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Der Israelit · 1906-01-11 · 2 (11.1.1906) · p. Seite 7

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
2 (11.1.1906)
Date
1906-01-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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11. Januar!!«»*>. Tn׳ ^»taclit Frankreich. Die neue Aera in.Frankreich. Paris, L9. Tez. Ml nichl geringe!,- In Kresse haben auch Ihre Xicfet die tiaf!ifcber §usamiiieilstellungeii aus dem Sündenregister jüdischer Zentralbehörden verfolgt und namentlich aus dc׳n Schlußartikel in der jüngsten Nummer des ״Israelit" ersehen, wie das französische Konsistorium aus deutschem Boden weiter gediehen — was sage ich - nicht weiter gediehen ist. Daß die Konsistorialfragc uns im gegenwärtigen Moment ganz besonders inrereffiert, werden Sie sich lebhaft vorstellen können, in einem Momente, wo wir gewissermaßen zwischen Himmel und Erde schweben. Staat und Kircbe getrennt und der Groß-Rabbiner von Frankreich todt. Voraussichtlich wird Herr Zadoc Kabn der letzte Groß Rabbiner von Frankreich gewesen sein, denn man geht mit dem Gedanken um, aus den wahlbe rechtigten Mitgliedern der seitherigen Gemeinde >1118 ״ranüe coimimnaiili• zu bilden. Diese Wähler haben in Zukunft den Rabbiner zu besolden und die Kosten für den Kultus aufzubringen. Rach dem neuen Gesetze sind sie entweder Eigentümer oder Mieter der hiesigen großen Synagogen, Leute, die der jüdischen Gemeinde, dem seitherigen Konsistorium — der Name wird wahrscheinlich bleiben einmalige oder jährliche Beiträge ohne jeden Zwang bezahle», sei dies nun in Form von viertel oder ganzjährigen Raten oder durch Spenden beim Au'rufen zur Thora. Man sieht, die Sackre wird in Zukunft sehr zwanglos werden, wahrscheinlich werden sogar diunbescholtenen Mitglieder der Pariser jüdischen Wob!- tätigteitS-, Kranken und Sterbe-Vereine wahlberechtigt werden, ivenn sie direkt auch t-iner Gemeinde angehören. Auf alle Fälle ist die konüstoriale Macht gebrochen und Warnungen, wie sie der am Eingang meines Briefes erwähnte Berfasicr des Sünden registers ertönen ließ, erübrigen sich in Zukunft für Frankreich. Eine andere Frage ist nun die, ob das ge setzestreue Judentum davon irgendwie profitieren wird und da muß es denn gesagt sein, daß dazu leider gar keine Aussicht vorhanden Bon einer komvakten Orthodoxie — Sie verzeihen die etwas drastische Ausdrucksweise — kann hier überhaupt keine Rede sein. Die AnpaffungStheorie - wie wir hier in Frankreich sagen — Sie in Deutschland sagen Asti milation — ist hier Trumpf. Tie Orthodoxie in Paris ist sozial in verschiedene Lager geschieden und besitzt keine Führer. Wie nötig wären solche jetzt bei der Neuwahl. Denn eS fehlt nicht an fähigen Rabbinern, die, wenn sie für die Folge mehr als seither den Wünschen ihrer Gemeinden Rechnung tragen müssen, den Grundprinzipien des Judentums treu bleiben und die früher eingesührtcn Reformen leicht hinwegfegen könnten. Die hie'igen Rabbinen sind überhaupt keine ausgesprochenen Re former und so weitgehende Reformen, wie sie andere Länder mitunter aufweiscn, kennt Frankreich nicht. Unter den französischen Rabbinen zählt man u. a. sehr gute Elemente, wie Rabbiner Haguena», Manuel Weil etc. — Ter Verlust, den die französischen Juden durch den Heimgang des Herrn Zadoc Kabn erlitten, ist, was das Gebiet der Wohltätigkeit anbetrisst. tatläck! sich ein großer zu nennen, denn was Herr Zadoc Kahn in dieser Beziehung leistete, überstieg alles das. was man sonst von Herren in dieser Stellung zu erwarten gewohnt ist. — Der König von Portugal hat vorige Woche zwei Tage in der Abtei von Vaux-de-Eernan zuqebracht. Don Karlos hat, indem er die liebenswürdige Ein ladung des Barons und der Baronin Henri de Roth׳ schild, annahm, eine große Enttäuschung bei den Antisemiten hervorgerufen. Es ist wahrhaft schmerz-- lich für die Anhänger dieser Partei, daß seine allerkatholischste Hoheit keine Rücksicht auf ihre Gefühle, weliche sie auch versucht haben, einer Anzahl unserer Mitbürger einzuvrägen, nimmt. Seit ungefähr lö Jahren wurde der Kampf gegen das Judentum mit außergewöhnliche׳״ Eifer und Ausdauer geführt, um endlich zu einem Resultat zu kommen, aus welches unsere Großmut uns verhindert, stolz zu sein. JedeSmal, wenn eine berühmte Persönlickkekit einem unserer Glaubensgenossen Svmpathie bezeugt, beeilen sich unsere Gegner, dieses natürliche Gefühl als eigenes Jnteressc des Betreffenden zu erklärcn. Man kann dem Besuche des Königs von Portuga. kein solches Motiv beimessen. Die Borbercitungkn zum königlichen Empfang der Eingeladenen ivarcn für unsere ausgezeichneten Freunde noch schmerzlicher als die Gegenwart Don Earlos selbst in der Abtei des Paux-de Eernev. Doch genug für heute. Sobald wichtige Ereig nisse in den!üdischen Gemeinden Frankreichs und namentlich in der hiesigen Eommunaut׳- eintrekei!. iverde ich nicht verfehlen. Ihnen Bericht zu erstatten. Bis dahin Gott besohlen. Türkei. K o n st a n l i n o 1 e l, 2. Jan. Auf Ersuchen des türkischen Großrabdiners hat der Sultan seine jüdischen Untertanen durch besonderes Dekret er mächtigt, Sa'iimlungrn zugunsten der russischen Opfer zu veranstalten. Der Sultan bemerkt, wie der ״Iewish Ebroniele" meldet, in dem Dekret wärt lich: ״An dieser Pflicht der M c n s ch 1 i ch k e i t w ü n s ch e ich selbst mich zu b e teil! gen." Man würde eine solche Aeußerung als selbslvecständlich vielleicht nicht registrieren, wenn nicht die übrigen gekrönten Häupter der Erde gegen über den russischen Greueln bisbcr in einer politisch vielleicht klugen, menschlich aber kaum begreiilichcn küblen Reserve verharrten. Aul dem Lande. Aon Heinrich Einstädter »eaiit'url am ststai». I. Elul, der Monat ernster inne'-er Rückkehr für den Israeliten, war gekommen, der Monat, in dem der bald schwindende Sommer durch stete Entfaltung neuer Reize uns den Abschied noch viel schwerer wer ocn läßt und unser Herz so wehmütig stimmt, daß ssch die Hcrbslgedanken um den E!׳.lle!npsindun,,en unruiutünia) inisärcii. Ein solch eigenartiger Elultag, der sich infolge der kühleren und doch trockenen Witterung ganz be sonders gut zum Wandern eignete, fand mich auf einer Fußtour in einer ziemlich entlegenen Gegend dcS gesegneten Frankenlandes. Nach längerem Marsche auf fruchtbarer Ebene näherte ich mich der letzten ansehnlichen Erhebung einer dicht bewaldeten Hügelkette und betrat alsbald einen schönen Laub Wald, dessen wohltuende Kühle das nun beginnende Ansteigen auf ungepflegtem, ungesabrencm Wege weniger anstrengend erscheinen ließ. Etwa eine halbe Stunde ging es so durch der: Wald auswärts, bi. plötzlich mein Fuß an einen säst völlig eingesunkenen Stern stieß, in dem ich zu meiner Verwunderung an der Form eine Mazewo erkannte! Am Wegesrande bemerkte ich alsbald zwischen Sträuchern noch mehrere solärer moosbewachsenkn Denkmäler aus denen jede Spur einer Inschrift länast verschwunden war, und endlich trat ich auf dem Bergesgipkel ans eine Lichtung heraus und befand mich - vor einem schier unübersehbaren Leichenselde! Mitten im Walde, von einem Zaune umgeben, auf hohem Bergesrücken ein jüdischer Friedhof' Der Anblick war trotz nieiner schon hochgespannten Er Wartung ein geradezu überwältigender. Nahezu di- Hälfte der aus alter, alter Zeit stammenden Grab׳ steine steht kahl, ohne leserliche Aufschrift da dann folgte eine große Anzahl gleichförmiger, schwarz be schriebe«» Denkmäler, und zuletzt kommen auch einige andere Marmorkolosse mit vergoldeten Inschriften zwischen einfachen Sandsteinen. Schade daß das so unendlich friedliche Bild durch die Spuren mensch lieber Roheit getrübt wurde. Durch keine Umzäunung geschützt, wird das Leichenfeld oft von den Bewobnern der Umgegend zur Abkürzung des Weges betreten, und mancher zerschlagene Grabstein legte Zeugnis ab von dem Tiefstand der Bildung, die heutzutage noch gewissen Kreisen eigen ist. Noch einmal lasse ich den Blick über die ganze so eigenartige Umgebung, üf<r das unvergleichliche Bild in abgeschiedener Waldeinsamkeit schweifen, und beklemmten Herzens nehme ich Abschied von der hebren Stätte. Welche Reihe von Lene 7 zstr 2. Vorstellungen durchzieht während des stillen Abstiegs mein Gemüt! Ich sehe vor mir die großen Lamdonim, deren irdisch« Ueberreste aus mehr denn zwanzig, zum Teil ganze Tagereisen entfernten Orten hierher getragen worden sind, die streng frommen, braven Jehudim, die hier in langen, langen Reihen von ihrer os! leidenSreichen Erdenreise ausruhen, Leute, die wohl hinsichtlich ihres Berufes und ihres Wesens ebenso verschieden geartet waren wie wir. die sich aber in einer Beziehung fast vollkommen glichen, nimlich in ihrem strengen Festhalten an der göttlichen Lehre. O ihr einsamen Gräber! Wenn die .י־—־; 2age nahen, da werdet ihr wohl viele Besucher ׳ehe», die zum Teil aus roeiter Ferne zu euch pilgern Ob stch aber diejenigen, die hier unter den schweren Steinen schlafen, auch jedes Besuchers freuen würden, wenn ihnen sein religiöses Verhalten bekannt wäre.’ 11. Nach viertelstündigem Abstieg verlasse ich den Wald, und die Izellblickende Sonne stimmt mich wieder heiterer. Ich lenke meine Schritte nach einem freund-!ichen Dörfchen, besten reinliche Häuser anmutig zwischen baumreickien Gärten zerstreut liegen. Alle alte Bekannte! Alte Bekannte! Wohl! Und doch, wie vieles hat sich verändert in der Zeit, die ich selbst dahinschwinden gesehen, und wie viel mehr noch in den Jahren, von denen die lieben, teuren Eltern mir so oft. so oft erzählt baden! Dorr, wo jene weiß angestrichene Scheune hervorlugi, dort stand noch vor zwanzig Jahren die große, alte Svnagoge. die ehemals die ansehnliche Gemeinde täglich zwei mal zum andächtigen Zstebetc sich versammeln ,'ab. Ja, cs war eine heilige Gemeinde! Noch ietzr glänzen die Augen der Greise, ivenn stc von der Makellosigkeit, von der Heiligkeit ihrer Großen er zählen. Dahin, dabin sind sie alle. Gerade noch ein Minjan wohnt hier. Die Vermögenden sind länqs: irr die Städte gezogen, viele angesehene Familien sinh gänzlich ausgestorben, und zurückgeblieben ist nur dies Keine Häuschen von der ganzen stattlichen Zahl. Sie sind meist wenig begütert, ein Reicher wohn! wobl kaum mehr hier, und schwer, schrver quälen müsse» sie sich, un! :brc bescheidenen Bedursmste befriedigen zu können. So zerfiel die schöne Snnagoge, die Gmeinde hatte nicht die Mittel, sie in gutem baulichem Zustande zu erhalten. Dafür erhebt sich jetzt iw Hose des Gemeindehauses ein recht unscheinbarer Back steinbau. der nur alliabbatlich die kleine Anzahl v>׳n Betern beherbergt. Und welch gewaltiger Unter schied ist zwischen der Art und Weise des jetzigen Gottesdienstes und der des früheren' Wo ehemals Würde und Anstand herrschte. wo die Thora kenn!- n. i s der Gesetzes Übung Inhalt und Geist verlieh, da finden w׳r jetzt leider oft nur die leere Form, die durch Unkenntnis ihr würdiges Aeußere eingebüßt hat. Wobl sind die Leute auch jetzt noch religiös, wobl ist noch kein einziger zm oder : t. Aber auch kein cinziger ist da, der eine Mischnab zu übersetzen, einen Minhag zu erklären vermöchte. Und wir brauchen nur eine kurze Strecke weiter zu wanvern. >n ein Dorf dort an der Eisenbahnlinie, dort gibt es schon Leute, die sich nicht scheuen, am Sabbat mit dem Zuge non der Geschäftsreise zurückzutebren. III. Es ist lies schmerzlich für den ausrichtigen Je hudi, wenn er bei einer Vergleichung des ״Einst" und ״Jetzt" zu dem Ergebnis kommt, daß rin nicht zu verkennender grwaltiger Rückschritt zu verzeichnen ist. Lnder aber müssen wir zu diesem Resuiiaic ge langen, wenn wir das jüdische Gemein deleben auf dein Lande zum Gegenstände unserer Untersuchung machen. Noch gibt es in Bayern, im Norden sowohl als im Süden, fromme Gemeinden, die uns Gelegen heit geben, ein echt jüdisches Leben zu beobachten, wie es noch vor nicht allzulanqer Zeit fast sämtlichen Gemeinden des Landes, zum Segen des Judentums, eigen war. Welch unendliches Wohlgefübl be herrscht uns doch, wenn wir uns an einem Schabbos in einer solchen Gemeinde aufhalten! Wie wohltuend wirkt auf uns Städtrr. die wir zu Hause auf Schritt und Tritt Zeugen der Sabbatentweihung sein müssen die Gleichheit in der religiösen Betätig׳ ung. die dort fast allgemein zum Ausdruck kommt! Da ist noch ein jedes Geschäft im Dorfe geschlossen.

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