann, ungemein wissensdurstig und bestrebt, sich nebst eines gediegenen hebräischen und tal-!:indischen Wissens auch dir Kenntnis klassischer und moderner Dichtungen anzueignen. Er brachte mir aus seiner kleinen Bibliothek die Werke Schillers und LestmgS, die ich mit allem Eiker las. In meiner Phantasie erblickte ick die Helden dieser klassischen Werke in der Gestalt meines Ideals. Blumbergs. Natürlich «varen wir uns bewußt, daß wir noch lange zu warten batten, bevor an eine Vereinigung zwischen l.־>. Februar 190* uns zu denken war, da wir erst das zur Gründung eines Hauswesens erforderliche Kapital erarb-iien mußten. Ich will Sie mit der Schilderung unserer damaligen Lage nicht aufhalten, sondern gleich, die folgenden Ereigniffe mitteilen. Als ich eines Tage; zum Unterrichte der Zwillinge in's Haus kam. eichteten sie mir aus, ich möchte nach dem Unterrichte;!! ihrem Vater kommen. Ich war sehr erschrocken, denn ich glaubte nicht anders, als daß, dir Lektionen im Hause nun aufhören sollten, ivas für mich jetzt, wo ich für meine Aussteuer sparen wollte, sehr empfind!:-»- gewesen wäre. Zitternd betrat ich das Zimmer des Vorstehers. Er war sehr gütig gegen mich, und erbot sich, mir seine Meschiachstube zu zeigen. ״Meschiachstubc? Was ist das?" unterbrach ich die Erzählerin, ״Ja, das wollte ich Ihnen eben erllären," iuhr Rachel fort. ״Hier zu Lande weiß man nichts von diesem Gebrauche, selbst bei uns zu Hause ist er nicht sehr verbreitet. Unser Glaube an die endliche Anlunft des Messias, der kommen werde. Israel zu erlösen und im Triumphe in das Land unserer Väter znrückzuführen. wurzelt um so tiefer in dem Volt? \t gedrückter es ist, und je. bedürftiger wir der Erlösung sind, um so näher hoffen, erwarten wir sic. Um den Messias, wenn er endlich erscheinen wird, würdig empfangen und beherbergen zu können, hat so mancher für die Messiasidee begeisterte reiche Jud-- ein besonderes Gemach bestimmt, und kostbar ausgestattet. Auck in Red Aorom Hirschsrlds Haus defand sich noch von seinem Vater her solch ein M e s ch i a ch st ü b e l. das mit allem erdenkliclien Lurus versehen war, damit der Messias sein Gefallen daran finde. Die Wände waren mit kostbarer silberdurchwirtten Tapeten bedeckt, die Möbel «varen mit Silberbeschlägen verziert, ja der unter einem Baldachin von rotem Samiat befindliche thronartige Ehrensitz war ganz mit Silber ausgelegt. So war alles zum festlichen Enipfange unseres Erlösers vorbereitet. Nichts «vurde von der kostbaren Einrichtung jemals zu profanen Zwecken verwendet. Nur einmal im Jahre entnahm der Hausherr dem Schranke einen silbernen Pokal, am Sederadcndc nämlich, um ihn mit Wein zu füllcn für den Profeten Eliahu, den Borboten des Messias, dessen Lippen allein würdig waren, ans diesem Pokale zu schlürfen. Ich hatte von Kindheit an so viel Märchenhafter über die Pracht des Meschiachstiibels im Hirschseldischen Hauie gehört, und nun mit einem Male war es mirbe schieden, vom Hausherrn selbst herein geführt zu werden. Im Anblicke der Herrlichkeit, die sich da vor meinen Blicken zeigte, vergaß ich ganz die Furcht, die mich vorhin ergrifftn hatte. Sie überfiel mich aber wieder, als Reb Avrom mit feierlicher Miene zu mir sprach: ״Ich habe Dich hierhergeführt, Mädchen, um Dir hier in dem heiligen Gemache eine Mitteilung zu machen, die es «vert ist, an solcher geweihten Stätte vorgebracht zu werden. Es ist Dir ein großes Glück beschieden, liebes Kind. Die Frömmigkeit Deiner Eltern und Deine eigene Bescheidenheit haben es Dir bei Gott erwirkt. Mein Sohn Markus bat Dich ZU seiner Levcnsgrsähriin erwählt. ii likbi Dich, und kann Dir ein vollkommen sorgenfreies Leben gewähren, auch sei es Dir unverwehrt. Deine armen Eltern nach Belieben zu unterstützen." Wie ein Faustschlag ins Gesicht trafen, betäubten niich dies« Werte. Dasjenige, um was mich hundert andere vermögenslose Mädchen beneiden würden, für mich war es ein furchtbares Unglück. Niemals konnte ich Markus Weib werden, lieber sterben! Hir,chseld deutete mein jähes Erschrecken als eine Folge der freudigen Ueberraschung unk bot mir freundlich die' Hand, in dem er sagte: ״Fasse Dich, mein Kind und gehe jetzt nach Hause. Dein Glück zu verkünden. Morgen besuch: ich Deine Eltern, um bei ihnen um Dich für meinen Sohn -:! werben." Hätte ick; in diesem Momente den Mut gesunden diesem Manne oaszichtig alles zu bekennen, es wäre vielleicht nicht so schrecklich geworden. Er hätte mir sein Haus verboten, jede Verbindung mit dem un serigen abgebrochen. Es wäre dies ein harter Schlag für uns gewesen, aber wir hätten ihn mit Gott--: Hilfe ertragen. Ich fand diesen Mut nicht, sondern taumelte verwirrt aus dem Prunkgemach«, für dessen Herrlichkeit ich kein Verständnis, keinen Blick mehr