Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 4 (25.1.1906)
- Date
- 1906-01-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 4. Leite י• Irr IsraUit. Januar 15אימ. öffentlichen und Sammelsiellen für Spenden einrichten, — sie lehnten ebenso höflich als entschieden ob. Man nahm schließlich auf eigene Faust die Sach« in die Hand, die arischen Mitbrüder, denen man sich bisher, nach eigenem Geständnisse, ganz ausgeliefert battr, hielien tapfer Knopf auf dem Beutel. So machte man denn seinem gepreßten Herzen auf der Sitzungeltube der Kultusgkmeind« Luft, hielt es jedoch nicht für ratsam, diesen Protest auch zur öffentlichen Kenntnis gelangen zu lasien, in der ganz richtigen Erkenntnis, daß es ja schließlich doch zwecklos ist. Einen Lichtpunkt in diesem trostlosen Bilde bietet da» wahrhaft opsermütige, edle und hervorragendt Wirken des Rabbiners Dr. M. Jung in »lug. Brcd. In dieser Gemeinde pulsiert noch echt jüdisches Leben, findet die Thora noch eine Stätte Dr Jung in eifrig bemüht, diese Verfassung der W* meinde zu erhalten und fortzubilden. In richtiger Erkenntnis dessen. was dem Iudentume hierzulande nottut. hat er unter den größten persönlichen und materiellen Opfern und unter harter Anfeindung gewisser!kreise innerhalb der eigenen Gemeinde, ein Gvinnasiiim ins Leben gerufen, auf welchem jüdische!linder sich weltliches und jüdisches Wissen in harmonischer Eintracht erinerben sollen. Leider sind selbst orthodoxe!kreise hier in Oesterreich noch in ihrer Erkenntnis zum Teil nicht soweit gediehen, um ein Zusehen daß ein derartiges Institut geradezu d׳e Lösung cmr. Lebensfrage für das Judentum bedeutet. Tos isi unser Verhängnis, aus der einen Seite eine vor nichts zurückschreckende Zerstörungswut, auf der anderen Seite tatenlose Gleichgültigkeit »nv Verkennung der dringlichsten Bedürfnisse der Zeit. Ein neuer Samson Raphael Hirsch ist's. der uns nottut! B u d a t, c st. Wir baltn jüngst schon gemeldet, daß die große Bibliothek des im vorigen Jahre ver storbenen Professors am hiesigen Rabbinerseminar. Dr. David Kaufsmann, von dessen Verwandten der ungarischen Akademie der Wissenschasten zum Geschenk gemacht wurde. Es hat hier großes Aufsehen erregt, daß die Büchersammlung nickt der Bibliothek des Butapefter Rabbinerseminars einverleibt wurde. Daraufhin hat Frau Rosa Go.nperz. die Schwester des Verstorbenen, die die Schenkung vollzogen hatte, ocrlautbart. die Familie bade kein Vertrauen zur Seminarbibliothek, die sich überhaupt keines guten Rufes erfreue. Es herrsche keine Ordnung im Seminar, es sei kein Lesesaal vorhanden, junge Seminaristen verwalteten die viele Tausende von Werken und Manuskripten umfassende Bibliotl>ck, und die Bücher wanderten Jahre hindurch von Hand tu ■VUIIU, egitc jc<A ■ottlugisv*1'!- der Talmudlehrer am Seminar, bat sich in seiner (Eigenschaft als Bibliothekar in einem offenen Schreiben energisch gegen diese Angriffe verwahrt, ..as freilich nichts daran ändert, daß die Bibliothek kamt »er Ausstattung demnächsi in das Palais der Akademie der Wissenschaften überführt wird. Budapest, 20. Jan. Tie Aktion, die hier zu Gunsten der russischen Waisen, welche bei den letzten furchtbaren Ausschreitungen ihre Eltern derloren Kaden, eingrleitet wurde, macht erfreuliche Fortschritte. Der Vorsitzende des hiesigen Hilfsvereins, Josef Deutsch de Hatwan, nahm die Sache in die Hand und ist eifrig bemüht, möglichst vielen Kindern Untertuntt zu verschaffen. Um möglichst viele Fawilien zur Aufnahme von Waisenkindern zu bestinimen, wurde bekanntgemacht, daß Adoption nicht unbedingt erforderlich sei; es genügt, sich zu vrrpflichten, ihnen eine anständige Erziehung zuteil iverden zu lassen und für ihr Fortkommen bis zur Selbsiändigkeit Sorge zu tragen. Bis jetzt haben 58 Waisen in besser situierten Häusern Aufnahme gefunden In leitenden Kreisen besieht die Hoffnung, noch für eine große Anzahl geeignete Plätze zu finden. Aus ökm hriligrn Lanöt. Jerusalem, 6. Tebeth 5666. Der Winter erweisi sich als recht streng. Anfangs ׳Dezember zrzgtr sich allgemeine Wassernot. und es wurde drei Tage gefastet und nr-de und מהל״ם für Regen gesagt. Seit dcn letzten vierzehn Tagen regnet es fast unaufhörlich, eine erfreuliche Tatsache, wenn man die jetzt schon vollen Eisternen betrachtet: aber gegen die herrschende außergewöhnliche Kälte sind wir in Jerusalem nicht gewappnet. Hier gibt es ausschließlich Steinwände und Steinböden, und in nur wenigen von Europäern gebauten großen Häuser findet man Kaminvorrichtung, und angesichts der teuren Preise des!edes Jahr rarer nxldenden Holzes, in einem Lande, wo es keine Steinkohlen gibt, ist ein Ofen ein wahrer Luxus. Bei den Europäern trifft man häufig Petroleumöfen. Doch ist dieses Jahr Petroleum, durch den Brand der Reservoire in Baku ein sehr tostsvieliges Brennmaterial. Der wohlhabende Eingeborene behilft sich mit einem ״Mangol", einem großen, offenen, kupfernen Gefäß, in welchem Holzkohlen langsam zur Asche verbrennen — zivar nichts weniger als gksundheitszuiräglich, jedoch immerhin — warm! Aber bei den Armen — wie sieht es so schrecklich jetzt bei ihnen aus. Ta ist überhaupt keine Idee von Feuerung. Bei meinen Armenbesuchen unter den Jemeniten, Persern und Marokanern finde ich cft als einziges 'Möbelstück des Zimmers — wenn man solch dumpfes dunkles Loch ״Zimmer" nennen darf — eine durchnäßte alte Strohmatte. * * * Das Echo der russischen Greueltaten hallt hier traurig wieder. Wie vorausgesehen, wenden 'sich Flüchtlinge von dort, meistens mittellos, nach Jeru salcm. und die Erzählung ihrer Erlebnisse sind berzergreifend. Der Frau eines Beamten des diesigen russischen Konsulates — eines Juden — die in Odessa mit ihren Kindern weilte, als die Greueliaten dort ansingen, verdankte ihre Rettung einem in Odessa wohnenden Jerusalemer Moslem, der die Familie in seinem Hause versteckte. Man hegte Verdacht, daß er Juden beherberge und es wurde ihm mit dem Tode gedroht, wenn er sie nicht ousliesere. Es gelang ihm jedoch endlich in der Nacht, die Frau mit ihren Kindern auf ein Schiff zu bringen. * * * Wir erfahren mit Vergnügen, daß die zwei Isolierpabillons des Schaare Zedek-Hospitals seit ungefähr zwei Wochen leer stehen. Die Scharlachepidemie ist endlich erloschen, nach mehr als fünfzehnmonatlichem Wüten unter den Kindern Jerusalems. Seit einigen Tagen haben sich leider wieder ernste Diphtberitis- und Eroup-Fällk. die während der Scharlachepidemie fast gänzlich ״erschwunden waren, in der Stadt gezeigt. * * * In den süditchen Kolonien sieht es gegenwärtig r f 1 - חס:.*. -e_w:. *,*«*»* irur irmmq c.u*. omc «ninuiufu.ii - vit!ua^iu. besonders — haben den Mut. sich in Palästina eine Existenz zu gründen, verloren, und wandern nach Amerika, Süd-Afrika und Australien aus. Andere beabsichtigen dieses Jahr ibre Weingärten zur Hälfte auszuhacken, da der Mangel an Absatz des Ertrags eS unmöglich macht, davon zu leben, und versuchen es jetzt mit Mandelbäumen. Religiöses Leben in den Kolonien ist kaum vorhanden, und für die heranwachsende Jugend ist wenig Hoffnung in dieser Hinsicht da. Die Schullehrer dort sträuben sich, mit wenig Ausnahmen, gegen ein Programm des Unterrichte, welches dem gesetzestreurn Judentum entspricht. Die gegenwärtigen Lehrer kommen aus Rußland. Es wäre innig zu wünschen, daß in unmittelbarer Zukunft fromme Lehrer aus Deutschland für die palästinensischen Kolonien sich finden möchten, denen die hebräische Sprache so geläufig ist, daß sie sich deren als Unterrichtssprache bedienen können. * * * Mit Freudwird die Ankunft der diesjährigen jüdischen Gesellschastsreisenden anfangs Februar entgegengefehen. Für uns ist es eine gern erfüllte Pflicht, lieben Glaubensgenossen von draußen die historischen Stellen des heiligen Landes zu zeigen, und ihren Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten. Im Interesse der so ärmlichen Industrie und des Geschäftslebens des Landes wäre es zu wünschen, daß diese Gesellschaftsreise eine alljährliche Tatsache wird. Doch scheint mir der Monat Februar rine ganz und gar ungeeignete Zeit für solche Reise. Voriges Jahr waren die jüdischen Touristen Ende März hier, und alle werden noch lebhaft in Erinner l ung haben, wir unangenehm es toar. in überfüllten Hotelräunicn infolge des kalten Regenwetters herumsitzen zu müssen. Die Kühnen, welche doch Ausflüge ivagten, fanden die aufgeweichten Wege und rauhen Winde sicherlich nicht nach ihrem Geschmack. Im Februar ist es immer noch kalt und regnerisch. Der Mai wäre die richtige Zeit für eine solche Gesell schaftsreise. Da haben die Spätregen gerade aufge hört. Die Furcht, einen geplanten Ausflug durch rintretendeS Regenwetter aufgebrn zu müssen, ist nicht vorhanden. Die lästigen und fieberbringenden Siroccowinde kommen nicht bis Juni — im vorigen Jabre erst im August — und befürchten die Reisen den ihrer Nachtruhe durch Mosquitos, die freilich nach der Regenzeit sich einfinden, beraubt zu werden, so ist dem doch mit einem Mosquitonetz, das jeder .Hotelier aus Verlangen liefern muß. abgeholfen. Zu welcher Jahreszeit immer eine Reise nach Jerusalem unternommen wird, ist es empfehlenswert, etwas warme wollene Kleidung bei sich zu haben, denn die Abende, selbst im Hochsommer, sind immer kalt. Rußland. Petersburg. 18. Jan. Die von der Regierung angeordnete Untersuchung über die Ur sacbe der jüngsten Iudenkrawalle wird, wie voraus- Zusehen war, definitiv im Sand« verlaufen. Senator Kusminsti hat in Odessa die Ueberzeugung ge- Wonnen, )aß die Administration die Krawalle nicht organisiert hat. Wohl haben die Behörden nichts getan, die Krawalle zu dämpfen, sie stelllen sich blind. Auch ist es vorgekoinmen. daß verhaftete Juden auf der Polizei geprügelt wurden. Es ist aber nickt erwiesen, daß der Krawall von der Obrigkeit organi stert worden ist. 4 Pristaws, 7 Pristawgehilsen. 12 Wachtmeister und 19 Schutzleute, die sich allzusehr blvsgestellt haben, sind dem Gericht übergebe» worden, während Polizeimeister Golowin schon vor dem Krawall seine Entlassung genommen hat. lieber Neibbardt, den er abzusetzen nicht die Vollmacht hatte, will Kusminskl) dem Senat Bericht erstatten und es diesem überlassen, das weitere anzuordnen. Auch Senator Turau hat seine Revision in Kiew beendet. Derselbe hat den Polizeimeister Eickohkin, den Pristaw Ljatschenko und dessen Gehilfen abgesetzt und dem Gericht übergeben. Auch er ist der Ansicht, daß die Polizei den Krawall in Kiew nicht organisiert, sondern nur geduldet hat. Es wäre der Polizei sehr leicht gewesen, den Krawall im Keime zu ersticken, sie hat es aber nicht getan. Kiew, 20. Jan. In Südrußland haben während der Pogrome in einigen Dörfern die Be׳ wohner nichts Uebles unternommen. So in Kolorubka, Bezirk Daniprubsk. Die Bauern sprachen sich in einer Versammlung dahin aus, daß ״auch die Juden Menschen seien und es eine Schmach und ein Verbrechen sei, sie zu berauben." Sie ergriffen Maßregeln, die beiden jüdischen Läden zu beschützen. Kiew, 16. Jan. Aus Petersburg wird hierher telegraphisch gemeldet, daß der Verein Kiewer Kaufleute für die jüdischen K a u f l e u t e erster Gilde in Kiew die' Erlaubnis erwirkt hat. in die zweite Gilde überzutreten. Auch dürfen die christlichen Kaufleute Juden als Gehilfen beschäftigen. Der Beschluß der Regierung ist um deswillen sehr wichtig, weil eine große Anzahl der jüdischen Kaufleute bei den Pogromen um sein Vermögen gekommen und einen Handelsschein erster Stuke nicht mehr zu lösen imstande ist. — Vor einigen Tagen fand hier im Bethaus Rosenberg eine Versammlung statt, in der eine Hilfsaktion zugunsten der Juden in Podolien, die bei den Pogromen gelitten haben, eingeleitet werden sollte. Die Polizei umstellte das Haus und nahm einen Teil der Anwesenden fest._ Bialistok, 15. Jan. Die hiesigen Juden sind entschlossen, kraftvoll für den Frieden in der Bevölkerung einzutretrn. Einige von den Leitern der hiesigen Gemeinde haben sich zusammengetan, um über Mittel und Wege zu beraten, wie die Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern geschlichtet werdrn können.