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Der Israelit · 1906-01-18 · 3 (18.1.1906) · p. Seite 4

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
3 (18.1.1906)
Date
1906-01-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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»: זאי «fite 4. ler pgrattit. 18. Januar IHM». Lesterreich-U»gar» H!te# ««d au# Ufitm. (Son unfrreiu Norrfspoudfiilfn.) Das Blutgaff'l von Wien, welches, wie Ihr geschätzter Korrespondent aus Krakau in der letzten Nummer erzählt hat. seinen Namen einem so furcht׳ bar-schauervollen Ereignisse zu verdanken hat, will noch immer nicht zur Ruhe kommen. Es hat jüngst wieder einmal durch den Mund der Steine zue heutigen Wiener Judenschaft zu redrn begonnen. Bei jüngst vorgenommenen Restaurierungsarbeiten an der hiesigen Hofburgkapelle wurden eine größere Anzahl von (Grabsteinen mit hebräischer Inschrift, die aus jener Zci! stammen, aufgrsundeu, und dank dem Entgegenkommen der Hofverwaltung konnten dieselben dem jüdischen Museum überwiesen werden. Es finden hierdurch die Berichte der Chroniken ans der damaligen Zeit ihre volle Bestätigung. Herzog Albrecht. der die Wiener Juden vor die grausige Wahl zwischen Tod und Taufe gestellt hatte, schenktc, als dieselben das erstere gewählt hatten, den jüdischen Friedhof am Kärnthnertor, dem feinsten Viertel des iiiodelnen Wien, dem neuen Chorherrnstiti 2t. Dorothea. Wohl aus keinem Pflaster der Welt ist schon so viel jüdisches Blut geflosser, wie auf dem Wiener. Wieviele der hiesigen zahlreichen und stattlidKii Kirchn würden ins Wanken geraten, ivenn sie die Steine ivieder hergeben!!:üsiten, die aus ge plünderten jüdischen Friedhöfen in dieselben ringe mauert wurden! In weiser Fürsorge haben die modernen Juden es den Kirchen begurmer gemacht. Cs wird hier so leicht keine neue Kirche gebaut, deren Steine nicht fast durchqehends von jüdischen Spenden angeschafsr wurden Die hiesigen Juden ״bauen" solchermaßen für die Zukunft ihrer Kinder vor. — Die allgemeine, intertonfesiionelle Schule, über deren Versagung die jüdischen Blätter in Deutschland zum Teil ein so heftiges Jammergeschrei erheben, besteht in Oesterreich und zwar aus Grundlage eines für den gesamten Staat maßgebenden Reichsgesehes vom Jas:׳ '}Ufr di« Zustände kennt. >vie sie sich aus Grundlage diese- Gesetzes hcrauSgrbKdet haben, der begreift dir namenlose Verblendung nicht, vtrmöge welcher selbst jüdische Lehrer für diese Schuleinrichtungen sich so sehr zu begeistern wagen. Die Besliinmungen des gedachten Schulgesetzes sind in einem durchaus liberalen Geiste gehalten, wie er in Preußen wohl schiverlich je würde zum Durch bruche kommen können. Was bat aber die Anwendung aus diesem Gesetze geinacht? Genau das Gegenteil. Für winzige Minoritäten, wie wir Juden es nun einmal sind, gibt es leinen anderen Schutz, als die eigene, d. d. konsestionelle Schule. Selbst als im Wiener G.'ineinderat noch eine liberale Mehrheit vor Händen war. wurden jüdische Lehrer nur ausnahms- ,ocisr an d׳.i> sogenannten ״aügemfinfn" Schulen an gestellt. Nach dem Regierungsantritte unseres Stadigewaltigen Lueger konnte von der Neuan stellung eines jüdischen Lehrers keine Rede mehr sein. Die vorhandenen Lehrer mußten zwar beibehalten werben, waren jedoch von da ab Gegenstand unauf borlicher Kränkungen und Zurücksetzungen. Die jenigen aber, deren definitive Ansteliunge» noch nicht durchgeführt war, wurden "!5—20 Jahre als Hilsslehrer mit einem Gehalt von etwa 800 Krone» (!!) beschäftig!, bis sie mürbe wurden, sich entweder taufen ließen, oder aus dem Schuldienste ausschieden. Die Folgen sind an der Frequenz der Lehrerseminari-m nur allzu deutlich wahrzunrhmen. Tic niederoiterrcichischcn Lehrerseminare. welchc gleichfalls interkonfessioncll sind, werden von Juden so gut wie gar nicht besucht, weil die Aussichr auf Anstellung an einer Volks oder Bürgerschule vollständig geschwunden ist. Im übrigen Oesterreich liegen die Verkällnisse nicht anders. Fast nimmt sich ein jüdischer Zögling in einem Seminar wie ein weißer Nabe aus. Jüdische Seminare haben wir hier zu Lande nicht, daher denn auch die Gemeinden sich durcdgehends mit ungeschulten Kultusbeamten brgnügen müsiev. Herr Bürgermeister Lueger hatte mit dieser Maßregelung der jüdischen Lehrer seinen Cdrqeiz noch nickt befriedigt. Cr holte weiter aus und ordnete vor etwa vier Jahren an. daß die jüdischen Kinder, um sie von der Berührung mit christlichen durchaus fernzuhaltrn. entw«d«r in besonderen Schulen, oder, wofern dies nicht angängig, in besonderen Klassen unterrichtet werden sollten. Wae er beabsichtigte, war also die sogenannte ״Judrpschule" unter antisemitischer Patronanz und unter der Fuchtel ron waschecht antisemitischen Lehrern. Die hiesige Kultusgemernde raffte sich damals, wie das sv ihre Art ist. zu einem flammenden Proteste aus und legte feierlichst dagegen Verwahrung ein, daß nunmehr ihre jüdischen Kinder vor der Berührung mit denen des christlichen Bekenntnisses ausgeschlossen bleiben sollten. Daß es in einem solchen Falle für selbstbewußte Juden nur einen Standpunkt gab, nämlich, zu erklären: ״Da Ihr unsere Kinder in Eurer Nähe nicht dulden möget, wohlan, so sei es denn; — wir wollen unsere eigene jüdische Schule, aber niemals eine jüdische Schule unter antisemitischer Patronanz" — das scheint man damals in Wien noch n'׳cht erkannt zu haben, Man war immer noch der Meinung, durch das fortgesetzte Anbiedern, ivenn dies auch noch so entschieden zurückgewiesen wurve, es dahin zu bringen, daß dec Antisemitismus verschwinden werde. Ter Protest hatte, wenn man auf die Form sieht, bei dem damaligen liberal schillernden Minister Crsolg. Lueger jedoch nahm die Sach« nicht allzu tragisch und wußte sich zu helfen und den, Herrn Minister ein Schnippchen zu schlagen. Cr ffecfte e׳n, zwei christliche Kinder in die ״Juden- 'lassen" und sagte sich, wenn ein zwei Christen, sogenannte Paradegojim, in Wien für hinreichend vefunden werden, um einen sonst rein jüdischen Vrrein als intertonfcssionell auszugeben, warum sollen nicht zwei christliche Schüler hinreichen, um die sonst rein jüdische Klasse als interkonfessionell zu stempeln? Nun ist Juda gerettet! Interessant jedoch sind die Manöver, deren Lueger, der Stadtgewaltige von Wien, sich!ringst bedient hat. als die Stelle eines Direktors an der Bürgerschule in der Werder!srgaffe zu besetzen war. Trotzdem die Schulen hier, wie bereits bemerkt, durchaus interkonfessionellen Charakter haben joUren, hat es vre tarholische Kirck^ mm,och verstanden, sich das Privilegium zu sichern, daß der Leiter stets temselbkir Bekenntnisse angehören müsse, wie die Mehrzahl der Schulkinder. Dieses Gesetz, das. wie getagt, die tatöonjdj« Kirche für ihre Zivcckc durchgesetzt hat, mußte natürlich eine allgemeine Form annehmen, um damals bei den Liberalen leinen Stein des Anstoßes zu bilden. Nun sollte rs in einem Falle׳ ausnahmsweise den Juden zugute kommen: denn die gedachte 'schule wird seit Jahrzehnten üd-erwiegend von jüdischen Kindern besucht. Lueger versuchte erst das Unheil zu umgehen, indem er den alten, betagten, längst pensionierten Direktor noch weiter in der Liste führte und für ihn einen Vertreter stellte, auf den natürlich nach antisemitischer Gesetzesdeutuna die gedachte Bestimniung nicht Platz zu greifen hat. Da starb der Direktor. Was nun? Lueger änderte den Schulsprenge! für die gedachte Schule; die Maßregel erwies sich als verfehlt, denn die ganze Gegend ist von Juden dichtest bevölkert. Cr versuchte es alsdann in Le: Weise, daß er gewisse Häuser der in Betracht kommenden Straßen, in welchen vorwiegend Christen wohnen, dieser Schule, die benachbarten, mit vorwiegend jüdischer Cinwohnerschaft anderen Schulen zuweisen ließ. Der gewünschte Crsolg. eine christliche Majorität zu erzielen, blieb noch immer aus. Schließlich griff er zu einem Mittel, bei dem er des Erfolges im vorhinein sicher war. Cr verwies einfach die jü׳ discken Kinder des betreffenden Sprengels in andere entlegene Schulen und zog statt dessen christliche heran. So kam es vor. daß den Kindern von jüdischen Bürgern und Hausbesitzern in der Merdertorschule die Ausnahme verweigert wurde, während die des Hausbesorgers, bezw. Portiers, bereitwilligst ausgenommen wurden. Die Wiener Judenschaft schwärmt jedoch nack wie vor für die allgemeine Schule. Wien, 15. Jan. Gestern waren hier drei große Versammlungen cinberufen, in welchen dir Stellungnahme der Juden zu den Neuwahlen des Parlamentes besprochen wurde. Allgemein wurde der Wunsch nach einer politischen Autonomie dec Juden in Oesterreich laut. Die Versammlungen boten zeitweilig rin sehr stürmisches Bild, insbesondere haben di« Sozialdemokraten ihrem Unmute darüber, daß sie durch die jüdische Autonomie eventuell Stimmen einbiißen würden . die Zügel schießen lassen. Brief aus Budapest. (930״ unserem Korrespondenten). Budapest, 7. Januar. C!ne der markantesten Persönlichkeiten des ungarländischen neologen Judentums, MarOn Schweiger, der Chrenpräsident der israelitischen Lanveskanzlei, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Im jüdischen Kongresse, den der ehemalige Kultus minister Baron Josef Cötvös auf Betreiben der Neo logen im Jahre 1808 einberufen hatte, war der Brr׳ blichen« zuerst ernannter und nachher gewählter Quästor des Kongresses. Seine Kollegen war-n die Altersschriftführvr: Josef Simon und Moritz M e z e i. Diese drei Namen sind mit der Geschickte des unglückseligen ungarisch-jüdischen Kongresseaufs innigste verknüpft. Die ungarische Regierung hatte die ehrliche Absicht, den nunmehr emanzipierten ungarischen Juden eine autonome religiöse Verfass׳ ung zu geben. Eine einheitliche jüdische Organisation sollte auf diesem Kongresse geschaffen werdcn. llnd obwohl, die orihodvren Jude» in Ungarn auch heute noch, sowohl im Verhältnis der Seelenzahl als auch als konstituierte Gemeinden in der Mehrzahl sind, so konnte doch kein meritorischer Antrag der gesetzestreu,n Deputierten am .Kongresse die Majorität erlangen. Der Kongreß selbst wurde aus Basis eines von den Neologen aiisgeartficeten und von der Regierung otlroierien Wahlstatutes einbcrufen. Diescr Umstand hätte aber noch nicht hin gereicht, um der Reform dev. Sieg zu sichern. Emußten zu diesem Zwecke noch in den Beratungen?r«TT>rf mrmtprftnripitsrn??HPTK־, Z l**v|* V ,fc ־" '• *3 י י ־-י'•;»"■,t) י יי ־ י Kongreßpräsidiums verübt werdcn. Zu diesem Präsidium gehörten neben Hirschler und Hahrmann auch noch Sch,origer, Simon und Mezci. In den Sitzungen des Kongresses hat sich Schweiger nick: besonders hervorgetan. Cr hat weder Anträge gestellt, noch Reden gehalten. Aber hinter den Koulissen hat er mit der größten Wonne jedes Attentat gcgcn dre Äesehestreuen mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gefordert. Seine Gesinnungsgenossen verstanden es. diese diskrete Kraft zu schätzen und beeilten sich auch, unmittelbar nach Beendigung des Kongresses Martin Schweiger zum Präsidenten der israclitischen Landrskanzlei zu wählen. Josef Simon wurde sein Sekretär und Moritz Mezei mußt: sich jahrzehnte hindurch damit begnügen, als der präsumtive Nachfolger Schweigers in d r illustren Gesellschaft auszuharren. Der erste Kongreß war bekanntlich kläglich miß lungen. Die Orthodoxen erhielten eine eigene Auto׳ nomie. Sie bilden seit 05 Jahren eine ganz sevarate jüdische Konfession und sind an das Kongreßstatvt in keiner Wcisc gebunden. Nur Martin Schweiaer und Konsorten wollten die königlich sanktionierte Organisation der Gesetzestreuen niemals anerkennen. Sie blieben auf dem Standpunkte des Kongresses stehen und gerierten sich in allen ihren Kundgebungen als legale Vertretung der Juden des ganzen Landes. Diese Herren, die auch im politischen Leben eine große Rolle spielten, haben die Situation seit 08 Jahren mit diplomatischer Genialität be herrscht. Sie haben es verstanden, in diesem großen Zeitraum die Prärogative ihrer Partei auf der Basis des Kongreßstatutes bei jeder sich darbietendcn Ge׳ legenheit glänzend zu demonstrieren. Durch einen reichlichen Gebrauch der Schlagwortr Patriotismus, nationale Kultur und staatliche Interessen haoen diese Gewalthaber verschiedene Crlasse bei der Kultusregirrung erwirkt, die nur den einen Zweck verfolgten, die im orthodoren Organisationsstatut verbrieften Hauptrechte zu beseitigen und das ein heitliche Judentum von staatswegen zu de kretieren. An der Spitze dieser Wühlarbeit stano Martin Schweiger. Unter seiner Aegide wurde in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen ein leidenschaft licher Haß gegen die Gesetzestreuen gezüchtet, der die größten Verheerungen im ungarischen Judenrume angerichtet. Ein hoher Beamter der Kultusregirrung soll einmal geäußert haben, daß der Antisemitismus in Ungarn seine Brutstätte in der israelitischen Landeslanzlei und in der Redaktion des jüdischen

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