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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 26

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 26 (sequence 29)
Language
German
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'?h. 1. Leiir •■2«. Ter ^»ratlil. 4 Januar r.*Ot־> sichtigen und tatkräftigen Mann erwarten wir aus solcher Jugend nicht. Ohne Arg im Herzen verläßt er, dem Vater gehorchend, das Haus, um sich nach dem Wohldefinden der Brüder und des Heerdenbestzes umzusehen. Von den älteren Brüdern wird er ergriffen und unter heftigem Widerstand in eine Grube in der Wüste geivorfen. Deich« Verzweiflung muß ihn erficht haben, und in diese Todesangst hatten ihn eigene?rüder!?ersetzt, Männer, die schon selbständige Familien gegründet hatten und als ernste Väter, als Fort träger des abrahamitischen Vermächtnisses aalten! Auf diesen Moment zurückblickend, wäre menschlich leicht begreiflicher Weise manch anderer zu einer Linnesrichtung gelangt, in der er nach günstiger Gestaltung seiner Lage den Brüdern Rache geschworen und das von ihnen zu vertretende Prinzip verantivortlsch für ihre Handlungsweise gemacht hätte. Wie freudig hätte mancher an seiner Stelle sich erngelebt in den egyptischen Geist, sich den egyptischen Litten und Gebräuchen angelchmiegt. sich der Gesellschaft eng angeschlosien, die ihm als Lebensretter dastand, die seine Tüchtigkeit gewürdigt und ihn mit Vertrauen belohnt, die seine Ehre, die ihn! zeitlveilig durch einen Gesellschaftskiaisch — wie « zum guten Ton gehörte — anaetastet war, wiedergab und ihn ungeachtet seines früheren Sklaven standes in der ״liberalsten" Anschauungsweise zum höcysien Staatsamt befördert hatte, ohne irgend ivelche burraukratischen Umständlichkeiten, ohne Beachtung der Alterslisten, ohne Anforderung bestimmter Lehrjahre und Lehrprüfungen. wegen feiner (?insicht allein und im Vertrauen auf seinen mensch- Ii<h guten Ekarakter, nicht fragend nach Religion und Abstammung, nach Heimatrecht und Stand. ״Das ist ein liberaler Staat mit guten Gesetzen, das beißt Kultur und Vorurteilslosigkeit, das beistt Bildung und dlesiitung! Die Götter, die ein solcher Verfasiungsgeist erzeugt, sind die wahren Beschützer des Rechtes und der Qrdnung, der Titte und der Menschlichkeit!" Sprach nicht alles für solche Aus fafsung der Sacke und der Personen? Wieviele, die sich vom Judentum abwenden, deuten so ihr Lebens aeschick ׳versen das Judentum über Bord, N»eil sie sich über Juden zu detlaaen haben, lieben andere Kreise in den H'.mniel, weil sie die Gestaltung ihres inate riellen Glückes dort tulriedenstellender erlangten. Und Joseph — warum dachte und bandelte e r nickt so? Seine Lebenserfahrungen hätten ihn dock gewist dazu berechtigt. Da ist es denn zunächst ein Moment, da« am meisten verschwiegen wird und am wichtigsten für das Verständnis des Lebensdramas erscheint: die Sckuldsrage. Sobald der Schwerpunkt der׳ selben nach außerhalb verlegt wird, bleiben die Schickungen des Lebens uns rin Buch mit 7 Siegeln wir lernen nichts durchs Leben! alle Geschicke ertragen wir doppelt schwer, weil ibr sittlicher Wert als t^rwebiinasmittel nickt erkannt und daher nickt beherzigt wird. Sobald immer andere, nur nicht wir selbst die Schuld an allem tragen, was uns begegnet, werden wir nie zufrieden, ja immer mehr mit Gott und der Well zerfallen sem. (?rkenneri wir aber die Welt, das Leben, als ein großes Erziehung»- institut, in dem jeder sich als Mittelpunkt des Ganzen fühlt, dann wissen wir, daß unsere Lehrmeister unseren Rangplatz uns nicht willkürlich bestimmen, dann schieiben wir selbst uns das Zeugnis und von uns aus geht die Bemessung des Anteils, der uns zngewiesen wirb. So Hut Joseph das Gebühren der Brüder begriffen, das darum für diese nicht zu rechtfertigen bleibt, in der Wirkung auf Joseph aber de greif lief) ist ivegen des Verhaltens, das er gegen sie an den Tag gelegt hatte. Und war auch ein liebermaß der Entgeltung ihm auferlegt, so mag ihm doch eine Prüfung willkommen gewesen sein, die seinen Eharatter nur stählen, der Welt seine sittliche Stärke bekunden und ihn selbst nur würdig machen konnte desien. was er für seine und seiner Famitie Zukunft an Glück und Glanz erträumte. Wie er sich aber mit seinem «beschick an sich auseinandersetzte, so ver mochte er auch den Personen keinen Hast, nachzutragen. Er erblickte in ihnen von vornherein di« unbewußten Werkzeug? in der Hand des Lebenslenkrrs, die dazu bestimmt waren, das der Erfüllung nahe zu bringen, was die Vorsehung gewollt, ״ihn als (?rnährer seiner Familie vor ihr her nach Egypten zu senden." Wenn solche Anschauung den Grundton der geistigen Har monie des Lebens bildet, wo bliebe da noch Raum dafür mit dem Groll gegen die Personen das Gesetz abzuwerten. dem sie unterstehen? Da hebt die Schuld der Rebenmenschen nur unsere Schuld auf, die v o r a u f g i n g , da bereitet sich alles vor, daß ein egyptischer Staat mit Sklaventum und Knechtung, mit Kastengenosienschaften und Priester kollegien, mit Rohheit und Entsittlichung, Menschen- Vergötterung, Menschenverachtung, nicht weil er i m m e r so gehandelt, sondern obgleich er nie so gehandelt hat. eine Ausnahme macht, sobald er unter dem Diktat desien steht, der die Verwirklichung der Verheißungen vorbereitet, ein Volk ״im eisernen Tiegel" für die Heiligkcit seiner Bestimmung zu läutern. Auch in Egypten — Joseph er fuhr es wurde der Sklave ohne vast ihm Gelegenheit sich zu verantworten gegeben war, ins Gefängnis geworfen. Dort lernte er die Behandlung kennen, die egvpkische Königslaune den obersten Staatsbeamten zuteil werden liest; dort kernte er die Aufseher kennen, die ganz gerne einem Gefangenen die Hut überließen und sich selbst wohl gute Tage machten: er erkannte die ganze Unwahr Hastigkeit jener Kreise, die. wenn sie den ״Judenjungen" nötig hatten, ihn sehr gnädig behandelten, aber sofort seiner vergasten, wenn sie den Fuß in die Frnkeit gesetzt hatten. Er lernte die höfischen Sitten so gründlich vom Hörensagen und an einigen lebendigen Mustern kennen, daß er mit Bestimmtheit vorberzusagkn imstande war, den einen krönt man, bald genug merken, daß Du Dich im Irrtum besindcst. Ein eiserner Kops ist schon gut für ein andächügeS Gebet, aber es gehört auch ein Herz dazu. Du käst bisher mehr den Kops als das Herz, mehr den Geist als das «Wcmiit gebildet, dessen wirst Du jetzt bald iii'te werden. Also Du bist mit der von mir gestellten Bedinguna einverstanden.- ״Ich danke dem Rabbi von aanzem Herzen," eutgegnclc Hirichel, das; mir die Erfüllung meines Herzenswunsches so leicht gemacht wird, und ich hoffe bald die Bedingung zu erfüllen." Hirschel eilte fort in das BeS Hamidrasch, wo er mußte, daß noch nicht Mincha gebet« t war. Dort wollte er sich in die Schar der andächtige» Beter mischt» und sich den Preis rasch verdienen. Aber er gewann eS nicht einmal über sich, den ersten Segensspruch mit ungkleilter Andacht beten zu köuiicii. Jniiucr wurde sein Gedanke auf das gefteeftc Ziel gelenkt. Gr dachte an die neu zu erleruende Geheimivissenschast, CS bii י So* ״,,1; ״,«.>,״ ־** **»»•' **»,* >» W W Vf fct | || lf beute Abend schon seine Andacht beschwören könne, er dachte o» alles Mögliche und Uumögliche, bis er sich dabei ertappte, daß er an sein Gebet darüber vergessen hatte. Aler sich am Ende des erste» Cegensspruche» verbeugte, riß ihn diese Körperbewegung aus seinen Träumen und er mußte mitten im Gebet verdrießlicher Weise eiiirnumcn, daß cfür deute schon utnnöglich sei. Er dernhiglc sich, daß er heute noch zu unmittelbar unter dem Eiudrucke der Freudenbotschaft gestanden, daß es dafür inorgen um so leichter gehen werde. Aber morgen und übermorgen wiederholte sichS ganz in derselbe» Weise. Dachte er daran, durch seine Andacht die Sehnsucht seines Lebens nach der Gehciinivisseiischafl der Kabbala zu befriedigen, so vergaß er darüber du» Wort de» Gebetes, so daß eS andacht-los über die Lippen ging. Suchte er aber jeden Gedanken daran zu unterdrücken, so war ihm damit auch die Quelle für die besondere Andacht verschloffen, und er betete mir in der Weise wie er sonst gebetet hatte und wie eS seine ganze Umgebung tat. Rach sechs Wochen trafen Lehrer und Schüler wieder allein znsammeil und crsterrr fragte: ״Ra Hirschel hast Dn das Kabbalastildium aufgegeben^" ״Lehrer und Meister" erwiderte der Angeredcte, ״seit sechs Wochen auäle ich midi Tag für Tag, um die mir gestellte Bedingung zu erfüllen. Ihr kabt Schweres von mir gefordert und ich habe eS für so leicht angesehen. Ich weiß nicht wie lange cnoch dauern kann, bis ich Mincha ohne einen fremden Gedanken werde gebetet haben!" ״Du bist aber," entgegnete der Meister, ״dem Ziele bedeutend näher, sobald Du von der Schwierigfeit seiner Erreichung überzeugt bist. Vielleicht erlangst Du c-, wenn Du in da» vierzigste Lebensjahr eingetreten bist." I!Fortsetzung folgt.) den andern hängt man: beide« am Ehren- und Freudentag des Königs. Tiefer Abscheu hakte ihr. erfaßt ob dieser Denk- und Lebensart; sein gerader Sinn schützte ihn davor, das was glänzte als Gold zu nehmen. Es gehörte aber die ganze Erziebung Josephs und die ganze Würdigung derselben dazu, den Bogen unerschütterlich fest zu halten — ״selbst dann noch, als die Arme seiner Hände gülden geschmückt waien." Aber höher noch als seine Gesinnung-treue in abhängiger Stellung ist Joseph die Bewahrung der väterlichen Geistes zur Zeit als er sozusagen ganz Egypten beherrschte, und nur eine Person als Träger der Ehre über sich hatte, anzurechnen. Daß er seinen Einfluß auf das Land nickst überschätzte, daß cr vor allem die zufällige Besetzung seines Postens durchseine Person nicht mit einer dauernden Institution ververwechselte, und daß er darum seine Brüder und seine Familie nicht in ein Verhältnis zu diesem Staate gebracht wissen wollte, das in seinem u - fälligen, momentanen Bestände nicht für alle Zeiten garantiert, nicht auch für eine Zukunft gesichert war, in der er, Joseph, nicht mehr seinen Einfluß wirken lasten konnte, das ist das schönste Zeugnis für den Ernst, den er der heiligen Sache des Jakob- Hauses entgegenbrachte, einen Ernst, durch den er die Sache der Wahrheit triliinpbieren ließ über alle Lockn n g e n der Ehre und des Amtes. Als er daher seine Brüder dem Könige vorzustellen hatte, ja bevor sie noch mit ihrem Vater in Egypten angelangi waren, eilt er ihnen entgegen und belehrt sie, was sie Pharao über die Absicht Mitteilen sollten, in der sie nach Egypten gekommen seien. Wenn wir von Jakauw und seinen Söhnen sprechen, denken wir viel leicht manchmal an eine schlichte Bürgerssamilie. Mit nichten ziehen sie so in Egdpten ein. Sie sind die nächsten Verwandten, Vater und Brüder des ersten Hauses in der Hofgesellschaft. Sie werden sofort vom König in einer Begrüstungsaudrenz -mvsnnn-n lind te, mUsii'n nnru nnfcfinfiff'» Er. scheinungru gewesen sein, unsere Altooröcren, wenn zwei von ihnen allein es wagten, eine ganze Stadt anzv greifen. Sie hatten eine Zierde des egyvtischm Heer«? gebildet und als Josephs Brüder die ersten Stellungen darin bekleiden können. Auch für Joseph war es eine Ehre, wenn auch seine Bruder angesehene Männer im Staate würden. Was tut Joseph? Nichts von alledem, was daz.» hätte führen können, sein Vaterhaus mit den Egyp tern zu verschmelzen. Wie er schon gleich, nachdem er sich zu erkennen gegeben und seinen Vater nach Egdpten bittet, ihm sagen läßt, Kap. 45, 10 ״Du lannst im Lande Goschen wohnen" nnd ihm damit jede Möglichkeit nimmt, seine Einladung im Hinblick darauf abzulehnen, daß das Zusammenleben mit den Egyptern von verderbkichem Einfluß ans Kinder und Kindeskinder sein würde, so läßt Josevh auch seine Brüder schon bei ibrer Vorstellung das betonen, was sie von den Eghptern trennt. Qhne mit dem Vater ein Wort gewechselt zu haben, hatte er schon sogleich dem Gedanken der Isolierung von Egyvten im Lande Goschen Ausdruck verliehen, und er läßt darum seine Brüder ihren Berus unverhohlen angeben, um dadurch seine Absicht zu erreichen. Zwar drückt er sich etwas höfischer aus und meint, die Brüder sollten ihren Be ruf als ״Herdenbesitzer" bezeichnen, aber sie selbst geben ihren Stano in schlichter ländsicher Sitte gercidezu als ״Schafhirten" an. Sie fallen Pharao dadurch so auf die Nerven, daß e! in aller .Höflichkeit zwar ״das Beste des Landes" für sie Joseph zur Verfügung stellt, aber er lvinerkt (bei fehlendem Verbindung« 6 in fir.eir. burdb bi? solchen bezeich neten Zwischensatz):?שבו בא־ץ :ש• . last sie nur um Himmelswillen in Goschen wobnen." .Hoben doch die Brüder auf Josephs Anraten gleich lstrvor! nicht nur wir haben dieses Geschäft des Vieh- Handels von jeder betrieben, auch unsere Väter warm schon Schafhirten; es steckt das so sehr im Blut, daß an ein Aber ziehen gar nicht zu denken ist und eine Verschmelzung unmöglich erscheint.

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