Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 6 (8.2.1906)
- Date
- 1906-02-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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*. Februar HKKi. *י{« mit eigenen Augen sehen durfte. Dieses Prinzip der Ausschließlichkeit beherrschte auch die Gemeinde selvst, nachdem das ״Iudengesetz". doch nein — das besetz über die Rechtsverhältnisse der ״Israeliten" — vom Jahre 1890 in Kraft trat. Von der Dahl eines Vorstandes konnte man eigent!ich gar nicht reden. Das an ihre Stelle gesetzt wurde, das war eine Art rerlappter Kooptation, die durch eine besondere Clique vermittelt wurde. Dieser Vorstand, wie er ohne Fühlung mit dem Volke und ohne Beteiligung des Volke-! hervorging, hat auch ohne jedes Verständnis für dessen Bedürfniste und die Anforderung des Judentums seines Amtes gewaltet. Und so trat dasjenige ein, was man in Oesterreich öfter erleben soll — der Vorstand hat seine Gemeinde einfach ״zu Tode regiert". Die Gc׳ meinde wieder zog sich auf eine Art Standpunkt ״passiver Resistenz" zurück, betätigte somit ein Prin zip. längst bevor es in die Welt gesetzt war. Bekanntlich hat ja Oesterreich auch diesen Begriff geboren, während man anderwärts bloß den schlichten, tleinvürgerlichen Streit kennt. Man zahlte zwar seinen Obolus an (Gemeindesteuern. Aber wehe, wenn der Versuch unternommen wurde, denselben irgendwie zu steigern. Ta gab es keinen Pardon! Man stellte den Vorstand vor die Wahl: entweder behält es bei dem bisherigen Zustand sein Bewenden, oder wir präsentieren dir den Taufschein als Quittung für die erfolgte Ablösung auf ewige Zeiten. Nun stiegen -!der die Bedürfnisse der (Gemeinde durch ven starken Zustnrm mittelloser Elemente von Jahr zu Jahr bedeutender, die Wobltätigkeitsanstalten stellten größere Anforderungen, trotzdem der Haus׳ knecht weidlich das Seinige tat. um den Herren den Andrang vom Leibe zu halten. Die Beerdigungen können schließlich auch nicht sistiert werden, so lange **»ין lobe beiift. bem nun einmal so ist, muß man ja auch einen Gottesdienst unterhalten, für die mwora!,Ivb» an Wochentagen zum Kaddischsagen. und für die ״Hochgeborenen". ״Seelenfeiern", bei denen es nun einmal feierlich ,zugehen muß. und das kostet Geld, erbärmlich viel Geld — die besten Kräfte vom Theater sind einem da kaum gut genug. Alle weiteren Ausgaben der Gemeinde sind kaum der Rede wert, denn Iugendunterricht, oder gar Thorastudium, Förderung der jüdisaien Lehre und!Hirt Junger, uuii gar die spezifisch religiöse Institute des Judentums, das sind hier vollkommen erotische Begriffe. Die also konnten das chronische Desizit im Gemrindehaushalte nicht verschuldet haben. Was nun anfangen? Woher das Geld nehmen? Man wird einfach sagen, es einfach dort herholen, wo es zu baden — bei den Reichen. Allein, hier fehlte selbst der Mut zu einem Versuche. Lichtete doch die Taufe deren Reihen ohnedies von Tag zu Tag. Stand da nicht zu befürchten, daß der Versuch, die Steuerschraube anzuziehen, das bisherige bürgerliche Tempo zu einer Maffcnflucht steigern werde? Man versuchte es also auf dem Wege eines Kompromisses. Die Höchstbesteuerten übernahmen einen höheren Steuerbeitrag und forderten dafür für sich allein 12, sage 12 Sitze tm Vorstande und daneben noch das virherige Wahlrecht bei den übrigen 24 Vorstehern. ״Höchstbrsteuert" für jüdische Zwecke fühlt man in Wien sich bereits, wenn men 400 fl. jährlich der jüdischen Gemeinde zuwcndet. Dieses Gefühl kommt selbst bei solchen Leuten zum Durchbruch, die ganz ohne den mindesten Schnierz zu verspüren, denselben Betrag sich leisten, um ihrer Familie einen Theaterabend — oder ein Tanzvergnügen zu leisten. — Dieses ZugeständniS war ,׳doch für die Gemeinde als solche von den verhängnisvollsten Folgen begleitet. Ihre Angelegenheiten waren damit vollständig Männern überantwortet, die, was ihre Person betrifft,^mit einem Fnße, was ihre Kinder betrifft,, zum ^eile bereits mit beiden Füßen außerhalb des Judentums stehen. Diese höhere Kurie bat seitdem -ine Art Seldstfterrschaft in der Gemeinde ausqeübt. Bei ihren 12 Sftmmen fehlt es ihnen jedesmal nur an 3—4 ״Jasagern" und sie können machen, was sic wollen.^ Bei der Neigung der Juden, sich am Geld zu reiben, konnte es ihnen daran nie fehlen. In Wien gibt es seft jener Zeit nur noch eine Art Karrikatur eines Vorstandes. Oefsentlick« Sitzungen gab es früher von Zeit zu Zeit, die hörten nunmehr ganz und gar auf. Um jedoch das Publikum d«2 Ter Israelit Sette '}Ix <; I <utrn Glaubens zu erhalten, veranstaltet man solche mir man höre und staune mit der einzigen Tagesordnung der auslauschenden Welt die ringe gangenen Spenden und Widmungen von 10 Kr. auf wärts mitzuteilrn. Selbst geheime Sitzungen wur den von nun ab etwas ganz Außergewöhnliches und im Grunde Ueberfliissigec-, da doch ohnehin nur da» durchging, was der oberen Kurie genehm war uno das konnte inan auch auf viel lürzerem Wege erfahren. Die Apathie innerhalb der Gemeinde wurde nun noch größer. Selbst die stärksten Agitationen tonnten nur einen schivachen Bruchteil von etwa 8 bis 10 Prozent der Wahtberechligten auf die Beine dringen. Die Orthodoxen in Wien, die ohnehin zu den ärmeren Volksschichten zählen, waren von demselben fast gänzlich ausgeschlossen. So kam es, daß sie für den Vorstand einfach als ״Lust" aalten. Schon seik einer Reihe von Jahren arbeiten sie mit den erdenklichsten Anstrengungen um den Neubau einer Mikwoh durchzusehen, ohne die Sache auch nur uni Haaresbreite vorwärts gebracht zu haben. Die vorhandene Mikwoh zeigt einen Zustand einfach schauderhast. Dem Umstande ist es zuzuschreiven, daß hier in Wien kaum 5 Proz. aller Frauen dieser heiligsten ihr»! Pflichten Nachkommen. — In diesem mehr als patriarchalischen Zustand hat nun Herr Meisels mit seinen Vorschlägen zur Verbesserung d«S Wahlrechtes hineingeleuchtet. Ihr Durchdringen würde zunächst die Orthodoxie aus dem Zustande lähmender Knebelung, in dem sie sich bisher befunden hat, befreien. Wenn das allgemeine Wahlrecht hier zu Lande den Grundzug des politischen Lebens ab geben wird. — woran meines Erachtens kaum zu zweifeln — so werden auch die Stacheidrähtr, welche um die Gemeindestube gezogen sind, über kurz oder lang, fallen müssen. Vortkbläae »ur Weiorrn des Wnhlrfrfitf« für die israelitische Kultusgemeinde Wien, von «. Meiscls. Cb mann des Vereines Machsike Hadalh ll. Cb. Augarlenstr. 40. Tie Frage des Wahlrechtes beschäftigt gegenwärtig wie kaum zu irgend einer -feil das ganze Interesse des politische» Lebens. Tiefem Umstande ist es wohl auch zu danken, dag über Anregung der Vertretung des II./XX. Bezirke» sämtlich« Bezirkskommissionen veranlaßt worden sind, diesen Gegenstand in Beratung zu ziehen. Indem ich hierdurch meine Vorschläge den verehrlichcn Bezirkskommissionen bezw. Bereinen zur geneigten Erwägung mir zu unierbreilen erlaube, halte ich mich zugleich verpflichtet. sowohl die mir dabei matz ״»h<>nh»0 ״z»ü4,f»n»nkt,׳ in kürze annifübren als auch die Gründe anzugeden, welche mir die bisher nach der Richtung ausgetauchten Vorschläge als unannehmbar erscheinen lassen. In einer Zeit, in der das altgrmeine Rechisdewutztsei» so weit gediehen ist, datz es nicht wie bisher das Wahlrecht in die politischen Bertretnngskörper des Staates an materiell« Leistungen von auSi'chlietzüch einer bestimmten Ka:egor׳> knüpft, kan» es kaum irgend einem -)weiset begegnen, datz da« Wahlrecht i» den Vorstand der israelitischen Kultus gemeinde nicht von Gesichtspunkten niederer Art und ge trüdteren RechlSdewutztsein» getragen!rrn darf, tttn Wider streben wäre autzerdem hier ganz verfehlt und mützle not wendig »ur zu Versuchen führen, dasselbe aus dem Weg« des polilische» Kampfes zu brechen, dessen siegreicher Aus gang kauni zweiselhast erscheinen kann. Andererseits sollen aber auch die Grundsätze der Billigkeit nach oben hin nicht auher Acht bleiben. — Tie» vorausgeschiekt. erscheinen mir die bisher ausgetauchten Vorschläge nicht annehmbar, weil sie: a> einen allgemeinen und durchschlagenden (tzesichtspunkt vermissen lassen und daher nur zu neuen Reibungen führen miiüte». b/ weil der Vorschlag von bezirksweisen Wahlen den ganz zufälligen Umstand des örtlichen Wodnnqes zu einer prinzipiellen Bedeutung erhebt, der ihm keineswegs zu kommt, und autzerdem für geeignete Kandidaten auch bisher au« diesem Umstande kein ersichtliches Hindernis herzuleitrn war. r.) weil der aut Einführung einer odligatorischen l" K Steuer und die damit verbundene Erweiterung de» Wahlrecht» abzielende Vorschlag autzer Acht lätzt! I. datz die Eintreibung dieser Steuer eine grotze Zahl von Erekutionen erforderlich machen wird und zwar gerade in jenen Schichten der Be völkrrung, die auf wirtschaftlich: Schonung br sonderen Anspruch haben, •*. daß die Kosten dieser exekutiven Eintreibung die Eingänge der neuen Steuern fast verschlingen dürsten, :t. datz. diese Rkatzregel, welch: in erster Linie ans die Erweckung von Interesse an den Angelegenheiten des Judentums in den dabei in Betracht kommenden Brvölkerungsschichten abzielt, ganz dazu avgetan erscheint, diese mit BerbtUeruug gegen dasselbe zu erfüllen. Wenn dem gegenüber dennoch di» Verleihung des Wahlrechles in die jftillu »gemeinde an alle jene Personen männlichen ltzeschlrchte». die im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte, da« 24. Lebensjahr zurückgelegt habe., und 2 Jahre in Wien ansässig sind in Vorschlaa gebracht wrrd. ohne Rücksicht aus eine Leistung an direkten Steuern, so geschieht die« in Erwägung der Tatsache, datz dieselbe,! fast durchgehend biessallige Leistungen «ndirekler Vaiur ausz» weisen habe» und zwar; aj sieüge, bezw periodisch wiedrrtehrendr 1. durch de» Verbrauch de» rituell qefchlachleku Fleische» und der Csterdrote. 2 durch die Benuizung de» Riluaidades. durch Erstehung eine» Sozes «n eine», Gemeinde dezw. Verrmsbelhause. 4 durch Milgliedsbrilräge für einen der zahlreiche, humaniiaren.Gegense>t>gkeil» .GeselligkeiiS .wisse» schasllichen und »aiionale» Verein«, •V durch Verabreichung von Svnagogenspendeu g« iegenilich der wochenlagige» Goilesdiensl« mnrgen« und abends. di einmalige Leistungen durch Erlegung der vorgeichriebeneu Taren bei: I Beerdigungen, 2. Beschnetduiigen. Trauungen. 4. Ehescheidungen beziehungsweise Ebalizoih. •V Religionsprüsungen Diese Auswendungen repraseniiere» »! ihrer Gesamt heil eine bedeutende Leistung, denen gegenüber die Enlrich tung einer!0 Kr. cteuer »n direkten» —lege kann» nennen« wert ericheinl. Es liegt jedoch in der koiijeqneiiz dieser Gesichispunkie das Wahlrecht für die laufende Wablz>erivde allen >enen Personen zu versagen, welche eine Unterstützung in Baaren! beziehungsweise «!!» otraiisleistung seile»» bn Kultiisgemeiiide in Anspruch genommen haben. Ans diesem Wege dürste auch am wirksamste» dem Unfug, der mit der Inanspruchnahme von GraNslessinn.zen aetrieben wird, gesteuert werden. Andererseits steht zu erhoffen. datz dr: aus der Wadldeieiligung dieser Kreis» hervorgehenden Vor steber. wenn sie erst in den Haushalt der Gemeinde Ein blick gewonnen haben werde», selbst für die geeignete Heran ziehung ihrer Mandaigeber zu de» Lasten der Gemeinde tinirele» werde», was alsdann ohne »ruf irgend einer Seile einem Widerstande zu begegnen, vor sich geben wirb In den Gesichtspunkten dieser Äorichläg« schein! es andererseits begründ,l datz diejenige», welch« durch ״am haste lausende Sleuerleiilungr» einen großen Teil der esse! tivrn Baarerforder nisse der Gemeinde aufdringen. Gelegen heit gewinnen. d«e sinanzielle Gebahrung der Gemeind« zu überwachen Tie Einräumung dieses woblbegründete» Reckites. bars!«doch keinesfalls dahin fuhren, den Vertretern X•«{*.. an __ ui - -x* ״ -'S. v: - r.. . v:. »•»|V4 Mwyui|14uf’f4׳ •OISIIIUJII lil»4utuu«mu, VIC (IC ut VI( Lage versetzen, in allen im Vorstand« obschwedenden Fragen den Ausschlag zu geben, beziehungsweise denselbeu leichthin majorisieren zu können. Audiesem <*n,»b« scheint es mir »amenilich in Ruck sicht auf dir grotze Zahl der neu hinzutretrnden Wablberech tigien angemessen dir Anzahl der Vorstandsmandate aus 4h zu erhöhen und zwar dergestalt, datz 40 aus die allgemeine. H aus die Kur,e der Höckttbesteuerlen entsallen. die ihrerseits aus die Ausübung eines Toppelwablrechtes zu verzichten hatten Ter in Vorschlag gebrachte BerteilungSmodu? der Mandate war von dem Gestchlsvunkte eingegeden, datz die Bildung einer t int /mrh hi» lyr besteuerte» 1m Prinzip« für alle Fälle möglich gemacht werden müsse. Aus der 'Verwirklichung dieser Vorschlag« ist mit größter Sicherheit die Wiedererwachung des Jnteressrs an den Angelegenheiten der Gemeind« wie de« Judentum« in alle» Schichten, der jüdischen Bevölkerung oben und unten, zu gewarltgen. Indem ich in eine wohlwollende Prüfung meiner Vorschläge cinzutreten bitte, zweifle ich nicht, daß dieselbe die Juftiminuiig Ihre» geschätzte» Kollegium» finden werde». Ich dttte daher dieses Schriftstück von sämtlichen Mitgliedern Ihres gesch. Vorstand«» unterzeichnen und es alsdann dem Kullusvorilanbe vorzulegrn und von dem ge schebenen Schritte niich gest. verständigen zu wollen Hocha.chrungsvoll S Meisel» 111., Radetzkvstr Rr ■i Budapest. 1. Febr. Auf Grundlage des neuen Organisationsstatutes findet am (1. Februar eine ״orthodoxe Zentralkom missions» <?! 4. .. .. Ts - 4L ׳T»«• r. fx rr:1».n41,1 .״״ Sitzung!tuu. x-lrsr nummiiuun vx\mn uus zehn weltlichen und fünf rabbinischen Mitgliedern. In dieser ersten Sitzung erfolgt zunächst die Kon stituierung im Sinne der neuen Verfassung. Außer dem werden die Präsidialberichte über den Stand der Angelegenheiten in moralischer und Wirtschaft licher Beziehung rntgegengenommen. Diese Zentral׳ kommission wird sich nun auch ganz ernstlich mit der Schaffung eines ^lensionsinstitutes für Anaestellte der KultuSgrmeinden beschäftigen und auch eine Norm zur Erhaltung der Ieschibos fenstrllrn. llrver die meritorischen Beschlüsse, die in diesen Beratungen gefaßt werden, werde ich Ihnen demnächst berichten. Rabbinrrwahl- — Ein vereittlier Mäöchrnrauö. -Bo» unterem Korrrtvondentrn.) Krakau, 5. Febr. Am 2. d. MtS.. abends, fand eine ver sammlung der (KesetzeStreuen statt, um über die Kandidatur für die Rabbinerwahl zu bt raten. Unter den verschiedenen Bewerbern wurl-e die Auswahl von folgenden fünf getroffen, welch« dem