Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 2 (11.1.1906)
- Date
- 1906-01-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 2. Leile «i Ter Israelit. >l. Januar l!«o>» Gutsbesitzerin das Kind, als Junge verkleidet, bei Nacht nach Krakau brachte. — Die Angeklagten wurden sreigesprochen, und so wird denn der in Galizien nicht ungewöhnliche Raub jüdischer Kinder, um sie ins Kloster zu stecken, auch weiterhin vorkommen. Unglaublich bei dieser Affäre ist, dast die Angeklagten ihre Freisprechung ihrem jüdischen Verleidiger, dem hiesigen Advokaten. Kultusmitglicd und Präses verschiedener jüdischer Vereine Tr. Elias Goldhammcr, verdanken. Er führte in sein-r Ver teidigungSrede aus. dast die Angeklagten sich nicht eines Raubes schuldig gemacht, sondern vielmehr dem Kinde eine Wohltat erwiesen hätten, denn die 11jährige Hanna Naß habe schon einmal den Ent׳ schluß gefaßt gehabt, sich raufen zu lasten. England. Das NkUk knglischk Jirkmükncltskh (Alien bill). unterem (!orresvondenlen.) London, den0. Januar. Tas von verschleiertem englischen AntisemiiiSmu2 inspiricite und von dem nun aufgelösten lonKr oativen Parlament votierte Gesetz, das die Ein schränkung der fremden Einwanderung in England t>ezwkckl (Alien bill», ist mit dem 1. Januar in Kraft getreten. Die Anwendung dieses Gesetzes de rührt hauptsächlich unsere polnischen und russischen Glaubensbrüder. ist aber auch für jeden Anderen, der sein Glück aus englischem Boden zu versuchen Lust fühlt, von Wichtigkeit. Nach den Bestimmungen des Fremdengesetzes kommen alle fremden Pastagiere, ausgenommen die׳ jenigen. welche erster Klasse reisen, sofort nach der Landung in den Bereich der Prüfung, welche mit jedem Ankömmling von hierzu bestellten Behörden an den verschiedenen englischen Landungsplätzen vor genommen werden. Schiffahrtsgesellschaften, welche ihre Bailagiere zweiter Klaste b!e>er ׳Zirüning cnibeben wollen, können durch Erlegung einer ziemlich hoben Galantieslimme eine Begünstiguna erlangen, womit die Uebernabinc der Verpflichtung verbunden ׳st. keine ״unerwünschten" fremden nach England zu bringen. Für folgende Z'.üstenstadte sind einstweilen Prüsunqsbedörden eingesetzt: für Dover, Foltestone. Harnstch, Hüll, Graugemouth, Liverpool. London. Leilb, Tuecn-borough. Newcastle, Rewhaven. Soulb amvton, South und Northsield. fremden, welche geistia und lörverlich gesund erscheinen, und nachweislich für ihre eigene Person über die Summe von 0 Litr. 100 Mark, und für iftvn |jnt#r iKr^r Ohh!!* I i»K#r i» ) W*♦*» veriügen. wird der Einlaß ohne weitere fragen erlaudt. Die Erlaubnis für solche, ivelche finanziell nicht so günstig situiert sind, tann abhängig geinacht iverben l. von d-em Ergebnis einer ärztlichen Unter suchiing der phpsischen und geistigen Fähigkeit zur Arbcit: 2. von oem Nachweis des fremden, daß er imstande ist, sich durch Ausübung eines Gewerbes selbst zu erhallen: 3. von dem jeweiligen --!and des Arbeiismarktes in England. Es könnte z. B. der!fall eintrelen, daß die jeweilig maßgebenden Stellen die Einwanderung von Schneidern wegen Nebcrsüll ung dieses Berufes sistieren. Falls t'.nem fremden der Einlaß von der lokalen Untersuckungsbehörde veriveigrrt wird, kann er innerkalb viernndzwanzig Stunden an eine höhere Ein wundernnasbehörte appellieren. Transinigranlen. ivelche laut ihrer Reisetarten England nur als Turckiiahrts.Aufenthalt benützen wollen, sind keinerlei Recherchen unterworfen. Personen. welche bereits als gewöhnliche Ver breche! bestraft wurden, und Leute unmoralischer Lebensiübruna werden ohne Weiteres zurückgeiviesen. hingegen soll die Gastlichkeit Enalands solchen Emigranten nicht rer weigert werden, welche in der Lag« stirb zu hewcisen. daß sie in Folge polirischer ober religiöser Versolgung, welche ihr Leben oder persönlich- TXreihcit bedrohte, sich flüchteten. tv׳*f ^chiis, welches pch den Vortchrrrten der Alien Bill zu unterwerfen batte, tarn von Hamblirg. Tie Verwaltung des hiesigen ״Asyls für arme Juden" sandte im Intereste der jüdischen fremden ihren Sekretär an den Landungsplatz. lieber dieses ״'.Hfo! für arme Inden" will ich Ihnen noch ein Näheres niittcilen. Als vor zirka zioanzig Jahren, kurz nach dem Ausbruche der ersten Pogrome in Rußlanv, jüdische Flüchtlinge von dort in außergewöhnlicher Anzahl nach England kamen, waren in England keine Vortehcur.gen vorhanden, um diesen Unglücklichen die ru'lwendigste erste Hilfe zu lüften. Tie jüdische Be- Nörde für Armenpflege (Iewish Board of Guardians) hielt sich nichl fiir bekugt hierzu, denn ihre Statuten machten die;u gewährende Unterstützung abhängig von dem Nachweis des Applikanten, daß sie m!n destens sechs Monate Londoner Einwohner waren. Auch keine der anderen zahlreichen hiesiaen Wobl ׳ätigkeiisgründungen hielt sich dazu berufen, sich mit der Notlage dieser unerwarteten Ankömmlinge zu heschäOigeii. Selbst das Komitee für die rustischen Juden, welches über ein sehr bedeutendes .Kapital verfügte, das sveziell für die Tpser der rustischen Judenverfolgungen gesammelt wurde, aewäbrte nur Hil»c in gröberem Maßstabc nach längere Zeit er sordernoer genauer Prüfung der einzelnen Fälle, und war für djx Linderung der augenblicklichen Not nicht zugänglich. So kam es. daß viele dieser Armen während langer Wintcrnächte obdachlos, hungernd und sriercnd durch die Straßen Londons ״wanderten". Damals war es ein schlichter, wenigbeinittelter. aber biederer Mann. Red Siw.cha Kobn oder Bäcker, wie er seiner Profession nach genannt wurde, der Hilf« schaffe. Er beherbergte eine große Anzahl der Aermsten. so gut cs ging, in primitivster Weise, sammelte persönlich bei wohltätigen Glaubensgenosten Brod, Kartoffeln, Häringe, Tee und andere Lebensmittel und schützte auf diese Weise Hunderte vor den Qualen des Hungers und der Kälte, bis es ihm endlich gelang, die reicheren Kreise des Westends Londons für dieses Werk der Barmherzigkeit zu intcrestie׳-cn. Im Geschäftslokale des nunmehrigen v^ic iuiuiui ontaguc Wurde rm ^^ahre 188.: die erste Sitzung zur Besprechung über die Herbe schass ung der Mittel für die Errichtung eines vermanenten Temporarn Shelter sor poor Iews, unter dem Borsitze des Herrn Elias A. Franklin, abgehalten. Während ihres nun zwanzigjährigen Bestehens bat sich viks« Institution als Zukluchtsstation im besten Sinne des Wortes für Hunderttausende unserer hier landenden Brüder bewährt, die der barbarischen Undulvsamkeit des Zarenreiches den Rücken kehrten, um sich eine neue Eristenz in den überseeischen Ländern der Freiheit und Gleichheit zu gründen. Die wohltätige Wirkung des ״Sheltcr" sowohl für die bemittelten als mittellosen Durchreisenden ist nicht hy(U oenng anznschlagen Tie ersteren finden dort Schutz gegen gefährliche, sogenannte Reise Aoenteii, welche in zahlreichen Fällen die unersahrcncn ״Grünen" um ihren letzten Pfennig beraubten, die letzteren wertvolle Hilfe in Rat und Tat zur Er langiing von Arbeit. Alle Ankömmlinge werden von den Beamten des Sbelter sofort bei der Landung der Schisse in Empfang genommen, sie selbst und ibre Bagage werven oem Lbelier zugesübri. der ihnen je nach dem Grabe ihrer Dürftigkeit Nachtlager und Kost für drei bis zehn Tage gewäbrt. Der zwanzigste Jahresbericht des Instituts, welcher soeben von dem Komitee veröstentlicht wurde, zeigt,!velche großartigen Früchte der ernstgemeinte Wohllätigkeitssinn einer schlichten Persönlichkeit wie Reb Simcha der Bäcker, zeitigen kann. Nach diesem Berichte wurden im Jahre 1004 00 von den Schalterbeamtcn 871 Schisfsboote in Londcu und den Nachbarliäfen erwartet und besucht, wo sich 47,801 Imigranten vorfanden. Bon diesen be herbergte der Sbelter 0771 in seinen Maucrn. 043,808 Mahlzeiten wurden im Lanke des Jahres verabreicht. 45 Prozent der Ankommenden waren im Besitz der vollen Mittel zur Weiterreise. 34.000 Pfund Sterling 680,000 Mark wurden vereinnabmt und zum größtcn Teile für die Weitcrbefvrdcrung von solchen Emigranten nach überseeischen Ländern r-erivendet, welche den Nachweis liefern konnten, daß dort Freunde und Berwandte sich ihrer annehmen würden. ES muß bemerkt werden, daß infolge der Einberufung der russischen Reservisten für den japanischen Krieg die Einwanderung aus Rußland eine abnorm hohe ivar und die Bewältigung derselben außergewöhnliche Mittel erheischte, welche durch die Munificenz des hiesigen Hauses Rothschild und anderer reicher Juden in liberalster und ergiebigster Weise zum Borschein kamen. Während der ersten vier Monate des nunmehr vergangenen JahreS, als der Zudrang der rustischen Flüchtlinge am stärksten war, arbeitete das Komitee in Rota Tag und Nacht, um die schwierige Aufgabe der Beförderung der Emigranten möglichst zu deschleunigen. Ter gegenwärtige Präsident deS Shelter ist Herr Herrmc.n Landau, ein wohlbekannter Philanthrop, der hier zu Wohlstand, Ansehen und Einfluß gelangt ist. Er widmete seine Kräfte in ausgedehntem Maße der Entwicklung des Shelter seit dessen Errichtung, ivelche hauptsächlich seinem Einfluß zu verdanken ist. Die bisherigen Räumlichkeiten des Shelter haben sich infolge ber erweiterten Tätioteitssvhäre als unzureichend erwiesen. Zum Zwecke der Erlangung der nötigen Mittel für den Bau eines geeigneten Lokals nach modernen, sanitären Anforderungen wurde vor einigen Wochen ein Zweckesten unter dem Vorsitze des Herrn Leopold de Rothschild veranstaltet, mit dem Resultate, daß die für den Bau erforderliche Summe von 11,000 Lstr. fas! voll gezeichnet wurde. London, 7. Jan. Tie Alien Bill, deren Ausfiihrungsbestimmungen in dcn letzten Tagen ver össentlicht worden sind, hat erstmals auf die beiden Hamburger Dampfer: ״Sperber" und ״Snlvia" und auf den ״Reiher" von Bremen Anwendung gefunden. Trotzdem namentlich in 0.ravesend der überwachende Einwanderunasbea.'ite ersichtlich bestrebt toar. mit Schonung und Milde vorzugchen, wurdcn doch 22 jüdische Passagiere des Sperbers zuriickgewieseitz darunter eine Familie von fünf Köpfen, die in Ietaterinoslaw stark unter den Pogromen gelitten hat. Zwei Familienmitglieder, Knaben von eE und dre!zebn Jahren, waren bei den ünlilhen umgekon'.men, nnd die Eltern waren ihres ganzen Ver׳ mögcns beraubt worden. Wenn ihnen trotzdem, mangels des erforderlichen Vermögens von 200 Mk. die Landung versagt worden ist, so dürfte in diesem Falle die Berufung an dcn Appellotionshof wohl Erfolg haben. Auf einen solchen Fall muß doch die Bestimmung des Gesetzes, daß Einwanderern, welche nachweislich vor Lebens- oder Bermögcnsgefahr geflohen sind, die Landung gewährt werden soll, angewandt werden. Am besten kamen noch diejenigen Ankömmlinge durch, welche genaue Angaben über die in Aussicht genommene Beschäftigung machen, oder Adressen von englischen Verwandten Vorzügen lonnien, die sie aufzusuchen beabsichtigten Tie ärztliche Untersuchung der Einwanderer hat bisher glücklicherweise immer sehr gute Resultate ergeben. Von Seiten des Home-Qfsice sind die Herren Leonard L. Eohen, H. R. Lcvinsohn, Earl Siettauer und Dr. Morris als Vertreter des Board of Guardians zu Mitgliedern des Appellationshofs in Sachen des Einwanderungsgcsehes ernannt worden. London, 28. Dez. Gemäß Beschluß der hiesigen Snnagogen Vereinigung richtete Sir Samuel Montague an den Qberrabbiner Tr. Adler ein Schreiben, in welchem er diesen fragt, ob es religionsgescnlich zulässig sei. daß ein Mann, der die Gottlickkeit der Thora öffentlich negiere. Mitglied der jüdischen Religionsscbulverwaltung bleibe. Es bandelt sich dabei um ein hochangescbenes Mitglied der Londoner Gemeinde, das sich s. Z. in einer ösfenilichen Rede zu überaus freien Anschauungen bekannt bat. Schon damals protestierte Sir S. Montague bei Tr. Adler gegen ein Verbleiben dieses Herrn in der Schulkommistion, aber ebne Erfolg. Ter Frage der Stmagogenvereinigung kann jedoch der Herr Qberrabbiner nickt ausweichen, und man ist gespannt, wie stck Tr. Adler aus der Affäre ziehen wird.