Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 5 (1.2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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1. Februar!'■««>♦>._ darben lassen soll. Zn unserer realistischen Gegen wart dünken sie sich ans der Höh« der Zeit, wenn sie nach dem Beispiel ihres realistischen Onkels Esau, reelle Linsen höher bewerten, als ein Erstgeburrsrecht, das ihnen so gleichgiltig und problematisch ist. Dass unser angestammte« Judentum durch diese Mastnahmen refornijüdischer Assimilanten unseren Bindern verkümmert und gefährdet wird, dafür soll der Beweis hier nicht erbracht werden. Je besser er gelänge, desto lauter würden sie ihn bestreiten und im Stillen sich vergnügt darüber die Hände reiben, dass sie es so weit gebracht haben. Aber daß auch die Linsen, mit denen man denen, die nickt alle werden, den Mund wässerig macht, ausbleiben werden, dast die politischen Errungenschaften und die sozialen Vorteile, welche die einheitliche Schulbank bringen soll, eine Täuschung und in> günstigsten Falle eine Selbsttäuschung sind, das soll hier kurz festgestellt werden. Es sind jetzt gerade bundert Jahre her, dass die in Frankreich zuerst protlamierten Menschenrechte auch auf die Juden angewendet wurden, dass man die bürgerlich« Gleichstellung der Juden aussprach und daß in den folgenden Jahren dann fast alle euro׳ päischen Staaten diesem Beispiele folgend, ihre Juden emanzipierten. Als sich damals die Völker zu dem verlassenen, entrechteten jüdischen Bruderstamine herabbeugten, ihm die Fesseln lösten und die hundertjährige Schmach abnahmen, da'.ials gab es für jüdische und christliche Kinder noch keine einheitlich« Schulbank. Die jüdischen Kinder fassen damals ausnahmslos in ihren Ehedarim, sagen wir nach mc> d>rner Weise, in ihren Religionsschulen. Aber das bat die Genien der Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit n.cht zurückgehallcn, sie dort auszu'uchen. sie dort zu finden, das hat die Völker und Staaten nickt ge hindert, die damaligen Juden, die Ghetto und Talmudjuden — andere gab es ja nicht — brüder lich aufzunehmen und ihnen die Pforten zu einer neuen, menschenwürdigen Zukunft zu öffnen. Man sicht daraus, :venn die Stunde der Freiheit erst geschlagen hat, dann wird die Erlösung auch ohne einheitliche Schulbank einem Geschlecht zuteil, das in unwandelbarer Treue auf dem Boden der Thora steht, der geschricbenen und mündlich über lieferten, in Talmud und Schulchan Aruch todifizierten Thora und dafür seine Binder erzieht. Als dann unsere Brüder in Frantreich als imanzipiert: Juden an dem Wetttampse um die Güter des Redens und di: Würden und Ehren des Staates aufrichtigen, hingehenden Anteil nahmen, als ihr ganzes Streben so vollständig darin ausging, dast sie die treue Pflege ihrer jüdischen Anliegen darüber vergaßen, ihre jüdischen runoerzckuten ver- ׳'allen ließen und die Pfänder ihrer Liebe aus die einheitliche Schulbant!niesen, als von Generation zu Generation die Gekahr eines gänzlichen Aurgekens der französischen Judenbeit in ihre Umgebung immer akuter wurde, da trat bereits in der dritten aus die Verkündigung der Menschenrechte folgenden Generation der jähe Rückschlag ein, den wir selber erlebt haben. Vis zu seinem Eintritt ging die französische Judenheit so vollständig in ihrer llmgebung aus. dass die Vorzug kicksten jüdischen Unterrichts - Anstalten keine Schüler gesunden hättrn, dass man die besten ionfessionellen Sckulen lieber leer stehen gelassen, als dass man die Kinder von der einheitlichen Schulbank fortgenommen hätte. Aber als bei Gelegenbeit des Dreifusshandels die Zurücksetzungen und Kränkungen der jüdischen Kinder in den allgemeinen Schulen sich bis nir Unerträglichkeit steigerten, damals sing man an. der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, die Errichtung jüdischer Lehranstalten in Frantreich zu diskutieren. Damals erklärte der Grand Rabbi Z r d o k Kahn, noch vor zehn Jahren sei er Gegner eines solchen Unternehmens gewesen, aber heute sei er selber dafür. (Vergl. ״Israelit" Issest. Nr. 7. ״Sin merkwürdiger Umschwung der öffentlichen Meinung.") Aber man braucht nicht in die Ferne zu schweifen. In B e r l i n , wo der weitschichtige Abfall seinen Anfang nahm, von wo die Schmach des Judentums, das nunmehr abgewirtschaftete und bankerotte Reformjudentum ausging, von demselben Berlin ging auch die Schwach des Jahrhunderts der Antisemuen aus und besteht allen einheitlichen Schulbänken zum!erJvlüeln Trotz schon über ein Vierteljahrbundert. Unsere Zeit lebt rasch und vergisst rasch. Aber die Zurück- Weisung jüdischer Mädchen aus dortigen Töchrer« schulen hat man sicher auch dort noch nicht vergessen und!venn man sie vergessen könnte, so sargt jeder Tag durch ungezählle ähnliche Zurücksetzungen und Kränkungen, dass die Erinnerung immer wieder neu aufgefrischt wird. Wenn man jeden verletzende» Ton, jede geringschätzige Miene, jedes unverschämte Nase rümpfen und Achselzucken aniiseinitijcher Schul- Potentaten vor Gericht fordern könnte! Aber soweir haben es selbst die Juristen des Vereins deutsctxr Staatsbürger jüdischen Glaubens noch nicht gebracht. Die Liebe lässt sich nicht erzwingen; durch eine ein hkitliche Schulbank, aus vrr die Gegensätze täglich, stündlich aneinandergeraten, am allerwenigsten. Wenn es einen Trost für diesen Jammer gibt, so ist es nur der, dass es anderwärts noch ärger :st. Zum Beispiel in Wien, wo die Verunglimpfung und Verhöhnung indischer Schüler an vielen Schulen eine Höhe erreicht hat, die kaum einer Steigerung mehr fähig und ganz daraus berechnet ist, die Kinder ans den Schulen sortzueteln! Aber wir begegnen derselben «Erscheinung auch in freien Ländern, in welchen es keine vom Antisemitismus infizierten y.ommmun und Bürgermeister gibt, z. B. in, freien Holland. Die Behandlung, die jüdische Kinder in A m st e r d a m in den öfsent licken Voltsichulen erfahren, ottenllich dargrstgt zu haven, iss das hohe Verdienst des Herr» Oberradbiner Tr. Dünner. Auch dort haben vie Tatsachen, die Bedenklichteil, Gefährlichleir und Schädlichkeit der Folgen gezeigt, zii welchen die einheitliche Schulbai.t sühn und man hat die Errichtung jüdisch ton sessioneller Schulen in Anregung gekrackt. «Vergl. ״J-raeül", Jahrgang I>K!N Nr.!'7, Haupiblall »nd Jahrgang Nr. 2, zweite Beilage.» Diese betrübenden Erfahrungen, und zalllose ahnlicke, die stck der öss-rnlickrn Besvrechung ent ziehen, zeigen, was es mit der Phrase von der ein heitirchrn Schulbank für Bewandtnis hat. Wenn der Geist und die Gesinnung, die so vielfach dort gepflegt werden, wirklich von der Schule ins Leben übergehen, io dar' man sich über die Lieblosigkeit und Gehc.siia teil nickt länger wundern, denen wir ini täglichen Verkehr begegnen. Dass nian Angesichts solcher offen liegenden Tatsachen der Au'bebuna der jüdischen Volksschulen und der ilebenveisung jüdischer Schüler und Schülerinnen in die allgemeinen Schulen noch das Wort reden kann, würde man nicht für möglich ballen, wenn es nickt schwarz auf weiß vor uns läge. Daher haben diejenigen «Gemeinden, oje sick der Petition des Verbandes der deutschen Huden >n lln kenntnis bo׳<׳be׳׳ dost dieselbe der Beseitigung der jüdischen Volksschulen direkt oder indirekt die Wege tbnet, anaeschlosten haben, die unabweisbare PN.cht, ihre Unterschrift alsbald zurückzu ziehen, wenn anders sie sich nickt mitschuldig machen!vollen an dem grossen Schaden, den die Tendenrerr des Verbände! dem g e»e tz e st r e ue n Judentum z u z «l s ü g e n q r c i g ii r i sind. Sin MslnW kr ntiltp üukslmlri Aon Raob Tr. «dermal«« ft (ein fcron'tato. Das Organ der neolcgcn Landestanzlei vermittelt uns die Bekar.nlschast eines Gutachtens, das die ungarische Landeslanziei betreffs der Jescksswvth dem Ministerium für Kultus und Unterricht zu unterbreiten für gut befand. Es ist dies ein äußerst wichtiges Dokument, das so recht die Maulwurfs» arbeit der Neologen kennzeichnet. Sir wühlen iin Geheimen und arbeiten rüstig an der Zerstörung der jüdischen Heiligtümer. Die ungarischen Jeschiwoth, diese Bollweekr der Thorakenntnis und der Gesetzestreue sind den Machthabern der Neologie schon längst «in Dorn im Auge, aber sie konnten ihnen nichts anhaben. Ein an sich höchst geringfügiges Ereignis veranlaßte das Ministerium, ein Gutachten von drr neologen Landeskanzlei — nicht betreffs der Ieschi-- woth im allgemeinen — sondern über einen konkrzien Fall einzuhölen. Tie Herren von der Lar.deskanzlei erfassten nun die Gelegenheit beim Schopfe. tim ihrem ctitt ."> Nr r> erbitterte» Hasse Luft zu machen und verleumdete,! die Jeschiwoih, die Pflanzstätten der Thora, bei:» Ministerium. Der Fall, der da« Gutachten oeranlasst«, war folgender. Rabbiner Rosrnberg zu Razfrri versah einige seiner Jiinger mit einem EmvsedlungSschreiden. Diese Jünger «oliren nämlia, kür die Jeschiwoth Beiträge sammeln. Die wachsan-e Polizei zu Debrezin erstattete gegen den Rabbiner sowohl, als auch gegen die Schüler die Anzeige!«׳egen unerlaubten Betteins. Rabbin-r und Schüler pro tesliertc» gegen die Eiiimischung der Polizei, indem sie geltend machten, dass dieie» Sammeln von Bei trägen nickt als Betteln zu bezeicknen sei. Die An gelegenheit tam vor das Ministerium und dien» er bai sich rin Gutachten non der Landesk.inrlei betreffs dieses Falles. Darauf antwortete nun die Landes kanzlei in einen! längeren Schreiben. Dir Grossen ver Landeskanzlei kennen selbstredend die Jeschiwoth nickt aus eigener Anschauung, aber die Herren wollen doch n!״.l den Nimbus der Allwissenheit, mit dem sie sick» zu umgcdei! geivnbnt sind, verlieren. "'in wenig Phantasie dann geht« schon, «** ist eine schone «ockre uni die Vbantasie, sie verleiht einem Flügel, die einem nach Palästina führen, »venn das Ministerium ein Gutachten über dortiae Verhältnisse erbittet und sie bringen einen »vieder in die heiinar l:chen Jeschiwoth ׳.,!rück --- je nach Bedarf '-Las sind nun die Jeickiwoth.' Sind es '**Jinfeiftbulen' Nei,׳. lautet die Antwort der bvchmögenden Herren drr Landeskanzlei. ״Jeschiwoth sind: Schulen, die häufig in tleineii Gemeinden sich bilden, denen sie eine säst unerträgliche Las! sind. Die Wi"enscha'ten werten obne jegliche Methode cepfleat. al>er nichts destotveniger sind unter den Schülern einige 1111 de sähigt- Köpfe, die. wen» sie nnler günstigere Kultur einwi kungen geraten, zu niitzli.hen Mirglirdern der Gesellschaft werden, zu bewussten Pflegern der Wist'lnschaften. Man muss die ungarische.׳! VerN'ii n!sic terrnen. um die Perfidir die in dieser Anslassuvg liegt, so recht würdigen zu können. Noch nie bat sich eine stlemeinde über die ״unerträgliche Last" ihrer Jeschiwoh beklagt, «'׳ine jede jüdische «׳Gemeinde in .Ungarn fdxif.t sich glücklich, »nenn in ihr eine Jeschi ivoh blüht Man krage nur die Einwohner von Hunsdorf, Husst, Galantda, Satmar etc., ob sie ihre Jeschiwoh injfffn möchten! Aber dj< weisen Herren der Kanzlei konnten mit Neckt vermnten. dass, der Minister sich nicht die Müde nebmen wird, in dcn genannicn Gemeinden eincn Fragebogen;:r?iiüeren zu lassen — und da kann man schon etwas wagen. Wa. aber die Krönung der Ganzen ist ist der Na«h satz. die Jeschiwoth sind Sckulen. in denen obne jede Methode gelehrt wird, erst wenn die de'äbigien Köpfe in höhere Knlturregionen geraten, iva? wohl nichts anderes heissen toll, — als in oas Bndavesier Rabbinerseminar. — werden sie zu bewussten Trägern der Wissenschaft. Das Material im Budapester Rabbrnerseniinar rekrutiert sich zum weitaus arösseren Teile aus den Jeschiwoth entlaufenen Bachurim. denen entweder das entsaqungsreicke Leben eine! Bachurs nicht behagte oder dem der Boden der ^rrchilvoh aus irgend einen• anderen Grunde zu heiss unter den Füssen geworden war. E» sind dies gewöhnlich solche Jünger, an denen die Jeschiwoth nickt viel verloren haben, wenn sie auch von den Seminarleitern als grosser Gewinn betrachtet »verdev. Denn das andere Material ist noch minverweniger, was der greise Seminarleiter ohne weiteres bestätigen wirb. Lerneifer führt sie gewiss nickt ins Seminar und in d.׳n meisten Fällen sind diese Renegaten so glücklich, dass sie auch das Wenige, das sie von den Jelchiincith witbringcn, während ihrrr S:minar!ehr fahre vollständig vergessen. Sie inerden nämlich zu bewussten Pflegern der Wissenschaften erzogen Ein Pfleger der Wissenschaft muss von der Wissenschaft keine blasse Ahnung haben, wie auch der Kranken Pfleger durchaus nicht krank sein muss. Von drr Uv wissenheit eines Seminarzöglings in den Diszipliner׳ der jüdischen Wissenschaft kann sich nur der ein annäherndes Bild entwerfen, ver da» sehe zweifelbas:׳ Glück hat. einen solchen Pfleger der Wissenschaft in seiner amtlichen Tätigkeit beobachten zu können. Zur Illustration diene folgender Vorfall. Da kam vor einiger Zeit ein der ״konservativen" —; nickt srthodsren — Richtung gnoehörender Rabbiner in eine Gemeinde, in der rin solcher Pfleger der Wisse!, schalt amtiert, um mit ihm gemeinschaftlich einen