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Der Israelit · 1906-02-01 · 5 (1.2.1906) · p. Seite 4

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
5 (1.2.1906)
Date
1906-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. X« Israelit. 1. Februar 1906. Nr. ־.. Verstand unerläßlich seien und mahnte zur Einheit, die entsprechend der Devise der hiesigen Landes!nächtig macht. Der Zuhörer, deren Zahl sich auf ungefähr 300 belief, worunter ca. 50 Damen, bemächtigte sich tiefe (Ergriffenheit, als Herr Mandel st amm-Kiew das Wort ergriff, nicht um die Schreckersszencn zu schildern, deren Zeugen viele Anwesende gewesen seien — denn dazu würde selbst der Griffel eines Dante nicht ausreichrn — auch nicht die folgen der atuten Misere zu beschreiben, sondern um die Mittel zur Beschreitung rines 'Weges zu besprechen, der für die Zukunft der russischen Juden heilbringend sei! Ter Tajz: «Bleibe im Lande und nähre Dich redlich" wäre auf die russischen Juden nicht anwendbar denn sie würden schlechter bebandelt als Hunde. Die revolutionäre Jugend hoffe mit Bomben und Revolvern einen Zustand kerbeizufiihren, der selbst im zivilisierteren Qccident noch nicht erreicht ist. Wer könne Bestien in Menschen verwandeln, wer mochte Millionen Juden verdammen, in einem Lande zu bleiben, das Schrecklicheres zu bestehen babe, als je eine Nation! Hier stehen sich finsterste Reaktion und höchster Fortschritt gegenüber, autokratisches Gesangnis auf der einen Seite. auf der anderen demokratische Republik. (Inter b0 bis 90 Millionen Bauern mit tierischen Instinkten einer bestechlichen Beamtenschaft, einer unwissenden und fanatischen 5llerisei. einer rohen Soldateska und mächtiger Kamarilla pendeln Millionen Juden zwischen Russen und Polen herum, sodast ibre Lage sie mit Naturnotwendigkeit zur Aus Wanderung zwing! und unter diesen Umständen, da uns Palästina vorläufig noch verschlossen bleibt, irgend wo anders ein Derrilorium ausfindig gemacht werden müßte, das einstweilen wenigstens 2000 Farmern Unterkunft gewährte deren Zahl geometrisch *rürt1?. H::r N o s s: g Berlin gibt eine Reihe i'anstlscher Nachweise dast, durch die Emigrcnion allein die russische Judensrage nicht gelöst werden könne, ra rroh der starken Auswanderung, die vom 1. Juli ois 1. Juli 1905 aus Rußland 92,300 Slci'ü betragen hat. durck den Ueberschust der Ge kurten die jüdische Bevölkerung Rustlands jährlich um eine halbe Million;»nimmt. Herr M o r d s k i n - K i e w teilt mit. dast nach Ilnwrsuchungen seitens der Zionisten und russischer Anwälte, die Zahl der Toten in Kiew und Odessa Zwar etwas übertrieben worden zu sein scheint, da gegen die begangenen Grausamkeiten jeder Beschreib׳ ung spoiten und der materielle Schaden bedeutend größer ׳st als angenommen wurde. Herr 0 o h e n K i s ck> i n e w macht Mitteil »na non Resultaten die er durch kleine Ansiedelunaen in Aeanpten erzielte und bittet das Altions- Komitee darauf sein Augenmerk zu richten. Herr Natlan-Berlin beiont. dast die Judensrage keine Geldfrage sei und wie jedes andere Phänomen auch dem Gesetz der historischen Entwickelung unterworfen sei. er rate zu geduldigem Aus harren Herr Warburg Berlin bringt einen Antrag ein. zu beschließen, dast die verschiedenen Lrganilationen ein .Komitee bilden mögen, das die Miriel suchen soll, die Emigration außer nach Aegvvten und Mesopotamien, auch nach Meriko, Australien, namentlich Queensland, in die Wege zu leiten. Herr Alexander M a r in o r e k appelliert an alle S rganisationen, auch an die, die austerhalb des Zionismus stehen, für die Linderung der gegenwartigen Not durch Beförderung der Auswanderung tätig zu kein. Herr Dr. Iran; O P P e n h e i m e r B e r - frinüfri hrtrrt« hilf) ht* Q ו!נ וירו sainmengetreten sei, um Grundsätze auszustellen, sondern praktische Arbeit zu leisten, bie nickt nur der '.'tot der Gegenwart abbelfen. sondern auch eine Organisation für die Zukunft vorberriten soll, die bauvtsäcklich Wert darauf legen sollte, die auswandernde Bevölkerung der Landwirtschaft zuzusiibren. in der es im Gegensatz zur Industrie keine Konkurrenz gäbe. Herr Dr. Klee Berlin beantragt die Annabme einer Resolution, nach welcher mit allen Mitteln bie Auswanderung absolut vermögensloser Personen inhibiert werden soll und ein Komitee gebildet werden möge, das sich die Erziehung vater- oder mutterloser Kinder angelegen sein lasse. Herr Klein-Paris beinängelt, daß die meisten Borredner trog ihres Bersprechcns. nicht von Zionismus oder Territorialismus zu sprechen, gleichioohl die russische Judenfrage von ihrem Parteistand- ׳-unkt aus beurteilten. Nach kurzer Äeschäftsordnungsdebatte tritt um 1 Uhr eine zlveistündige Mittagspause ein. — Nach derselben nimmt zunächst das Wort Herr I a s s i n o w s k i - R u ß l a n d , um auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen auszuführen, daß die innere politische Situation eine Eindämmung der Auswanderung nicht gestattet, die im Gegenteil steigen muß. Zu denen, deren kleines Kapital total vernichtet, deren mittleres Kapital fast vernicktet ist, würde voraussichtlich in nächster Zeit eine Kategorie russischer Juden das Land verlassen, die auf materielle Hilfe Westeuropas nicht angewiesen eien, wie Advokaten. Aerzte. Ingenieure usw.; man olle also keine Resolutionen annehmen, die Emizration cinzudämmen, da der Beschluß unberückicbtigt bleiben würde und bleiben müßte. Herr Friedeberger-England bemerkt, daß es eigentlich keine speziell russisch-jüdische Frage gibt, sondern allgemein eine jüdische Frage, die aber weder in Rußland noch außerhalb Rußlands gelöst werden könne. Don den folgenden Rednern, deren Redezeit übrigens auf 10 Minuten beschränkt wird, wäre noch Herr M o s c s s o h n R u ß l a n d zu erwähnen, der gegen den, übrigens von ihm mißverstandenen Borschlag Klees protestiert, betreffs Unterbringung ihres Ernährers beraubter Kinder. Nachdem Felice Ravenna-Italien im Namen italienischer Städte die Konferenz begrüßt und ihr guten Erfolg wünschte, polemisiert Herr Hildesheimer Berlin gegen die Ausführ ungen Mosrssohns und warnt in eindringlichen Worten vor planloser Auswanderung. Herr A öden k eimer - Köln läßt sich nicht überzeugen, daß die Emigration einzudämmen sei, er beantrage zunächst die Gewährung von Mitteln zur Qorganisterung der Selbstwehr. Die Herren Jochelmann, Russinski, Greenberg, Mordski n, Moser, Hantle beantragen Resolutionen und führen eine Geschäftsordnungsdebatte herbei, als deren Resultat beschlossen wird, die Verhandlung um 6'j. Uhr abzubrechen, um einer aus 15 Teilnehmern bestehenden Kommission Gelegenheit zu geben, die verschiedenen Anträge zu sichten und diejenigen, die in der Kommission genügende Unterstützung gefunden haben würden, abends 9 Uhr im Plenum zu beraten. In der um!0 tthr abends wieder erossneten Sitzung erfolgt zunächst die Verlesung der Präsenzliste. Nachdem Herr T c m t i n-R u ß l a n d über die Lage kurz referiert und daraus den Schluß gezogen, daß es nicht genüge, materielle Opfer zu bringen und der Regierung Bitten und Wünsche zu unterbreiten, die aus o'eseibe ohne Eindruck sein würden, überbringt ein Herr aus Mailand die Grüße unserer italienischen Glaubensgenossen. Mit südländischem Feuer schildert er die Freude, wie aus den Leiden unserer russischen Brüder das jüdisch« Gewissen der ganzen Welt erwacht, wovon dir Präsenzliste der Konferenz ein bcredes Zeugnis ablegt. Ganz gleich, ivelches Resultat aus ihr bervorgeb«, das Erwache» dieses universell״» jüdischen Ge'.vissens sei allein ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Endlich wird zur Perlesung der in der Koni- Mission angenommenen Resolution grsch-riiirn, die zu einer lebhaften Diskussion Anlass gibt. Die Beratung »riro auf Momente recht erregt, besonders zwischen den Vertretern Rußlands, von denen namentlich Herr S h i r e mit großer Erregtheit spricht und den Herren Nathan und Hildes- Helmer, der wiederholt die Unerläßlichkeit der Warnung vor rxmigration betont. Schließlich gelangt um Mitternacht folgender Antrag mir Stimmenmehrheit zur Annahme: «In Erwägung, daß die äugenblickliche Notlage der ru's fischen Juden die Mitarbeit Aller erfordert. daß dieses Problem zunächst alle Juden angeht, wird ein vorbereitendes Komitee eingesetzt, das die Schaffung einer permanenten Cooperation erstrebt, mit dem Auftrag, in verschiedenen Ländern Untersuchungen anzu st eilen über die Möglichkeit der Einwanderung russischer Juden. Es ist jedoch vor einer plan- und ziellosen Emigration zu warnen. 1. weil die erforderlichen namhaften materiellen Mittel hierzu fehlen: 2.!veil vorläufig keine Emigrationsländer vor- Händen sind. Nachdem Rabbiner Fredenburg auf das schamlose Treiben gewissenloser Auswanderungs- Agenten aukmerkkam machte, dankte Herr Simon Berget dem Präsidium kür die umsichtige Leitung der Verhandlungen, die in der Tat nichts zu wünschen übrig ließ, und um 1 Uhr nachts schloß Herr W o l f f s o h n die Brüsseler Konferenz. Eine und dieselbe Schulbank. Ei« Wort zum BolkSschutkampf. Eine und dieselbe Schulbank für christliche und jüdische Kinder, das ist der Lock- und Werberuf, unter dem sich unsere Assimilations-Juden zusammenfinden, um die jüdische Volksschule in Preußen zu Falle zu bringen. Tic Assimilation, d. h. das spurlose Aufgehen und Unter gehen der jüdischen Zerstreuten unter die sie uniflutende Masse, das Abstreifcn jeder jüdischen Eigenart, das Aufgeben unseres heiligen Vätererbes und das Sich-Aiipassen, Sich-Fügcn und -Schmiegen an außerjiidische Bräuche. Sitten und Anschauungen, das ist das Ideal ihres Lebens und Strebens, für dessen Verwirklichung sie kein Mittel unversucht lassen. Damit man diese Ungeheuerlichkeit nicht auf den ersten Blick als solche beurteilt und verurteilt, sollen die Kinder in der Schule schon dafür gewonnen, soll die Hochburg und das Palladium unserer Eigenart, die jüdische Volksschule, dem Untergang preisgcgcben werden. Wenn erst jüdische und christliche Kinder auf einer und derselben Schulbank sitzen, wenn der Mischmasch, den sie den Großen predigen, schon bei den Kindern beginnt, dann glauben sie, müsse sich die Verschmelzung mit der außerjüdischen Welt ganz von selber machen und die Assimilation falle der zeitge nossischen Judenheit nach einigen Jahren wie eine reife Frucht in den Schoß. Das alles sagen die Herren in ihren Denk schriften, Eingaben und Petitionen nicht: deshalb muß es von anderen gesagt werden und zwar um so laiiter und entschiedener, je mehr es von ihnen derschleiert ja vielleicht nicht einmal bewußt erkannt wird. Wenn sie von der einen und derselben Schulbank sprechen, auf welcher jüdische und christlickw Kinder in Eintracht herangebildet werden, so tun sie das in einem anderen Sinne. Sie suchen den Glauben zu verbreiten, als ob alle Schranken und Unterschiede zwischen Juven und Christen im sozialen und politischen Leben vollständig aufhörtcir, wenn erst jüdische und nichtjüdisch« Kinder eine und dieselbe Schulbank drücken. Dos harmonische Zusammensein im Leben der Schule setze sich dann ganz von selbst in.der Schule des Lebens fort. Wie einst Wolf und Lamm, so werde dann Jude und Christ in Frieden zusammen leben und an diesem konfessionellen Frieden versündigt sich jeder, der den konfessionellen Schulen das Wort redet und die einheitliche Schulbank perhorreszirt. Daß das religiöse Moment in einer allgenieinen Bolksschule nicht dir Pflege finden kann wie in einer konfessionellen, von dieser Bagatelle reden sie nicht. Vielleicht glauben sie es selber nicht, denn zur Aneignung ihrer Assimilanten-ReUgion genügen wirklich die Brosamen von Religion, die da den Kindern gereicht werben. Und wenn, sie sich erst überzeugt haben, daß das alte, historische, von den Eltern zu Hause gepflegte Judentum dabei wirklich in die Brüche gebt, so schwärmen sie erst recht für die einheitliche Schulbank. Das wollen sie ja eben. Sie tun daher ganz entrüstet, wenn man wegen einiger altfränkischen. religiösen Bedenken so lachende Volttssche Vorteile von der Hand weist, und wegen eines bischen Judentums die Judenheit derzichten und

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