Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 2 (11.1.1906)
- Date
- 1906-01-11
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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?Ir. 2. >lk s. Irr .Zsraelu 11. '\am1ar l'.xVi die Geineindc Mitglieder sind vollzählig und zwar vom Anfang bis zum Ende bcim Gottesdienste anlvesend, der sich in althergebrachter Form in Andacht und Würde vollzieht, und niemand fehlt bei dem Schiur, der in schlichter, aber eindrucksvoller Weise in die empfänglichen Herzen die erhabenen Lehren sät, die uns unsere (Groszen in ihren Muffarbüchcrn hinterlaffcn haben. Da ist kaum ein Haus, in dem nicht ein jüdisches Blatt am Sabbat die willkommene Unterhaltung und Anregung bietet, und kaum eine Familie, die nicht gern den fremden Gast bewirtet, der sich bei ihr einfindet. Ja. das jüdisch« Leben verleibt dem ganzen Dorfe ein gewiffes Gepräge, bas mit seiner eigenartigen Poesie tief auf unser Gemüt cinwirkt. Und auch mit dem Religionsunterrichte der Jugend ist es hier recht gut bestellt. Der Religionslchrer erteilt wöchentlich zehn bis zwölf Sttinden Unterricht, und die genaue Kenntnis des Peniateuchs und des Gcl'etbuck'es, der Religionslehre und der biblische» Geschickte ist das Mindest ziel, das von jedem nur einigermaßen bekähigtcn Hinbe erreicht wird. Ties z» bedauern ist es jedoch, das die Zahl solcher Kebilolh immer mehr abnimmt. Biele kleinere Gemeinden stellen heutzutage keinen eigenen Lebrer inehr an, n!n dadiirch einige hundert Mart zu ersparen. In ihnen versiebt ein mehr oder m.indcr dazu befähigtes Gemeindemitglied das Borbetcraint, und aus dem Nachbarorte kommt wöchentlich ein mal der Lehrer zum Religionsunterrichte. Das aber auf diele 'Weise das religiöse Leben immer mehr zu rückgehen mus, ikt eine Folge, deren Unausbleiblich i»it leide׳׳ nicki immer von den maßgebende:! Faktor.׳» rechtzeitig erkannt wird. 1v. Es ist nicht zu leugnen, daß sich besonders in den letzten Jahrzehnten die Verbältniste der jüdischen Gemeinden auf dem Lande sehr zu ihrem Nachteile verändert haben, und unschiver ist es. die Uriachen auszufinden, die dicken Niedergang hrrbeisührien. Infolge einer ungünstigen Handelsge'etzgebung ist der jüdischen Landbevölkerung von Jabr zu Jabr der Erwerb schwerer geworden, und die meisten Ver »,iZgrnnrn iino darum nach und nach in die Städle gezogen, in denen ihnen auch mehr Gelegenheit zu eurer befferen Ausbildung ihrer Kinder geboten in. Tie Zurückgebliebenen aber, die nickt das Vermögen be- ׳äsen, um eine Verlegung ibres Geschärtes wagen zu können, sind durck den Wegzug der reicheren (v meindemitglieder in noch beorängrere Verhältnisse gekommen, indem sic allein nun die bedeutenden 5Z1׳ltusausgaben bestreiten müsfen, zu denen jene bisher den größten Teil beisteuerten. Heutzutage muß infolge dessen mancher Dorskrämer mit einem jährlichen Gin kommen von 800 Mar? ebensoviel Kultussteuer zahlen, als beispielsweise ein Angehöriaer der Frank kuiter Gemeinde, der mit einem Einkommen von 20 000 Mark cingcschätzi ist! Und wie schwer, wie unsäglich schwer, wird heute dem Dorszuden die Aus׳ Übung seines Berufes! Wie vielen Beschränkungen, wie mannigfaltigen Demütigungen ist er unter Worten! Ist es da zu verwundern, daß er. der spät abends müde und abgehetzt, von Sorgen aedrüctt nach Hause zurückkebrt, nicht mebr in der Lage iit, seinen Geist zu Höherem zu erheben^ Können wir es oa nickt wenigstens begreifen, daß er. der große Opfer bringen muß, um durch Privatunterricht oder Nn Besuch einer fremden Schule seinen Söbnen jene Ergänzung ihrer Volksschulkenntnistr zu geben, die oft die Vorbedingung ihres späteren Fortkommens bilden, es dadurch versäumt, ihnen auch im .Hebräischen die Fortbildung zu gewähren, die früher allgemein üblich war? — So ist es also hauptsächlich e׳n Notstand, der den Niedergang vieler jüdischer Landgemeinden veranlaßt hat, und der gegenwärtig drobt, auch den noch bestehenden Rest zu vernichten, zum Schaden des Judentums im allgemeinen, aber auch — zum Nachteile der gesetzestreuen Stadtgemeinden im besonderen. d׳e aus ienen Kebilotb den Zuzug erwarten muffen, der für ihren Fortbestand und ihre W e i t e r e n t - w i ck l u n g von größter Wichtigkeit ist. V. Angesichts dieser großen Gesahr ist es kür die Juden in den Städten dringend geboten, sich ihrer Brüder auf dem Lande helfend anzunehmen. Wer d׳e in Betrach kommenden Verhältnisse nicht genau tenul, wird sich darüber wundern, daß es hierzu einer b<- sonderen Anregung überhaupt bedarf. Er wird fragen, warum dieselben Wohltäter, die doch ihre ofteuropäischen Glaubensgcnossen in so reichlicher Weise unterstützen, nicht in erster Linie den Bedürftigen in ihrem Vaterlande beistehen, warum sie. die in freinden Ländern Anstalten errichten und ausbauen, die Friedhöfe, auf denen viele ihrer eigenen Ahnen ruhen, die Synagogen, die ihre Väter erbaut haben, der Verwüstung und dem Verfall anheimgeben lasten? - Er wird fragen: Wie ist es möglich, daß bei'vielsweise ein in einer Großstad' lebender Arme incist viel bester daran ist, als ein kleiner jüdischer Gewerbetreibender auf dem Lande: Daß jener seine be gadteren Kinder tostenlos in eine höhere Schule geben kann, während selbst der?ein Mittelstände angehörende Dorfbewohner mit Rücksicht auf die!Irrer schwinglickkeit der Kosten gewöhnlich darauf verzichten muß? — Ist die Vernachlässigung der Lanbgeineindcn glaublich, angesichts der Tatsache, daß in der Stadl für Wohltätigtcitszwecke nnbegrenzte Summen zur Verfügung stehen, Sumnien, deren Bruchteile zur Erhaltung zahlreicher Landgemeindcn h-nreichten^ Die Erklärung aber siir all diese ausfallenden Gegensätze liegt in den Ebarakter ergentümlrchkeiten de»- in Frage kommenden Veisonen. Während der bedürftige und meist geringere städtische Anne in der Negel recht eindringlich und ausdauernd zu fordern versteht, findet man bei uns auf dem Lande fast nur die verschämte Armut. Für den deutschen Torfjuden bedeutet das Betteln Schmack und Schande, und wenn er täglich nur eine einzige Mark verdient, verschmäht er es, um Almosen zu bitten. Umsomehr aber ist es notwendig, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den geschilderten Notstand zu lenken. Die gesetzestreuen jüdischen Wohltäter in den Städten sollten vor altem Len L a n d g e m > i n - den entsprechende Beihilfen zur Best r e i r u n g ihrer Kultusausgaben ge währen. Dadurch würden sie nickt allein den Fortbestand wichtiger Institutionen ermöglichen, sie tonnten vieunenr auch einen nicht zu uuicZchätzrilden Einfluß gewinnen, der einer gedeihlichen Entwicklung des Gemeindelebens in den Bahnen des überlieferten Judentums zugute käme. Wohl spendet frfron die ״Freie Vereiniaung" kleine Unterstützungen: aber ihre Mittel sind zu gering, um allen billiaen An- 'prüchen gereckt werden zu können. Eine b e - sondere Organisation für unsere Zwecke könnte ihre Bestrebungen in ausgedehntem Maße fördern. Eine roeitere segensreiche Einrichtung wäre es, wenn man unteren Brüdern auf dem Lande ein wirk lich gutes, populär abgefaßtes jüdisches Blatt zu einem so mäßigen Preise darböte, daß es überall Verbreitung fände, ein Blatt, aus dem sic, wie in früheren Zeiten, am Sabbat Belehrung und Erbauung schöpfen könnten. Wie dankbai würden sie sein, wollte man ihnen auf diese Weise wieder die göttlichen Gebote durch entsprechende Erklärung näher bringen, wollte man ihnen aus der jüdischen Lehre und der jüdischen Geschichte das übermitteln, was ihnen Licht und stolzes Empfinden in ihr einförmiges Arbeitsleben bringen könnte. Die Kosten einer solchen Propaganda sind gewiß nicht unerschwinglich, und der Segen, den sie verbreiten würde, wäre ein reicher Lohn für die Glaubensgenosten, die sie der Verwirklichung entgegenführen möchten. Jiimon 11. W!Hins in kr JiiüeiiM. Ac>» ׳Arthur Kahn. -I Nachdruck verboten. Ei» großer, wenn nicht der größte Teil der Bür ger des Städtchens ist im Besitze eines Wingeris, >cic man einen Weingarten zu nennen pflegt. Daher hat auch jeder dieser glüctlichen Besitzer im Herbst euvas zu keltern. Wer nun den Herbstsegen nicht sogleich oder spater im großen Ganzen an den Weinkändler oder sonstwie absetzt, pflegt z!1 irgend einer ihm günstig erscheinenden Zeit sein Wachsttim im Kleinen auszuschenker׳. Hierzu erhält jeder Bürger auf be schränlte Zeit die Erlaubnis , und nun wird die Wohnstube ausgeräumt, Tische. Bänke und Stühle werden ausgestellt. Ein kleiner über der Haustüre befestigter Tannenvaum verkündet nun, oft wirksamer als alle Zeitungsanzeigen, daß hier ״gezapft" wird. Nun komiiicn Nachbarn. Verwandte und Freunde, überhaupt die Bürger und trinken, je nachdern sie Durst haben, oder die Qualität des Weines ׳,iil'agt, ibren Schoppen. oder mehrere. Bedenkt man nun die Tatsache, daß in dem Städtchen das ganze Jahr fast ein Tannenbaum sichtbar ist, welcher eine solche auf kurze Zeit be schränkte Weinwiltschaft anzeigt, wie hier beschrieben wurde, io loird man auch verstehen, wie streng die Standhaftigkeit des .Hilfsnachtwächters und Musttpf*-• Mlffh friptp ^n1nn1¥)pn OPtiriiti tnrir^ je in einem solchen Städtchen gelebt, selber dort seinen Schovven getrnnten, der wirst nicht leicht den ersten Stein aut den Mustkus und bekennt, daß seinen häufig gefaßten guten Vorsätzen Fallstricke in den Weg gelegt wurden, über welch« leicht viel stärkere Naturen, als dir Hahnemann's, zu Falle kommen konnten. So kam es denn häufig vor. daß mit .Hahne manns erschütterten Grundsätzen auch seine Füße ins Wanken gerieten. In dem vergeblichen Bemühe», einen festen Gang zu zeigen, erweckte der Musikus die Spottlust der Jugend, rvelche mit dem Rufe: ״er Hot" fhat) hinter ihm herjohlte. Dann stellte sich Hahne mann, so gut er vermochte, gegen eine Wand und hielt eine lange Rede, bis er endlich, weiterschwankend, das Sackgäßchen erreicht hatte, im Hausflur zusammenknickte und schließlich einschlief, was für sein׳ Frau und Kinder immer noch bester war, als wenn er die Stiege erklommen und in seine Wohnnna taumelnd, Prügel austeilte. Für seine Stellung als Hilfsnachtwächter lag in der öfteren Trunkenheit יז׳ sofern keine Gefährdung, als die hohe Behörde des Städtchens tn einem zeitweiligen Rausch eine ganz natürliche, ja selbst naturnotwendige Erscheinung erblickte, und weil die Mehrheit der Einwohner von der Ansicht, ivenn nicht gar von d«r festen Ueberzeugung ausging, daß ein nicht gar zu schwerer Rausch lein abnormer Zustand sei. Aus zahlreichen Beispielen wurde sogar erhärtet, daß viele Menschen geradezu Hervorragendes in diesem Zustande leisteten, wofür der alte Medizinalrat Dr. Ehristophorus den besten Beleg bildete. Dieser sehr beliebte, obgleich sehr grobe Arzt, war doch in der Regel um neun Uhr Abends betrunken, oft so, daß er weiblich« und männliche, alte und junge Patienten kaum noch notdürftig unterscheiden konnte. Und trotzdem hatten seine Senfteige, heißen Umschläge, Kataplasmen und Klystier« immer Wunder bewirkt. Wie übrigens Hahnemanns Leistungen als Nachtwächter zuweilen ausfielen, wer den wir im Lause dieser Erzählung noch ertabren. Der jüdische Sckuster Berez Storch, ein Mann von Riesengroße und -Stärke, batte von den Räusch'i!