Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 7 (15.2.1906)
- Date
- 1906-02-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Irr Q«raeUt. Seite 7!Mt. «. 16, Februar IttOti._ des Schülers wirken will, wie ferner als das End ziel aller Erziehung die Bildung des Charakters und Gemüts erstrebt werden müsse, führt er des weiteren aus, daß Gottesfurcht und Thorakcnntn.is die beste Grundlage zur Erreichung dieses Zieles sei. Der Mensch habe sein Wollen dem Willen Gottes unterzuordnen, in jedem Gebote, auch in dem dessen Sinn uns verschlossen ist, des Schöpfers Weisheit zu erkennen und zu ehren. Besonders ausführlich behandelte er das Gesetz der Parah adumah, in dessen Ausführung scheinbar so viel Widersprüche enthalte,, seien. Dir Vrtseniiiiiluiig folgte aufmerksam dem Vortrag und spendete dem Referenten reichen Beikall. Bei der Besprechung ergänzt Herr Dr. Eahn den Vortrag in erschöpfender Weise. - Für die nächste General-Versammlung übernimmt Herr Freuden derger Flieden das Referat: ״Dir Pflege der Vaterlandsliebe in der Schule vom Standpunkt des gesetzestreuen I u - d e n t u m Bei der freien Besprechung wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß alle Mitglieder mehr als bisher für die Kasse des ״Jeschurun" tätig sein itm tniuifr -;>- - , . - ״ ,.- .— •o*׳rra•' o— ov.״~. Die Vorstandswahl ergab Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder. Daß auch der dem Abgeordnetenhause vorgelegte Schulgesetz-Entwurf einer Be sprechung unterzogen wurde, bedarf wohl keines be sonderen Hiniveises. — In der an die General-Versammlung sich anschließenden Vorstandssitzuna bat Herr Schwarzschild an seiner Stelle ein anderes Mitglied als Vorsitzenden zu wählen; diesem Wunsche, der näher be gründet wurde, mußte Folge geleistet werden und wurde Herrn Spiro Fulda an ׳'einer Stelle der Vorsitz übertragen. L—n. Lv u r L v u I g. ,ycn 4,1׳|U11191uuu1i1c1;1uu/. Bamberger versendet nachstehenden Aufruf an die Gemeinden scinrs Rabbinats-Bezirkes und an viele andere in Bayern. Baden und Württemberg: Wenn auch der Wohltätigkeit-sinn unserer Glaubensgenossen in letzter Zeit durch die Verhältnisse unserer russischen Glaubensbrüder besonders vielfach in Anspruch genommen worden, so macht es uns die bevorstehende P e s a ch - Z e i t dennoch zur Pflicht, der Armen im h'e! l i g * n 9 01 זז b f liebevoll zu gedenken. Ich stelle daher auch in diesem Jahre die höfliche und dringende Bitte an Sie, eine Sammlung zu Mazzos in Ihrer Gemeinde vornehmen und das Er gebnis baldigst anher einsenden zu wollen, damit diese Svenden rechtzeitig ihrer Bestimmung zugeführt werden können, worauf die öffentliche Rechnungsablage mir bisher erfolgt. Ergebenst Nathan Bamberger. Distrikts Rabbiner. Rußland. Die Homklkr Greuel. (Bon unserem Korrespondenten.) Petersburg. 1. Febr. Ueber den jüngsten Judenlrawall zu Hömel bringt uns jeder Dag neue haarsträubende Einzel- Herten. In den letzten 2n Jahren bat die russische Judenheit so manchen Krawall erlebt, ohne und mit Menschenopfern, einer grausamer und entsetzlicher als der andere; aber einen solchen diabolisch raffinierten, bestialisch grausamen, bis in die gräßlichen Einzelheilen reistlch vorherbedachten und planmäßig durch geführten Krawall, wie der letzte zu Hömel war haben wir noch nicht erlebt, ja wir haben die Möglichkeit eines solchen Mütens selbst in Rußland, der Brutstätte der ״Pogrome", nicht für möglich gehalten. Ich bade schon einmal die Wahrnehmung ausgrsprochen. daß die Annalen der Judenkrawolte tn R»ßland deutlich darauf Hinweisen daß die letzteren dem Edolutionsgesetze unterliegen und sich technisch dervollkomwnen; das ist aus dem letzten Krawall zu Homrl deutlich zu ersehen. Man hätte glauben sollen, daß nach den beispiellosen November-Krawallen zu Kiew, Odessa, Romny. Rostow. Bachmut u. a. eine!nettere Entwicklung unmöglich sei; aber weit gefehlt, der jüngste Homrler Krawall hat bewiesen, daß die Bestialität unendlich und der schrankenlosen Ent Wicklung fähig ist. Mit Homel ist sozusagen die Beschaffenheit der ״Pogrome" in ein neues Stadium getreten. Das erste charakteristische, in die Augen springende Merkmal dieses Krawalls ist, daß di« Polizei das Feigenblatt abgeworfen hat und ganz offen und unverhüllt als Urheber und Pollzieher des Krawalls auftrat. In Homel waren sogenannte ..Ehuligane" oder ״Gromnli" sehr wenig, nur 10 bis IG U»d iiliict diesen deliietkte man verkleidete und betrunkene Kosacken; Straßenjungen, die auf den früheren Krawallen die Hauptrolle spielten, waren hier gar nicht zu sehen. Das Hauptwerk Halle in Homel das Militär, nämlich die Dragoner, Kosacten. Tscherlejsen in Begleitung der Polizei übernommen. Eine andere, nicht minder kennzeichnende, neu« Eigentümlichkeit des Homeler Krawalls war. daß er nicht wie sonst begann, mit dem Einschlagen der Fenster scheiben und Demolieren der jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser, sondern mit einem wütenden be waffneten militärischen Uebcrfall auf die friedlichen. ntcktS Böses ahnenden jüdischen Insassen derselben, mit einem Feuern aus Revolvern und Flinten in die Läden. Fenster, Eingänge und Treppen, um den Un glücklichen den Ausgang abzusperren und einen etwaigen Widerstand von ihrer Seite unmöglich zu machen. Ebenso wurde auf die Flüchtenden ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters geschossen, wie es scheint, oft mit blinder Ladung, sonst müßte die Zahl der Verwundeten und Getöteten eine wett größere sein, da das Feuern des Militärs 12 Stunden dauerte, von 4 Uhr nachmittags mit dem Beginn des Krawalls bis 4 Uhr mitternachts. Und schließlich eine dritte, bis dahin ungekanntr Eigentümlich keit des Homeler Krawalls — ist die systematische Nieorrbrennung der Geschäfte und Häuser, nachdem sie in aller Kaltblütigkeit vom Militär ausgeplündert wurden. Mit Petroleum gründlich von allen Seiten feuerempsänglich gemacht, wurden Geschäfte und Häuser in Brand gesetzt und jeder Versuch, dieselben zu löschen, wurde durch ein mörderisches Feuern unmöglich gemacht, bei gleichzeitiger unermüdlicher An sttengnng, die benachbarten christlichen Gebäude zu beschützen. Jcdoch lassen Sie mich den ganzen Heraana laut den vielen vor mir liegenden authentischen Berichten von Augenzeugen in möglichst gedrängter Kürze wiedergeben. Am 24. Januar ist der Polizei-Revieraufseber Assonow. welcher sich besonders ivegen seiner außer ordentlichen Grausamkeit bei der Mißhandlung der Arretiert-m verhaßt gemacht hat, meuchlings ermordet worden. Das war wie ״Der Wecker", das Organ des ״Bundes", sagt, ״die Antwort der Revo!utionäre auf all die Ouälerei, welche er an ihnen in der Polizei verübt bot." Die Mörder sind nicht ergriffen worden: wer sie sind und welcher Organi sation sie angchören, weiß bis heute niemand. Be hauvtet wird, es wären christliche ״Sozial-Revo lutionäre". Aber wie es scheint, batte die Polizei Verdacht auf ״Bnndisten" und ste schnaubte Rache. In der Stadt entstand alsbald eine fürchterlich« Panik. Man ahnte nichts Gutes. Jeder eilte, um sich und sein Wut zu retten, so weit es sich nur tun ließ, und man schloß sofort die Geschäfte. Jedoch schien man sich bald näeder beruhigt zu Hanen und die Angst vor einem Krawall war bald wieder gewichen. Allem Anscheine nach bat man zu viel aul die ver hälrnismäßig gut organisierte ״Selbstwebr" gebaut: man meinte die örtlichen ״Ehuligane" würden nickt wagen die ״Setbstwebr" zu vrovozieren und die organisierten und bewaffneten Arbeiter des Eilenbahu-Devots würden auf seiten der ״Selbstwebr", also des ״Bundes" sieben, und es Ivärr somit kein Grund zur Flucht vorhanden. Man schien aber da bei vergessen, oder außer Acht gelassen zu haben, daß ohne Einwilligung und Geheiß der Polizei noch nie ein Judenkrawall stattgefunden hat. noch ftattsinden kann, und daß der Polizei, wenn sie nur einen Krawall beschlossen bat, stets das Militär zur Ver fügung stebt, gegen welches keine ״Srlbstwehr", und möge sie noch so gut organisiert sein, und keine bewaffneten Arbeiter etwas ausrichten können. Daß die Polizei den jüngsten ״Pogrom" zu Homel gewollt und inszeniert hat. beweisen unwiderleglich folgende beglntbigte Tatsachen. Am Freitag. 26. Januar, nach der Beerdigung de« Assonow, saß in der Bardierstudr Lewin e n ״Pristaw" (höherer Polizeibeamter), als ein Polizist hinernlief und sich an ihn mit den Worten wandte: ״Ihre Wohlgeboren, es hat schon begonnen." Unzefahr um zwei Stunden früher kam ein Christ in die Druckerei von Milajew hinein und erzählte: er hadc zufällig gehört, wie ver Polizetmetster zu einem Pristam" sagte: ״man müsse nun mit der Jugend ein Spiel beginnen und dann die Läden durch« wühlen . . . Der Mann bat. man solle diese Tat fache 5m Homelkr Blattk ״Trud" Vkrossentlichcu. Um vier Uhr nachmittags vernahm man das Läuten einer Kirchenglote und alsbald stellte sich ein Beamrer der Stadtbanl, namens Schwand!, in Be« gleitung einer dunklen Persönlichkeit mit einec Dschertessenmütze ein, beide mit Revolvern dewassnet, und begannen zu schießen. Wie das Glockengeläut«, schien auch dieses Schießen ein verabredetes Signal gewesen zu sein, denn plötzlich brcichen, wie aus der Erde gewachsen. Dscherkessen, Kosaken und Dragoner hervor und fingen an nach beiden entgegengesetzten Richtungen der Rumjanzeivstraße zu feuern. An der Spitze der Kosaken uno Dragoner ging der Polizeimeister, laut rufend. ״Das habt Ihr für gestern und oorgrsieni, dos habr Ihr für das vergossene russische Blut." Und während ein Teil des Militärs auf die!üdischen Passanten und Insassen der Häuser und Geswäste schoß, gingen Tscherkessen, von Polizisten und allerhand Gesindel geleitet, mit der größten Rrihe und Kattblüllgkeit in die großen Juwelier-, Uhren 'und R'apusalturgeschäsie, raubten und plünderten alles Wertvolle, begossen, nachdem sie daS Cteraudte weggeschasst hatten, die Geschästs'.okale und Gebäude reichlich mit Petroleum und setzten sie in Flammen. So gingen ste von Geschäft zu Geschüft. In solcher Weist stnd auf der Rumjanzewstraße acht Lauter und 40 Magazine eingeäschcrt und 10 ausgeplündert worden, nur ein einziges Haus, das eines Christen Dombrowskn, blieb unversehrt. Auf den: großen Bazar. >vo sich die größten Gr schäfte und Banken befinden, sind 79 Magazine, auf veni kleinen Bazar 44 abgebrannt; von der Bazar straße blieben nur zivei Häuser übrig. D-r Verlust beläuft sich aus 0 Millionen Rubel. Der BerKich zu löschen wurde durch das Feuern des Militärs auf die Löscher unmöglich gemacht. Eden inmenin fnnnj; bi׳ überrumpelte Stlbstivehk sich Uv.d ihre Schutzbefohlenen verteidigen, hätte sie es versucht, so wäre sie sofort vo» dem vielfach überlegenen Militär niedergeschossen worden. Den Inden blieb nicht? übrig, als im Dunkel der Nacht sich durch Höfe über Dächer und Zäune zu flüchten und wo eS sich unmöglich erwies, in Todesangst und Todesstille, uni durch kein Geräusch sich zu verraten, ihr Schick sal abzuwarten. Bon dieser entsetztichrv. Panik kann man sich keine Vorstellung machen. Jünglinge sind .oährend dieser einen Schreckensnacht grau aeworden. Die Berichte stnd voll von so entsetzlichen Einzelheiten, daß die Feder sich sträubt, sie wiederzugeben. Aber Brandstiftung, Plünderung und Mord schien der Polizei noch wenig zu lein, und ste telegrapbie-te dem Gouverneur, die Revolutionäre hätten die Stadt in ^rand gesteckt. Bomben und Ge schojse aus das löschende und schübende Militär ge schleudert, schleunig« militärische Hilfe wäre notwendig. Zu gleicher Zeit nabm sie Haussuchungen und Massenarreste vor. wobei man die vornehmsten örtlichen Juden verhaftete. ״In ganzen Massen. ' — schreibt die Zeitung ״Ruß". , hat man junge Leute arreti»rt, in die Polizeiabteilung geschleppt und ganz barbarisch geschlagen. Man riß ihnen das Haar büschelweise vom Kopfe und schlug sie unaiifhör lich.und als sie ohnmächtig niederscmken, begoß man sie mit kaltem Wasser, und als ste aus der Obn macht erwachten, begann man sie wieder zu schlagen. Unter den derartig Geteinigten waren auch Studenten.Schrecken und Verzweiflung vackie die Bewyhner der unglücklichen Stadt und sie lausen rinn fliehen wie vor ver Pest. Niemand zeigt sich auf den Straßen. Das Leben ist erstorben. Die Zahl de: Verwundeten und Toten läßt sich noch nickt genait feststeklen. jedenfalls ist sie bedetrtend." Zur Ergänzung de« jüdischen Elends kamen der Vizegouverneur von Mohilew und der berüchtigte General Orlow mit Kanonen und Artillerie, ״um unter den meuternden Inden die Ruhe herzustellen " Kann et 3