Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 5 (1.2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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'Jlx 3*u< «> Itt Israelit I. Februar 1‘Jofi. ״Öft" zu verabreichen. Noll Schrecken kam der tonservativr Rabbiner zu dem in derselben Stadt amtierenden orthodoxen Rabbiner und beklagt sich über die Borniertheit des neologen Amtsbruders, und fragt ihn um Rai, was er nun tun soll. Der ortho doxe Rabbiner erteilt ihm den Rat. die Suppe, dir er sich eingebrockt, einfach auszuschütten, aber er zog es vor, sie,!venn auch mit Widerwillen, auszulöffeln. Wir könnten tausend konkrete Fälle aufzählen, die die bodenlose Unwissenheit der bewußten Pfleger der jüdischen Wissenschaft ins Helle Licht setzen, aber wozu? Es hieße wahrlich tauten nach Athen tragen,!nenn >vir bei dieser Sache noch länger verweilen möchten. Fahren wir lieber in der Lektüre des Lutachten» 'ort. ״Ein Teil der Talmudjünger denkt überhaupt an keinen Beruf, indem sie von dem Le jichtspunkte ausgehen, daß die Beschäftigung mit der Thorawistenschaft an sich ein gottgefälliges Werk sei. sie kören daher di: Vorträge der verschiedenen Rabbinen, um dann zu irgend einer bürgerlichen Be׳ schältigung zu greifen. Ein Teil von ibnen stellt die Rabbiner. Schächter, Religionslehrer. und diese versehen in der zerstreuten Gemeinden die Funktionen und besrieoigkn die primitiven religiösen Bdürsnisse. Rabbiner. Schächter und Religionslehrer sind also Leute, die zur Befriedigung der primi tiven religiösen Bedürfnisse angestellt werden! Die feineren religiösen Bedürfnisse werden erst durch Damcnsang und Orgelllang befriedigt. Die verwohnten Großstädler begnügen sich nicht mit einem Rabbiner, der nur gelernt hat. hier muß schon ein ״Pfleger" der Wissenschaft seines Amtes walten, wenn die Herren der Neolgogenkanzlei aus ihre Rechnung kommen sollen. Und sie haben wahrlich nicht so unrecht. Bei ibnen ist der Rabbiner ein Luxusartikel und da muß er was vorstellen. Was sollten sie auch mit einem Rabbiner beginnen, dem da» ״ungelegte Ei einer Henne" ein Problem ist, über das er jahrelang grübeln kann, was mH einem Rabbiner, der ihre Bälle nicht besucht, ja ire sogar perrhorrrsziert-, wozu ihnen ein Rabbiner, der ihre Fcne meidet! Die ״feineren religiösen Bedürfnisse" kämen nicht aus ihre Rechnung. So sicher die Herren Recht haben, so sicher haben auch wir Recht, tvenn z. B. gerade in den letzten Tagen ver Organisationsentwurf der orthod. LandeStanzlei vom Ministerium bestätigt und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß Frankl das begonnene Werk zum Wohl« v-s wahren Judentums mit erhöhtem Eifer fortsetzen und zu Ende führen wird. Brennend« Fragen im Schoße der Orthodoxie, auf die wir. die gütige Erlaubnis der verehrten Redaktion voraussetzend, noch zurückkommen werden, heischen dringend eine befriedigende Lösung. Unsere Feinde sind rüstig an der Arbeit, wir dürfen nicht säumen, wenn wir das bereits Ge wonnene nicht gefährdet sehen möchten. Y'ideant ronsules! C0m81p0t1üdi<mz«1n) Deutsches Reich Frankfurt a. M., 30. Jan. In einer gestern abend stattgehabten Versammlung des zionistischen Vereins, in der zum Schulgesetzen!- Wurf Stellung genommen wurde, kritisierte der Referent. Herr Lehrer Baruch Stern, die Denkschrift des Verbandes der deutschen Juden in ähnlicher Weise, wie es in Nr. 3 unseres Blattes geschehen ist. .H»7nnr1nh,b,n ist, daß. wie der Referent mitteilte, die hiesige zionistische Ortsgruppe die Aufforderung des deutschen zionistischen Zentralbureaus, ihre Zustimmung zu der V e r b a n d s d e n k s ch r i f t zu erklären, abgelehnt und dem Zentralbureaii seine Verwunderung über das von ihm gestellte Ansinnen ausgesprochen hat. wir von ihnen nichts wissen wollen, sondern mit allem Nachdruct darauf abzielen, daß die einmal nicht wegzuleugnenden riesen Gegensätze, die zwischen uns und ihnen bestehen, auct seitens der zuständigen Be- Hörden an.-rkannt werden Die Kluft ist eine so tiefe, die Gegensätze sind solch einschneidender Art, daß man gar nicht daran zu denken wagen darf, sie laust lick zu Überdrücken. Mit Leuten, die imstandsind, von den Jeschiworh zu schreiben, daß die sie besuchen den ״zungen 2eure jeder nützlichen Arbeit entzogen werden, ohne daß die jüdische Wissenschaft oder Religion irgend einen Nutzen davon hätte," ״nnd wenn die Verkommenen aus dem Schlafe erwachen, dann ist's schon gewöhnlich zu spät, daß sic noch etwa» Nützliches lernen sollten. Sie werden zu Kretins, zu geistigen Krüppeln, die während ihres ganzen Lebens sich durch Betteln erhalten: mir Leuten. dre dieses niederickreiben konnten, dar? ein wirklicher Jude keine LemeinichaH haben. Diele letzteren Sätze verdiene» Hir ewige Zeiten sestgebalten zu werden, damit sic jedem, den etwa der HnisikationseHer ein wenig über die platonische Grenze treiben sollte, ent gegengebalirn werden. Mit dielen Sätzen Hai sich die ne״>loge Landeskanzlei an den Pranger gestellt »nd sich einen Ehrenplatz unter den P׳e׳ser?o״ns für ewige Zeiten gesichert. Die Beschäftigung mit dem Talmud ׳chassr geistige Krüppel! Kommt ,׳erbet. rhr Wirf!,**. T'nimont* Jstorns und sinkt in die Anne eurer Schwester, der isr. nng. neologen Land«» kanzlet! Jkr seid ihrer und sie ist eurer würdig, lln' aber sei üctes Gutachten eine einige Warnung, «sine hübsche Parabel wird uns im Midrasch erzählt Einst kamen die Holzfäller in den Wald, da erschrackcn die Bäumgar sehr. Da gab ein weiter Mann den Bäumen den Rai. daß sie den Holzfällern keinen Schasr nir ihre Beile liefern tollten. Auch uns können dH Herren ' er Kanzlei nichts andaben. wenn wir ihnen keinen Schaft kiefern, wenn 'vir unbeirrt unserer Weg! geben und zu betonen nickt aushören, daß wir mH ihnen keine Gemeinschaft baden wollen. Wir *mben in der lebten Zeit dank der Fürsorge und llm.sickt unteres verehrten Präses Herrn AdoE ntl. gr, ße En׳.׳.'״ errungen. So wurde Frankfurt, 27. Jan. Das ״Berl'.ner Tagevlatt", so wird dieser Zeitung aus Rumänien ge schrieben, hatte vor einiger Zeit von der Ausweisung von ״Wucherern" aus Rumänien berichtet. Diese an sich einfache Notiz, die dem flüchtigen Leser kaum irgend größere Bedeutung zu besitzen schien, ist indessen für den Kenner rumänischer Berhältnisse von großer Wichtigkeit. Bor einigen Jahren hat der rumänische Kassationshof entschieden, daß die rumänischen Juden, das heiß! diejenigen, die rumanische Untertanen sind, aus Rumänien nicht ausgewicsen werden können. Diese Entscheidung, die das Los einer viert«! Million Menschen bestimmte, war unbedingt nottvendig. da bis dahin die Regierung jeden rumänischen Juden, welcher ihr oder ihren An- Hangern nicht paßte, ohne den geringsten Grund aus־ gewiesen hat. N1״r bat die jetzige Regierung auf Drängen mehrerer ihrer Parteimitglieder, welche die holien Schulden ihrer Herren Söhne nicht bezahlen wollten, acht jüdische Bankiers, die rumänische Untertauen stnd, trotz der obigen Entscheidung des Kassationshoses aus Rumänien ausgewiesen. Als Grund der Ausweisung wird von der Regierung ״Wucher" angegeben. GZ aber bis seht in Rumänien kein Wuckergesetz: ein 'solches wird von der Regierung zurzeit erst vorbereitet und wird erst nn Vauie vieles Jahres zur Beratung im Parlameni aelanaei׳ Der Grund, den die Regierung angibt, ist also ein ungcscblichcr. Ja die Regierung würde, auch wenn das Wuckergesetz in Kraft getreten wäre, einen rumänischen Untertanen nicht ausweisen können, da das geplante Wuckergesetz nur eine Pönalstrafc sestsenr und nicht von Ausweisung spricht. Die Regierung hat durch die willkürlich erlassene Verfügung einen Präzedenzfall grschasse», der die rumänischen Juden ungeheuer schwer trifft, da sie jetzt wieder kraft eines von der Regierung verfügten Erlasses ausgewiesen werden können. Das führt aber in die Zeit zurück, loo die rumänischen Juden z׳.! Fuß aus Rumänien auswandern mußten, was die Entrüstung des ganzen Auslände» gegen die rumänische Regierung bervorrieß Zieht man in Betrackt. daß bei der Unmöglichkeit, andere Berufe als den kausmännischeu auszuüben, die Juden nunmehr jederzeit unter dem Vorwände des Wuchers ausge wr'esen werden können, so erscheint der statuierte Fall -!ls ein erneuter Vorstoß zur Entrechtung der rumänischen Juden, die. nebenbei gesagt, absolut keine Rechte haben. Königsberg. 25. Jan. In der letzten Stadtverordneten-Versammlung kam die Petition des hiesigen jüdischen Turnvereins, daß ihm eine der städtischen Turnhallen zur Benutzung überlassen werde, zur Verhandlung. Die Petition betonte, daß der Verein aggressive Tendenzen gegen die anderen Turnvereine nicht habe, — ein Teil der Mitglieder seien auch Mitglieder der vorhandenen Turnvereine und wies darauf hin, daß in einer ganzen Reihe anderer Städte (Berlin, Köln, Hannover, München. 'Bosen. Stettin, Wien usw.) einem entsprechenden Gesuch stattgegeden worden sei. Beigefügt war der Petition ein Schreiben des Königsberger Turnklubs. Tort heißt es, daß die Kunde von der beabsichtigten Begründung eines jüdischen Turnvereins zuerst in Turnerkreisen lebhaftes Befremden erregt habe, um so mehr, als die zahlreichen jüdischen Mitglieder unserer Turnvereine bisher stets ohne Ausnahme und vbne Bedenken Aufnahme gefunden und sich in den Bereinen Wohl gefühlt haben. Dieses Befremden sei indes durch mündlich« Mitteilungen inzwischen be Hobe», und der Turnklub werde sich die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu dem neuen Verein in demselben Maße angelegen sein lassen, als sie ihm entgegengebracht würden. Der Referent Stadtv. Michaelis führt aus: Der 1 der Satzungen des Vereins besage, daß der Verein ״die möglichst werte Verbreitung des Turnens unicr den Juden als Mitte! zur Förderung allgemein jüdischen Lebens auf bewußt jüdischer Grundlage" erstrebe, aber ״religiöse und politische Tendenzen ablehne." Das sei ein Widerspruch. Die hiesigen Turnvereine hätten viele jüdische Mitglieder.. Daß die Turnvereine den Wert ihrer Mitglieder nickt nach der .Konfession bemessen, geht hervor aus den großen Ehrungen, die der Männerturnverein seinem verstorbenen Ordner Friedmann erwiesen, das bewies die einflußreiche Stellung, die seinerzeit Stadtrat Michellh im Turnverein eingenommen, das beweist heute noch die Zugehörigkeit des Stadtrats Adam sohn zum Vorstand des Männerturnvereins. Referent beantragt über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Stadtv. Dr. Lichienstein bittet die Petition dem Magistrat zur Berücksichtigung zu übertveisen und — jti---iruc. •w-..e *a KL»» iiuiiiiiuuuj uuiuu! uu|uau|unt׳ v/uj) C* viele Juden gebe, die von auswärts kommen und die schon durch ihre körperliche Erscheinung auffallen, die aber außerdem auch vielfach die deutsche Sprache nicht genügend beherrschen, um sich in den anderen Turnvereinen wohl fühlen zu können.. Stadtv. Dr. Dirichket bittet um Ablehnung dieses Antrages. Im Sommer dieses Jahres habe noch der Senior der deutschen Turnerschast, Dr. Göh. ausdrücklich erklärt, daß es eine Judenfrage für die deutsche Turnerschaft nicht gebe. Es wird eine im Sinne des Referenten motivierte Tagesordnung angenommen, womit die Peiiiion abschlägig be schieden ist. K e m p c n i. P.. im Januar. Als Vorsitzender der hiesigen Orisgruppe öes ״Verbünde» Sabbatfreunde" erlaube ich mir, Ihre Leser auf Folgendes hinzuweisen: Unsere Stadt, welche dem Verhältnisse der Einwohnerzahl nach noch heute mit zu den größeren Jndcngemeinden zählt, geht von Jahr zu Jahr zurück, so daß, wie die Statistik lebrt, die Zahl der jüdischen Seelen, die vor zwanzig Jahren noch 3000 war, jetzt kaum mehr 1000 beträgt. Wenn diese rav'de Abnahme anhält, so wird es mit uns nicht besser gehen, wie mit zahlreichen Gemeinden Posens und Schlesiens — ich nenne z. B. Zülz, das vor hundert Jahren eine der größten Judengemeinden, berühmte Rabbinen usw. hatte, und wo jetzt überhaupt keine Juden mehr wohnen sollen. Wenn fromme Juden, denen daran gelegen ist, in einer Gemeinde zu leben, deren Institutionen aufs beste eingerichtet sind, und wo sie sehr gut den Sabbat halten können, hier-