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Der Israelit · 1906-01-25 · 4 (25.1.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
4 (25.1.1906)
Date
1906-01-25
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Feuilleton - Beilage zu 211*. 4 2es רו• Israelit uw Vx'k^^'kXxx. xxxxxxxx x * x. x x x x x H 'xxxxxxxxxxxxxxx ><"k **xxxxxx $mur 11. Phislias i» -er Z«i>WW. Bon Arthur Kahn. l! Atnchk>ruck verböte» '.'!!? eben Verez um die lfde der Iudengasse bog, brach die Sonne fröhlich hervor und verklärte die finstere Kaffe und den freien Marktvlah mit dem alten Röhrenbrunnen. Im selben Augenblick er schollen von der Schmidtgaffe her die Klänge eines Posthorns. In leichtem Trab kam ein offener Wagen um die Ecke gefahren, in welchem Berez, der beim Hörnerklang wie elektrisiert stehen geblieben war, seine vornehmen Kunden erblickte. In einem zweiten Wagen sasz der Mann im Frack nebst einer ältlichen, einfach gekleideten Dame. Berez blieb fielen und riß seine Mütze herunter und machte eine tiefe Verbeugung, während seine Augen den Insaffen folgten. Und wahrhaftig! Das junge Mädchen hatte Berez bemerkt, freundlich lächelnd mit dem Kops genickt und mit dem Sonnenschirm eine grüßende Bewegung gemacht. Dem armen Schulter schoß das Blut jäh ins Gesicht und er fühlte sein Herz bis in den Hals klopfen. Gleichzeitig aber bewegten sich seine Lippen im Gebet — er sprach den fremden Herrschaften den Segen nach, den man auf Reiten gehenden Freunden und sons! lieben Menschen nachzuschicken pflegt. Der Wagen war schon weit über den Marktplatz hinaus und Berez starrte demselben immer noch nach, ehe er sich wieder sammelte und seinen Weg fortsetzte. Natürlich hotten viele Leute den Vorgang beobachtet und in richtiger Folgerung Berez mit den fremden in Zusammenhang gebracht. Berez aber sah so ffolz und würdevoll auf die Gaffer herab, daß sie nicht wagten, ihn auszuhorchen. Nur Mosche Brück, der Schliach'), wagte ein höchst bedeutsames «eh?'* an Berez zu richten. Das «eh'n" war von jeher ein Frage- ■׳ a4**aw*1 indem er das «efiV Mosche QvlUJVtl, UUj Vi|| antwortete denn Berez. Brücks fragend echote: «Eh'n? Eine Fräulein majestätische Vrinzeffin für die ich heute gearbeitet habe." Der Schliach glotzte den Schuster Verständnislos an. Hatte er richtig gekört? Berez und eine Prinzessin? «Hat sie denn eine Krone aufgehabt?" frug Mosche Brück, aber Derez war schon außer Hörweite und nun war die Reihe an jenem, auf dem Markte zu stehen und sich gewaltig zu verwundern. Berez batte einen großen irdenen Topf gekauft und war eben im Gäßchen damit angekommen, als ihm Goldchen, die Ausguckern, wie er sie nannte, «ntgeaentrat. «Bei mein' Gesund, Berez. ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, wie ich gehört Hab', daß euch Dornose') ins Haus gekommen ist. Mein Herz hat mir geblutet, daß bei euch grak' heute, am Greto Schabbes, nichts im Haus war-" «Beruhigt Euch Goldchen." unterbrach Berez den über ihn ergebenden Redestrom, «alles war schon vorher da. Gottlob, ich brauch' nicht erst zu luren»), sprachs und verschwand im Hausflur. - «Solche aufgeblasene bhateßim").' knurrte 7Hokrng2nzel. — 8) Berdi-nst. — 9) kuren, lauern, abwarten. — 10) Campe*. Habenichts». Goldeven empört, «dreißig Schritt weit hebt man ihren Dalles") und dennoch wollen sie's leugnen." Wie ein Schatten senkte es sich aus die gliickliche Stimmung der Schusters, daß dieses ihm so wider liehe Weib seine so folglich verborgene Rot wahr genommen Uebiigens, was lag viel daran? Schnüffelte denn Goldchen nicht schließlich alles aus' Mit ihrer gcheuchelten Teilnahme wollte sie ibn gewiß nur noch »veitcr auskorcken. Der Topf in Berez* Hand gab Goldchens Vermutung festere Gestaltung. Sie hatte sich nicht geirrt. Berez hatte einen Topf nach dem Haupte seiner Sprinz geschleudert. Während sie solcherart kombinierte, ging sie zu Regine Morgen rot. um sich mit dieser würdigen Freundin über Berez Storch's Glend, Glück und Topswurf zu unter halten. Sie war ein Gemisch von Neugierde. Bosheit und Klaschsucht. Zn diesen drei nicht sehr rühmen werten Eigenschaften kam aber doch eine bessere »nv anerkennenswertere. Goldchen erzählte alles in chronologischer Rechenfolge und ihr Scharsblict. dem nichts entging, ließ sie fast nie auf die Abwege .er Lüge geraten. Mit einem Wort: Goldchen log so gut wie gar nicht, sie erzählte Tatsachen und nur i 1 ihren Reflerionen, die sie an ihre Mitteilungen knüpfte, irrte sic von der Wahrheit ab. und zu ihrer Ehre sei'; gesagt, mehr aus Bosheit als aus Hang zur Lüge. Wenn das eine einen Vorzug vor dem andern bedeutet. Seiner Sprinz hielt der Schuster, als er den neuen Topf auf den Herd stellte, eine gar gewaltige Strafrede, worauf Sprinz. ihr Unrecht einsehend, ihren Gatten gar rührend um Verzeihung bat. So endete der in Trübsal begonnene Freitag in einem Sabbat doller Seligkeit. Man hätte mit vollem Recht voraussetzen dürfen, daß Berez Storch's Glück der Wendepunkt in seinem gewerblichen Mißerfolg batte werden sollen. Gs war ja nicht unbemerkt geblieben, daß Berez für eine vornehme, fremde Dame gearbeitet hatte unk Mosche Brück, der Botengänger, trug die Mär von der vermutlichen Prinzessin noch in die jenigen Häuser, welche bislang nichts davon wußten. In einer Stadt mit kaum mehr als achttausend Seelen, — nwnn man bedingungslos annimmt, daß jedes menschliche Wesen auch eine Seele haben müsse — braucht man nicht zu warten, bis der ״Anceiger oder dos .,Kreisblättchen" einen Stadtklatsch seinen Lesern mitteilt. An solchen kleinen Pläbchen geht äädter interessierende Ereignis der Druckerpresse meist um Pferdelängen voraus. Das Blättchen reproduziert nur das längst Bekannte, bestätigt und auittiert es in seinen Spalten. Sei es nun. daß das hi r erzählte und für Berez Storch so bedeutungsvolle Grcionis nccht bis in die Redaktionsstube des Anzeigers" drang, oder dort erst eintras, als das Blatt bereits gedruckt war, vielleicht auch — und das ist der unwahrscheinlichere Fall daß de.׳ Absatz der fremden jungen Dame dem Zeitung? schreiber nicht wichtig genug erschien, kurzum, im Wochenblättchen stand nichts davon. Ganz un erwähnt blieb der Aufenthalt der beiden Fremden in den beiden Zeitungen des Städtchens dennoch nicht. Unter der Rubrik: «Städtisches" enthielt der Anzeiger" folgende Mitteilung: «Zu ungewohnter Tageszeit, als die Rathausubr eben die Mittagsstunde verkündete, erschollen die lieblichen Klänge des Postborns durch die Straßen unserer Stadt, und lockten Alt und Jung an Türe und Fenster. In Extrapost fuhren ein älterer Herr unk eine junge Dame von seltener Schönheit, und in einem zweiten Wagen deren Gefolge über den Marktplatz durch die Kapuzinerstraße zur Stadt hinaus. Auch uns war es vergönnt, die Reisenden zu beobachten, und« glauben wir aufgrund unserer persönlichen Grfahrungen in der Resident und unserer Beziehungen zu den höheren Gesellschaftskreisen daselbst, unseren Lese:n verstchern zu können, daß die Reisenden jedenfalls zu den allerhöchsten Kreisen gehören. DaS Ordens» band, welches der Herr trug, die elegante, wenn auch einfache Toilette der reizenden jungen Dame, sowie die im Beiwagen sitzenden Personen, machen e? uns zur Gewißheit, daß fürstliche Persönlich keilen nedst Gefolge, im strengsten Inkognito unsere Stadt mit ihrer hohen Gegenwart beehrten." Grst nachdem die überaus fruchtbare Phantasie des ZeitungsherausqeberS. die beiden Fremden bereits zu Fürstlichkeiten gestempelt hatte, fanden Molche Brücks Versicherungen, daß Berez einer Prinzessin den Stiefelabsatz erneuert habe, etwa« mehr Glaube, als sonst zu erwarten geivesen wäre. Gab es doch aenug Leute im Städtchen, lvelche lieber die vermui» liche Prinzessin zu einer ganz gewöhnlichen Baronin »nd noch weiter abioärtS, degradiert, als einspruchs >0S zuaegebe» hätten, daß der arme Schuster tat sächlich durch eine so Kobe Persönlichkeit mit einer Arbeit betraut und auf offener Straße noch obendrein gegrüßt ivord-n wäre. Was konnte auch das für eine Prinzessin sein, die sich von Berez ihren Stiefel aus bessern ließ, dieweil die wenigsten Juden ihn kaum für fähig erachteten, ihre Schlappen") zu klicken. Und obendrein, ihn, der für seine unbedeutende Arbeit gut bezahlt worden war, noch grüßte! Das fiel doch den wenigsten Leuten ein. den Schuster zuvokommend, und noch mehr als das. sogar mit gütigem Lächeln zu grüßen. Das hatte aber die schöne Aristokratin tatsächlich getan, und Mosche Brück b« schwor es am nächsten Morgen, nicht nur in der ,^chul, während der Raw die Hastora sagte, die Leut» entweder ein und ausgingen, oder sich mitelnander lebhaft unterhielten, sondern auch während des Mittagessens bei Samuel Bär. bei dem er eigens zu Tisch geladen war. um die Mär wahrheitsgetreu ,1׳ erzählen. Auch in der W-iberschul wurde, aber noch viel früher und nachhaltiger des ScknisterS Glücksfall mit Lebhalliglcit besprochen, daß sich der Parneß mehr n.als reranlaßi fühlte, wie ein erzürnter Gänserich mit tmem sausenden «Schi, Seht" den Kovf nach der Weiberschul zu drehen. Gben kalte Goldchen der Merle") Hinlel er zählt, die Putzmacherin Jda Jannenbusch habe von der ffbaie") Brombeer gekört, daß Rechle") Grün gelb mit eigenen Augen zugesehen, wie die fremde junge Dame dem Berez Storch Kußhände aus dem offenen Wagen zugeivorsen habe. Der Rechte sei vor Staunen beinahe der Fisch, den sie eben gekauft hatte entfallen. Berez habe einen feuerroten Kopf de loinmeii und habe dem Frauenzimmer aanz »er geistert") so lange nachgestorrt, bis nichts mehr von ihm zu sehen gewesen sei. Gke der Gottesdienst zu Gnde war, glaubte Czrinz ganz bestimmte Beranlaffung zur Eifersucht zu haben. Tie tatsächlichen Umstände von gestern begannen sich in ihrer Norstellung gänzlich nmzuge stalten. Warum wusch sich Berez so lange und qründ lich an der Pumpe, statt wie sonst am Freitag in seiner Schlafstube? Warum hatte er sein schönst gekräuseltes Busenhemd, statt seines Schabbesseinen Jomtoffrack'׳) angelegt? Was endlich hatte Berez an der Marktecke zu stehen, bis die Fremden vorüberfuhren? Warum war er bei seiner reichlichen Abendmahlzeit so einsilbig und ließ zur großen Ueber» raschung seiner Gattin noch einen Rest Schalet sieben? In den Annalen ihres Ehestandes war eS bis zu diesem Tage nicht zu verzeichnen gewesen, daß Berez etwas auf der Schüssel übrig gelassen hatte. Bei Berez kam wirklich der Appetit beim Essen und körte erst mit dem letzten Bissen aus den großen Schüsseln auf Die Schustersgattin war in tiefes Nachdenken geraten, sodaß sie anfangs gar nicht merkte, daß sich Brendel") Stern neben ihr nieder gelassen hatte. Ihr Gebetbuch im Schoß, blickte Sprinz zu den hohen Bogenfenstern der Svnagoge. ohne dem Gottesdienst zu folgen. Da begann Brendel, die schon eine Zeit lang die SehustcrSfrau beobachtet hatte: «Eh. Frau 11» « mit- Storch, was ist los bei Ihnen? Sie oren") nicht. 12) SAlappen. rbonifdxr Losdruck für HaussckZuhe oder Pantossrl. 18) Miriam. - 1« «barlotte. — 1« ««bl», «-,in». - IS) Hingerissen. verwirrt. — 17) Ariertogtrvck. -18) Nnmbckb«. — IM beten.

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