Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 5 (1.2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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iWr. ©et« 14 Ter ^graetit. t. g-ebruat 1906 entgegenklingen: ״Es schwindet die Weisheit der Weisen, der Verständigen vielgepriesene Einsicht ist verdunkelt." In Trümmern liegen die Reiche, die für die Ewigkeit gebaut schienen, in Staub gesunken die Denkmäler, mit welchen die Fürsten ihren Ruhm den spätesten Nationen lünden wollten. Was früher als Weisheit bet Großen galt, von der gläubigen Mitwelt angestaunt wurde, erkannten spätere Zeiten in ihrer ganzen Hohlheit bildeten neue Sätze des Glaubens und Wiffens, die — oft wie schnell! — dem gleichen Schicksal verfielen. So ziehen sie über die große Schaubühne der Weltgeschichte. Gaukelspiel wird dem rückschauenden Blick, was einst als Großes, ewig Sieghaftes bewundert wurde. - Wird deshalb die Betrachtung der Vergangenheit, die Erkenntnis der Schwäche der Menschen, ihre Ohnmacht Dauerndes zu gründen, wird diese tausendfältig entgegenströmende Lehre uns Niederdrücken, oder gar verzweifeln machen an der Menschheit Zukunft, dem Fortschritt der Kultur? Mit Nichten! Aus dem Brausen der Wogen der Zeit klingt es uns laut entgegen: ״Mächtig in der Höhe ist allein der Ewige." Ein ewiges Strömen, Streben und Mühen vorwärts zu kommen: das kündet die Geschichte! Und nur die haben vergebens gelebt, die der göttlichen Führung vergaßen, die einen neuen Boden ihres Denkens und ihrer Macht zu schaffen glaubten, fern von Gott. Ihr Geschick ist ein warnendes Beispiel, eine Lehre für unser eigene- Tun. Der aber bat im wahren Verständnis den Blick sich geschärft, ver vernimmt das Rauschen des göttlilben Zeitenwindes. wie er einst brach die Eedern der Vorzeit, erzittern ließ das Libanon wogender Bäume, die rauschen und künden tonnten von dem Einst des israelitischen Volkes und den Schicksalswenden vergangener Rationen. Aber Weihe, feierliche Ruhe herrscht in Seinen Hallen, dort, wo ruhen die Waffen des Kampfes, wo verschwunden des Gebens Wechsel, dort, wo flüsternd alles den Gedanken an Ihn ausspricht, den Lenker der Geschicke. So finden wir uns wieder zum Frieden zurück aus dem Wirbel der Welt, so fassen wir Mut inmitten der Enttäuschungen, welche die Geschichte uns zeigt, so erkennen wir Ihn wieder, der über der Sintflut gethront, da aller Lebensodem erstickt wer den mußte, damit wahres, warmes, lebrnswertes Leben wieder erstehen konnte, Er, welcher ist und bleibt Herr der Heerscharen. Das lehrt die Geschichte der Völker, das lernen wir aus ihr, die wir die Rückschau über die Zeiten der Vergangenheit halten. — Aber das einzige Volk, dein dieses Bewußtsein vom Werte seiner eigenen Geschickte niemals gefehlt hat, das den Gott der Geschichte als den Lenker keiner Geschicke stets erkannt, es ist unser Volk. Israel! ..Gedenle der Tage der Vorreit, suchet zu begreifen die Iabre der Geschlechter", :st eines der letzten Mahn׳ wone unseres großen Lehrers; im Gedanken und Vorbild der Vergangenheit mutig in die Zukunft schauen! Wo können wir uns besser kräftigen und in unserer Lebensgesinnung heben, wo trefflichere Rüstwafsen finden für den Lebenskampf, als in den Schatzkammern unserer Geschichte! Bietet sie auch nicht viel Glanzpunkte nationaler Siege, kriegerischen Heldentums, war auch die Zeit nur kurz, in der Israel als Volk unter Völkern auf dem Boden eigenen Landes wetteifern konnte, lang aber die Zeit der Verbannung für Israels zerstreute Scharen, reich an Erinnerungen der Trauer, des Schmerzes, der Verfolgung und Bedrückung; ' bald in den Landern des Sstens, bald des Westens muffen sie leiden und bluten: und was sich ändert, ist nicht das Schicksal, sind nur die Namen der erbarmungslosen Herrschervvlker. unter denen die Juten schmachten. Aber uns erfüllt es mit Stolz, daß unsere Ahnen es waren, welche dieses Martyrium trugen, für welches niemals ein Ruhmeslied gesungen worden von denen, welche sonst die Taten der Helden verherrlichen, uns mit Staunen und Bewunderung, wie sie mit Ausdauer und Zähigkeit allen Gefahren entgegenblickten und doch nicht abwichen von den Idealen ihrer Erkenntnis. mit Bewunderung, die zur Nacheiferung weckt. solcher Ahnen würdige Söhne und Töchler zu werden. Ein Wort der Heuchelei, und sie wäre» gerettet von allen Nöten, ein äußeres Zeichen der Verebrung eines ״Glaubens", und man nahm sie auf in den Schoß der ״alleinseligmachenden Kirche" und gab ihnen irdische Güter. Aber sic blieben die armen und in ihren Glücksgütern der Tauroh doch so reichen Juden, waren ruhig auch in Erwartung von Folterqualen und Feuertod, welcke sie für ihren Gott erleidcn sollten. Für sie war das religiöse Moment das einzig treibende, stärkende, die Fortdauer des Lebens erhaltende. — 20 «»rN-ben wir indische Geschichte, das lehrt uns jüdische Geschichte, Vertrauen auf Gott und die demütige, ergebene Unterwerfung unter Seinen Willen. Seine Fügung. Darin liegt das Geheimnis dcr Kraft des jüdischen Volkes, darin ist die wunderbare Ausdauer begründet, sie sich in den Jahrtausenden des Exiles uns bewährt hat. Das Bewußtsein von Gott war es. das ihnen Mut gab zum Kampfe, die Ueberzcugung von dem wirklichen Sieg. Weil sie ihr kostbarstes Kleinod unverfälscht den Kindern weiterver erben wollten, weil sie für diese sich verantwortlich llhlten. darum schützten und verteidigten sie bis zum etzten Atemzuge ihr Heiligtum. — So schließt sich der Gottesbund, der mit den Ahnen geschloffen wurde, um Geschleckt und Geschlecht, so können in jüdischem Geiste immer neue Generationen erwachsen. Kennt- _:3 ...a ... .<. .» m .. r!*»..»►..י*■» w . ... /Ti.rx!x1. tu» auu u׳u1;u;» otijiüituiu» 1-tt luuijujtti v»«|u/1uj1c, sie seien Kindern! Lehrer und Erzieher uns und unseren ver Ckbffibein des jSd. Hebens. Zur Verkündigung des ersten Gesetzes wird nicht nur der thevretjsche Lehrer Moscheh. sondern auch der praktische, Richtung gebende, durch die Tat voranleuchtende Ahron berufen. Wie er bisher Moscheh treu zur Seite gestanden. da es galt. dem Volke der Aegypter dos Bewußtsein von Gott zu lehren, so soll er nunmehr auch hinzutretrn. da das erste Gesetz der zum Volte sich bildenden Jissroelfamilien gegeben wird. Indem Moscheh und Ahron zu diesem Empfang des ersten jüdischen Volksgrsetzcs berufen werben, wird das Volk gleich einleitend darauf hingewiesen, daß dieses Gesetz, das sie erhalten, kein neues religionsphilosophisches System bedeutet, daß dieses erste Gesetz selbst keine astronomische neue Kalenderberechnung darstellen will, sondern daß wir es mit einer Bestimmung und mit Vorschriften hier und dort zu tun haben, die ins Leben eiagreifen und es gestalten. Wenn indes bei diesem ersten Gesetz nicht wie beim folgenden der Befehl gegeben wird^: vx :1!-, sondern lediglich Moscheh und Abron und ihre späteren Nachfolger, das Betb Din mit der Ausführung dieses Gesetzes allein betraut werden, so ist zu Anfang des Gesetzbuches damit die Fundamentalbestimmung gegegeben, nach deren Norm die Handhabung aller folgenden Gesetze zu geschehen hat: Die in die Hände der Menschen gelegten zeitlichen Einzelbestimmungen stnd nicht dem Volt in seiner großen Allgemeinheit überantwortet, sondern seiner Vertretung, der nur Männer angeboren tonnen, deren Leben unv Lehren, deren Wiffcn und Wollen Gewähr dafür bietet, daß im Geiste und nach Maßgabe des ganzen Gesetzes auch diese nicht von vorne hinein bestimmbaren Fraaen aereaelt werden. Nur losaelöst von der götzendienerischen Umgebung kann man und sollen auch Moscheh und Ahron die besondere Bedeutung Aufgabe und Erfolg des jüdischen Ge'etzes kennen lernen. darum heißt es zwar :~בא־ץ מצ, aber nicht an bewohnter Stätte. Indem nun dieser bedeutsame Grundstein für das jüdische Volksleben gelegt wird, ist das ganze Stimmungsbild dem Wesen, dem Inhalt dessen, was nun verkündet wird, völlig angevaßt. Im Augenblicke der Erneuerung wird Mosche das Mondlicht gezeigt. Sieht er doch vor sich ein Volk, das eine dunkle Nacht des Geistes׳ und des Geschickesebens vollendet und sich anschickt, von neuem Licht zu empfangen, um die noch immer in nächtlichem Banne gefesselte Welt zu erleuchten*'». Wie sollte Moscheh nicht begreifen, ein wie ermutigendes Snmbol am Eingänge des Gesetzesgebäudes entgegenwinkt, wie sollte er nicht zugleich verstehen, daß eben dieser Mut und diese Hoffnung nur von dem ausgeben kann, was *) ilVrfli. יכה n־gg 15. 24■ einzelne Hütten, aber dieielben seien so primitiv und schmutzig, daß die Möglichkeit dort zu übernachten völlig ausgeschlossen sei. ״Aber hier muß dock in dcr Kußia ein Kretschmer «Inhaber einer Scbankivinschast» Namens Iankel Süßkiud wobnen?" fragte der Rabbi. ״Der Rabbi ist in der Gegend bekannt?" kragte erstaunt der Wut und fuhr ohne eine Antwort abzuwarten 'ort: ״Allerdings ivohiil in der Piigra Zanke! Süßkind. Aber seine Krrtschme ist »ichr als drei Stiiudcn abieirs von der.Hauptstraße. Wenn man io weit von der Richtung abbicgen will, findet man eine halbe Stunde weiter ein großes Dort, in dem man gut übernachten »״״, Siik,ei,1ka eerettwme kann »in» pio» mittags gut sc:: hier erreichen. Aber bnr» übernachlcn ist umnöglich. Er ist ein blutarmer Mann, der oft für sein Hau» voll Kinder nicht einmal Brot Kai.״ ״Da ich in der Gegend bi», möchte ich die Gelegenheil nicht versäumen, Jenkel Süßkiud zu besuchen. Er ist ein ׳rüderer Schüler von mir, dem eS vielleicht zum!roste in seiner drückenden Lage gereicht, seinen Lebrer nach langen Jahren wicdcrzüsehen." Als sie am anderen Morgen weiterrcisten, waren sie kaum eine Stunde lang von der Hauptstraße abgebogen, als der Kutscher sich zurückwandte und den Insassen des Wagen» erklärte, er wisse hier keinen Weg und Steg. Die jungen Leute waren in der Gegend womöglich noch unbekannter, aber der Rabbi zeigte die Richtung mit solcher Sicherheit, al« ob er ׳n dieser Gegend ausgewachsen wäre. Gegen zwei Uhr nachmittags, eS war im Hochsommer, erreichten sie eine ärmliche, ganz allein dastekende Hülle; es Unu die Krelschnie von Iankel Süßkind. Sie lrale» in das einzige Zimmer im Erd:cscboß. das so niedrig war. daß die Eimrelciiden kaum auirecht siebe» konnten. Eine Frau und sieben Kinder, von welchen da» älteste nenn Jahre und da» jüngste drei Monate alt waren, emcnngen die Gäste. Der Rabbi stellte sich als Lebrer Iankel Süßkinds vor und sagte er wolle aus der Durckircise ih» und seine Familie besuchen. ״£ wie danke ich in meinem und meines ManneS Namen für diese Eb׳e," erwiderte die Frau. ״Mein Mann muß jede Stunde zurück komiiien; ihn wird der Rabbi doch Mich gewiß hier erwarten. Leider, leider habe!ch gar nicht», wo« ich de» Herren anbiete» kann. Wir haben noch den letzten, kleinen Rest eines Brode», das ich kür die Kinder aiisgehoben habe, falls mein Mann keine» »litbringen sollte. Wir daben eine Branittweinschänke, aber keinen Tropfen Branntwein. Wenn mein Mann Spiritus auf Kredit dekoiiiint, bringt er ihn mit, denn fiir Geld kaufen können wir jetzt keinen, da uns alle liniere Mittel ausgegangen sind." ״Das schadet nichts״, sagte begütigend der Rabbi, ״derartiges kann immer und überall Vorkommen. Wir stellen keine großen Ansprüche, gebt uns, wenn Ihr sonst nicht» habt, nur da» Brot; wir sind auch damit gerne zufrieden." Die arme Frau deckte ein weiße» Tuch über den Tisch brachte Salz und da? letzte Dritte! eines sechs׳ vfündigen Brote», stellte noch einen Krug Wasser dazu uild füllte einen zweiten zum WasJen der Händ vor dem Lrotgenuß. Der Rabbi sprach den Segen über das Brot, gab jedem ein Viertel und verzehrte seine» Teil mit großem Behagen. Die armen hliiigrigen Kl ei 11 eil sahen mit gierigen Blicken zu, wie die Fremden oas lomc Brot, das sie heule als Abendessen haben sollten, so selbstverständlich ihnen wegilahuien. Hirsche! war der cinziae. der seinen Teil nicht berührte und sich über das ganze Vorgehen seines Lehrers nicht geiiilg wundern komtte. Es wirbelten ihm die iviniderlichsten Gedanken durch den Kops. Der Rainbam zählt vierundzwaiizig Dinge ans, die eine richtige nild reuniülige Rückkehr;11 Gott ייnb der verlassenen Lebeiispflicbr erschwere::. Dazu ge»ö׳r auch der Gemiß von einem Mahle, zu dem der Besitze.׳ anstandsbalber einlaoet. das aber für den Eigenlümc. selber nicht reicht. Daß das eine!!nrrchtmäßi». A׳״::.״.?׳-״ ist, durch die der Besitzer beraubt wird, ahucu viele nicht, die Gott wohl reuevoll um Verzeihung für einen Diebstahl oder eine widerrechtliche Vorenthaltung bitten. Deshalb erinnerte der große Lehrer an da» Unrecht, da» in diesem Falle selbst dann begangen wird, wenn es mit Zustimmung de» Verkürzten geschiebt. Wie durfte man also von dem jBrote der ärmsten Armen essen? Das war doch sicher dem Rabb> so bekannt al» seinem Schüler. Davei hatten sie draußen im Wagen reichliche Wegzehrung und so tresstichen Mund«:..»»!, daß sie auf da» harte, schwarze Brot der armen Familie wahrlich nicht angewiesenwaren. ES war Hirsche! gar nicht zweisethus-, der Rabbi für seine Handlungsweise schon seine guten