Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 4 (25.1.1906)
- Date
- 1906-01-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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2r>. ^jimav >!»u.? f\ )•»rarl» < >1וז־ «i I i Hannover. 22. 3an. Dir Landradbiner und die Vorsteher der Synagogengemeinden oer Pro rinz Hannover richteten an das Abgeordnetenhaus eine Pention betr. den Schulgesrtzentwurf. worin besonders auf die Verhältnisse der Volksschulen in der Provinz Hannover eingeganqen wird. Köln, 13. )an. Der ״Köln. Ztg." wird aus Berlin gemeldet: Der ״Jmparöial" hat die Nach licht verbreitet, deutsche Juden hätten an den Kaiser eine Eingabe gerichtet, damit er seinen Einfluß zu Gunsten der Juden in Marokko geltend niache. Diese Eingabe sei ablehnmd beschirden worden. Aus Grund zuverlassiaer Erkundigungen können wir fest stellen, daß diese ganze Nachricht falsch ist. Eine derartige Eingabe ist niemals an den Kaiser gerichtet worden -- Am 15. dieses Monats wurde unter dem Vorsitz des Sanitätsrats Dr. Apfel in Köln der Gemeindetag des Provinzialverdandes rheinischer Synagogengemeinden abgehalten. Rabbiner Dr. Rosenstein hielt ein Referat iiber den Schulgesetzent Wurf, Ivo: auf eine Resolution angenommen wurde, die das Abgeordnetenhaus um Ablehnung von Be stimmungen ersucht, die der jüdischen Volksschule eine Au-nahmestellung anweisen. Posen. 13. Jan. Dir jüdischen Stadtverordneten in Posen protestierten in einer Stadtvrrordnetensitzung gegen die jüngst erfolgte Ausweisung begüterter jüdischer russischer Flüchtlinge aus Posen. Orsterreichifche Siluakiousliilüer. (Bon unserem Kurresvoiidente״!. II. Wien, den IE. Januar. Mahren ist ein Land, das ehedem vorwiegend von deutscher Bevölkerung bewohnt war. Dieses Verhältnis hat in den letzten Jahrzehnten mit der fortschreitenden Jndustriealisierung des Landes einen gründlick!cn Wandel erfahren. Fast in alle Städte sind Tschechen in großer Anzahl, meist dein niederen Arbeiterstande angehörend, eingedrungen und haben es nach und nach dahin gebracht, überall die Mehr zahl in der Bevölkerung zu bilden. Die Tschechen können als ein Kulturvolk im eigentlichen Sinne nicht angesehen werden. Wohl sind sie seit einigen Jahrz-hnteu befliffen, sich modernes Wissen und Bildung anzueignen und können sich in der Gründung von Schulen, namentlich solchen, welche zu den Unioersitätsstudien vorbereiten, nimmer genug tun. Indes ist doch Knliur keine Treibhauspflanze, die durch künstliche Mittel allein ganz nach Belieben in die Höhe getrieben werden könnte. Zur Kultur muß man eine gewisse Veranlagung von Hanse aus mit bringen, die im Laufe eines langen Generations ivechsels erworben wird. Das fehlt bei den Tschechen. Dafür aber verfügen die Tschechen über die noch un gebrochene, urwüchsige Kraft eines Naturvolkes, es sind Menschen mit einem fast eisernen Knochenbau und Muskeln wie von Leder. Die Deutschen dagegen sind in ihren oberen Schichten z» einem großen Teile bereits verweichlicht. Daher die seltsame Erscheinung, daß sie auch auf kulturellem (Gebiete keinerlei nennenswert! Erfolge aufzuweisen haben. Forscher, Dichter. Denker oder Künstler von wirklicher Be deutung sind schon lange aus ihrer Mitte nicht heroorgegangen. Was sie in der Hinsicht aniznweisen haben, ist zum grössten Teile von ibren Stammesangehörigcn im deutschen Reiche entlehnt. So stnd die Deutschen Oesterreichs im Grunde geistige Kostgänger des Reiches, trotzdem sie so sehr aus ihre kulturelle Ueberlegenheit. den Slaven gegenüber, pochen. Es wäre in dieser Hinsicht hierzulande noch viel trauriqer bestellt, wenn die deutsche Kultur nicht durch zablreiche und hochbegabte jüdische Kräfte einigermaßen in Schwung gebracht würde. Hat doch jüngst rin jüdischer Schriftsteller öffentlich es ausoesprochen: was Wunder, daß wir Juden hierzulande die Zeitungen bedienen, mögen doch die echten Wiener ׳hr eigenes Deutsch nicht lesen. Auch jene Züge im deutschen Charakter, die bei uns Juden so unaeteilte Anerkennung finden und ihm einen so vornehmen Glanz verleihen, sind bei den Deutschen Oesterreichs kaum »vahrzunehmen. Die reiche Entfaltung der Griniitsanlagen geht ihnen ad. Der deutsche b!on" haarige Jungnng, der mit sinnendem Auge ins Un vrpimmle. ,ferne schaut, die edle deutsche Jungfrau, deren Geiuut Falsch und Tülle nicht tcnnl und aus deren Herzen es so hell und rein wie aus einem frischen Gevirgsquclt sprudelt, der deutsche Mann, dem die Treue das höchste bedeutet, sind hierzulande gar jclteire Erscheinungen. Das 'Deulschtum ׳.n Oesterreich neigt mehr dem Urständ des Germancn tums zu, dem Teutobod als das höchste Ideal gilt. Daher denn auch die offensichtliche Reigung für die altgermanischen Feste, Rainen und Zeiteinteilungen. Die Juden Mährens sind nun von jeher dir eingeschworensten Parteigänger der Deutschen. Es ist diese Vorliebe schwer zu erklären. Kaum dürsten die Deutschen Oesterreichs weniger jüdisches Blut der gossen haben, als die Tschechen. Es ist hier wohl eine Ari von Zwangsvorstellung mit im Spiel, deren Wirkungen wir auch anderwärts wahrnehmen tonnen. So kann man allenthalben beobachten, wie die Rach kommen!euer Juden, die mit Schimpf und Schande aus Spanien vertrieben wurden, noch bis auf den heutigen Tag das Spanische als eine Art von Nationalsprache, die in ihren Augen mit dem Glanze der Heiligkeit bekleidet ist, bewahren und sich desien selbst im Gottesdienste bedienen. Nicht anders scheint es sich mit der Schwärmerei für das Deutsche zu verhallen. Die ivestländischen Juden sind bei ihrer Vertreibung aus der Heimat zuerst mit l>en Deutschen in Berührung getommen und so erscheint ihnen denn das deutsch« Wesen als ein Stück ihres eigenen Selbst. Das politische Leben erreicht hier bei den Wahlen seinen Höhepunkt, mag es sich nun um die Wahlen für die Stadt, für den Landtag, oder das Reich handeln. Anderswo werden hierbei nur Parteikampse ausgefochten, hier aber sind es stets Völkerschlachten, die zwischen Deutschen und Tschechen geschlagen werden. Die Juden leisten natürlich den Deutschen Heeresfolge und da das bürgerliche Element in den Städten den Ausschlag gibt, bilden die Juden regelmäßig sozusagen das Zünglein an der Wage. Trotzdem die Tschechen überall in der Mehrheit sich befinden, behaupten sich die Deutschen unter dem Beistände der Juden regelmäßig an der Macht. Wie weit mährische Juden in dieser Hinsicht gehen und Selbstverleugnung zu üben vermögen, soll ein Bei spiel aus der eigenen Erfahrung zeigen. In meinem ehemaligen Wohnsitze stand die Wahl in den Reichsrat bevor. Dir Stadt, ein rechtes Antisemitennest, stellte den Sohn des Bürgermeisters als Kandidaten auf. Derselbe bekannte sich offen zu dem Programm Schönerers, dessen Antisemitismus noch viel ringe schlachtec und roher ist, als der Liebermann von Sonnenbergs bei Ihnen. Unter solchen Bewandtnissen hielt ich es für angezeigt, meine jüdischen Mitbürger darauf aufinerksam zu machen, daß es doch nicht angängig wäre, die Rücksicht gegen den Bürgermeister sviveil zu treiben, um auch in diesem Fall, seinem Sohne unsere Stiminen zuzuführen. Solche Schmach dursten wir dock» weder uns noch dem Judentum im allgemeinen antun. Ich schlug daher vor, dem Bürgermeister gegenüber diesen Standpunkt offen und klar darzuleaen und ihm gleichzeitig zu erklären, daß wir in Rücksicht gegen seine Person auch den Geaen-Kandidaten nickt unterstützen, sondern der Wahl uns enthalten werden. Da kam ich aber schlecht an. Der Borstand liest unter sämtlichen Gemeinde Mitgliedern eine Liste zirkulieren, mit der Aufforder׳ ung. ausnahmslos für den Schönerer-Kandidaten einzutreten. Alle hatten schriftlich ihre Zusaae ge geben. Nur einer brachte den Mul auf, zu erklären: ״Da ich kein Antisemit bin. kann ick auch keinen Anti׳ semiten wählen." Am Wahltage bildeten die Juden die Kerntruppe in der Schlachtlinie, nur ich stand seitwärts mit vor Scham glühenden Wangen. Diese Parteinahme, die an fast allen Orten zur Verdrängung bezw. Zurücksetzung der Tschechen führte, hat bei den letzteren den Juden gegenüber eine Erbitterung berausbeschworen, die keine Grenzen kennt. Dem Deutschen bringen sie ein einfaches, dem Juden ein doppeltes Maß des Hasses entgegen. Dieses gespannte Verhältnis bat nun während der letzten Tagung des mährischen Landtages eine gewisse Lösung erfahren. Es erfolgte zwischen Deutschen und Tschechen eine friedliche Austragung der Gegensätze, natürlich über die Köpfe der Juden hinweg. Die Mandate des Landtages wurden unter billiger Berückstchtigung der beiderseitigen Anivrüche unter den Tlcbcchen und Deutschen verteilt. Die Juden wurden bei ׳^׳•m Ausgleich förmlich ausgeschaltet. Den nnzclnen Juden bleibt es überlassen, sich nach freier '!־.•'׳>!>! i!׳ die Liste der Deutschen, oder diejenige der TiL-'chen rinzutragen. Es kann gar nicht ausbleiden, daß ri׳■ einzelnen Juden, je nach ihren gesellscha'tlichen. ge schäftlichen oder sonstigen Beziebungen au demselben Orte, bald für die tschechische, dald für die deutsche Liste sich entsch.ide» werden. Welch eine traurige Rolle bleidt da den Juden als solchen vorbe!׳a!ten. die sich trotz gemeinsamer politischer Jn!er,ssen aut die zwei feindlichen Lager verteilen lverden. Davon adaesehcn. sind die Juden damit gleichzeitig im politischen Leben der Stadt wie des Landes so gut wir kaltgestellt, während sie bisher iiberall in den Städten den Ausschlag gaben. So verdankt auch die Landeshauptstadt Brünn, wo die Tsihechen ebenfalls die Mehrheit in der Bevölkerung haben, ihren deutschen Eharakter, den sie bisher trotz de-׳!»estigsten ' Ansturmes von der Gegenseite, noch immer behauptet hat, der Hcrressolge der Juden. Die Juden in Brünn wollten nur Deutsche, nichts als Deutsche sein und dies selbst in ihrer Synagoge. Brünn ist gegenwärtig auch Sitz des Landesrabbiners. der sich der Bor gängcrschast eines R. S. R. Hirsch. R. Mordeckxn Banet. R. Schwelle Horivitz usw. rühmen dar׳. Das hindert jedoch nicht, daß in dem Brunner Svnagogenchore auch christliche Junqirauen ihre holde Stimme ertönen lassen. Wenn irgend ein neue׳- Stern am Himmel des dortigen Stadttheaters aus taucht, lo wird er auch regelmäßig zur Uedernahme einer Solovartie in der Synagoge einaeladen. Ob die Kirchen dieselbe Gepiloarnheit haben, ist mir nich. bekannt, scheint jedoch mindestens zweiselhast. Eine dieser Tkealrrarössen hatte den 9:!. P'alm ־־ -ד־ als Solovartie übernommen, in toelcher Rolle dir Worte L vn 4»ביי ב.- --x den Knallesfekt bilden. Nach dem Gottesdienste, so erzählt man sich, soll eine der christ lichen Ehoristinncn bemerlt haben: ״Der Oaf' war gut: der ״dicken Toisal war ganz verpoayt " llm den Juden zum Gegenstände des Spottes zu machen, hat man ihm früher den gelben Fleck angebeltet, heu:> besorgt er es selbst und zerrt sein Heiligstes mit hinein in den Kot. Brünn hat seit Kurzem einen neuen Rabbiner, echte Breslauer Erzeugung. Nach dem die bemoosten Häupter von weit und breit, selbst von Deutschland, zur Probe berufen waren, bei der sie-wie selbstredend allesamt versagt haben, siel die Palme des Erfolges einem jungen Manne von 2'. Jahren zu. Auf diese zwei schönen Augen sind nun die Hoffnungen und die Zukunft des mährischen Judentums gestellt. Als Brünner Rabbiner bring: er ja von Hause aus die Anwartschaft auf das Landesrabbinat mit und trägt schon jetzt den Mar schallstab iw Tornister. Die Einführung, die jüngst in besonders feierlicher Weise vor sich ging, erfolgte, wie nicht anders zu erwarten, am Sonntag. Ter Lehrsatz unserer Weisen p:ש::׳״ p-.x- ז~• עב ע-ד rcע־-ז ::׳־- zieht bei den Resormrabtinern die unerbittlichsten Konsequenzen. Ueberall sa״ unterliegen sie im Wrttbeinerb mit den jungen eben aus dem Ei herausgeschlüpften Kollegen. Brünn hat auch einen konservativen Rabbiner, der mir den Funktionen eines ״Koschrrwächters" betraut ist Als besondere? Benefiz genießt er dak Vorrecht, in der Synagoge ein langes Tollis tragen zu dürfen. Die Bedürfnisse des Publikums sind aber sehr br scheiden in der Beziehung Sie lassen eS bei der Sckechitah bewenden, und verzichten edelmütia au׳ die Bedikah. Ein Fremder fragte einst bei diesem Rabbiner an. wo man in Brünn דש־ essen dürfe, worauf dieser zur Antwort gab: ״Wäre ich nickt Rabbiner Zk. in B.. so würde ich bei Rabbiner ¥. in B. auch nicht essen." Die Brünner Juden, die bisher!)!sonders vor den Wahlen von ihren deutschen Mit lürgern recht verhätschelt wurden, haben jüngst Ge ühle zu kosten bekommen, wie wenn einer aus allen!eben Himmeln fällt. Und das hat mit ihrem Sinqeu ',i! — neue Wahlordnung getan. Man wollte anlaß ich der jüngsten Gräuel in Rußland eine — inter konfessionelle natürlich — Prolestversammlunq ein berufen. Der städtische Nedoutensaal auf besten Tanzboden die Töchter Zions sonst die großartigsten Triumphe am Arme flotter arischer Bursche gefriert jaben. — er war nicht zu hoben. Man wollte in den ibrral sich geberdenden Tagesblätiern Aufrufe ver :