Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 7 (15.2.1906)
- Date
- 1906-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton - Beilage zu Nr. 7 des 3״sraelit“. vv x x x x:xx * XV ׳x x x x x x x .x x *XZ ^Itraitn 11 Pbixtiaä in li*r 111il»m11tS!< IN VII Bon Arthur Kahn. '] Nachdruck oerhuten. Die Predigt, der Schiff sonst gar aufmerksam zuzubören pflegte, dünkte ihm heute viel zu lang und er sah mit großer Genugtuung, daß der Vorbeter endlich wieder den Platz da oben kinnahm. Die Andacht nahm ihren Fortgang, aber Jomtof zog alle paar Minuten seine schwere goldene Uhr hervor: die Zeigel schienen nicht vom Platz zu rücken und der linke Fuß begann jetzt richtig zu schmerzen. Bei dem Schmona Esragebet, das stehend und gegen Osten gewandt, verrichtet wird, knickte er bald aus lrii, richten, bald aus dem linken Knie ein, um sich Linderung zu verschaffen. Gerne hätte er jetzt die Snnagoge verlassen, wenn er nicht befürchtet hätte, seine in der Weibcrschul in der ersten Reih; stehende Frau zu erschrecken. Noch nie hatte er während des Gottesdienstes seinen Sitz verkästen — er mußte also ausharren. wenn er keine ernstliche Beunrubigung Hervorrufen wollte. Endlich, nach geraumer Zeit, nach Schiffs Empfindungen eine Ewigkeit, war der Ehastan an jene elegische Klage angekommen״ ,׳um. unserer Sünden willen, sind wir aus unserer Heimat vertrieben, aus unterem Vaterland entfernt worden." Sch'sf hörte nicht mehr die wehmutsvolle, die Herzen rührende Gesangesweise. er hatte jetzt mit dem eigensten Schmerz zu kämpfen und verließ mit dem Aukaebot seiner leisten Willenskraft, als die bereiteangedeutete Stelle im Gebet erreicht war. das Gotteshaus. זזי de:׳ Lcrnttube. wie das Zimmer neben der Snnagoge genannt ward, ließ sch §chjss aut einen Stuhl unten, legte das linke Bein aner über das rechte und versuchte den Stiefel auszuzieben. Vergeben-.-. Ein so krustiger Mann er auch war, den Stiesel konnte er doch nicht entsernen. Jetzt kamen endlich die Kobanim herein, um ihre Fil-.'chuhe anzuzirbcn. Abe, ii-rder dem kräftigen Aua des Joseph Kobn. noch der Veibilse des Julius Kab». noch endlich der gewiffermaßen al^ Vorspann beniib.ten dritten Krast von Lämle Kubn gelang es, Schics von seinem ׳'nljdr gearbeiteten Stickel zu be sreien. Da? wäre auch eine nette Arbeit von Berez Storch? kraftvoller Hand gewesen, die der Gewalt von drei -inzigen Männern so ohne weiter-s Nachge geben batte. Selbst Wölschen Vartenbeim, gewiß kein Schwächling, versuchte, von den hinter ihm stehenden drei Kaubanim durch Auseinanderlegen der Hände nnterstiitzt. Jomtof von seinem Stiesel, oder den Stiesel von Jomtos zu lösen. Dieser schien schon ganz seine Vorstands und Vriesterwürde einzu- Hüsten er stöhnte schmerzgeplagt. daß es den mitkühlenden Kauhonim ordentlich in? Herz schnitt.?chjsfs Stiesel durch ,.*זח Fußspitze den linken Stiefel etwas zu lockern. Der Linke saß fest wie eine Mauer. Der Druck steigerte sich nun zum Schmerz und Schiff hätte jetzt wirklich von seinem Frostballen als seinem Schmerzenskinde sprechen können, wenn es ihm überhaupt ums Reden zu tun gewesen wäre. jomtof Schiss batte aber ein heiliger Grimm gegen Berez erfaßt, dem er alle Schuld an seiner schmerzensreichen Lage zuschrieb. Mit abwehrender Geberde wimmerte Jomtof: ״Nicht an meine Seite laß' ich Berez: ehnder (eher) will ich meine Jesurim (Schmerzen) noch stundenlang ertragen." Unschlüssig standen die Kauhonim um den leidenden Schiff herum. Immer näher rückte der Augenblick der Segensvendung und zum Befremden des Vorbeters, der trotz alles Ausdehnens und Sinaens nicht mehr Hinhalten konnte, wollten die Segenspender noch nicht erscheinen. Sie wollten den armen Jomtof nicht verlassen, als er ihnen schmerzerfüllt versicherte, daß er zum ersten Male, seit er Barmizwa (lonfirmiert) sei, den Duchan versäume. So standen sie denn teilnahmsvoll um Jomtof. dem das Meinen nahe schien, herum und vergaßen fast ihre heilige Pflicht. Da steckte Schlomc Lorch den Kopf zur Türe herein und frug, wo die Kauhonim denn eigentlich blieben? Ganz Kahl (Gemeinde) warte und Jekefchen stehe schon neben dem Chaffan. Kaum hatte Schlome den Grund der Verzögerung erfahren, als er auch schon resolut zugriff. Er war nicht umsonst Kahof (Metzger). Er spuckte sich in die Handfläche, umfaßte, während die Kauhonim ihn erwartungsvoll umstanden, mit seiner Linken Schiffs untere Extremität und mit der Rechten Berez Storchs Meisterwerk. Und was der vereinten Kraft der vier Priester nicht gelungen war, das ver richtete dir starke Hand des einzigen Leviten. ״Da!" kam es triumphierend von den Lippen Schlome Lorchs, ein Weheruf aus dem Munde Schiffs. Ein dunkler Gegenstand sauste gegen die Decke und dann gegen Joseph Kohns neuen Zylinder. Ein dumpfer Fall von der Stelle, an der soeben noch Jomtof Schiff gesessen, und ein lauter Seufzer der Erlösung von dessen Lippen. Der Riesenattacke Schlome's war selbst der kräftige Schiff nickt gewachsen gewesen und seitlich vom Stuhl herab auf den Boden gefallen, wobei der Stuhl gegen Lämle (Lambert) Kuhns Magen gefahren war. Der hinter Schlome Lorch stehende Wölschen Partenheim war aber so derb von Schlome's aussohrenden Ellenbogen getroffen worden. daß er gegen die ferne Wand taumelte. Beim Herunterfo.llcn War der Schlome's Hand entgleitende Stiefel von der Decke auf Joseph Kohns schönen Znlinderh'.it gefallen und trieb diesen seinem Träger bis in die Nasenwurzel über das Gesicht. Der eben noch glatten und glänzenden Kopfbedeckung waren kreuz und aner verlaufende Sprünge beigebracht, sodaß es gnskab. als sei auf derselben der Lank verschiedener Flüsse landkartenartig dargestellt worden. Nie zuvor hatte ein Stiefel in der Gemeinde solche Verwirrung angerichtet, nie zuvor aus den Verlauf ies Gottesdienstes so hemmend einqewirkt, als jener Stiesel an Jomiofs Schuss linkem Fuß. Kaum hatte sich die Verwirrung und Aufregung in der Leri.stub gelegt, und kaum war Jomtof mit Hilfe Schlome's wieder auf seine Füße gebracht, als der tiksausatmende Schiff erklärte, daß er sich wieder wohl genug fühle, um mit buchenen (Segen spenden) z» können. Mit einem Gefühl unfaßbaren Wohlbebaaens schlüvfie der wie von einer Tortur befreite Barnes in die weiten Filzschuhe und trat, wie sonst, an der Spitze der Priester in die Svnagoak. Mit wahrem Wonnegefühl lang Jomtof den Duchan und gab eS nur noch einen Mann in ver Svnagoge, der im Stande gewesen wäre, den unglücklichen Genossen zu erlösen und dieser eine war natürlich Berez -!2rck. der Schüller, dieser Goliath und unschuldige '.lnbeilllistrr. Vergeblich versuchte Jomtof mit der reckten der sie 'ghcn ei», daß Jomiof ihre vereinte Tatkraft nickt ansgezogen werden gab da und dort noch eine Verlängerung oder gar konnten und sic traten daber in kurze Beratung. Jetzt einen Ertratriller. wie ein freiaebiaer anrnM-Kön״,.■ einen Ertratriller. wie ein freiaebiaer Konzertsänger. hinzu, ganz im Gegensatz zu Jekefchen Geisenbeimer. in bellen Vorfagen beute eine unverkennbare llngeduld. fvaar eine gewisse Verdrießlichkeit ausgeprägt war. Jomtof war darüber innerlich empört. Was batte denn Jekefchen heute am erllen Tag Jomtof * *rx **XXXXXX XX X X X X zu versäumen? Hatte er vielleicht Hunger oder Durst? Möglich: sicherlich aber doch leine Schmerzen, wie er. Jomtof Schiff, heute gelitten. Aber gerade die Nächstliegende Wahrheit hatte Schiff nicht erkannt. Er abnte in seiner wohlig empfundenen Erlösung nicht, daß Jekefchen sich jetzt in derselben drückenden Lage befand, aus Melcher , r eben »rst durch Schlome Katzofs Hand befreit worden war. Mit Ingrimm hatte Jekefchen. anstatt in einem sonst langausklingendep, das den Schluß bildende ״Friede", mit ungewohnter Kürze und Hast gelungen. Jomtof Schiff, der sich jetzt erst wieder in festlicher Stimmung befand, war über des Vorsagers Eile innerlich aufgebracht. Jekefchen wiederum schalt bei sich den stnglustigen Parnes, der alles in die Länge gezogen sang, als gäbe es keine drückenden Stiefel mehr auf der Welt. Und deshalb klang Jekefchen's Stimme so gereizt, deshalb niult ci auch diesmal den Priestern nicht zu, sondern eilte vom Almemor auf seinen Platz, ballte dort hastig seinen Gebetmantel zusammen und verließ noch vor beendetem Gottesdienst, sichtlich hinkend, die Synagoge. Zu Haust zog er mit einiger Anstrengung den Stiesel ab und schleuderte ihn mit einer kräftigen Verwünschung weit von sich. Jomtof Schiff saß aber geduldia in der Lernstube, bis er aus seiner Wohnung stine alten Stiesel erhielt. In seinem neuen Anzug, seinem gekräuselten Busenhemd mit den hohen Vater Mördern, dem spiegelblanken Zylinderhut wäre er ja doch nicht in Filzschuhen über die Straße gegangen. Während die beiden Kunden Berer Storch'» mit wachsendem Unbehagen nur noch mühsam dem Gottesdienst zu folgen vermochten, saß Berez neben seinem Freund Jcchiel Frirdberg, dem Schneider. Andächtig las er die Gebete und vertiefte sich liebevoll in die Akdomaus, und sagte eifrig die Pijutim, diese poetischen Festgedichte, mit. Rechts neben ihm saß Missch« Erlanger, der weniger andächtig als der Schuster, - weder dem Akdomaus folgte, noch die Pijutim mitsagte, mit der Begründung, daß er nichts bete, was er nickt verllebe. Er schien wirklich wenig zu verstehen, denn er betete fast gar nichts, sondern blickte neugierig in der Schule umber. Lange hatte er stinen Nachbar schweigend beobachtet. Ein spöttisches Lächeln verzog seinen Mund, als er sab, wie der Schuster andachtsvoll zum Hwnnel blickte oder inbrünstig die Augen schloß und das Gebetbuch vor sein Gesicht hielt. ״Mci'." begann Mosche Erlanger, den betenden Berez am Arme stoßend, ״mei'. sag' dock 'mal, Bern, verstehst Du denn alles, was Du da orst?*) Ich höre dock, die Pijutim seien gar schwer zu übersetzen: kannst Du das?" Berez schüttelte in ehrlichem Eingeständnis seiner Unwillenbeit den Kovf. Seine Lippen be!oegten sick schneller, weil er nicht mitten im Gebet sprechen wollte. Erst als er ben Absatz beendigt hatte, sagte er zu Mosche: ״Nein, die Pijutim versteh' ich nickt." ״So. so." fuhr Mosche spöttisch fort, ״Tu plapperst daher, und weißt selber nickt was: dabei verdrehst und drückst Du die Augen zu, als wenn Du im Jom Kivpur Schmone Esra**) stündest. Nun sag' mir. Berez, wie kannst Du etwas beten, was Du gar nicht versiehst? Wo soll da die Andacht Herkommen »nd was kann Dick so 'ne Tfille nutzen?" Berez schwieg einen Augenblick, dann frug er: ״Sag' mir 'mol. Mosche, wenn Du trank bist und Du gehst zum Doktor und er verschreibt Dir ein Rezept und Du nimmst die Arznei ein, sie hilft Dir. Tu wirst gesund, -- weißt Du. was in der Arznei war? Oder hast Du das Rezent verstanden? Das ist meine Antwort aus Dein« Frage." wort. Jechiel. der den Worten seines Freundes gespannt zugehört hatte, nickte, entzückt lächelnd, Berez zu. Von allem, was Berez sprach, war Jechiel immer entzückt. In seinen Augen war Berez überhaupt ein ganz besonders bevorzugter Mensch. Schon seine äußere Gestalt, welche um Kopfeslänge über die ף betest; kommt aus dem Lateinischen ״nr*. **) Wichtigstes Gebet am Bersöhnungstag.