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Der Israelit · 1906-01-25 · 4 (25.1.1906) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
4 (25.1.1906)
Date
1906-01-25
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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I IJ AusWeff un<f JLet> llllustrierfe Beil!Israeli f 03c zum Die Juden in Marokko. Auf Marokko, das Land im nordwestlichen Afrika, das hart an der Grenze der europäischen Kultur doch bis auf die Gegenwart n»r wenig von ihrem Einstutz verspürte, sind jetzt die Augen aller Well gerichtet. Ter Schwerpunkt der internationalen Politik, der lange Zeit im fernen Osten gelegen, ist gegenwärtig nach dem Reiche des Schenfs verrückt. Die Konferenz, die jetzt in Algeciras tagt und über die fernere Zukunst dieses Landes — und noch über viel mehr — die Entscheidung bringt, nimmt die Aufnicrksamkeit der Leffcntlichkeit in hohem Matze in Anspruch, und selbst die russischen Wirren, die bisher im Mittelpunkt des Interesses gestanden hatten, treten vor der Wichtigkeit der marokkanischen Frage in den Hintergrund. Auch die Judenheit, die in der letzten Zeit mit bangem Blicke die entsetzlichen Schicksale der Brüder im Zarenreiche verfolgte, wendet sich mit Spannung dieser Frage zu, ist doch für das jüdische Volk, als solches, DU mH ihre! Lasüilg uüii wCutragendster Bedeutung. Bielleicht eine halbe Million Juden wohnen in dem vielumstrittenen Marokko. Die Alliance israfelite hat sich zwar schon oft und angelegentlich UNI die Erleichterung ihres schweren Geschickes bemüht, aber dir grotze!üdische Welt mutzte erst durch die entstandene Marokkofragt darauf aufmerksam gemacht werden, datz cs auch eine marokkanische Judenfrage gibt. Erst ein Wendepunkt in der hohen Politik mutzte ihnen verkünden, datz eS nicht nur in Rutzland ein an Leidey reiches Ghetto gibt: bis dahin wutzte man in den weitesten Kreisen der Judcnheir von den marokkanischen Juden so gut wie gar nichts, und auch noch jetzt ist über die Verhältnisse, unter denen sie leben, nur sehr weniges bekannt. Wir glauben deshalb im Sinne der geehrten Leser zu handeln, wenn wir ihnen einiges nähere über das Leben und die Lage unserer Brüder in Marokko berichten. Vor kurzem ist ein Buch .Im mohammedanischen Abendland«* (Verlag Stephan Geibel, Altendurg) erschienen, dessen Verfasser, Rudolf Zabel, Marokko vereist hat und über seine Erlebnisse in einem Tagebuche berichtet. Zabel ist, wie man aus seinem Buch erkennt, kein Judenfreund und liebt es, hier und da ein antisemitisches Mätzchen anzubringen. So hat er denn auch die Juden in Marokko durch eine wenig judenfrrundliche Brille betrachtet. Aber wenn er auch bei der Beurteilung der marokkanischen Juden mitunter an Objektivität zu wünschen übrig lätzt, so kann er doch nicht umhin, ihnen eine Reihe von Eigen׳ ׳chasten zuzugestehen, die sie von der mohammedanischen Bevölkerung sehr zu ihrem Vorteil unterscheiden. Zabel ist vielfach mit Juden in Berührung gekommen und weitz deshalb viel Interessante» von ihnen erzählen. Wir geben von seinen hier und dort cingeitreuten Mitteilungen über die marokkanischen Juden einiges wieder, um die Leser ein Bild von ihrer Lebensweise, und ihrer Beschäftigungen gewinnen zu lassen. Eine marokkanische Stadl zerfällt in drei Hauptteile, die Kasba, die Medina, das ist die Geschäftsstadt, und die Mellah. Tie MeUah ist bas Juden¬ Rordost-Etke der Mellah von Fas. viertel, das Ghetto, autzerhalb dessen in den meisten Städten die Juden nicht wohnen dürfen. Der Jude mutz dort wie in den vergangenen Jahrhunderten in den europäischen Ländern eine ihn als Juden kenn¬ L.»׳' («täftr bei einer Kiaderhoehzeit in »er MeUah. zeichnende Kleidung anlegen. Es ist ihm verboten ein roteS Fez. einen wcitzen Turban, gelbe Pantoffeln zu tragen. Wenn er durch Siratzen kommt, in denen besondere heilige Moscheen liegen, mutz er barsu»'׳, gehen. Obwohl da« Gesetz den Juden gleiche Rechte wie der übrigen Bevölkerung zuspricht, ist es doch in der Praxi« den Mohammedanern erlaubt, den Juden nach Belieben zu schlagen und anSzuplündern. Aus Besorgnis vor einem solchen Liebesdienst bindet nch letzterer mitunter ein weitzes Tuch um den schwarzen Fez, damit mun nicht oo» weitem sehe, datz ein Jude herankommt, und nch bereit macht, ihn zu berauben. Freilich hat dann der Araber, wenn er ihn erkennt, umsomehr Anlatz, sein Mütchen an dem Juden zu kühlen. Auch dem Ehristen, den der Mohammedaner nicht mehr achtet als den Inden, würde es so ergehen, wenn er nickt den Schutz der auswärtigen Macht, der er angehörr, genösse. Tie Mellah, das Ghetto, ist durch ein Tor von den übrigen Stadtteilen abgeschlossen. Hier herrscht ein ganz anderes Leben und Treiben als in der marokkanischen Stadt mit ihrer unheimlichen Stille orientalischer Trägheit. TaS Leben spielt sich grotzenteils auf der Slvatze ab. Tort sitzen an die Tormauern angelehnt, ganze Reihen von jüdischen Hand׳ werkern. Im Schalten des Torhause« sieht man zahlreich« alte Jüdinnen, die Flickereien ausführen und für wenig Geld den Marokkanern die Burnusse und Tjellabas stopfen. Tie Menschen stehen in den Türen der Häuser, man grützt sich, man unterhält sich laut und in den Läden an der Straffe geht ein reger Handel vor sich. Die Häuser der Mellah sind autzerordentlich stark dewohnt. Ta die marokkanischen Juden frühzeitig beiraten und zwar längst vor der Zeit ehe sie wirtschaftlich lelvstänoig sind, roini,,, « uui,!»»tz iii einem Hau! ein: Verwandschaft von 3 4 Generationen unlergebracht wird. Die Häuser de« wohlhabenden marokkanischen Juden sind auf durchaus europäische Weise eingerichtet. Europäische Stühle stehen an einem europäischen Tische. der mit weitzem Leinen gedeckt ist. Es giebt Servietten. Messer, Gabeln und Löffel. Man itzt aus Porzellan und es fehlen nicht einmal die Salzgefätze. An der Wand hängt ein europäischer Regulator. Auf dem Futzdoden liegt rin Teppich, Äommoden und Schränke vervollständigen die Einrichtung. Vor der Tür nach dem Hof zu hängen sogar Portieren. Der Raum selbst ist fensterlos und erhält sein Licht vom Lichthos her durch die weitaufgeschlagene Flügeltür. Während man in der marokkanische» Stadt nicht aus die Dächer der Häuser steigen darf, existiert hier ein solcher Verbot nicht, ttcder- Haupt haben sich die marokkanischen Juden wesentlich mehr von unserer .itultur angeeignet als die Mohammedaner. Ihre Bildungsstufe ist erheblich höher als die der Araber. Sie sind stolz am ihre Abstammung von den spanischen Juden und haben an diese erinnernde Ramrn, und be׳ sonders die Juden von Fas gelten als eine Art Adel. Fast alle sprechen sie irgend eine europäische Sprache, meist Französisch oder Spanisch. Sie dienen deshalb vielfach als Dolmetscher in den Postagenturen. Tiefe Dolmetscher tun auch

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