Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 3 (18.1.1906)
- Date
- 1906-01-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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i»ir. :1. 3citr 1! Ter Israelit l*. Januar IR»',. starke Einwanderung aus dem Osten niel beigetiagen, ciif der anderen Seite die religiöse Stimmung über daupr. die in Amerika mangels irgendwelcher tultur tanipfähnlicken Erscheinungen leichter Wurzel faßt, als jenseits des großen Wassers, wo aus der christ׳ lichen Welt fortgesetzt religionsfeindlicke Stimm-- ungen auch in die jüdischen Kreise hinübersluten. Es ist wahr - unter der Flagge der Orthodoxie segelt allerdings häufig unechte Ladung und nicht jede Gemeinde, die stch orthodox nennt, weist mehr an wahrhas! gesetzestreuem Judentum auf, als — ein unresormiertes Gebetbuch; allein, daß man sich denn dock des Wesens des Judentums auch hier bewußt ist ׳md daß stch führend« Geister bemühen, dieses Be wusilsein auck zu verbreiten, beweist beispielsweise ein Bor trag, den Rev. Dr. Mcndes aus 'Newport dieser Zage in der Adath Jrschurun Societv gehalten bar. ^Lrlhodoxes Judentum und gesetzestreue Lebensführung" lautete der 2i1el der iiefdurchdachten Aussührungen, die in dem Nachweis gipfelten, daß Ankang und Endr des echten orthodoxen Judentums eine den Borsckristen der Bibel und der Gcsctzeslchre entsprechende Lebensführung sei, nickt die Lettüre hebräischer Gebete. Es wird manchmal dehauvtet, so sagte der Redner ferner, das orthodoxe Judentum sei unliebenswürdig, veraltet und ohne Beseligung. und auf de! anderen Seite binzugesügt, der größte Feil aller iüdiswen Wohltätigtcit sei den Nesormjuden zu danken. Beide Behauptungen sind unrichtig. Die orihodoxen Armen geben mehr als die Neichen, die man für Reformjuden hält. Ich Höne im vorigen Winter gelegentlich einer Brrsammlung der United Hebrew Ehariiies, daß die Bewobner des Newnorter Ghettos jährlich drei Millionen Dollars an Unterstützungen ausgeden' und nun sckauc man ihre religiös? Be׳ aeisteruna vri... Geb:!:. die ste »1 Betern mackt und nickt zu andächtigen Zuhörern gut bezahlter christ׳ Ucker Sängerinnen. Das L e.b e n des orthodoxen Ghelioiud.'n IN klN Gevickt, ist rin Ideal, überseht in lebendiges Leben. Er beobachtet das Zeremoniell gesetz, das ihm Hilst Gott im menschlichen Leben überall nahe zu sein. Ex beobachtet das ganze Geseb und seine Erläuterung. Er bandelt redlich, liebt das W״bltun und wandelt in Bescheidenheit. Wenn der Sabbat kommt, verwandelt er fick in einen König, sein Weib ist Königin und die be sctnidene .Lütte wird zum Palaslk. In seiner Religion findet er keine höchste Glückseligleit. Und ist sein Leben nick» glücklicher und edler, als dasjenige des modernen Juden, dessen Leben nickt im Einklang steht mit dem Geiste und dem Worte, die zusammen unsere Religion ewig macken?" Diese Worte eines amerikanischen Rabbiners dürften unseren europäischen Gesinnungsgenossen nach mehr als einer Richtung interessant genug sein. Beweisen ste doch, abgesehen von dem einleitend bereits anqedeuteten Gesichtsvunkie. welchen erzieher iscken Wert und welche religiös!ulturr-'r Bedeutung die Berpslanzung des altjüdischen Geistes nach der neuen Welt hat und wie vielleicht die ungeheure Tragik, die dem Geschicke unserer russischen Brüder iiinewoknr. aeterni bftraditft, der trösl lichen Seite nickt ganz ermangelt. freilich denken nickt alle so wie Dr. Ntendes und auck unter den kingkwandertrn Brüdern verrickten Assimilation und Abfall ibr verheerendes Werk. Immerhin streuen diese dem Sckwerte der Gewalt entronnenen Emi arantrn immer auss neue eine Fülle von Keimen südiscken Geistes aus, die dock endlich zum teil aui aeden und Früchte zeitigen werden. Ku! alten Lagen. Eine liilcrariiche Erinnern»-!>»» Jabrzeiislag vo» Rabbiner 3. R Hirich 7": «.'7 Teioesi Es ist vielleicht ein Irrtum, ader zuweilen empiängi man den Eindruck, als vd die Menschen und unter ihnen desondcrs die literarisch interessierten und beschäftigten ehedem gerader, aufrichtiger und stolzer gewesen seien. De! Schriftsteller war srüber iveniger daraus bedacht, sich eine Gemeinde von Brr ehrern und Rachtretcrn zu schassen, als vielmehr das. was ihn innerlich dewrgte, wie unter einem dunklen Zwange stehend, auszusprcchen und in aller Gemüt? ruhe adzuwarten, was du» Publikum dazu sage»: werde. Wie gesagt, diese Beobachtung kann au^ Täuschung beruhen und im besten Falle eine vereinzelte Erscheinung zu verallgemeinern suchen, wenn ste um Jahrzehnte zurüctliegt und die Pietät vor dem Alter halbverschollene Fehler und Unbedachtsamleiten zu holden Untugenden verklärt. Aber zmveilen scheint *2 doch, als ob das Eligucmvesen in seiner abstoßenden Form ein Produkt der jüngsten Zeit sei und bevor die Literaten die hohe gesellschaftliche Stellung, die sie heute vielfach einnehmen, erlang hatten, doch zu den Seltenheiten gehört habe. Bor mir liegt ein Buch, bester eine Broschüre, mit grauem Umschlag, schon halb aus den Fugen, mit den braunen und gelben Flecken des Alters. Rom und Jerusalem, die letzte Rationali tätsfrage. Brief und Roten. Bon M. Heß, Leipzig 1862. Dicht unter dem Namen deS Autors ist der Titel angeführl: Eorrcspondierendes Mitglied der Berliner philosophischen Gesellschaft. Redakteur d-r ehemaligen Rheinischen Zeitung etc. Und am oberen Rande des Umschlags in cibgedlaßien Zügen der Bermerl: Wohlloblieher Redaktion des Jeschurun. — Zur gefälligen Besprechung. Der Berfaster. Gewidmet ist das Buch ״den hochherzigen Bor׳ kämpsern aller nach nationaler Wiedergeburt ringenden Gcschichtsvölker." Heß ist ein solch aufrichtiger Literat aus ent׳ schwundener Zeit, ln ist der erste literarische Lertreter des modernen Zionismus, wohl nicht der klarste und genialste, aber doch ein ehrlicher Bersechtrr der von ihm als richtig erkannten Ideen, im׳ verwandt dem einzigen Ziele zusteuernd, wohin er seine Nalionalgenosten führen will und von welcheni er überzeugt ist, daß fick schließlich alle bislang noch Ein Kenner seiner Zeit und ihrer Widersprüche ist rr Low. ersten Augenblick, da er sein Buch hinausgibt, über die un erhör'e Berwegenhcit nicht im Zweifel, die dazu ge hört einem ganzen Volte, das keinen höheren Wunsch kennt, als sich seinen Wirtsvöltrrn zu assimilieren, seine nationale Zusammengehörigkeit und Unverlierbarteit, sein unsterbliches Rationaldasein und eine nationale Zukunft im Lande seiner Bäter zu predige!.. Ihm der ärgste Feind ist, so meint er, Rom. Aber die Stunden des päpstlichen Regimes sind gezählt. Wenn Rom dabiiisinkt, ist auch die ,Giftqurlle" der schüttet, aus der das christlich judenseindliche Geinanentum seine Nahrung saugt. In aufaeregieni Streit mit ihren klerikalen Widersachern sieht er oic italienische Nation und wenn dieser Zwist einmal glück ich beeidet sein wird, dann wird auch für Jsrael die große Stunde gekoinmen sein. In den Jahren, da Heß dachte und schrieb, mußte Heß wer׳ len. was er wurde. Das Schauspiel, wie im weiten Umkreis die nationalen Eigenarten sich auf ihr unvcrkürzbares Recht besannen, wie es in Griechenland und 9;?וז!, in Polen lind Ungarn immer stürmischer wcgte und gärte, mußte auf solche Köpfe, wie Heß, nur beiii'.ruhigcnd wirten, weil sie den Entwickelungslauf ler!udischen Geschichte ohne den festen Halt verfolgten, den ihnen die Vergangenheit bot. Heß stand auf einsamem Fels wie ein Geächteter und Berfolgter. Was ihm die Anderen boten, verschmähte er. ohne aber in sich die Krafr zu haben, diesem Gefühle eine zeitgemäße Formulierung zu geben und der Herzl der sechziger Jahre zu werden. Er war derurteilt, seinen nationalen Enthusiasmus in die eigene Brust zu verschließen, weil sein Aufruf auf kein hörbares Echo Kossen durfte. Damals führte der Weg noch auswärts unv wer dazivisöurnilui. galt als Reaktionär und Helfershelfer aller dunleln Mächte der Zeit. Das geschichtliche Bewußtsein in Heß war wobl stark genug, ihn zur Aussprache unerhörter Thesen zu drängen, ober die Melodie, die er dabei anschlug, war so schrill und scharf, daß er über den Mißerfolg sich wohi nicht wundern tonnt«, wenn die grellen Töne empörten, wo sie erfreuen sollten. Die Melodie war dem Inhalte seines Liedes gemäß. Es sang von einer Hellen Vergangenheit, einer noch lxllerrn Zukunft und einer pechschwarzen Gegenwart. Die Farben waren dick aufgetragen, aber unmutig wandten die Beschauer sich weg. Denn von einer pechschwarzen Gegenwart körte man damals nicht gern. Heller noch als die Helle Bergangenheii schien sie den großen Massen uiG *rr Weg. der in die Zukunft führte, war der. den man bereits glücklich betreten und ebenso glücklich zu vollenden dachte. Nicht als ob das, was Heß ihnen sagen wollte, etwas ursprünglich Neues gewesen wäre, nur damals, wo d« Nationalitatsfrage die Völker spaltete, hätte er nach der Meinung der Zeit nicht den nationalen Gedanken des Judentums an sie anlehnen dürfen - - und den Regierungen, die gerade im besten Zuge waren, den allgemeinen Wüu׳ schen Rechnung zu tragen, nicht einen Anker hinwerfen sollen, um den Fortschritt an Ort und Stelle festzubannen. Es schmerzt ungleich mehr, eine noch unerfüllte Hoffnung in Gefahr zu sehen, als bereits, wenn auch nur Zum Teil venvirklichte Wünsch? er׳ schüttert zu wissen. Die Emanzipation hintanzu halten, ihr Hindernisse in den Weg zu legen, mußte ungleich mehr empören, als rin Versuch, die bereit» gesetzlich festgelegte Gleichstellung in ihrem Fortbestand zu gefährden. Was hier eine weitgehende Befürchtung, war dort ein nicht ganz abzuweisendeS Bedenken. So mußte sich Heß zu einem wohl nicht nner warteten Martprium l-equemen und nach der Art aller Unverstandenen und Zurückgesetzten auf reifere Jahre warten, in denen ein späteres Geschlecht durch rrhöhte Aufmerksamkeit zu korrigieren sucht, was eine längstoerflogene Zeit durch sprödes Versagen von Lorbeerkränzen velbrochen hat. Als erster Bor täufer des Zionismus in Deutschland wird Heß heilte gefeiert, und reiche Anerkennung sucht das tühle Schweigen wettzumacken, auf das sein Auftreten einerzeit gestoßen ist. Zu schwach, um sein unfreiwilliges Marinrium durch das letzte Viertel seines Lebens zu tragen, gab Moses Heß die weitere Propaganda nach dem ersten großen Mißerfolge auf und stürzte sich in das all gemeine politische Leben, dem er für ein paar Augenblicke entstieaen war. Seine Nachfolger im Amt, die gegenwärtigen Wortführer der narionaljuvischc» Idee, verstehen sich auf die politische Arbeit besser und verbinden mit einem tiefen Verständnis für die Strömung der Zeit das kostbare Talent hinreißender Eloquenz und gewinnender Glätte im Führen der Feder. Wodurch sich aber ihr unglücklicher Vorläufer von ihnen unterscheidet, besonders von dem rechten Flügel der Brnegung, das ist die klare zwischen. Orthodoxie und Zionism u s. Dgrüber war sich .Heß von vornherein im klaren und scheute sich nicht, es rückhaltlos und scharf auszusprechen, daß die reinnationale Idee, wie sie im modernen Zionismus ihren rührigen Verfechter Hai. nicht nur gegen den Nationalismus des Reformjudentums Front macht, sondern auch über die Geisteswelt einer entschiedenen und charatterfesten Orthodoxie zur Tagesordnung übergeht. Er sagt auf S. 6?. seiner Schrift; ״I», Juden»»», wie in der ganze» moderne» Welt, mache» stch zwei Hauptrichtunge» geltend, die. obgleich dia metrai enkgegengeieizl. doch beide au,- dem Bedürfnis nach objektiv gültigen Norme» und aus der Unfäbigkeil ent prungen n»d. ne zn schassen. Tie Einen werden in Folge dessen zur Unikehr i» den ai»■», kritiklosen iRanben veran lasst, welcher Elaube ,edoch bei ihnen seinen naiven wakr beilsgelrenen Ebarakter cingebüsst bat. In ibrer Ber zweiiiniig. aus dem Nihilismus berauszukomme». verharren sie im bewusste» Widerspruch mit der Bernunsl Tiese verzweisellr Reaknon. weiche die Errungenschaften der Kritik und der Revolution i» die 3chanzen schlagt, iss in der chrssl tiche» Well als 3uper»aturalismns bekannt. In der jüdischen iss sie vertreten dnrch Hirsch in Frankfurt a. M. »nd andere »1i»der begabte Eeisscr. sowie durch pure Ignoranten und Heuchler, mit deren Namen 3ie keine Bekannlschaft zu mache» brauchen. Tieier Reaktion gegenüber habe» die ״r-uiiveu Reformbestrebunge!׳. noch immer als spezisssches Eegengisl ihre Berechtigung, wen» auch der ahssraktc Ber stand es zn keinen gültige» Normen bringen kann." Und auf S. 68: ' 31״e stellen das Tilcmma aus, man müsse entweder mit dem 2»remburger Hirsch*» das Fiel und die Erund weienkeil des Judentums in der Humanität erdticte»: dann sei nickt das nationale, sonder» das humane Ziel, wie es im Frcimaurcrlum und der Reform auttrele, würdig, erstrebt zu werde»: dann aber habe auch das Judentum, wie jede kirchliche oder staatliche Genossenschaft, die Bessimmnng, vom allgemeinen Menschentum verschlungen zu werde».!7 der man lebe mit dem Franksurtcr Hirsch im Judentum das ausschliessliche Heil׳ dann ssebc man im Widerspruch mit den modernen Humanitätsbessrebnngen und dürfe so wen׳g. wie das orthodoxe Ebrissentum, an die össentlichr Meinung unseres Jahrhunderts appellieren, da ste solchen *) VeriaSer einer,Neligionlvhilosovbie."!Widerstrebenden ikm zuneigen werden.