Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 7 (15.2.1906)
- Date
- 1906-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I ft. Februar 1906. «Bfn Voeurteilen emanzipiert, darf daran denken. »och wahrer Vernunft zu streben. Mit Absicht muffen wir sagen .zu streben", denn ein anderes, schier Untberwindliches hindert den Menschen daran, wahre Vernunft zu erlangen, nämlich die mangelnd« Sin. ficht in die wirklich- Beschaffenheit der Ding«. Die Körperwelt, die wir wahrnehmen. ikt ein bloßer Schein, der derart organisiert ist. daß alle? gerade so zugeht und eintrifft, als ob die wabrcze nommen« Körperrvelt außer uns gerade so wäre, wie sie uns erscheint. Alle unsere Wahrnehmungen ent sprechen den Grundgesetzen unserer Erfahrung, doch «msrre Erfahrung besteht aus nichts, als aus unseren Sinneseindrücken, welche uns als Körper im Raume erscheinen. Sehen wir da oben nicht den Siriussiern leuchten und dort den Polarstern? Ei. ganz gewiß! Berechnen doch unsere Astronomen sogar die Ent fernr-ngen derselben von der Erde! Vom Sirius braucht das Licht 16 Jahre, bis es zu unserer Erde gelangt, vom Polarstern LI Jahre: und wenn heute das Licht der Milchstraße erlösche, so würden Tausende von Jahren vergehen, bis wir es nur gewahr würden. Was würden wir in oer langen Zwischenzeit sehen? Nichts, als die letzte Lichtwelle, die unser Auge trifft. Der Aether wird durch den Stern in wellenförmge Bewegung gesetzt, und die zuletzt an unser Auge gelangende Aetherwelle verursacht das Sehen. Die Aetherwelle leibst ist ja aber, wenn sie nicht gar nur Hypothese sicherlich dunkel, denn die Bewegung ist ja nicrsts, a!-, ein Hin- und Herschtvingen von unendlich kleinen Körperteilen. Dieselbe Bewegung auf un,cre H״.t fortgepflanzi, erzeugt Wärme, auf unser Äuge übertragen, erzeugt Licht. Was wir Licht nennen, existiert also wirklich nicht in de: Außenwelt, sondern nur in unserem Auge. Das Grundclcw.cnt unseres Bewußtseins, di- Empfindung, ist nur ein Symbol dalür, daß in der Außenwelt etwas vor sich geht. Was jedoch vor sich geht, das weiß man nicht, und demzufolge har die «Empfindung auch nur subjektive Gültigkeit. Wohl kann man aus Empfindungsgruppen über tue Be schaffendest der Außendinge die Vermutung hegen, daß den wechselnden Erscheinungen im Subjekt in den Außenaegenständen parallellaufend ebenfalls ein Wechsel der Vorgänge entspricht, Falls nämlich in den Dingen an sich Willkür und Zufall obwaltete, lönnien lvik nicht von ihnen in so regelrechter, rhthmischer, beiiändig sich wiederholender Reibenfolge afiizieit werden. Sb die Gesc^mäßigkeit in den Dingen selbst die gleich« ist, wie die ibrer Erscheinunqen. bleibt eine offene Frage. Wir muffen uns bewußt bleiben, daß der Parallelismus von Denk- und Seinsnotwendigteit nur eine Hvpotbese ist und Hnvathese bleiben wird, so lange der Nöntgensirahl nicht reicht, das Bewußtsein von innen zu Photographieren. Für die empirisch« Wiffenschaft bleibt es natür- Tn Israelit_ lich ganz gleich, ob da«, was wir wahrnehmen, wirklich existiert oder nicht, denn dieser Schein ist für uns derartig organisiert, daß er un« dasselbe leistet, wie die Wirklichkeit. Für jeden Philosophen jedoch, der es sich zur Aufgabe macht, wahre Erkenntnis zu erlangen, muß es äußerst deprimierend sein, sich sagen zu müssen, daß alles auf Schein und Schatten be rukt und den Begriffen ihr realer Inhalt fehlt. Von unbedingter metaphysischer Wahrheit und Gültigkeit kann also keine Rede sein. Wir sind nickt fähig, das Wesen der Welt zu erkennen, und alle Erkcnntnis ist nur wahr in Beziehung zu unserrm Geiste. Jede Erklärung hat nur relativ« Gültigkeit. Unser Denken, Fühlen und Wollen besteht aus nichts als Beziehungen: was wir sind, sind wir nur durch Gemeinschaft mit anderen Dingen. An sich betrachtet, löst sich unser ganzes Wesen in Schein und Schatten auf. Auch sehen wir überall die Grenzen der mensch licken Erkenntnis sehr eng gezogen. ״Willst du wissen, armer Doktor, wie es zugeht, daß deine Arme und Beine deinen, Willen gehorchen, deine Leber aber nicht? Forschest du. wie sich der Gedanke in deinem jckwact-en Geiste vnvrk uno jenes Kino im Muster leibe? Ich laffe dir Zeit, mir zu antworten. Was ist Materie? Deinesgleichen haben zehntausend Bände über diesen (Gegenstand geschrieben; sie traben einige Eigenschaften des Stoffes gesunden, die Kinder kennen sie ebensogut wie du: aber was ist dieser Stofs eigentlick? und was ist der Geist. Len du auf Lateinisch spiritiiM nennst, das beißt ״Hauch", und den du nicht bcffer zu vezeichnen!veißt, wul du eben!einen Begriff von ihm hast? - Betrachte dieses Samenlorn, welches ich auf die Erde werfe, und sage mir. wie es aufschießt, nur einen Halm mit einer Aehre hervorzubringen. Erkläre mir, wie der selb: Erdboden einen Apfel im Givsel dieses Baumes und eine Kastanie an dem nächsten Baum hervor bringt! Ick könnte dir einen Folioband von Fragen vorlegrn, auf die du nur vier Worte erwidern könntest: ״Ich weiß davon nichts." «Voltaire. Dictionaire philosophique.» Niemand wird leugnen, daß durch die Errungenschaften der Nalurwisseuschast für die Menschheit ein großer und bleibender Gewinn erzielt worden ist. Jedoch geht es nickt an, nun mehr alles im Himmel und auf Erden für erklärt zu halten und das ganze Universum an ein Spinnen zcwebc zu hängen. Man bat einige Schritte vor׳ wärt« getan, indem es gelungen ist. viele physikalische und chemische Erscheinungen auf ibre allgemeinen Gesetze zurüctzusübrcn. Doch damit bat man nach lauge nicht das Wesen der Dinge ergründet, ja nicht einmal das organische Leben kann damit erklärt werden. Wenn wir nun erkennen, daß wir rein durch Wissenschaft kein klares Weltbild erhalten und daß alles endailtigc Erkennen Ehimärc ist. so ist es ganz naturgemäß und wissenschaftlich gerechtfertigt, wenn Leit» Nr 7 wir da- ״es ist" m ein .es scheint", dos ״es kann" in «in ״eS könnte" verwandeln. Niemand hat das Recht, un» deshalb in eine Kategorie mit gedanken müden, tatenschlaffen Skeptikern zu setzen, die au» Zaghaftigkeit und Furchtsamkeit zu gläubigen Mnstikern werden. Wenn Relativismus schon Skept! zismus heißt, dann müßten auch Berkelen. Kant. Fichte und Schopenhauer nur Skeptiker sein, und auch Duboiü Reymond'S ״igiiur&bimus*‘. Virchow'« dubitmus“, Höckel'« ״r»״«r>-jsx amuu " würde nichts anderes sein, als die Altweibervorsicht klügelnder Zuriictbaltunx. Wie sehr wir uns auch gegen den ׳Kedanken wehren, wir können unnickt verhehlen daß wir es letzten Ende« mit einer anerkenndaren Substanz zu tun haben. Wie wir uns auch strauben »nd was wir auch dagegen einwenden mögen, wir müssen schließlich die Unerkennbarkeit des absoluten Weltengrundes ,׳,»geben. Was »ns zugänglich ist. ist nur das Innen der Welt, die Bewußtsein« spiegelung, wahrend uns das Aeußere der Welt un ertlärkich bleibt. (Schluß folgt.i Uld$ tun? Ei« Kapitel zu de« Indenrauken. Dieser Tage erschien unter dem Titel ״Juden taufen im 19. Jahrhundert" ein Buck» von Dr. M. Samter «Verlag M. Popvelauer, Berlin», in welchem eine Geschichte der Jüdentausrn im 19. Jahrhundert gegeben wird. Der Verfasser bemüht sich, die Ursachen und Gründe aus.zuzeigen, die den Abfall so vieler Juden — nach den ver schiedenen Schätzungen sind es zwischen hundert un: zweihundert Tausend veranlaßt haben. Er suck: alsdann nach Mitteln, wie der Faynenilucyl in o«: Gegenwart gesteuert ,verden könne. Was t u n? fragt Dr. Samter. Dieses Kapitel ist für uns das interessanteste des Buckes. Die Frage wird in erster Linie mit der Aufforderung beantwortet: ״Lernt das Judentum kennen!" Der Verfasser rühmt in dieser Hinsicht das jüdische Berrinswesen. das sich in der letzten Zeit so lebhaft enrwictelr bat. Besonders viel verspricht er sich von den Mreinen für jüdische Geschichte und Literatur. Wir können ihm kerin nickt beipslickten. Wer wirklich das Judentum kennen lernen will, der hat nickt genug getan, wenn er dann und wann einen Borlrag über jüdische Ge schichte und Poesie und dergleichen anbört oder, wie rer Verfasser wünscht, über solcherlei Gegenstände mit Freunden diskutiert, der muß vielmehr, so wie es die Alten getan haben, in den Quellen studieren. Tie jüdische Poesie und Geschichte ist das am ivenigsten Wichtige. Das ״Lernen" im guten allen Sinne des Wortes tann allein helfen. Denn nur es führt zu dez Ausführung des t.'tesetzes. die, wie der die Mühle zu praktizieren. Es ging soweit alles gut: »»»er Ebef balle sogar die Liedenswürdigkeil. den beiden Frauen zu erklären, baß der Zusatz von' Kalbfleisch die Pasteten zwar etwas trocken mache, doch wolle er sei,, möglichftcs tun. um die nötige Feinheit herzustellen. Allein, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Ein übrig gebliebenes Stück Lchweine'leisck, m״Kte mein «tollege in Pergament papter wickeln und i״S Regal neben die leeren Pudding sonnen legen, da au» Befehl des Prinzipals an diesem Tage nichts ans der Küche geschaut werden durste. Als die Pastete zum Einfüllcn fertig war und die mit Trüffeln sauber gespickten und saulicrlen Fasancnbrüste im Plafond tagen, sagte unser Ebei zu einer der Frauen: ״Ru». Mütterchen, wollen Sie nicht auch etwas zu sich nehmen "־ Sie erwiderte: ״Ich danke Ihnen, Herr Ehest ich habe erst eine Suppe gegessen: aber wenn Sie mir so ein Fasanendrüslchen ver ehren wollen, bin ick nicht abgeneigt." :Natürlich wurde ein solches in Pergamenlvapier gewickelt und der Tame über geben, die es einstweilen in das Regal neben die leeren Puddingsormeu legte, um cs beim Verlassen der Kucke in ihrem Körbchen nnterzubrmgen. Als alles im Schuf! war. wurden die Korde gepackt und abaedampst zu Kommernenrars. Tas Tiner nahm vor schriilsmäßig sriiirn Anfang: aber schon nach der ruvpe kommt Mütterchen atemlos aui unseren Ehe» zugeitürzl mit den Worten: ״Tie Fasanenpaitele darf aus keine״ Fall ser viert n?erde>1!" Ter Ekei war sprachlos, uns Jungen» traf ein vernichtender Blick, doch bald sollte die Aufklärung kommen, indem das Frauchen ihm das in Papier eingewickeltc Schweinefleisch präsentierte, welches sie in der Eile mit der Faianendrust verwechselt haue. Es bedurfte ver ganzen Neberredungskunft de» Ebess. um rS der Mutter einiger maßen glaubhaft zu machen, daß das Fleisch vom Tage;״vor in der Küche geblieden wäre und nur durch die Rach lässigkcit der Jungen» nicht an Lrt und Stelle gekommen sei. Tie Hochzeitstafel nahm nun ihren ungestörten Verlaus und alles klappte großartig. Schließlich war auch nnier Ehe» wieder bei guter Laune. »achdein ibm der Herr Kommerzienrat neben einem inrstlichen Trinkgeld das beste Lob anogcsprochrn. י»ו«ז1י׳י1זיי»':״ die Faianenpastele," sagte er, ״war so vorzüglich, wie ich ne selten gegeffen bade." " Eine nette Moral! Herr Heinrich W. und der Redakteur des ״Lrgans de» Verbandes der bentsche» Köche" scheinl ,Ich gar nicht daran zu stoßen, daß es ein empörender^ Ver tranensinißbranch ist, der hier im Tone der ödesten Selbst geiälligkeil enlbülli wird. Rein. sie niachen »ich noch oben brein darüber lustig, daß üe dem Herrn Komiuerzicnral und den anderen aus rituelle Kost re'leklierendcn Festteil nebmern ein Schnippchen geichlagen baden. Welch ein Helden stück! Wahrlich, »'andere Herren das! Rothschilds und die Trennung von Staat und Kirche.! Ter Marguis Eosta de Beauregard. Mitglied der Fr1׳,zoü׳'cken Akademie, bat einen genialen Eebanke.i gehabt, wie das von einem ״Unsterblichen" nickt »vnnder nekme» kann. Er ist einer der «Gründer des ״Ecntime du Elerge", einer Sliilung. die es »Ich zur Ausgabe niachl. das Eebalt für die Geistlichen durch öffentliche Sammlung aus .zubringen, sobald die Uebergangszeit der Trennung von Staat ״»d Kirche voruvrr ist und der Staat nicht mehr zahl» Nicht diese Stiftung ist der geniale Gedanke. Tiefer besteht viclmchr dann. die Rothschild« bei der Sam», lung mit beranznziebe». Ter Marguis Eosta hatte sich einem Redakteur des ״Figaro" gegenüber sekr hoffnunq-srendig ausgesprochen Jetzt aber richtet er an den ״Figaro" einen betrübten Brie». Tic Rotbichilds wollen nrchl. ״Ick bane", schreibt der Maraui«. ״von der Generomäl der Baronin Rothschild gesprochen. Es ging in der Tat das «*erricht in Paris, daß üe dem Bischo» von Meaur »«eriprochen bade, ihm jährlich die Summen zur Verfügung zu stelle», deren er für den Unterhalt seines Klerus bedarf. Ich erfahre so eben, daß es nichts damu ist. und ich beeile mich. Sie zu nnterrichlen." Ferriere«. die Rotdichild »che Herrschaft, liegt »m Sprengel des Biichor« von Meaur Was war einfacher, als daß die Baronin Rothschild dem Bischo» zu Hilie kam' Ader der Wokltatigkettsünn der Rothschilds »'cheint doch Grenze» zu baden. Es bleibt aber ein sehr niedliche! Plan, die Unkosten »ür die Erhaltung der katholischen Kirche Mil an» die Rothschilds abzuwalzen. Run müssen ück ..unsere armen, eniblößien Priester", wie Eosta sich ausdrücki. schon an den Eifer und das Mitleid der Katholiken wenden!Hebräische Inschrift.! Wir erhallen folgend« Miitelluiig: ״Unier dem Kennwort ״Hebräische Inschrift" ver o'fentllchlen Sie lungn einige Zellen, die an einrni alten Hause entdeckt wnrden Vielleicht dürste es interei'sire». von einer ganz ähnlichen Inschrift Kenntnis zu erhalten, dir vor Jahre» über dem Tborbogei» einer alten halbverfallenen Mühle in Mlttelbentschlanp gesunden ivurde. Tie Sache wurde damals in den jüd Blattern besprochen und da die Inschrift sachlich und sprachlich von Interesse ist. ist >>e mir im Gedächtnis geblieben Sie lauiet: C1 •!•••* mm«« U 4 > U m , *Sw* ובקש כין השדים שאל יאכלהו אש הדים יאל יה > י «w m *P " < Ter Spruch legt ein so beredtes -Zeugnis kon der l׳.ese»t Religiöüiät des Besitzers jener Muhte ab. daß er ver Vergeffrnheit entriffen zu »verden verdtent. L n. ,