Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 3 (18.1.1906)
- Date
- 1906-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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1H. Januar Ter Israelit. 2t,l, '*Ir 3 fordert und auf dem Papiere erlangt. Hoffen wir. daß den durch Vermittlung der ausivärtigen Aemter in Berlin, Paris. London und Rom neuerdings unrernominrnrn Schritten, den!naroklanischen Minoritäten ein besseres Los zu sichern, diesmal günstigeres (beschiel beschieden sein wird. * * * I5int scnderbare Kunde kommt aus der friedlichen Residenz der Niederlande: der Zar hat die Einberufung einer neuen internationalen Friedenstonferenz angeregt! Noch hat sich das Grab kaum geschloffen über die Tausende hingemordeter unschuldiger Seelen, die eine skrupellose Lureautratie ihren politischen Zwecken erbarmungslos geopfert hat - noch klaffen die Wunden des schrecklichsten aller Kämpfe, des Bürgerkriegs, im lveiten russischen Reiche — und der Mann, der für all das Furchtbare die nächste Verantwortung trägt, glaubt sich berufen, als Förderer des Weltfriedens den Völkern wegweisend ooranzuschreiten. 'Vielleicht gibt es doch eine Lösung dieses psychologischen Rätsels, und sie ist ein neues Zeugnis für die Segenskräfte, die selbst im Furchtbaren oft geborgen liegen. Vielleicht treibt das Grausen vor dem vergossenen Blute den Zaren vorwärts auf der Bahn, die er im ersten Frühlrngstraum seiner jungen Herrschaft betrat' und die endlich — wir Juden sind nun einmal geborene Optimisten — zum Ziele führen muß. Bespöttelt, oft als unwisseuichaftlich und unzeitgemäß verschmäht, darf die Friedensbewegung der tätigen Symvatieen aller wahrhaft jüdisch Fühlenden sicher sein und vor allem derer, denen es als gesetzestrcuen Juden Tradition und Gewohnheit ist. im Ausblick auf die Zukunst Trost für den Jammer der Gegenwart zu finden. Berlin. 11. Jan. Es ist jüngst in dem Artikel ״kulturdesizit" in oiesen Blättern aus die unerhört ruchlose Aeußerung Liebermanns von Sonnenberg im deutschen Reichstage hingewiesen worden: ״Wer einen Juden erschlägt, der beerbt ihn aucki." Herr Liebermann hat sich damit wörtlich das Programm seines Vorgängers H a m a n angeeignet, nur mit dem. Unterschiebe, daß während letzterer sich zu dessen Urheberschaft in der Oeffentlichtest wenigstens nicht bekennen mochte, lein Nach folger in der erlauchten Versammlung de? deutschen Reichstages dies zu tun wagte, ohne auf irgend einer Seite des Hauses die gebührende Zurückweisung zu finden. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, wenn hie« darauf hingewiesen wird, daß die Berliner jü disch« Gemeinde in ihrer Orgelsynagoge das Vorlesen der Megilla seit deren Gründung abgeschakfl hat. So wirtschaftet die erste jüdische Gemeinde des Reiches mit Einrichtungen, welche unsere Vorfahren einst für ׳ich und ihre Nachkommen für alle Zeiten als eine Ehrenschuld übernommen haben! Jedenfalls haben die aufgeklärten Berliner Herren angenommen, eine derartige Ruchlosigkeit, wie sie in jenem Buche erzählt Ivird, läge außerhalb kessen, was unter Men scheu möglich ist. Diese unverbesserlichen Optimisten, ob sie wohl j-tzt sich von dem Irrtum bekehrt haben ' Herr Dr. Maybaum stellt auf S. 80 seiner Homiletik das Vorgehen der Berliner Gemeinde als nach ahmenswert hin und empfiehlt statt des Vorlesens der Megilloh die Abhaltung einer stimmungsvollen Predigt. Münchener «temeindeconftellatione». <B<"> ״nlkrkm Karrelvoudent,» , München, 9. Januar. Bor wenigen Tagen war im Anzeigenteil der hiesigen Zeitungen eine Bekanntmachung des Amtsgerichts zu lesen, wonach eine ״Israelitische Reli gionsgesellschast Adas Jeschurun" mit dem Sitz in Münchei! gegründet und in's Bercinsregiiter eingetragen worden ist. Ick war nicht wenig erstaunt, als ich die Anzeige las. Sollte sich wirklich in München eine orthodore Sondergemeinde in dieser Fyrn, gebiGet baden? Der Name, sicherlich nicht unbewußt nach dem Vorbild der Frankfurter und Karlsruher orthodoren Separat Gemeinden gewählt, ließ darauf schließen. Doch man beruhigte mich bald. Es harte nur die kleine Genossenschasr, die früher in der Fiirstenfelderstraße, seit kurzem in der früheren ..Mkthodisteniirchk" in der Müllerstrasie - der Volksmuud nennt lie seither ״vic Methodisten" — einen Privatgoltesdiensi unterhält, sich durch Eintragung in's Bereinsregister Rechtsfähigkeit erworben und dabei den erwähnten Namen sich beigelegt. Die Einheit der .Kultusgemeinde ist also nicht bedroht. Immerhin gibt der Vorgang zu denken. Als vor einigen Jahrzehnten die Münchener kultusgemeinde gottesdienstliche Reformen cinzusühren begann und die ortbodore Minorität sich dadurch gezwungen sah, einen eigenen Gottesdienst in althergebrachter Weise zu schas'en, gründete man zu diesem Zweck den ״Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft ׳'יעקב der heute noch die Hauptorganisation der ge-- setzestreuen Münchener Kultusgemeindemitglieder ist.!künstliches Eiwrist!. Man darf zuversichtlich! erwarten, dag die i^elekrien unsrer Zellungsieuilletons j ihren Gläubigen binnen kurzen׳ wieder einmal unter den ' »blichen Jubelsansare» die Adsetznnq des Wellenschöpfers verkünden werden: Ter bekannte Eliemiker Emil Fischer hat sein« Versuche znr Herstellung von künstlichem Eiweist inr Laboratorium vollendet und in voriger Woche einem grösteren Kreise von Fachgenossen vorgenibrl. Tie kritische Würdigung dieser Versuche ist nicht nnseres Amtes, und auch die segensreichen Konsegnen.zen, die sich aus der Möglich feit einer Produktion künstliche» -Fleisches und künstiicher tstabrnng überbaupt für die ganze Entwicklung der menschlichen Wirtschaft ergebe», solle» an dieser stelle sür beute auster Belrach» bleiben. Berwahrnng müssen wir nur gegen den oft beliebte» Versuch eintegen!dessen sich ernste t^elebric natnrlich nicht!chuldig machen», aus der Tatsache ver Ei weist Lnnldesr Kapital sür die Telbstentstebnng organischen OrtftAM« <<•4 s♦.«» i• «t* k «f> יr» («M vvHiiv uur Kiu'iiivut ^tutUiv ־*■ . »ן»**•» •v!v, was Reinke int 20. Kapitel seines bekannten Buche-׳ ..Tie Welt als Tat" über die Frage der spontanen Eiwcistbilvung schreibt und wird grade bei gründtichen! Nachdenken über den gegenwärtigen stand dieses wissenschaftlichen Problems die Üeberzengung von der stärke unsrer Position gewinnen. Linie das Eingreifen einer kosmischen Intelligenz, d. b. also aus der wissenschaftlichen in die gebräuchliche Ausweise über setzt, eines Schöpfers, kan» die Entstehung der organischen Materie nickt erklärt und nicht begrissen werden, sowenig wie die tausend Ingredienzien, aus denen sich Emil Fischers neues Eebilde in der Retorte zusammenlanv, ohne ihres Meisters richlunggebendes Wirken in bnnderilansend Jahren zu organischem Eiweist oder gar zu einer Zell« geworden wäre».!Hebräische Inschrift!. In rtnew. Hause der Bailstraste zu Slogan findet sich rin mit schöner Lrna inenwerziernng verlebenrr stem. der rotgenve Ausschrnt trägt: אש־ ברנה ביתי בצדק עלייתי* באמת וישר כריבד * * I* 4w I A י י M» *A * * . »MM “*•*מ , E» II 1^»^ . ן י*♦**• W M * I־•׳ Es dursle tue» aussaUen, dast der doppelt bezeichne! ist: einmal durch Puntie aut ׳1£ר בדסד”. dies würde d»e Zahl •;:50 ergeben: das andere Mal befinden sich aui den Buch }««•י, ••סל *h *^ *י vt* Im ersien Fall inübte nian annebmen der stein stammt aus dem Jabrc 403״. Hane alio das am'ebnliche Alter von 1030 Jahren. Im zweiten Fall batte er ein Alter von!30 Jahren, das Haus wäre alsdann 1770 >g:w. Zeilr.i erbaut worden. W!e ist dreier Widerspruch zu lösen : Wäre es nicht n'ögtich. dast der slein «rüber schon vorhanden geivrien und von dem Erbauer des Hauses eingesügl worden wäre 'י Jedenfalls sind die Buchstaben im Laute der Zeit aiisgesrischl worden, io dast sich nicht unterscheiden lästr, ob die Punkte oder Blattrormen früber vorhanden waren. Auch lästr sich aus den betresscnden Buchstaben ei» Rain«, der etwa den Erbauer des Hauses bezeichnen könnte, nicht z» sammenstellen. Vielleicht gibt ein Kenner solcher Altertümer eine zu trrssend« Erklärung hierüber. M «chwettzer, Slogan. Der Zweck dieses Verein« moe von Anfang an und »st deute noch in erster Linie die Unterhaltung einer Synagoge, in der man nach der Väter Weise ohne Damenchor und Instrumentalmusik betet Trotzdem nannte man ihn ״Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft". Und heute gibt sich ein iin Verhältnis zur ״Kanalstraßc" da» ist die Volks tümliche Bezeichnung des ״Ohel Jakob" — recht kleiner Sonagogenverein den stolzen Tire! ״Jsrae litische Religionsgesellschaft Ada« Jeschurun"! Di׳ Verhältnisse in der jüdischen Gemeinde Münckrens haben sich geändert seit der Zeit. >vo unter Führung von Männern wie Moses Ettenhermer, Jacob Löb Feucktwanger und Abraham Mergbachrr die Gründung des אז־יי־יעהב Vereins vorgenomme» wurde. Damals begegneten alle orthodoren Bestrrbungen bei Rabdinat und Verwaltung ver .'»ul tusgemeinde größtem Mißtrauen, ja bitterer Feind schosI. Jeder Schritt der Minorität wurde ängstlich bewacht, auf daß diese sich keine Rechte anmaße, dir ihr nicht zutämen. und in den kreis der Befugnisse der Gemeindeoberen nicht eingretfe. So wäre man mit einem Namen, der auf rinr religiöfr Sonder gemeinde hätte schließen lassen, auf den heftigsten Widerstand gestoßen, den zu brechen man damals nicht die nötige Kraft, vielleicht auch nicht den rr forderlichen Mut hotte. Seit anfangs der סס,! Jahre, da Rabb. Dr. Werner ׳ein Amt angerreten bat, sind die Beziehungen zwischen der Gemeindeleitung uno der orthodoren Minderheit freundlicher gewv'den. Rabbiner Dr. Werner dies muß dankbar aner kannt werden bat sich stets wohlwollend gegenüber den Bestrebungen der Orkhodorie verhakten. Es rs sicher nicht zum Wenigsten seiner Person zu danken, wenn man heute auf dir Orthodoren in der «0e meinbrstube mrhr ״Rücksicht nimmt." Schon sei' einer Reihe von Jahren ist das gesamte r־r: Wesen der Gemeinde bei- Aufsicht des Rabbiners Dr. Ehrentreu, des Vereins Rabbiners des אדי1 יעקנ, unterstellt, wird auch kein Einspruch mehr dagegen erhoben, daß Dr. Ehrentreu von der Kanzel der Ver einssyuagoge aus predigt, und wird der א־י יעקב Verein durch einen regelmäßigen Beitrag zu feinem Beamtenpensionssond aus Mitteln der kultusae meindc unterstützt. Durch ein Komprsmrß der Parteien ist in der kultuSgemeindeverwaltung die orthodoxe Minderheit mit drei unter achtzehn Ver waltungsmitaliedern vertreten. Sie ist und bleibt immerhin in absehbaier Zeit auf das Wohlwollen der ״liberalen" Mehrheit angewiesen. Sie mußte es sich darum unter anderem auch gefallen lassen, daß vor einigen Jahren einem Gemeinde r״r>jzur Pflicht gemacht wurde, beim Resormgottesdienst der Haupt synagoqe z» fungieren, und jüngst bei Anstellung eines Beamten für eine unter Kontrolle der Ge meindeverwaltung siebende Stiftung dem Reuange stellten verboten wurde, eine andere als die Haupt synagoge zu besuchen. Trotzdem ist man im ortho doren Lager, besonders im Vergleich zu den Verhält nisten der achtziger Jahre, mir dem heutigen Stand der Dinge zufrieden und denkt nickt an eine Aenderung. Im Allgemeinen herrscht hier auch der vo«׳ den kronjuristen der bayerischen Kultusgemeinden st»'s genährte Glaube, in Bayern bestehe ein geletz liches Hinvernis, orthodoxe Separatgrmeinde» zu bilden. Tie Frage ist bisher niemals Gegenstanv behördlicher Entscheidung gewesen. Die Grundlage, auf der die erwähnte Anschauung basiert, ist ab«, so schwankend, daß sie einer ernst»ren Prüfung nicht Stand zu halten ver mag. Das Judeneditt von 1*13, das Herr re noch gilt, gestattet nämlich, tvenn in einem Bezirk mindestens 510 jüdische Familien wohnen, diesen ״eine eigene kirchliche Gemeinde zu bilden". Man hat nun das ״eine" als Zahlwort fassen wollen und daraus die gesetzliche Unzulässigkeit der Gründung einer zweiten Gemeinde am selben Ort Hergeleste', während doch offensichtlich ״eine" ein nur unbestimmter Artikel ist und dem Judenedikt der Gedanke an eine solche Beschränkung ganz fern lag. Allein — ״das Recht hat eine wächserne Nase" und Gesetzesparagraphen legt jeder aus. wie es ihm zusagt. Im Vordergrund des jüdischen Interesses stehen hier Fragen von mehr sozialer Art. Davon nächstens einmal. II