Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 2 (11.1.1906)
- Date
- 1906-01-11
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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11. Januar ltHJü! tu Israelit, «tue!׳, 'Jir 1 Hahnrmamis. der, wir schon ervätmt, über ihm wohnte. den welligsten Spaß. Kam d«r Hilknacht Wächter und Musikus in lrunknem Zustand nach Hause. insonderheit des frühen Morgens von der Dorfkirineffen, so machte er einen wahren Höllenlärm, wurde dann händelsüchtig und prügelte sein armes Weib und die Kinder gar jämmerlich durch. Airs deren Hilferufe kam dann Berez die Treppe herauf und vergalt dem Nachtwächter und Musikus sein seevelhaftes Tu» mit einer angemessenen Zahl wohlverdienter Püffe. Beruhigte sich Hah»emann trotzdeni noch nicht, oder bedrohte er sein armes Weib mit Messer oder Beil, war oft in wirklich gefährlicher Weife vorkam, dann packte der Schuster den rabiaten Nachtwächter, legte seinen linken Arm um desirn Oberkörper, lud ihn mir der rechten über seinen Stiernacken und trug ihn wie ein Bündelchen aus den Speickier in eine leere Dachkammer, schob eine schwere, große, mit allerlei altem leisen und Gerümpel gefüllte Kiste vor die Türe, so daß Hahnemann so fest wie in eine Kasematte eingeschlossen war. Einem Niesen wie Berez Storch gegenüber Widerstand leisten zu!vollen, kiel selbst einem Betrunkenen nicht ein. Niemals erwuchsen aus diesen kraftvollen Interventionen des jüdischen Schusters irgendwelche feindselige Ge kühle in der Brust des christlichen Mustkers. Im Gegenteil versicherte Hahnemann, wenn er wieder nüchtern geworden und mit Hilfe Berez die schwere Kiste, die des Nachtwächters Privat gefängnis so wirksam abschloß. entfernt worden war, er werde dem lieben Nack bar ewig dankbar sein, daß er ihn vor einem Unglück bewahrt habe. Sein, des Mustkers, zorniges Temperament muffe rasch gedampft werden, ehe der Jähzorn ihn zu Messer oder Beil greisen lasse und noch keiner habe seinen Charakter so richtig erkannt, als Berrz Storch. Uebrigens war Hahnemann noch kein Gewohnheitstrinker, sondern nur ein periodischer, oder auch ein Gclegenheitstrinker. Bei seinen Kirmcßgängen auf kie benachbarten Dörfer, den Tanzkränz cken der Tanzsckiiler des Städtchens, beim Kastno und Cäcilienveremsball, wo er als Trompeter im Orchester mitwirkte, waren ihm allerdings derartige Tiinkgelegerilteiien geboten, oie er!roh vorheriger gegenteiligen Gelöbnisse an seine Iran oder selbst an Berez, reichlich benühte. Solcherart nun war das Haus und waren die Menschen in der häuslichen Umgebung des Schusters beschaffen. Auf der anderen Seite des Gäßckens. gegenüber der Wohnung des Schusters, wohnte Goldchen Lob, eine ältliche Witwe, die tagsüber mit großer Aufmerksamkcit alle Vorgänge in den nachbarlichen Wohn ungen erforschte, und sie dann Abends in gewissen- Hafter, chronologischer Reihenfolge bei ihren Freundinnen weiter verbreitete, Goldchens große Stube lag für eine gründliche Beobachtung der Wohnung des Schusters Berez und noch mehr der se nes Sohnes Koppel ganz besonders günstig. Und da Goldchen außer dem Strümpfestricke» für ihren 'Neffen Eugen in Amerika nichts weiteres zu tun hatte. - stand sie doch sonst allein in der Welt -- so unterstanden alle Vorgänge in den beiden Schusters׳ Wohnungen gewissermaßen ihrer Kontrolle. Für Berez batte das Handwerk bisher den sprüchwörtlich goldnen Boden nicht gehabt. Ein Handwerk, das nur mit Pech betrieben werden kann, läßt ja auch nicht erwarten, daß man dabei Schätze erwirbt. An Fleiß hatte es bei Berez nicht gefehlt, denn Wenn schon einmal bei ihm reichlich Arbeit vorbanden war, erhob er sich bei Tagesgrauen von seinem Lager und schusterte ohne aufzublicken, nur mit Unterbrecbung um die Mittagsstunde. Oft bis Mitter nacht fiel der Schein des Lichtes, bei dem Berez arbeitete, durch das Fenster in den Hof ehe er Ahle und Pfriem aus der Hand legte. Cr aber blieb ein armer Schuster, der sich eben bisher nur kärglich ernährt hatte. Obgleich der einzige jüdische Schuster in der ziemlich großen und reichen Gemeinde, ward Berez seitens seiner jüdischen Mitbürger dennoch nicht die Unterstützung zuteil, auf die er billigerweise hätte rechnen dürfen. Das von christlicher Seite so sehr überschätzte Zuein anderstehen der Inden ertstierte zu Berez Storch's Zeiten ebensowenig wie heute. Wie ein Fluch lastete das gegenseitige Vorurteil, das seit dem Auszug auS dem Ghetto bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört bat, aus dem Judentum. Es Hah den Handwerler stand oect ist» inert. es ha! gegen srttitzes 'Mißtrauen großgezogen. mii ihm zugleich gegenseilige Mißachtung und Erbitterung erzeugt und manchen hrcoen Juden seinen Brüdern ent ssvemdet. So kam es denn nicht selten vor. daß während Berez oft keinen Such Arbeit hatte, sein christlicher Zunstgenoffe Külzrderger kaum alle Arbeit, di« ihm von Juden zugiug, bewältigen tonnte. Nur Flick weck, Neubefoülungen und sonstige Reparaturen gingen aus Berez' AKrtstätte hervor; neues Schuh wert hingegen herzlich selten. Wi« das zuging, wird der Leser bald erfahren. Trotzdeni Berez frühzeitig cinsehen lernte, daß er als Schuster niemals auf einen grünen Zweig koinmen werde, hatte er dennoch einmal den goldenen Traum von Reichtum und Ehre geträumt, den Traum, den alle Menschen einmal wenigstens im Leben träumen. Sväter freilich war er zufrieden, daß er sich ehrlich durchschusterte. Ein schier grenzen׳ loses Gvttverlrauen und die Neberzeugung, daß Gott ihr. besonders bevorzuge, indem er schon ganz äugenscheinliche Wunder an ihm getan, hielten in trüben Taaeu jede Verzagtheit von ihm fern. So gewaltig >vie die biblischen, waren die Wunder, die Gott an Berez verrichtet hatte, allerdings nichr. Aber für feine bescheidenen Lcbcnsansprücv: waren die von Gott ihm zugeschicklen Wunder verhältnismäßig ebenso groß. Eines dieser Wunder sei hier erzählt, schon deshalb, weil der Leser daraus Berez' Gemütsleben. wie auch seine Lebens auschauung, bester kennen lernt. Es :var an einem Freitagvormittag. Nicht das geringste war im Haute, womit der bevorstebende Sabbat lüitte würdig vorbereitet werben können. Sogar ein unfreiwilliger Fasttag drohte der heilige Ruhetag zu weroen, Tein einziger Freund. Iechiel Fne^berg, der Schneider, war an diesem Tage ebenso ar״>. ja noch ärmer: denn sieben Kinder sollten zu offen haben außer seiner Frau und den zwei Gcfeiler. und nicht Hit einen einzigen war Nahrung oder Geld vorhanden. Um das Unglück voll zu machen, lag Naihan Kahn, der beste Freund aller Armen und deren Vertrauter, ernstlich krank zu Bett. Der Tag war kübl und nebelig. In der ungebeizten Wohnung und Werkstätte fror man. Mehr noch ivar es das Bewußtsein seiner großen A.'muj, daS den Swusier frösteln machte. Sprinz, sein Weid, ging mit ";:weinten Augen von der Stube in die Küche hin und her, schob geräuschvoll die teeren kalten Töpfe aus dem Herb berum, um bei der heriiberlugenden Nachbarin Goldchen den Glauben zu erwecken, als seien Lebensmittel in .Hülle und Fülle vorhanden. Niemanden seine Not zeigen, ist ja die stumme Devise aller zartfühlenden, im Stillen Not leidenden. Keine Armut ist drückender als die, wetckr tick in das Gewand der Wohlhabenheit kleidet. Inzwischen stand Berez in der Türe seiner W--k statt der einzige Geselle war wegen Mangels an Beschäftigung gewandert - schob seine Mütze bald in den Nacken, bald aufs Ohr und kratzt? ffck jedesmal an seinem mächtigen Schädel. Trauria glitt sein Blick über das müßig datiegende Handwerksgeräte oder hinaus in den öden Hof. auf die moosbewachsene Mauer, auf der einige Spatzen saßen und mit 2׳.!*- geblähtem Gefieder wie schlaftrunken rubten. Die roten, teilweise schadhaften Ziegeldächer schienen mitleidig auf den Riesen berabzuseben. der mit melancholischem Gesichtsausdruck seine stille Werkstatt über blickte. Berez war mutlos geworben, als er die rotgeweinten Augen seiner Sprinz gesehen: aber zugleich faßte er einen Entschluß. Er wollte zur Veil, der Cbaffensfrau'), gehen und seine Not entdecken. Gab es doch lein; edlere Frau in ganz Khal'st als diese. Mechanisch band er ein End« seiner blauen Schürze herauf und begab ück auf den Weg. Aber er ging nicht den kürzesten, sondern auf weiter Kmwegen und geriet unvermerkt an den Rbein, an dessen User er planlos entlang schritt, bis er an eine um diese Zeit wenig betretene Stelle kam. Ta blinkte etwas am Boden. Berez mußte erff feine Gedanken, die weit abgeirrt waren, wieder sammeln, bis er sich 1) ®orOfterifrou. 2) Gemeinde. bückt« Ein blitzender Kronenthaler'). so blank, als habe er ebrn erst die Münzpräge verlassen, tag am 'Boden. Solch ein dlinkendes Geldstück hatte gewiß noch lciuc Menschenhand berührt, das war sicherlich wirkt! vom Himmel gefallen. Doch nein! Den Fund ^ar,zeigen' ״Berez, Berez, Du bist bis aus diese!Stunde immer ein ehrlicher Mensch geblieben." sagte eine Stimme in ihm. ״gib das Geld auf der Polizei ab." «5s :var ein harter, schwerrr Gang, aber ec ging ihn, trotzdem ihn die vcrrveinten Augen seiner Sprinz vormurssvvll verfolgten. Ter alte Potrzeischreiber. der au- Mangel an Arbeit, nachdem er sich die Nägel geschabt, Bleistifte gespitzt und das Osenfeuer geschürt, aus die Gaffe blickte, fuhr ärgerlich von seinem Stuhl auf und sah erstaun! und mitleidig den Niesen an. Dann sagte er: ״Du bist wohl nicht gescheit und willst Di: un zählige Gänge und mir unnötige Arbeit macken, wo ich ohnehin überbürdet bin. Der Fund wird dreimal ins Kreisblatt eingerückt, kostet schon einen halben Taler, den de: Zeitungsbesitzer einsteckt. Dreißig Menschen werden täglich kommen und das Bureau stürmen, und schließlich kriegt das Armenhaus den Nest, iveil niemand einen Kronentaler so genau brschreiben kann, wie das Gesetz verlangt. Geh' heim, alter Kamerad, denk, unser Herrgott hätt' Dir den Taler geschenkt, und mach' or'ndlich Sckabbes damit. Jetzt schaß' Dich'-, eh' der Herr Kommiffär erscheint." Mit einem freundschaftlichen Stoß schob der alt: Schreiber den Schuster zur Türe hinaus. Halb betäubt vor Glück rannic Berez aus oen bereits zu Ende gehenden Markt, zum Spezerei Händler und schließlich zum Metzger Scklome. wo Berez sich zwei kleine Portionen Fleisch mit reichlich Knochen erstand. Dann, zu Hause angetommen, leerte er!eine blaue Schürze mit den gekauften Gegenständen vo: der schier sprachlosen Svrinz aus den Tisch. Ohne eine der hervorsprudelnden Fragen seiner Gattin zu beantworten, rannte Berez zu seinem Freund Iechiel und legte die übrig gebliebene .Hälfte seines Reichtums auf den Sckmeiderlisch. ״Gott bat wieder 'mal ein Neß't an mir getan," schrie förmlich der Schuster, und drängte dem noch sich Sträubenden das Geld auf. ״Sind wir denn nickt Chawerim mineurosK, oder sind wir'- esscher") nit'c" Das war die zwischen beiden Männern Hü vielen Jahren hin und hergerichtete Frage, wenn eine: vom andern einen kleinen Freundschaftsdienst. ein lleines Darlehen sich sträubte anzunehmen. Seit vielen Jahren mar diese Frage, ein Appell an ihre beiderseitige Freundschaft, zwischen dem Sckust:r Berez und dem Schneider Iechiel bin und der gewechselt!norden. ltnter Umständen ist eine große Summe Geldes oft ganz belanglos und wiederum vermögen ott wenige Pfennige «inen Reichtum zu bedeuten. Wie ott bängt die Wendung des Schicksals vom Besitz oder Mangel eines «Geringen ab. über desien Wert der Rerckre gar orcki einmal nachdenkr. Ter eine gefundene Krontaler, den der Polizeischreibet Mm armen Schuster zusprack, Hais nicht nur di«s׳:n aus seiner augenblicklichen?cot. sondern auch der Familie des Schneiders Iechiel Friedberg. Iechiels Frau hciie mit der Zeit eine wahre .Hungertaktik in ihrem Haushalt eingeiührt. Richriger bezeichnet, müßte man sagen, Hrndel'i Friedberg war eine tüchtige Sttategin aus dem Schlachtfeld der Not und Armut. Konnten die beiden Gesellen von ihrem Wochenlohn Meister Iechiel nichts zurückborgen, und war sonst kern Geld oder Küchenvorrat vor- Händen, so verstand Hendel aus den unmöglichsten Dingen für die elf Mägen, die Nahrung heischten, eine Mahlzeit herzurichtcn. Den Mange! an Fleisch, Fett und Mehl wußte sie durch Salz, Gewürz« und allerlei Grünkram so geschickt zu verdecken, daß keiner der Mileff.'nden genau wußte, ob er Suppe oder Ge׳ müte bereits gegessen oder noch zu erwarten habe. Wenn HerzchenB, der jüdische Geselle, mit einem indignierten Blik beim Hinunterwvrqen dieser Svetse gen die Decke schaute und mißbilligend da? Haupt schüttelte, oder Peter, der christliche Geselle., schief- 8) (f1n1nh»׳nl)n!b Tbaler-B»ück 4) Sc viel!Me kLere d 4. pssf dick»! rin rheinischer Ausdruck.!5) Wunder. rti «Trrunbf. Genossen 00■ Juzzenb auf. 7) ttttwi, vielleicht. ss> Henriette. 9) yerrmann.