Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 4 (25.1.1906)
- Date
- 1906-01-25
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr ■t. »eile 20_ reden kein Work, hören nicht auf den E Hassan, was bedeut' daö? Ich weiß, was Sie denken," fuhr Brendel, ohne Antwort auf ihre Frage abzuwarten, fort. ״Glauben Sie nur nicht, was die Goldchen. die Putzmacherin, die Ehail« Brombeer oder die Rechte Grüngelb von Ihrem Mann erzählen. ״Hakol Schkorirn")" hat mein dritter Mann selig gesagt. Und wenn? Warum soll der Berez einem schönen Mädchen, das Pnnzeffin gelernt hat. nicht nachgucken dürfen?" Sprinz erwiderte nichts. ״Ich sag' Ihnen, Frau Storch." fuhr Brendel fort, ״nichts wie purer Neid, daß eine soläfe Srore׳') Berez gegrüßt und mit ihm gelacht hat. Da kann er sich sogar noch etwas drauf einbilden. Was gäbe nicht alles unser dicker Parneß drum, wenn i h m das pasiiert wäre. S'ist doch was anderes, ivenn eine Putzmacherin zärtlich tut, als 'ne Pnnzeffin. Hab' ich Recht?" Nur mit halbem Ohr war die Schustersfrau dem Wortschwall der Nachbarin gefolgt, aber die wenigen erfaßten Worte hakten ihre Gefühlsrichtung wiederum wesentlich umgestimmt. Sie, die arme Cchustersgattin. die Rivalin einer gelernten Prinzeffin, wie Brendel Stern sagte. In Brendels beschränktem Vorstellungsvernrögen mußte das Pr׳nzeffin sein gelernt werden: allerdings unter ganz anderen Verhältniffe», als das Putzmachen der lockeren Jda in der Judengaffe. Sprinz fühlte sich aber jetzt überaus geschmeichelt und hoch über die Parneste^) erhaben; dieselbe Parneste, welche die Schustersfrau kaum eines Blickes würdigte. Die im «leiste zurecht gelegte Anklagerede, welche Sprinz gleich nach Schul ihrem auf Abwegen geratenen Ehe gesponst zu valten gedachte, blieb ungesprocden. Mochten nun alle Weiber mit Goldchen, alle Männer mit Mosche Brücke an der Spitze über Berez tuscheln, als Rivalin einer Prinzestin durfte sich Sprinz schon etwas einbilden. So was paffiert bei Juden oft in Iahrundrrten nicht. Stolz, als sei sie selber eine Prinzessin, schrilt Sprinz nach dem Gottesdienst neben ihrem Manne her. An besten Seite ging, wie seit vielen Jahren. Jechiel Friedberg, Berez' Herzensfreund. Dröhnenden Schrittes ging der Schuster, ohne die vielen neugierigen Blicke zu beachten, seiner Wohnung?.u. Was ging ihn die Neugierde d eser Menschen an! Hatte sich gestern um dieselbe Stunde, als er bungria und verzweifelt in seiner Wohnung umherging. Jemand um ihn bekümmert? Nur Jechiel. der ihm aeaenübersaß und mit leuchtenden Äugen zuhörte, berichtete er mit großer Ausführlichteit sein gestriges Glück. ״Siebst Du. Berez." rief Jechiel. von der Crräbluna aanr begeistert der liebe Gott bat Dich ganz besonders licb. Wer weiß, was Hakodosch borchu" ) noch mit Dir vor Hai!" Z w e i l e S .\t a p i t c 1 frvoblt de» crjuäcr* Mltzgesctnck wie seiner cm *ft iKtl!»1 iuimituii ....... •••. v. v dri»j<1. und geschailtich sib.rdigi. Die nächsten Wochen gingen in friedlicher Arbeit lnn. Die!?eitere Folge jenes Ereignisses. das im ersten Kapilcl erzählt wurde, war, daß dem Schuster viel Flick und sonstige Sckustcrarbeit rugina. so daß n wieder einen Gesellen einstellcn konnte. Da letz irrer ein tüchtiger Arbeiter war, bestellten auch einige Stunden ganz neue Schuhe oder Stiesel, was bisher »!cht bäusia vorgekommen ivar. Hahnemann, der Hilssnachtwächter und ..׳lu׳ hier. Hane rncyr iveniger Freude an Berez Storch's AuS>eichn»na durch uii> vielbesprochenen Fren'den, 11s jener selbst. Der letzte Jahrgangs war Vorzug-!ich geraten und die Bürger, welche ihren Wein ver zapften, halten reichlicheren Zuspruch wie seit langem. Hahnemann, als slädtisarer Beamter, suhlte sich schon moralisch vrrpslichtet, da er doch vom Geldr der Bürger besoldet ward, üch hierfür auch erkenntlich zu!eigen und jene auch etwas an ihm verdienen zu lassen und machte daher ebenso slrißig wie unvarteii'ch jrine Rundgänge in den nicht weniqen Weinstuven des Städtchens. Ob paffend oder nicht, brachte er stets die Rede aus die ״fürnehmen Herrschaften" und ihre splendide Bezahlung deS Schusters. Berez ‘.1> יחיtlf4 g,!. 2X■ סין rfuürnn. — : l> S5)«ufrntf. ־-4׳׳n — 21) flbeUac. nntiwIiiiK 't'crion. — Li) Tn v,N1go. flriobt W «. £ ft Israelit_ kam dann wahrlich nicht zu kurz, denn Hahnemann wußte so viel Schönes 'und Gutes von ihm zu erzählen, wie sich in einer Wirtsstube nur erzählen läßt. Die kraftvollen Interventionen deS Schusters, wenn Hahnemann in seiner Wohnung krakehlte oder seine Familienangehörigen prügelte, erwähnte dieser wohlweislich nicht. Solche inneren Angelegenheiten vor das Forum einer Wirtsstiidengesellschaft zu bringen, dünkte dem Hilssnachtwächter als höchst unpaffend. Das waren gewiffermaßen Familienangelegenheiten, die nur den Nachtwächter und den Schuster angingen. Aber selbst das Lob eines städtischen Nachtwächters kann einem jüdischen Schuster nicht auf die Beine helfen, wenn das Glück nicht mithilft. Mit dcm Frühling schien auch in die dämmerige Wohnung des jüdischen Schusters eine sonnigere Zeit einzuziehen. Wenn auch nicht in Hülle und Ueberfluß, war doch stets genug Arbeit da, und wieder mehr wie nie lange zuvor vollzog sich der Lebens- Wandel der Einwohner auf den von Berez' Hand verfertigten Schuhsohlen und darin waren alle einig, daß kein anderer Schuster im Städtchen so dauerhafte Reparaturen anfertigte, als er. Sagte doch selbst Berez' stärkster Konkurrent, der Schuster Külzeuberg, daß man vor Berez' Sohlen und Haken den Hut abziehen muffe. Ganz besonders, wenn der Herr Stadtrat Langhals, oder der Herr Apotheker Pulvertopf darauf herumwandelten. Ta kam das liebe Pfingstfest und mit ihm das Verhängnis für Berez. umso schwerer, in je locken׳ derer Gestalt es genaht war. Jekefchen Geisenheimer und Jomtof Schiff, zwei schtverwiegmde Valvatim (Gemeindemitglieder), bestellten bei Berez auf die bevorstehenden Feiertage ein Paar neue Stiefel. Jekefchen Geisenheimer war trotz des seinem Bornamen angehängten Diminutivs «in großer, starker Mann. Wenn er nicht Jekef. zu gui deutsch Jakob, sondern Jekefchen, also Jakobchen gerufen ward, so lag das in einer alten Gepflogenheit unserer Vorfahren. Es kam sehr häufig vor, daß man den Namen der größten und am stärksten geratenen Leute mit einem liebevollen Diminutiv zierte. Und solcher gab es eine erkleckliche Anzahl im Städtchen. Wenn der mit den Ortsgrößen unbetannte Fremde von Afromchen und Löbchen Gis. von Mordchen Horr- Weiler, Salmechen Bing oder Feistchen Bubenheim sprechen hörte, so stellte er sich schwerlich vor. daß diese im Sprachgebrauch als Neutrum behandelten Menschenkinder insgesamt über sechs Fuß große, breitschulterige Männer waren; von Maierchrn Geisenheimer. Schmulchrn Bina und anderen, wahre« Enaksöhnen gar nicht zu sprechen. Wenn diese hochqewachsenen, von Kraft und Gesundheit strotzenden Männer in der Synagoge versammelt waren, hatte man den Eindruck, daß alle Stürme langer Jahrhunderte das jüdische Volk auch vhvs'.sch nicht gebrochen batten. Daß solche großen Männer auch meist auf großem Fuß leben, tras nun bei Jekeichen Geisenheimer in besonderem Maße zu. Nicht viel weniger auch bei Jomtof Schiff, der jedoch immer noch dinier Jekefchen zuriickstehen mußte. Und es ist leicht begreiflich, daß neben solchen Schuh maßen das zierliche 2tieselc!>cn der mutmaßlichen Prinzeffin, das einstmal das Entzücken des Schusters hervorgerufen batte, wie ein Feenschuh erscheinen mußte. Jekefchen begab sich in Berez Werkstatt, zog den Stiefel ood seinem rechte׳.׳. Fuß und hie" ihn dem vor ihm niederknieenden Berez hin. Wahrend der Manipulation des MaßnehmcnS redete Jekefchen den Schuster an: ״vergiß nicht, Berez. daß ich auf meiner großen Zehe einen Leichdorn habe, der mir häufig große Jcsurim (Schmerzen) verursackt. An der Stelle muß der Stiefel bedeutend erhöht werden. Deswegen brauchst Du aber keine auffällige Wölbung zu machen. Du weißt doch, Berez. wie wir beide zusammen noch in's Cheder (Schule) gingen. Kat Herzchen Reichelsheim, der schon als Bub ein großer Lauchefcz (Taugenichtsf war. mir einen dicken Stein auf die Zehe geworfen. Davon bade ick die schlimme Zehe gekriegt. Sonst habe ick einen gutgeformten, ansehnlichen Fuß. ob- - gleich >!er rechte ein klein bischen größer ist. als der linke. Auch das munt Du Dir merken. Also mache ff1. Januar Um♦;. ein paar bequeme Stiesel, aber schön gearbeitet, da mit es nicht auSsteht, als ob ich zwei Backmulden an den Füßen hätte; auch soll es nicht aussehen. als ob ich zwei Spucknäpfe ooer Bügeleisen anhätte. Lu weißt doch, daß die Leute von Feliz Schnapver be hauptcn, er könnte mit seinen Füßen das linke Rhein ufer an Frankreich adtreten. So 'was will ich mir 1-iit meinen Füßen nicht auch noch nachsage» lassen. Nun weißt Du doch Bescheid?" " Noch im Fortgehen wiederholte Jekefchen: ״P.-rgiß nickt meine große Zehe am rechten Fuß." Berez versprach, der Zehe JekefchenS eingedenk zu sein. Anderen Tages kam Jomtof Schiff in Berez Werkstatt. In der Gemeinde war Jomtof ein gar hoch angesehener Mann, erstens war er wohlhabend, zweitens wohltätig, drittens streng religiös, dann auch von aar stattlicher Erscheinung. In der Synagoge hatte er eine heilige Funktion an allen Festtagen beim VormittaqsgotteSdienst zu verrichten. Schiff war nämlich ein Sproffe des Priesterstammes, und als sobcher allein befugt, wie einst des großen Moses Bruder Aaron. der versammelten Gemeinde den Segen zu erteilen. (Fortsetzung folgt.) Keivrieb Meer. Eine Erzählung von Friedrich Rote. 31 Ter Angeklagte fuhr sich mit der Hand über die Stirn, an der große Schweißtropfen perlten. ״Der Verstand steht mir still. Ich könnte ja erwidern, daß es nicht auffallend sein muß. daß mein Schlachtmeffer im Schuppen gefunden worden ist, weil ich sehr häufig vor demselben geschlachtet habe. Aber dadurch ist mein Meffer nicht in den Schuppen gekommen, das weiß ich mit vollster Bestimmtheit: denn in den zwei letzten Tagen meines Dortseins habe ich überhauvt nicht geschlachtet. Am letzten Nachmittag aber habe ich das Meffer in meinem Zimmer auf dcm Tische liegen gehabt, neben einem kleinen hebräischen Buch«: ich habe dann das Zimmer auf einige Minuten verlassen, und als ich zurücklam, ioaren Meffer und Buch ver schwunden. Ich habe sie überall gesucht, konnte sie jedoch nirgends finden." ״Wer sollte die an und für sich wenig wertvollen Gegenstände entwendet haben? Haben Sie sich nicht bei Ihren Hausgenossen erkundigt, ob dieselben irgend jemanden in Ihr Zimmer baven gehen sehen?" ״Nein,״ verletzte Weißkopf, während das Blut ihm in die Wangen stieg, ״ich muß mich der Feigheit anklagen, weil ich bereits wußte, daß man mich des Mordes verdächtigt, hab> ich es nicht gewagt, nach dem Meffer zu fragen." ״Und weshalb nicht nach dem Buche?" ,.Ich wiederhole, ich war zu feige.״ ״Ich fürchte, daß Sie diese angebliche Feigheit sehr zu bereuen haben werden. Hätten Sie Ihre Hausgenossen sofort in Kenntnis gesetzt, daß Ihnen Messer und Buch soeben entwendet worden, viellkickr stände Ihre Sache beffer." ״Vielleicht," wiederholte der Angeklagte,״ ־aber vielleicht auch nicht. Vielleicht, oder vielmehr'Hochs: wahrscheinlich hätte man dann gesagt, daß ich den Verlust beider Gegenstände fingiert hätte." ״Das hätte allerdings sein können — ja, dumm sind Sie nicht und darum werden Sie auch bereit? eingesehen haben, daß Ihre Verantwortung wenig glücklich gewählt ist." ״Ich habe meine Antworten nicht gewählt, ich habe die an mich gerichteten Fragen nur so b-antwortet, wie ich sie der Wahrheit gemäß nicht anders beantworten konnte." ..Sie beharren demnach bei Ihrer Behauptung, daß Messer und Buch, die die Kommission gestern in dem Schrippen gefunden —" ״Das Buch hat sich auch in dem Schuppen gr funden?" fiel Weißkopf staunend ein. ״Das ganze Buch nicht, aber hier dieses abge rissene Blatt Papier, das zu einem Knaul zusammengeballt war." ״Das scheint allerdings aus meinem Buch ge rissen worden zu sein. Merkwürdig! — merkwürdig!"