Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-02-15 · 7 (15.2.1906) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
7 (15.2.1906)
Date
1906-02-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9886708--0142-7374653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' T«;־Utatlit. sri» II. 15, Februar 1906. grössten Männer hinwegragte. seine, dem Jechiel oft wunderbar dünlenden Erlebnisse, hatten längst schon in der Schneiders Borstellung die Ueberzeugung ge festigt, dass Berez, gleich dem Helden Simson und den, weisen Salomo, ein Liebling Gottes sei. Die treffliche Antwort auf Mosche Erlangers spöttisch« Frage batte Jechiel in hohem Maße befriedigt. DeSwegen nickte er beifällig mit dem Kopf und lächelte sehr zufrieden, als Berez triumphierend bald Mosche, bald ihn anblickte. Hätte der arme Schuster geahnt, welche dunile Wolken stch inzwischen über seinem Haupte zusammenzogen, er hätte weniger stolz um sich geblickt. So aber ging er nach Schul in ungetrübter Feiertagsstimmung mit Jechiel die Gasse hinauf, von dem er sich am Gässchen trennte. An Sabbat und Festtagen war Berez ein ganz anderer Mensch, als an Werktagen, an welchen er, ganz seinem Erwerb hingegeben, ernst dreinschauenv sein Handwerk ausübte. An Sabbat und Festtagen lag aber sonniger Schimmer über dem breiten Gesicht mit den groben Zügen und um den sonst streng geschlossenen, grossen Mund spielte ein raum mcrl lich-s gütiges Lächeln. Sass er aber erst bei Tisch, sein kleines Hauskädpchen nach hinten geschoben, festtäglich gekleidet, gespannt der Mahlzeit entgegenharrend, dann schien er in eite! Glück und Wonne zu schwimmen. Es lag etwas Kindliches in seinen Zügen, wenn er freundlich aus seine Umgebung herabsah, die stch mit einem gesegneten Appetit des Guten erfreute, was die Schustersgattin zubereitet hatte. Im Essen konnte es freilich keiner dem Hausherrn gleichtun. Aber so gewaltige Quantitäten Speisen der Schuster auch zur eigenen Befriedigung brauchte, er teilte dennoch gerne mit anderen, die vielleicht noch sch>,,irer ihr Brod verdienten, -der überhaupt?!:ne? verdienten, selbst dann, wenn er stch selber nicht ganz satt essen tonnte. Mit gewaltig dröhnender Stimme sang der Schuster nach der Mahlzeit den Psalm 126 an jenem Schwuostage, andächtig und leiser das Tischgebet. Daun legte er sich der Länge nach auf das mächtige Kanappee, dessen Dimensionen dem Körperbau des Riesen entsprachen. Dieweil Sprinz das Geschirr abtrug, war Berez schon ringeschlufrn und schnarchte mit der Macht eines Schmiedebalges. So bielt er es, seit er verheiratet war, an jedem Sabbat und Feiertag, so auch heute. Während im Städtchen der Vorfall beim Gottesdienst eifrig besprochen und viel belacht wurde, träumte Berez einen gar schönen Traum, ganz zu dem sonnigen Pfingstfest passend. Seine ehemalige hohe Gönnerin im Postgebäudc erschien ihm, aber diesmal mit ganzen Sti'felabsägen, wie eine Engelserscheinnng im Traum und sprach ihn, freundlich lächelnd, wie an jenem unvergesskichen Freitagvormitiag an: ״Berez," begann sie mit ihrer lieblich klingenden Stimme. ״Berez, ich will Dir mitteilen, wie Du das so heiss ersehnte grosse Los gewinnen kannst." Und sie gab ihm einen umständlichen Rat und nannte eine Zahl, auf welche der grosse Tresse״ fallen würde. Dreimal nannte sie ihm diese Nummer und dann grösste sie Berez und verschwand. Qb nun der Schuster von neuem von dem Zauber seiner schönen Gönnerin so hinge״iffen war. dass er nicht aufmerksam zuhörte, oder ob die Zahl zu schwer zu behalten war. die sie genannt hakte, kurzum, als Berez wieder erwachte, batte er dir Nummer seines Glücksloses vergessen und so viel er auch nachsann, konnte er fick nicht mehr ihrer erinnern. Wie wir noch sehen werden, spielte dieser, wir noch mancher andre Glückstraum, im wirklichen Alltagsleben des Schuster? eine bedeutsame Ross- Bevor wir den Verlauf des Schwuoskestes nach dem so eigentümlich verlaufenen Gottrsdienst weiterschildern, müssen wir einen ganzen Tag zurückqehen. um uns mit Leuten vetannt zu machen, die in unserer Erzählung noch häufig anskreten werden. Wir werden daher im nächsten Kapitel uns in den Rüsttag des jüdischen SchwuoSsestes versehen, der die jüdische Bewohnerschaft in voller Tätigkeit und würdiger Borbereitung zu diesem frühlingsfroken Feiertag findet. (Fortsetzung folgt.) Br 7 vAeinricl, ZNeer. Eine Erzäblung von Friedlich Nott. tW Es war in den Morgenstunden eines sonnig heiteren Tages, als die kleine Gesellschaft in einem eleganten, leichten Wagen die Kaiserstrasse aufwärts fuhr, die sich in Serprntincn bis hinauf nach Grossvors hinschlängelte. Als der Weg steiler ward, stiegen die Herren aus. um den Pferden die Last zu er» leichtern, unmittelbar vor dem Dorfe verließen auch Irma und Emmi den Wagen und durchschritten mit den anderen den kürzeren und schöneren Fußweg, während der Wagen in weitem Bogen auf der Heerstrassc folgte, um mit den Ausfliiglern beim Wirts- Hause im Dorfe wieder zusammcnzutreffen. Das Wirtshaus zum weißen Rössel war ein freundliches Haus. Bon drei Seiten mit einer efeu umrankten Veranda umgeben, gewährte es auch während der heißeren Tagesstunden den angenehmsten SckoEen: poch Moren in den dicktaewacksencn Efeu Spie>zel ausgeschnitten, durch die man weit hinaus in die reizvolle Umgebung blicken konnte und auch hinüber in das Dorf. Es war noch ziemlich früh am Tage, das Gastzimmer war noch leer, vor dein Wirtshause aber stand der Röffelwirt in seinem Sonntagsstaat, der blauen Lodenjoppe mit den grossen silbernen Knöpfen. Mit tiefer Verneigung begrüßte er die Gäste, die er seinem Hause zuschreiten sah, während sein breiles fettes Gesicht vor Vergnügen erglänzte. ״Habe die Ehre, meine Herrschaften! Bitte sich gefälligst hier draußen auf der Veranda nieder zulassen, iw Zimmer drinnen ist es zwar auch lauschig und kühl, aber bei solch wunderbarem Wetter, wie heute, ist's in der freien Gottesluft doch weit schöner." Die Gäste stimmten dem redseliaen Manne zu. ließen sich an einem weiß gedeckten Tisch« vor dein Hause nieder und bestellten Bier. Brot und frische rohe Eier. Der Wirt vollführte persönlich die er haltenen Aufträge und zwar mit einer Gewandheit, die man dem vierschrötig aussehenden Manne nicht zugetraut hätte. Irma sprach ihm ihre Anerkennung darüber aus und Heinrich hatte ihn sehr bald in ein ziemlich lebhaftes Gespräch gezogen. ״Nein, gnädiger Herr," sagte er, den dicken Kopf entschieden schüttelnd, ״da haben Sie nicht reckt, wenn Sic permeinen, weil die Luft hier gar 10 schön und rein und die Gegend so wunderbar ist. dass non deswegen auch die Menschen brav und gut sein müßten — nein, gnädiger Herr, das ist nicht so. Erst in der verwisckenen Nacht haben sie dort drüben dem ft!« Hauer eine prächtige Kalbin fortgetrieben." ^Wer bat das getan?" fragte Heinrich lebhaft. Der Röffelwirt zuckte die Achseln. ,.Ja, du lieber Gott! wer kann das wissen? seinen Namen hat keiner dabei geschrieben." ״Aber hat denn der Kleebauer keinen Ketten- Hund, der angefchlagen Hot. als Fremde auf den Hof aelommen sind?" ״Freilich hat er einen Kettenhund, oder vielmehr er hat einen gehabt, denn der verslihte Gauner muss dem Vieh was gegeben haben, dass es verendet ist. bevor der Dieb die Kalbin hat fortgetrieben." ״Aber hat man denn gar keinen Verdacht, wer das gewesen sein mag?" Abermals zuckte der Rösselwirt die Achseln ״Verdacht haben? — Nun ja. was man so Verdacht haben nennt, das hat man wohl — Zigeuner sind unweit von hier gewesen — möglich, dass einer von denen die Kalbin fortqetrieben hat — möglich war's ein anderer — ich bitt' Sie, das ist nicht so einfach, wie mit dem Jud, der das Kind geschlachtet hat." ״Ein Jude hat ein Kind geschlachtet?" rief Heinrich, den Erstaunten spielend. ״Wann ist das voraek״m77׳en und wo?" ״Davon haben Sie nichts gehört, gnädiger Herr? und wir hal>en geglaubt, dass es schon in allen Zeitungen steht." ״Ich habe eS nicht gelesen, aber es kann deshalb doch in den Zeitungen gestanden sein, ich war in den jüngsten Tagen nicht zu Hause, da habe ich weniger Zeitungen gelesen. Wann und wo hat sich denn das chreckliche zugetragen?" ״In der vorigen Woche hat sich s zugetragen und hier im Dorf." ״Nicht möglich!' ״Sie haben recht, gnädiger Herr, man sollt'1 nicht für möglich halten, aber geschehen ist's doch, gestern erst war die Leiche von dem armen kteinen Buderl gewesen, eine großartige Leich« war'» gewesen, 'S war ja der Ringelhofdäuerin ihr Herzblatt, sie ist noch ganz weg." ״Aber warum haben es kenn die Dorfleute zugegeben, dass der Jude das Kind geschlachtet hat?" fragte Max. ״Akr gnä' Herr, es ist doch reiner dabei gewesen, in der Nacht hat er's getan, als alle Welt geschlafen hat." ״Ader wenn keiner dabei gewesen ist. woher weiß man denn, dass es gerade ein Jud getan hat? — vielleicht hat es derselbe getan, der die Kalbin fortgetrieben hat'" ..Aber gehen'« gnä' Herr, so was tut nur ein Jud. Wegen was sollt' denn ein anderer so'n armeunschuldiges Hascherl schlachten?" ״Das weiß ich nicht," entgegnete Heinrich, ״aber ich weiß auch nicht, weshalb der Jud das getan haben sollte." ״Das wiffen's nicht? dann haben'- vermutlich noch?einen Jud gesehen." ״Wie sieht denn so'n Jud aus?" fragte Max. der sich zu amüsieren begann. ״Das ist sehr verschieben," versetzte der Wirt, ״der eine schaut so aus und der andere wieder ander-. Derjenige, der das Buberl geschlachtet hat. hat sogar ganz anständig ausgeschaui. Man hat nur gewußt, dass tx ein Jud weil er selbst immer die Hühner und die Tauben geschlachtet hat. seine Tochter, die immer für ihn und für sich gekocht hat. hat dies nie getan. ״Das Buberl haben die Juden auch gekocht?" fragte Max. ״Hör' auf. hör' auf!" rief Irma schaudernd, beide Augen zudrückend. ״Die gnä' Frau hat recht." sagte der Wirt. ״eS ist zu grauslich. Aber Wunder nimmt's mich doch, dass Sie's nicht wissen, dass die Juden zu ikren Ostern Ehrrstrnblut brauchen. Ich Hub'» zwar auch trüber nicht gewußt, aber der Ringelhofbauer bat gesagt, in der Stadt weiß das ein jeder, und er hat uns auch alles erklärt. Wenn die Juden einen Qchsrn, oder ein Schaf, oder ein Huhn, oder eine Taube scklackten. immer machen sie dem armen Tier einen Schnitt durck die Kehle, dass alles Blut heraus lauft: und genau so machen sie's, wenn sie Ehristenblut brauchen und dazu ein Buberl schlachten oder ein Mäderl, einen Schnitt durch die Kehle und dann, halten sie das Aermfle über einen Tops, dass alles Blut da hinein rinne,״ Heinrich schüttelte den Kopf. ״Nnglanbkich, daß die Behörden das dulden!" ״Aber anä' Herr, dass die Behörden das dulden, davon kann doch keine Rede sein. Die Juden sind gar schlau, die tun so was nur bei nachtschlafender Zeit, wenn es kein Mensch siebt." Heinrich schüttelte noch immer oen Kops. ,Schrecklick! sckrecklich! ich kann mir das gar nicht Vorsteven." Ter Wirt betrachtete diese Bemerkung als Auf fordcrung, über das schreckliche Ereignis alles mitzu teilen, was er wusste und waS darüber gesprochen wurde. Seine Gäste lauschten mit sichtlichem In׳ ierrffe der grauenvollen Schilderung. ״Wir spannend Sie erzählen. Herr Wirt." sagte Irma, ״man glaubt alles vor sich zu sehen." Der Wirt venttigte sich geschmeichelt. ״Das ist hi-rbei keine Kunst, qnä' Frau, rS ist ja alle? h׳rr vor sich gegangen, wenn's nicht Nacht gewesen wäre, hätte man von hier aus alles sehen können." ״Das hätte ich nickt sehen mögen," bemerkte Emmi in sich erschauernd, ״aber das Zimmer möchte und das Fenster, durch dader verruchte Mörder es heraus geholt bat." ״Das können die Herrschaften gern sehen, es ist ja nur einen Sprung b!S hinüber, ick gebe mir die Ehre und führe die Herrschaften hin und das arme Weib, die Ringelhofbäuerin, hat 'ne Freud« mit jedem, mit dem sie von ihrem gottseligen Herrblattl reden kann, und nun gar mit den nobekn Herrschaften

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.