Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 2 (11.1.1906)
- Date
- 1906-01-11
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«eilt H». Ter Israeli». 11. Januar l'.MXj. Nr ■l maulig »oiederläuend und ivücgend, nach der Meisterin schielte, so lag au» deren Antlitz ein Zug grasten Behagens, wie man ihn de» Feinicknieckern wahrnehmcn tan», »nenn ste »der Liedling-spei'e ver /»ehren In solch krrtiscken Augenblicken ast Hendel mit einem ivadrrn Heisshunger das Produkt ihrer Kiichenphanta'׳e und 5luchenarm»t, um die beiden Gesellen glauben zu machen, dast eine ausgezeichnete Mahlzeit vor ihnen stände, »viirdig. aus der feinsten Hochzeitstafel aufgetragcn zu »verden. Unter solchen Verhältnissen teilte Jechiel gar leicht die teste Ileberzeugung Berez', dast Gott zu׳ weilen ein Wunder an seinem freund« verrichte, wenn Schmalhans drohte, da? Regiment in dessen .Haus stand zu fuhren. Berez, unstreitig der grösste und stärkste Mann im Städtchen, bedurfte bei seiner ge waltigen Körpermasse einer Rahrungszusuhr, die gut und gern für drei starte Männer hingereicht hätte. Einen Mann wie Berez soviel tägliches Brot, wie zum Sättigen des Schusters nötig war, erarbeiten zu felien, war in Anbetracht der Uinstände, geivist keine.Kleinigkeit. Wenn nun der froinmgläubige Berez in seines Herzens Einfalt einen Fund, »nie eben erzählt wurde, als ein besonderes von Gott an ibin verrichtetes Wunder anlah, io betrachtete sein ,freund Iecknel es als ein noch größeres, dast Jerez jeden Tag satt »nurde. Was Berez, wie erwähnt i»n essen leisten konnte, »oar geradezu ohnegleichen, und setzte selbst die grössten lasser, wie Mosche Rudel. Tandel Blad oder Binjomin Heimbach noch in Erstaunen. Ein vielgereister und daber auch abgelrärteter Geselle, ein vorlauter Berliner, rief einmal, ganz hingerissen von seines Brotherrn Apvctit unwillkürlich aus» ״Ree. Meester, wie Sie aber inpackcn können, so »oat gehört schon in't Radurgeschichtshuch!" Am Ausgang der Woche »vanderte der vorwitzige Geselle zum Städtchen hinaus׳ und Berez erklärte, er könne es nicht vertragen, »oenn man ihm jeden Bissen bi׳'- in den .Hals hinein nachzäble. Roch habe ihm Riemand etwas geschenkt, er lebe von seiner Hände Werk. und nur Arbeit sei es, dir er von seinen Mitbürgern verlang» Wenn es Berez an Arbeit gebrach und damit die Rot in seine Wobnung einzog, dann schöpfte er Mur aus einem allerdings schon »neit zurückliegenden Ereignis, das aber in nie verbleichender Pracht in seiner Erinnerung lebte. Wieder war es Freitag und kein Geld im Haus. Raub strich der Märzwind durch das zugige Haus. Weder in der Werkstätte noch in der Klicke brannte ein Feuer und im Bewusstsein ihrer Armut war den Ebeleutcn ihre Wohnung doppelt ungemütlich. Kalte fiesen, leere Schränke, leere Taschen sind nie geeignet, eine Wohnung gemütlich zu erhalten. Per Schuster stand in der Küche am Fenster und blickte düster brütend in das Gässchen hinein. Seine Frau ging dachst übelgklaunt umher, riss die Schränke au» und 'chloss ste »oirder geräuschvoll zu. Wozu tat sse denn das auch' Wusste!׳e denn nickt, dass seil geistern A'end die l-»!e Kartoffel und das lebte Stück Brot verzehrt war' Heult! nickt schon seit einer Stunde :fr kleiner ".nabe durch alle Stuben, dass er es vor Hunger nicht mehr aushaltcn tonne? Sbrinj, die den hungernden Koppel vergebene zu '.elch'ricktigcn suchte, geriet in eine heftige Erbitter »ug gegen den armen Sckuster. ״Eine Sckande i»V<־ und eine Schmack " begann r׳e. ,.dass ein Mcni'eb, gross »nie ein Goliath »vic eia Taopes ao'teb: und nickt einmal ein Laibchen Brot b.rbeiiu'chrckien veimaa. statt zu sorgen dass Trau und .Kind nickt hungern und »rieren müssen, eine Tckanve . . . ." Pas Mliitfj* eines in Stücke ael»end׳.n Tovies unterbrach SPrinz' vittern Monoloa. der lau» genug gmübrt ivordkv. vor, um oon Berez gekört zu werben. Per Borwurss den ihm soeben seine Gattin gemacht, baile den Sckuster in eine solche Wut verseht, dass er den ersten ihn: zur Hand stehenden irdenen Tov» ers.'sstr und in unsäglichem »Ern zu Boden :oar». Sprachlos vor Staunen starrte Sprinz ihren Mann an Berez war kein sanstmütigcr Mevick u״d tov.nle reckt bestig werden. Pann donnerte er aar gewolttg los׳ dass er aber in f״!ck, Wut aeratcn und sogar an ihrem Kückenaelchirr ssch verareisen und etwas zerschmettern könnte, das war di» heute nickt vorg'tomnwn. Ta•-• b׳eite. gut'niitige fie»’d)t I >' I01*)01 latpalla! rdrin>»<drr dl»-l>r»>». de» Echuste'.s >oar von Wut entstellt, du grossen, schiefergrauen Augen blitzten förmlich, und er schrie mit wahrer Stenlorstimmet ״Kann ich denn dafür, dass ich keinen Stich Arbeit Hab'? Soll ich vielleicht schnorren") gehen, um Schabbos machen zu können? Bin ich je im Leben müssig gegangen? Bin ich efscher") kein bekoveder") Mensch? Warum muss der einzige jüdische Schuster unter achtzig Bavatim") Hunger leiden?" Bergeblich versuchte Sprinz, ihren sich imurer mehr in die Wut redende» Mann zu beschwichiigen. Sie fasste ihn am Arm und deutete gegen ein offenes Fenster gegenüber, in welchem Goldchen Löb's runzeliges Gcsichrcheu sichtbar geworden. Berez aber riss sich heftig los und schrie noch lauter: ״Rix da! die ganze Welt darf's hören, wie ein grosses reiches Kahl' ) seine armen Handwerker unterstützt! Der einzige jüdische Schuster und der einzige jüdisch« Schneider nagen am Hungertuch, und können mit dem besten Willen kein Stückchen Brot zusammenarbeiten! Als ob's leine zerrissenen Schuhe mehr gäbe, und kein Rock, der neue Knöpfe und Mutter brauckien tonnt! Arbeit will ich, ehrliche Arbeit, aber lein Rachmones'")." Und dabei schlug der Schuster so wütenv gegen die offene Türe, daß die Spalten in den saugen noch weiter auscinaiidergiilgkli. und beim Zuschlägen das ganze Haus dröhnte. Entsetzt starrte Sprinz den immer lauter svrcchenden und immer heftiger gestikulierenden Schuster an. diesen zürnenden Riesen, der sonst so leicht zu besänftigen war. Per aber fuhr in der Küche auf und abwandernd fort: ״Ja, wenn ich jetzt hinüberging zu Ehajim Stern und hielt die Hand aus, ja, der schenkte mir gleich einen Renn bützner' l, aber seine Stiefel, die lässt er beim Külzeberg, der Judenvlut trinken könnt, machen. Aber eher geb' ich unter, eh' ich einen Heller von denen da geschenkt nähme; zum Schnorrer lass' ich mich nicht macken. Warum arbeit' ich denn von Tagesanbruch bis Mitternacht, wenn ich ein Scknorrer sein wollt? be?" Der aufs Heftigste ergrimmte Schuster wollte eben wieder von Neuem seinem Schmerz durch eine Gewalttat an seinen Möbeln Luft macken, als Je mand kräftig an der Türe pochte. Der struppige Kopf des Hausknechts ans der Post ward in der halbgeöffneten Türe stchtbar. Berez möge ihm sofort folgen. Hohe Herrschaften, welche mit Extrapost angekommen, wünschten sofort seine Dienste; Berez könne auf gute Bezahlung rechnen. Ein freudiger Schreck durchbebte Berez bei dieser Milleilung. Im Augenblick war sein Zorn ver raucht, er dachte nur noch an die in Aussicht gestellte Arbeit. Arbeit! Wie ihn. den ardeitsfrohen Mann, das von Reuein belebte und mit Hoffnung erfüllte! Wenige Minuten später befand sich Berez im Ertrazimmer des Poslgebäudes, in dem nur hohe Reisende nerweilrn durften. Unweit des im Kamin praffelnden Heuer׳- lass ein junges Mädchen von überraschender Schönheit, so dass der Schuster vermeinte, ein Engel vom Himmel sei in diesen Raum herabgeschwevt. Selundenlang starrte der erstannie Berez diese wunderbare <fr 1'ckxinuna an. Am Tenster stand, ivm den Rücken zu kebrend. ein alter Mann. Als dieser sich endlich umdrehte, sah Berez in ein edelgeschnittenes Antlitz, das non emem weiten Backenbart umrahmt war. An der linken Brustseile des schwarzen Rockes war ein Ordensband befestigt und erhöhte die acktung gebietende Erickeinung des Greises. Zwei grosse >>0»? Auge:׳ '■!i<Vn toi» herablassend über die Riesengestalt des verschüchtert dastehenden Schusters. Nie zuvor wer Berez in so unmittelbare Nähe solch bol»«: Pe-se-nen, welche diese offenbar waren, geiomiiien. Bescheiden an der Türe stehen bleibend, die blaue Sch׳" re bald ausgebunden, die Mütze linkisch in den Händen drehend, bot Berez einen wabrkos» hilflosen Anblick dar. Die schöne, junge Dame betrachtete ibn. kalb neugierig, halb belustigt, als sie Re unverbobie׳׳! Bewunderung in Berez' Blick wabr» nahm. >!> 12» vH.v.1, . ... tt. 181 15 Nb׳'. ■ Wiir. Ui ck>>, . ־ י.:;ü >׳». lfn »jfn! i<>l ■jji; . 1T1 T,n 2'. r.!balrrirü׳'. Am Loden lag ein feiner, mit Pelz besetzter Damenstlefel. ״Ist er der Schuster?" frug endlich der alle Herr kurz. ״Ja. Herr Wohlgedoren," antwortete Berez leise, und streifte mit einem scheuen Blick das MäL chen und den Greis. Die beiden Fremden lächelten leise. Dann fuhr der Herr fort: ״Nun, hör' er 'mal, Meister, meiner Tochter ist da 'n Malheur mit ihrem Stiefelchen passiert. Seb' er sich den Schaden an; vor zwölf Uhr soll er repariert sein. Kann er das?" Ohne die geringste Bewegung zu machen, ohne auf den Stiefel am Boden zu blicken, hatte der Alte in befehlendem Ton zu dem starr dastehenden Schuster gesprochen. ״Jetzt," fuhr er fort und zog eine Prachtvolle goldene Uhr aus der Tasche, ״ist es einbalb elf Uhr." Dann macht? er eine Geste mit der Hand, die Berez als Aufforderung, den beschädigten Stiefel aufzuheben, sofort begriff. Er trat heran, hob das feine Schuhlvcrt auf und betrachtete es mit bewun dernden Kennerblicken. Der Absatz war abgerissen. ״Ein feiner, teurer Stiefel," murmelte Berez, ״hat gewiss zwei Karolin'") gekostet." Lauter fuhr er fort: ״Bor zivölf Uhr schon werd' ich den Stiefel allergnädigst zuriickbringen. daraus können sich der Herr und Fräulein Hochgeboren verlassen." Diesmal lachten die so wunderbar Titulierten laut auf, was Berez einen feuerroten Kopf verursachte, zugleich ihm aber ein Teil seiner Schüchternheit benahm. ״Wo hat er denn diese Titula alle aufgr schnappt?" frug der offenbar amüsierte Herr. ״Ich war mehrere Jahre auf der Wanderschaft, hochzeitliche Gnaden." antwortete Berez, nicht ohne Stolz, obgleich die beiden jetzt noch herzlicher lachten als vorher, ״und da habe ich ausser meinem Hand werl noch so manches andere gelernt." ״Da hat er ja ganz reizende Kenntnisse erworben. Jetzt >eh' er zu, dass er Wort hält und den Stiel׳! zeitig zurückbringt," letzte der Alte wieder in de fehlenoein, jedoch ncuudlichein Tone zu. Schon war Berez vor der Türe, als ibm einsiel, dass er die Höhe des Absatzes nicht kannte, daher den unversehitin Stiesel haben müsste, um eine passende Arbeit zu liefern. Er klopfte nochmals leise an und trat ans das ungeduldige Herein in die Stube zurück. Mit gerunzelter Stirn »ah ihm der Greis entgegen, ward aber wieder freundlicher, als Berez erklärte, warum er umgekehrt sei. :Fortsetzung folgt.) Heinrich Meer. Eine Erzoklmig vo» ^rievriick Rotr. 1S'•' ״Das war schon gestern!neine Meinung," sagte Esi-oim Wcisskop», ״und ich denke, wir legen jetzt T'fillin und beten das Notwendigste und machen uns dann gleich aus den Weg." Sein Bruder jedoch schüttelte den Kopf. ״Bis Sonntag über acht Tage habe ich die Wohnung gc!nietet, früher bin ich nicht verpflichtet, sie zu ver׳ lassen." ״Pater, lieber Pater!" bat Adolf. ״Sei nicht unvernünftig, Moritz." sagte sein Bruder, ״Du weissl, es ist ein Frevel, sein Leben obne zwingende Notwendigkeit einer Gefahr auszusetzen." Moritz atmete schwer auf. ״Ich weiss, dass das ein Frevel ist, aber ein noch grösserer Frevel ist der. den ich allwöchentlich begehe, und den ich, wenn ich heute nach Hause gehe, übermorgen und übermorgen über acht Tage wieder begehen würde —" Adolf wechselte die Farbe. ״Ich glaube Dich zu verstehen, lieber Vater, aber ick glaube auch, d. h. ich bin überzeugt dass wenn Du auch jetzt mit uns nach .Hause kommst, Du Dick mehrere Tage zu Hause wirst halten müssen, und lveder übermorgen noch übermorgen Uber acht Tage wirst ausgeben dürfen. Grade am Samstag zum Wochenmarkt kommen die Bauern in die Stadt, und wenn Dick da einer von hier sehen würde, bevor die dumme Geschichte in 18, Ein IZarali» unflf'älir 2>> Mark.