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Der Israelit · 1906-02-01 · 5 (1.2.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
5 (1.2.1906)
Date
1906-02-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Feuilleton - Beilage zu Nr. ö öes ״^sraclit“ X* y.k X X X X X X X X X X X x ^Xx.xxx.x XXX X XX X X > X X X X x:/V X X xlx X XXXx X X X־ Imoi II. $t1inli(1« in Drr ZniltiMist. [י־ Vo» Arthur Kahn. Nachdruck oerdolcu Wenn wir zu den oben erwähnten, inneren und äußeren Vorzügen Jointof Schiffs, wie auch seiner vornehmen Herkunft vom Priesterstamme hinzufügen, daß er zu alledem auch noch einer der fünf Gemeinde Vorsteher war. so sind seine besonderen Fähigkeiten zu letzterem Amte schon gekennzeichnet. Gin Gemeindeoorstehcr muß sich immer durch irgend etwas vor den übrigen Sterblichen auszeichnen. Es kommt allerdings, wie oft im Leben, nicht immer daraus an, was einer ist, sondern zu sein scheint, was den Menschen Respekt einflößt. Außerdem, daß er als rechtschaffener und religiöser Mann bekannt war, mit der Absicht umging, seinen Wohnsitz nach Frankfurt zu verlegen. Selbstverständlich konnte ein Mann wie Jomtof Schiff nicht in so kardialer Weise mit dem sozial tief unter ihm stehenden Schuster verkehren, wie Iekefchen Geisenheimer, der ja auch ein ehemaliger Schul kamerad desselben war. Auch widersprach es der Würde des Parnes und künftigen Stadtrats, in so vulgärer Weise Fußgebrechen zu besprechen, die so wenig Rücksicht auf diese Würde nehmen. So hatte denn auch das Zwiegespräch zwischen Schiff und Berez ein; ganz andere Tonfärbung als jenes, welch.'s Tags zuvor mit Ieieschen stattgefunden hatte. Während Berez vermittels eines Papierstreisens das Maß nahm, Ixgann Schiff seine Anrede: ״Berez, ich halte viel auf gutes Schuhwerk und kommt es mir daher auch auf einen Gulden mehr gar nicht >n. Richt nur schön von Ansehen, sondern auch bequem zum Geben muß es sein. Der berühmte Schuhmacher Sohlengänger in Frankfurt, der für den Herzog von Nassau und den Kurfürsten von Hessen arbeitet. Kat mir auch einmal ein paar Schastensttefel gemacht, sehr, sehr teuer; aber, ich ging darin wie in Sammet. Ich vertrage niemals einem jüdischcn Handwerker mein Geld; daker komme ich zu Euch. Das ganze Jahr nur bei Euch getragene Schuhe sohlen und flecte», bei Euren Konkurrente» 1 eue machen lassen, geht wider meine Natur. Nur cineS muß ich tadeln, nämlich bisher hat noch kein Schuster in der ganzen Stadt meinen Frostbasten auf der großen linken Zehe genugsam beachtet. Das galt er auch als sehr wohlhabend, etwas, was jeder-!"*׳ die einzige Stelle an meinen Füßen, an mann sein muß. um zu einem Ehrenamt geeignet zu erscheinen. Das wäre aber auch ein netter Parnes gewesen, der, wenn auch religiös und ehrenhaft, und trotz seiner imposanten Figur, ein armer Schlucker gewesen wäre. Man sost aber deswegen auf die Leute, die sich ihre Vorgesetzten im Rathaus oder in der Synagoge nach eigenem Ermessen nach den hier genannten Erwägungen erwählen, keinen Stein werfen. In ihrer Wahl stectt ein Stück unbewußter Humanität. In welch); peinliche Lage geriete solch ein Vermögens׳ loser Borstand in der Ausübung seiner Machtbe fugnisse! Ter Schammes (Shnagogendiener) würde seinen Anordnungen schwerlich Folge leisten. Lehrer und Vorbeter würden, anstatt zu ihm hinauf, sicherlich ans ihn herabblichen, die Gemeinde würde ihn über- Haupt nicht beachten. In den Vorstandsberat,inoen würde er wahrscheinlich mit seinem Veto stets unterliegen. Wie sich der Rabbiner zu dem Vermögenslosen, deshalb auch nichts vermögenden Parnes stellen würde, kann man so lange nicht beurteilen, als ein Präzedenzfall nicht vorliegt. Wenn also in den Vorstand einer ordnungsmäßig verwalteten Gemeinde ein kluger, gebildeter, braver, religiöser aber irdischer Glüäsgüter barer Mann nicht gewählt wird, so liegt dies in einem unbewußten Humanitätsgefühl der wahlberechtigten Etemeindemitglieder. Offenbar schlecht man davor zurüch, den Synagogendiener, de» Vorbeier, den Lehrer und Rabbiner in die reinliche Lage der Gehorsamsverweigerung und sonstiger Folgerungen zu versetzen. Der besitzlose Parnes ist nur in Bebels Zukunftsstaat möglich. Bis dahin wird es überhaupt keine Parnosim mehr geben. In der Gegenwart braucht uns aber das Bild eines solchen ״armen Parnes" nicht zu bcunruhigen. Es ist eigentlich überflüssig zu bemerken, daß einem Mann wie Schiff, der nicht nur im Priester-, sondern auch im Dorstandsrange stand, es nicht gleichgültig sein konnte, wie der Kothurn beschaffen war, auf welchem er sowohl in der Synagoge als auch in den Gassen des Städtchens einhrrschriti. Jomtof Schiff hielt stets viel auf seine äußere Erscheinung; auch in Rücksicht darauf, daß seine christlichen Mitbürger nicht abgeneigt schienen, ihn demnächst zum Stadtrat auszuersehen, eine Auszeichnung, für welche sich schon bedenkliche Erscheinungen wahrnehmhar machten. Man hoffte dadurch, den wackeren Bürger fester an seine Vaterstadt zu fesseln, da er der ick nichts vertragen kann. Merkt Euch daher -.:!eine lrnte. große Zehe. Berez, die muß Raum hoben ״ Jomtof mochte eine Kunstpause, wie Volts redner solche zuweilen mackxn, um den Eindruck frincr Mahnung zu vertiefen. Tann fuhr er fort: ״Wir haben gar schlechtes Straßenpslaster, wogegen ich sehr empfindlich bin. Daher muh ich Doppelsohlen tragen. Also Doppelsohlen." ״Doppelsohlen," bestätigte dieser und Schiff schritt würdevoll von dannen. Drei Tage sväter nahm Berez die neue Arbeit in Angriff Der Ertrag aus der vorher verrichteten Fli.karbeit reichte aus. um für die folgenden Tag« sich ganz und gar der Neuarbeit hingeben zu können. Frohgemut saß Berez auf seinem dreifüßigen Schemel und arbeitete mit großer Sorgfalt; nur daß er Irkefchens rechtes Hühnerauge mit Schiffs linkem Froilvallen mehr und n,ehr verwechselte. Dieser Irrtum ward dem armen Berer zum Verhängnis. Aeußerlich sahen beide Stiefelpaare nett und solide gearbeitet aus. Es war daher auch ganz verzeihlich, daß Berez. gravitätisch einherschreitend, seiner Hände Werk nicht geraden Weges, sondern auf mancherlei Umwegen, ihren künftigen Besitzern ins Haus brachte. Frohgemut, wie er seinem Tageswerk oblegen hatte, begab sich Berez am Morgen des Schwuosfrstes (Pfingsten) ins Gotteshaus. Gebetmantel und Gebetbuch untern Arm geklemmt. den mächtigen Zhlinderhut fest in die Stirn gedrückt, schritt Berez neben seiner Sprinz und seinem Sobn Koppel über die Straße. Tiefblau wölbte sich der Himmel über die Erd». Heller Sonnenglanz verklärte die finstere Gasse, dieses die Welt verunstaltende Werk von Menschenbänden aus einem paradiesisch schönen Stückch-n Erde. Bon der nahen Akazienall« strömte ein süßer Duft Herrin in dir Gasse, ein milder Luftzug vom Rhein führte den feinen Grasgeruch der Bleiche in dic offenen Fenster. Von dem Dachgesimse der Synagoge flogen zwitschernde Schwalben von ihren Nestern durch die Lust, bald dem Boden nahe, bald die Dachfirstrn streifend: zanksüchtige Sperlinge trieben sich an den Gossen herum. Von allen Seiten kamen festlich geschmückte Männer, Frauen und Kinder, um den Vormittag in dem mit Blumen, Kränzen oder Bäumen ausgeschmückten Gotteshaus zu verbringen. War doch der Gottesdienst an diesem schönen Feiertage ganz besonders ftstlich: am Schwuos wurde den Kindern Israel die heilige Lehre am Sinai verkünd«'.. Kein Abschnitt in den griechischen Helden gelängen, iveder die Iliade noch die Odyssee, haben an ihren schönsten Stellen poetischere Bilder »nv schönere Gedanken aufzuweisen, wie jene färben prächtigen Einflechtungen in die Morgengebete dieskv Festes. Um nun die vergangene Zeit nicht etwa auf Kosten der Gegenwart herauszustrrichen. muß hier ehrlich zugeskandrn werden, daß nicht die wunderbare Poesie der hier erwähnten (siedete oder Erklärungen allein die jüdischen Bewohner des Städtchens ver anlaßte, in so reicher Zahl in die Synagoge zu wan dern. Wie zu jeder anderen, und es auch in noch kommenden Zeiten sein wird, sind es nur die wenigen geistig Bevorzugten, die sich in den erhabenen Inhalt und seine poetische Form vertiefen, was ihnen der Gottesdienst darbot. Viele Leute, besonders der lveibliche Teil der Andächtigen, wollten sich in ihrem neuen Staat zeigen, manche, und nicht wenige, sich nicht nur bewundern lassen, sondern auch wirklichen Neid erregen. Wieder andere wollten wirklich an dächtig sein, den schönen Gesängen lauschen und tel-xr initsingkn, und ein anderer Teil war auf die Fest predigt gespannt. So verschiedenartig auch die Motiv« sein inocb'en. im Grunde genommen war es doch eine frohe Festtagsstimmung. bar der Arbeit und Soigcn des Alltagslebens, welche die Menschen ins Gottes Haus zusammenführte. Im Bewußtsein seiner doppelten Würde als Vorstand und Priester schritt Jomtof Schiff. o-!m Kopf bis zu den Füßen neu gekleidet, neben sein c in Sammet und Seide strahlenden, noch jugendlichen Gattin her. Heut« sang er in Gemeinschaft mit anderen Genossen aus dem Priesterhause Aaron, den Segen über die Gemeinde im Besonderen und über Israel im Allgemeinen. Für Jomtof Schiff war es von jeher »in feierlicher Augenblick, wenn der Bor beter die Stelle markierte, welche die Bitte enthielt: ״O. führ« die Priester wieder in ihren Dienst." Dann verließen die Kohonim ihre Sitze, begaben sich in ein Nebengemach, zogen dort ihre Lederschnke ab, und Filzschuhe au. ״Ziehe Deine Schuhe von Deinen Füßen, denn der Ort. an dem Du stehest, ist b.'ilig." Dies etwa ist der Sinn, die Schuhe hier abzuleqen. Kamen dann die Priester so zum Segenspenden vorbereitet in das Gottesbaus zurück, so traten ihnen am Fuße des Altares die Leviten mit dem großen, silbernen Waschgefäßr entgegen. Einer hielt dir mächtige Plitte, ein anderer goß Wasser aus dem vokalförmiaen Behälter über die Hönde der P»׳»st»r, der Tritte hielt das Handtuch hin. Es war auch in der Tat ein feierlicher Anblick, wenn Schlome Lorch, ein Levite, ein Mann mit einem prächtigen schwarten Vollbart, das Waschbecken bochhielt, Maier Levy, ein Aristokrat von Gestalt. Wesen und G« sinnung, angesehen bei Hoch und Niedrig. demutSvoll im Dienst als Levite. daS Wasser über die Hände der Priester goß. Als dritter Levite hielt der stein׳ reiche, stolze Moritz Seckel, seinen Hochmut beugend, den Priestern das Handtuch hin. Die einzige Handleislung, die der Millionär je im Leben persönlich an im Rang und Ansehen tief unter ihm stehenden Leuten verrichtete. Im Dienste der Synagoge standen die Priester über den Leviien, wie dieses vor der Segen׳ spenduna vor den Augen der ganzen Gemeind« be tätigt und bestätigt wurde. Und bei diesem Anlaß mußte Seckel diese Rangordnung anerkennen, trotzdem er das Haupt der Gemeinde repräsentierte, während Jomtof Schiff nur erst dritter, unter fünf. Borstehern war. Noch ein anderes mar es, was Schiffs Selbstbewußtsein heute noch erhöhte. Er hatte eine schöne Baßstimme, auf dir er nicht wenig stolz war. Beim Duchan (Priestersegen) war ihm eine überaus günstige Geiegendeit geboten, seine Stimme zur Geltang zu bringen, und diese Gelegenheit benutzte er durch Aus debnung einiger Takte, die er durch eigenmächtige Fermaten*) noch auidehnte, in reichlichem Maß«. ES gab sobald keine zweite Gemeind«, in welcher der Duchan in so feierlicher und Andacht erweckender ד -ntt-punki, low«» WfttSn«»ru1m t*4 Ion»• Mm Oktana, ük.tboup« in der Musik.

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