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Der Israelit · 1906-01-11 · 2 (11.1.1906) · p. Seite 11

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
2 (11.1.1906)
Date
1906-01-11
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11. Januar UKW. Ter Q»rjflit. Seit» 11. Ar i. Ergriff 11 lj«fit geraten ist. da könnte dir Geschichte von neuem anfcngen. Und wenn auch in der Stadt die Sache nicht so gefährlich ist, wie hier auf dem Lande, so ist es doch keineswegs angenehm, und kein Mensch wird Tir's verdenken, wenn Du vorläufig am Samstag das Haus nicht verlässest." Moritz Weißkopf ließ sich endlich überreden, gestützt auf den Arm seines Sohnes machte er sich sehr bald auf den Weg, während seine Tochter, den An Weisungen der Bäuerin entsprechend, alle ihre Effek ten in den großen viereckigen Horb schichtete und verschloß, und dann in Begleitung des Enkels gleichfalls bas Haus verieß. Schweigend schritten Vater und Sohn durch das Dorf, erst als die Häuser hinter ihnen lagen, begann Ersterer: ״Weißt Du, weshalb diese schmähliche Beschiildigung mich getroffen hat?" ״Ach Du lieber Gott!" entgegnete Adolf, ״dus ist doch eine alte Geschichtr! vergeht doch kaum ein Jahr, ohne daß, sei es hier oder dort, ein Jude beschuldigt wird, einen (Christen geschachtet zu haben. Woher dieser Wahnsinn kommt, das weiß ich freilich nicht." Der Vater schüttelte den Kopf. ״Dn mißverstehst mich, oder willst mich nicht verstehen. Ich habe Dich nicht gefragt, ob Du weißt, woher das Märchen von dem iog. Ritiialmord stammt, sondern ich have Dick gefragt, ob Du weißt, weshalb gerade mich diese Beschuldigung getrosten habe." Adolf schüttelte verständnislos den •Hott, er wußte in der Tat nicht, auf was der Vater zielte. Dieser fuhr fort: ״Es ist die Strafe, weil ich den Sabbat entweiht habe, und zwar die ganz natürliche Iolge. Allwöch-entlich die Aufregung durch das Bewußtsein, eines der heiligsten der Gebote Gottes zu übertreten, das hat wir die Gesundung geraubt und den Lebens-!mit. Damit ich mich erhole, habt Ihr mich heraufgebracht — erhole von meiner Arbeit am Sabbat —״ fügte er bitter lächelnd hinzu, ״und dabei bat mich die Gottesstrase erreicht." Erschüttert bis in das Innerste seines Herzens, fand der Sohn nicht so rasch Worte, seiner mächtigen ״Vater, lieber Vater." flüsterte er endlich, ״wenn Du mir nur verzeihen wolltest —" ״Ich soll Dir verzeihen, Kind? ick wüßte doch nicht was." ״O. so Vieles. Vieles. Damals hätte ick mein Gehalt Dir zur Verfügung stellen muffen, dazu wäre ich verpflichtei gewesen. Und statt dessen habe ich so unkindlich ni Dir gesprochen und oft so iinebrerbietig. Wenn Du mir verzeihen wollteff!" ״Das ist ja längst geschehen, ich habe nie mehr daran gedacht. Aber da ist ja schon der Onkel mit Mela, sie sind rascher gegangen, als wir, sie sind schon dort beim Wagen. Steiget nur ein!" rief er. ihnen z,,winkend. Sehr bald hatte auch er mit dem Sohn den Wagen erreicht und beide stiegen gleichfalls ein. Es war ein einfacher Leiierw-igeni zum Lchuh gegen die Unbilden des Wetters mit grauer Leinwand überspannt, die auch die Insassen vor den zudring liehen Blicken Neugieriger schützen konnte. Munter trabte das srische iunge Pferd daliin. der Wagen war nicht allzu schwer und überdies ging es abwärts. Aber die sich in dem Wagen befanden, wurden gehörig du.cbqerüttelt, an eine Unterhaltung war nicht zu denken. Inzwischen war es auch im Dorfe lebendiger geworden, der schaurige, an dem kleinen, lieblichen Kinde verübte Mord war noch in aller Munde, und die Entrüstung über den mutmaßlichen Mörd-r steigerte sich mehr und mehr. Me der Hirtenkvahdem jungen Wciß.kopf mitgeteilt, hatte man schon gestern beschlossen, nur das Begräbnis abzuwarten, und falls ״der Mörder" noch aus freien I-üßen. an demselben Lvnchsustiz zu üben. Seltsamerweise erinnerte sich der Dorfschulze erst jetzt, daß es schon gestern seine Pflicht gewesen wäre, die Behörde der nächsten Stadt, zu deren Gerichts'bark-it das Torf gehörte, von dem dort verübten Verbrechen in Kenntnis zu setzen Aber gestern hatte es gar so viele Feldarbeit gegeben, und verlockt durch die Hitze des Tages hatte der Herr Schulze etwas über den Durst getrunken, und dadurch waren dann seine nebensächlichen Berussgeschäste in Perkcssknhe.t geraten. Aber das hatte nicht viel zu sagen, was gestern nicht geschehen war, konnte heute geschehen, und so beauftragte er denn seinen Büttel, den Stelzer Poppel, oforl hinunter in das Städtchen zu gehen, die dortige hohe Obriglett von dem hier Borgefallencn in Kenntnis zu setzen. Ader nachdem der Stelzer Poppel seinen Pslichtgang bereits anaetreten, wurde der Schulze durch den Bader daran erinnert, daß sowohl an der Leiche als auch am Tatort des Verbrechens vor der Protolollaufnahme durch die Behörde keinerlei Aenderung hätte vorgenommen werden vürsen. Herrgott im Himmel! und der kleine Wenzel, dessen Leiche man gestern im blutigen Hemdchen dort im Schuppen der Quastclbäuerin gefunden hatte, der ruhte bereits in der besten Stube des Ringelbauers auf dem Paradebelt, mit farbenprächtigen Blumen überhäuft, den schönsten, die im Dorfe aufzuireiben waren, und hätten nicht die ssliigel gefehlt, man hätte ihn für ein wahrhaftiges Engklein halten können. So behaupten nämlich alle, die da kamen, das deklagenswerte Opfer jüdischer Mordlust noch einmal zu sehen und ein Vaterunser an seiner Leiche zu beten und dem jüvisäieil Mörder zu fluche», lind die Ningelbäuerin saß neben dem Bette. Sie hatte schon o viel getoeint. daß sie nicht mehr iveinen konnte, sie ordnete nur wieder und immer wieder die Pracht vollen Blumen und Kränze, die die Torfmädchen ihrem kleinen Liebling gespendet hatten, und hin und wieder streichelte ße die kleinen weißen Hände des Kindes mit den lieblichen Grübchen und die runden alabastergleichen Wangen und flüsterte ihm bäuerische Koseworte zu. Als aber der Schulze mit dein Bader taiy und sie zu überreden suchte, die kleine Leiche wieder in den benachbarten Schuppen tragen zu lassen, bis die erwartete Kommission den Tatort etc. besichtigt haben werde, da ward sie wild und drohte jeden zu er schlagen, der die tleine Leiche auch nur anrühren werde. Ihr Mann, der Ringelsbauer, suchte sie zu b« schwichtigen und meinte, den Anordnungen einer hoben Obrigkeit müsse Iolge geleistet werden, aber sie wollte nichts hören von ״all dem dummen •feug" und bedrohte auch ihn Mit den׳« Besenstkckcn. 4 ׳! ( « f* . lich kamen die Männer zu der Neberzeugung. daß man die arme Irau in Ruhe lassen müsse, und daß es genügen würde, aus dem Tatort alles wieder so her zurichten, wie es ihrer Ansicht nach, bei Verübung des Verbrechens gewesen, war. Der Ringelbauer, als nächster Nachbar und einer der Ersten, die das Schreckliche entdeckt hatten, wußte noch ganz genau,!חס• alles gewesen war und nach seiner Anordnung war im Schuppen schnell wieder alles so. wie es gestern auch gewesen war. Sehr bald erschien die Kommission ous dem nahen Städtchen. Zuerst tourden die zunächst Beteiligten einem eingehenden Verhör unterzogen, dann ward der Tatort in Augenschein genommen, und was ward dort gefunden! - Außer vielem Nebensächlichem fand der Kommissär neben dem Laub, auf dem die Leiche g? legen war, ein fest zusammengeballtes Papierknänel. ״Was mag das sein?" fragte er. den Knäuel betrachtend. ״Das wird nichts anderes sein als der Knebel, den sse dem armen .Hascherl in's Maul gestovft haben, daß es nicht schreien könnt'", erklärte der Bader. ״Aha!" sagte der Kommissär, indem er den Knäuel zu entwirren suchte. Es war gedrucktes Papier, ader die Buchstaben waren weder deutsch noch lateinisch, sondern wie traiis- Hieroglyphen. ״Sollte das vielleicht Hebräisch sein?" ״freilich ist's Hebräisch," versicherte der Schrei bei, der alles zu Protokoll nahm. ״Das weiß ich ganz genau, denn ich bin mit einem Juden in's Gymnasium gegangen, da habe ich solche Ketzerschrisl oft genug gesehen." ״Was iönn'e 's a;!ch anders sein, als Hebräisch." stimmte de.׳ Bader bei, ״der Iud drinnen hat das Kind aeschöchiei, ick selbst Hab' den Schächtschnitt an der Leiche gesehen, das kann ich beschwören." ״Was I'.cgt denn dorten?" fragte der Ringelbauer, ״dorten auf dem Sims?" Der Schulze langte hinauf und nahm ein unaefähr einen l Alien Meter langes, schmales Lederetili hnunter, dem er ein glänzendes, scharfes Messer entnahm. Alüdann wäre ja alles beisammen." Die Männer sahen einander an. ״Das gehört vermutlich dem Juden." sagte der Kommissär. ״'Nicht vermutlich, sondern ganz gewiß," ver sicherte der Ringelbauer, ״oft genug hat man vom Hof aus den blutgierigen Juden Hühner und Tauben damit abschlachten gesehen, mit vemselbigen Messer — daß er damit aber auch unser» Wenzel, unser liebes, einziges Kind —" Er fuhr sich mit dem Handrücken über beide Augen. ״Ich furcht' nur. mein armes Weib wird sich noch ein Leid antun. weil wir das arme Hoscherl gar so gern gehabt haben, 's war aber auch zum Pressen." ״freilich, freilich. Lieberes und Herzigeres hat's auf der Welt nicht gegeben." ״Na ja. so gehts in der Welt," sagte d r Schulze, die Achseln zuckend, ״aber Herr Kommissär," fuhr er fort bemüht die gestrige 'Versäumnis durch doppelten Eifer wett zu machen, ״den verfluchten Juden müssen's gleich in!ketten legen und mit hin unter in die Stadt nehmen^ ich könnt' sonst n'cht dafür stehen, daß er nicht noch etliche l^hristenkinder abschlachten tat'." ״Hm, hm!"!nachte ver Kommissär, ״zuvor müßte man ihn doch vernehmen. Wo ist er denn?" ״Drinnen im Stüberl von der Quastelbäueein wird er sein." erwiderte der Schulze ״kommt Stelzel, wir bringen ihn her mitsammen." Der Schulze und der Büttel begaben sich t.t das Haus, kamen jedoch gleich wieder zurück, begstitet von der Bäuerin. ״Das 'Nest ist leer!" ries? lachend, ״der 'Vogel ist ausgrflogen. Ja. gnä' Herr, da müssen's balt srüber aufsteh'n. wenn Sic ׳inen Juden absanaen wollen. Der Juchs hat Lrin'e ge rochen, da ist er beizeiten auf und davon!" ״Das ist Schade, aber könnten sie uns vielleicht sagen, wohin er ist?" ״Gesagt hat er mir's nicht, aber wobin wird er denn sein' Ich denke mir. daß er nach B. ist, denn dorten wohnt er." ״Und sein?käme? ich meine, wie beißt er?" ״Mißkopf heißt er. 'Moriz Weißkopf und wchnr in der Bceitegusse 7h. 7 in B." Dir Protokoll, uf nähme war beendet und da der mutmaßliche Ver brecher sich aus dem Staube gemacht hatte, batte euch die Kommission ihre Aufgabe im Dorfe beendet und machte sich auf den Rückweg. Der Kommissär zweifelte zwar, daß die Vermutung der Bäuerin stchbestätigen und der Mörder in seiner naben Heiwa: zu finden sein werde. Doch das war schließlich nicht seine Sackw, er hatte nur zu berichten, was er oe sehen, gehört und zu Protokoll genommen hatte. Es war in den Vormittagsstunden, noch nickck ganz zehn Ubr, als der Leiterwagen, der die Hainil e Weißkopf beim brachte, in der Breitegasse Nr. 7 hielt. Adolf war schon vor der Stadt ausgestiegen. um früher das Romptoir, in dem er arbeitete, erreichen zu können. Hrau Weißkops begrüßte den Gatten mit ungewohnter Herzlichkeit, die Angst um ihn hatte sie weick gestimmt. Auch Esraim war unaufgefordert den andern in das Hamilienzimmer gefolgt, es war zum erstr!! Mal seit drei Jahren, daß er die Wohnung seine; Bruders betrat. ״Legen Sie ad. Schwager, und setzen Sie sich. Ich bin Ihnen so vielen Dank schuldig, daß Sic mir meinen Mann heil und gesund herunter gebracht h<1ben." ״Wer wiro von Dank reden," versedte Esraim, ״Moriz war doch noch früher mein Bruder, als Ihr Mann. Uebrigens Ein mahnender Blick seines Bruders unterbrach ihn, die Befürchtung ausznsprechen, die er noch immer nicht bannen konnte. ״Netti, mein .Kind," sagte ihr M׳nn, .wir haben heut? noch nichts gegessen, nicht einmal Kaffe; getrunken." ״Ach Tu lieber Gott! — wenn ich das gewußt hätte. Aber gleich wird der Kaffee fertig sein. Mela. Du konntest einstweilen den Tisch Zecken." Si: eilte hinaus, dir Tochter entsprach ihre- Aufforderung, während die Brüder neben einander auf dem Soka saßen und sich halblaut flüsternd unterhielten. (Fortsetzung folgt.)

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