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Der Israelit · 1906-01-25 · 4 (25.1.1906) · p. Seite 21

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
4 (25.1.1906)
Date
1906-01-25
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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ieit* .'1 ')It I Januar 190(>._ »Was erscheint Ihnen da so merkwürdig?"?Alles. - Zu welchem Zweck mag das Bla»t aus meinem Buck, gerissen worden sein?" ״D,e Frage ist wohl nicht allzu schnür zu ve! antworten. Das zusammengeknüllte Papier hat zweifellos als Knebel gedient' in dem Mund des Dpfers, damit es nicht schreien könne." ״Ach so, das hätte ich in Wirklichkeit nicht erraten." ״Sie scheinen im übrigen doch nicht gerade de griffstutzig zu sein." ״Das ist mir auch nie tum Aorwurf gemacht worden, und ich din's auch nicht, denn ich fange bereits an cinzusehrn, zu welchem Zwecke mir mein Tchlachlmesser und mein Buch entwendet worden sind." ״Lind sie Ihnen denn in Wirklichkeit entwendet werden?" ״Das schwöre ich bei dem allmächtigen Gott und bei dem ewigen Heil meiner Seele!" sagte der Beschuldigte, indem er sich stramm ausrichtete und dem Untersuchungsrichter frei und fest in's Auge sah. Und wieecr war's dem Richter, als wäre per vor ihm Siebende weder eines Meineids noch eines Mordes tägig. Oder war er vielleicht doch nur ein Schau-!'vieler ersten Ranges? ״Tagen Sie mir, haben Sie vielleicht einen Feind im Dorfe, der Ihnen diesen Schabernack gespielt traben könnte?" Weitzkops zuckte die Achseln. ״Meines Wissens habe ich überhaupt ternkn Feind,!veder in der Stadt, noch im Dorf, denn nie im Leben habe ich willentlich irgend einem Menschen ein Unrecht getan. — Aber ireilich. ich mutz ja doch einen Feind haben, einen Todfeind, der mich vernichten will — aber er ist mir unbekannt." ״Aha," spöüelie der Richter, ״da waren wir ja glücklich bei dem grotzen Unbetannlen angelangt der in den meisten derartigen Prozessen eine Hauvtrolle s'stelt." In dieser Weise ging es noch ein Weilchen fori, ohne das; es dem Untersuchungsrichter gelang, dem Beschuldigten auch nur den geringsten Widersvrnch in seinen Antworten nachzuweisen, denn dieser hielt 'sich streng an die Wabrbeit. Aber die Tatsachen waren all zu gravierend. Roch am selben Abend hatte Efraim Weitzkops an seinen ehemaligen Schüler, Heinrich Beer, eine telegraphische 'Depesche aufgegeben, lautend: ״Mein Bruver Moriz wegen eines angeblichen Ritualmordes verhaftet. Weitzkops." Er hatte sich nicht getäuscht, gleich am folgenden Tage trat Heinrich in sein Zimmer. ״Willkommen, lievcr Herr Donor' 1viukv״imen.'" rief er. wit ausgestreckter Hand ihm entgegen eilend: .,ich habe ja gewutzt, datz Sie kommen werden, aber datz Sie so geschwind da sein werden —“ ״Sie wissen, wie vielen Dank ich Ihnen schulde." erwiderte Heinrich, ״und wenn es mir nicht leid um Ihren Bruder wäre, so würde iw mich freuen, einmal Gelegenheit zu haben, Ihnen tatsächlich meine Dankbarkeit zu beweisen. Aber nun, bitte, erzählen Sie mir möglichst genau, was vorgefallen ist." Weitzkops entsprach dieser Aufforderung: eingehend berichtete er. was er wutzte. Aber von dem im Schuppen gefundenen Schlachtmrsser und von dem gleichfalls dort gefundenen, aus dem hebräischen Buche gerissenen zerknüllten Blatt Papier wußte er nichts und konnte es daher auch nicht erwähnen, und daher mutzte Heinrich die Angelegenheit auch ,*eit günstiger beurteilen, als sie in Wirklichkeit stand. ״Seien Sie ohne Sorgen, Ihrem Bruder wird nichts geschehen. Dir Sache wird sich allerdings einige Wochen, vielleicht sogar einige Monate hin ziehen, denn das kommt vor das Schwurgericht. Aber die Geschworenen werden ihn sreisprechen, das unterliegt auch nicht dem leisesten Zweifel." ״Sind Sie in diesr Beziehung gar so sicher?" fragte Weitzkops sorgend, ״eS!ätzt sich ja nicht in Abrede stellen, daß das Schwurgericht im allgemeinen mancherlei Vorzüge hat. aber Du, mein Gott! wie manche himmelschreiende Urteile werden nicht vou den Geschworenen gefällt! — Und grade in unserem Falle — ich gestehe offen, mir wäre ein Gericht lieber, das nach dem Buchstaben des, Gesetzes urteilt, als eines, ^as nach den Vorurteilen und am Ende gar nach den vregeleiketen Gefühlen der Geschworenen urteilt." Ter Israeli!_ ״In gewisser Beziehung mögen Sie recht haben. ich wiederhole nochmals. Sie baden nichts zu I fürchten, kein Gerichtshof wird eS wagen, einen Mann, ' wie Ihren Bruder, dem man absolut nichts vorwerfen ' kann, auf bas einfache Gerede der Bauern bin zu! vcrurteiien." ״Aber non hat ihn daraufhin doch verhaftet." «Sie habe» recht, auch bas ist arg genug, ist geradezu eine Schmach für den Geist der Aufklärung des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts. , Aber zwisckxn verhaften und verurteilen ist doch noch ein großer Unierfchied." ״Ireilich. freilich, und wir werden Gon danken, wen» mein Bruder mit der Untersuchungshaft da von kommt." ״Ich gehe jetzt sofort auf's Gericht und werde mich dort als der von Ihnen bestimmre Verteidiger Ihres 'Bruders vorsiellen, werde bei der Gelegenheit zu erfahren suchen, wie die Angelegenheit steht »nd wann mir eine llnterredung mit Ihrem Bruder ge stattet werden wird. Vielleicht könnte das noch heute der Fall sein. Dann werbe ich ihm in jedem Falle Grütze von Innen und seiner ganzen Familie über bringen, und was Sie mir sonst noch für ihn mitteilcn wollten —" ״Sie sind ׳ehr, sehr gütig. Vor allem möchte ich Sie bitten, dahin wirken zu wollen, datz uns ge stallet werde, meinem Bruder das Effen zu schicken. Er würde dort nicht? anderes genießen, als Wasscr »nd Brot, das würde seine angegriffene Gesundheit in wenigen Wochen vollends zu Grunde richten." ״Sie sehen allzu schwarz, aber ich gebe Ihnen mein Wort, es wird ohne weiteres gestattet werden, datz Ihr Bruder sich selbst beköstigt. Uno nun mache ich mich aus den Weg, zuerst zum Gericht, dann hinaus in die Fabrik zu meinen Geschwistern. Abends komme ich nochmals her, um Ihnen den Erfolg m-iner Bemühungen mitzuteilen. Ich treife Sie doch zu Hause?" Weitzkops schüttelte den Kopf. ״Wollen Sie sich heute nicht mehr herbemühen. Herr Doktor. S!e wissen doch, oder vielleicht wisien Sie es nicht daß ich jeden Freitag abend und Sabbat mittag bei Fra» Irma zu Tische bin." ״Ja, ja, ich erinnere mich, sie haben es mir ge schrieben und es freu! mich, datz wir den Abend zusammen verbringen. Also auf Wiedersehn!" ״Auf Wiedersehn!" wiederholte Weitzkops, die Hand, die der andere ihm reichte, herzlich drückend ״und nochmals meinen »värmsirn Dank." Er begleitete den sick Entfernenden zur Tür. doch als dieser dieselbe öffnete, trat ihm der Reffe seines eh,n׳->li-1sn K,kr,rci ,ntoeaen. Das verstörtl Gesicht des jungen Mannes erhellte sich, als er den Advokaten erblickte. ״Herr Doktor Beer! Sie sind in der Aegelegen heit meines Vaters hier? — Gott sei Toni! dann ist sie in den besten Händen." ״Das Wollen war hoffen," entgegnete Heinrich, ״übrigens nach den Mitteilungen Ihres Onkels schein! die Sache doch nicht gar so arg zu stehen, ick׳ gehe jetzt in das Gerichtsgebäude, vielleicht gelingt es mir. Zutritt zu Ihrem Vater zu erlangen, oder wenigstens Näheres über das Ganze zu erfahren." ״Sie loerden meinen Vater sprechen?" fragie Adolf hastig, indem eine Blutwelle plötzlich sein Antlitz färbte. ״Vor dem ersten Verhör würde mir das schwerlich gestattet werden, dock wenn dasselbe bereits stattgesunden hat, dürfte es vielleicht möglich sein. — Wünschen Sie Ihrem Vater etwas mitzuteilen? Ich wäre eventuell gern bereit." Adolf wechselte abermals die Farve. ״Ich glaube," sagte er gepreßt, während sein Blick den Boden suchte, ״ich glaube, mein Vater würde dieses schwere Unglück leichter ertragen, wenn er wüßte, datz ich infolge desselben den Eutschlutz gefaßt habe, nie wieder den Sabbat zu entweihen ״nd soeben mit meinem Ehef vereinbart habe, daß ich fortan am Samstag Nacht und am Sonntag dafür arbeite» werd«." ״Das werde ich Ihrem Vater gern mitteilen, und Sie können sich darauf verlassen, er wird es noch heute erfahren, 'elbst wenn es mir nickt gelingen würde, ihn zu sprechen. Doch nun ist eS Zeit, daß ich qche. Also heute abend draußen bei meinen Geschwistern!" Er grüßte und eilte fort. Efraim Weitzkops zog seinen Ressen mit sich in das Zimmer. ״Gott segne Dich, mein Sohn! Ich glaube, jetzt wird Dein Vale.׳ sein Unglück segnen, weil Du dadurch zur Einsicht gelangt bist. Und Dein Edes war sofort bereit. Dir den Sabbat frei zu geben?" ״Sofort gerade nicht. Ader als ick ihm fugte, nach den׳ Unglück, daS uns betroffen und wie mein Vater dasselbe ausfaßt, wäre es mir gerade zu unmöglich, je wiede-r am Sabbat zu arbeiten. Und da er in Wirklichkeit keinen Scheiden dadurch haben wird, hat er schließlich nachgegeben. Aber Onkel, jetzt u,öchle ick Dich sehr bitten, komme mit zur Mutter, sie ist noch immer außer sich, hört nicht aus zu weinen und zu klagen, datz sie an allem die Scvulv trage. 'Vielleicht gelingt es Dir. sie zu berubiqe״ denn t1*nn das so fort geht ״Armes Weib!" fagte Weitzkops, indem er das Sammtkäppchen, das er im Hause'trug, abnahm und in die Tasche steckte und nach seinem Hute grifi ״komm', laß' uns gleich gehen. Und Mela. das arme Kind, wie trägt ste's' ich mutz Dir sagen, gestern war ich ׳״ehr!brelioegen besorgt, als ioegen Den׳,?! Mutter." Heinrich zuckte die Achsel». ״Mela verstehe ich nicht. Sie tveint nicht, aber sie hat in den letzten Tagen noch nickt drei Wortc gesprochen, zu denen sie nicht gezwungen war. Wie von Stein sitzt sie da. kümmert sich um gar nichts, nicht einmal um die Mutter. - Wenn Du vielleicht auch mit ihr svrecken wolltest. Onkel?" Der Sabbat ״ahle. In dem trauliche» Familicn zimmer des Steinfeld'schen Hauses strahlte» die Gas flammen bereits in hrllem Glanze, dock dir Wachs kerzen in den silbernen Kandelabern harrten noch der Hausfrau, sie zu entzünde» und den Segen darüber zu spreche». Tie Fenster de» schviirn Raumes tüüri.N zum Garten hin und waren spannenwrit offen, fützer Blumendufk von Reseda und Lilien strömte herein. ״Schön ist es hier bei Euch," sagte Emmi, die den Bruder hecdegleitet hatte, ״wenn nur die Brr anlassung nicht so überaus traurig wäre ״Daran wollen wir jetzt nicht deuten." versetzte Irma, den Arm um die Schwester schiingrno. ״wi: wollen uns des Beisammenseins freuen und hoffen, datz es Heinrich gelingen wird, den armen Unschuld igcn Mann baldigst frei zu machen." ״Hoffen wollen wir'»," entgegnete Emmi, ״aber Heinrich hat vorhin ein sehr ernstes Gesicht aemackt als ich ihn gefragt habe, wie dir Angeleqrnhrit sieht." ״Es ist gleich Sabbat und 4!n Sabbat soll man alle trüben Gedanken verbannen. Du wirst Eben, es wird mit Gottes Hilfe fckwn alles gut nehrn Tncf» jetzt ist es Zeit zum Anzünden." Sie ließ die beiden Kerzen aufflammen, breitete die Hände zwischen den Lichtern und den Augen und sprach flüsternd den üblichen Segen. Dann reichte sie der Schwester ein Gebetbuch. ״Hier vast Du cm-»9 « XHUIIIU » ■i TlUU״. Nachdem die Schwestern das Ädendgedei der richtet hatten, umarmten sie einander und wünschten einander ״guten Sabbat", dann traten sie zum Fenster und lehnten hinaus. ״Dies ist mein gewöhnlicher Platz am Freitag Abend." sagte Irma, ״hier können wir unsere Hcrren sehen, ivenn sie aus der Svnagoge kommen, die Allee dort zieht sich hin bis zur Stadt." ״Schöne Luft habt Ihr hier." sagte Emmi tief aufatmend, ״im nächsten Sommer werde ich be׳ antragen, daß wir statt nach Baden oder Vösl״u. auf vier oder sechs Wochen hierher kommen." ״Das iväre in Wirklichkeit schön," stimmte Irma eifrig bei, ״ssebst Du dort den Tannenwald? Den hat Ma; Vor einigen Wochen gekauft, dort werden wir an einigen Stellen Tisch« und Bänke stellen lassen, dann tonnt Ihr den ganzen Tag dort sein, die Kinder sind auch den größten Teil des Tages im Wald und Nachmittags komme ich auch hin — das wird in Wirtlichkeit herrlich fein." ״Wir halten noch nicht so weit, vorläufig ist es nur meine Idee: ob Heinrich nicht doch mehr der Zerstreuung bedarf?" ״ יSo soll er allein reisen und sich zerstreuen." er! klärte Irma. ״Du aber kommst inzwischen zu uns." ״Das müssen wir von Heinrichs Befinden abhängig machen. Ist et gut. dann würde ich e< sogar ' für gut holten, ihn wieder einmal für einige Wochen

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