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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 22

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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')Ix. י. iCItC ־}'i. Tcv ,!viaclit. intim verkehren, so ist's nicht aus Akkltmatttietuttgs-- trieb und Assimilationssuchr, sondern aus Liberalismus: ne sind freie, aufrechte Menschen, fühlen sich im Adel ihrer Herkunft, in der Reinheit ihrer Abstammung und halten cS für eine Verirrung geschmacklosester Art, diese Reinheit zu trüben. Zwei in Lissabon ansässige deutsche Protestanten erzählten mir daS folgende. Die Gouvernanten ihrer Binder verkehren mit den deutschen Hauslehrerinnen jüdischer Portugiesen: die deutschen jungen Damen unterhalten sich über die Eltern ihrer Zöglinge, selbstverständlich mit deutscher Verwunderung über die hohe Stellung der Juden in Portugal, über den Verkehr christlicher Jugend in jüdischen Häusern und besonders über einen Korb, den sich ein junger Portugiese bei einer jungen Jüdin holte; und da sich die Kollegin über diese Tatsache vor Erstaunen nicht lassen kann — eine Jüdin weist einen arischen Antrag zurück! — fügt die Erzieherin hinzu: Ach, die in ihrem maß׳ losen Stolz, die werden sich doch nicht an einen Portugiesen w e g w e r f e n! Dieser Stolz äußert sich auch in anderer anwrechender Weise. Hier ein Beispiel. Im Oktober 1904 trat seit Menschengedenken zum ersten Mal der Fall ein, das; ein jüdischer Kaufmann Lissabons, ein junger Mensch von 23 Iahren, infolge mißglückter Spekulationen, fallierte. Ich kam am Tage darauf in Lissavon an und fand die Nachricht in den Zcitnngen, stets mit der Bemerkung,der Man» sei Jude. Natürlich dachte ich bei mir. tont «minie cliez 110ns. Auch im Hotel wurde der.Fall A..." leb- Haft besprochen, und ein Geschäftsfreund, der mich da begrüßte, ring gleich mit mir davon an und betonte ebenfalls A.'s Religion: als ich ihn et- >vuv pikiert fiügie, ob denn in Lissabon nicht auch 'mal ein Christ fallierte, stutzte er einen Augenblick und antwortete dann, bei Portugiesen käiur da? natürlich alle Naselang vor, aber bei einem Juden sei's noch nie passiert. Und nun verstand ich. Am andein Morgen brachten die Zeitungen in Sperrdruck die Nachricht, der Senior des Hauses B. S., ein Onkel As. habe alle Gläubiger befriedigt, um die Ehre der Familie und der Rane zu retten. (Die Schulden hflicnn sich auf nahezu drei Millionen Mark.) Gewiß ist der Mann reich, aber seine Tat muß außergewöhnlich gewesen und in Portugal als ein Ereignis empfunden worden sein, sonst hätte sic nicht so viel Aussehen erregt. Auch treue» Festhalten am Sinai-Gesetz scheint den portugiesischen Juden leichter gemacht zu werden als anderswo. In einer Nummer der ״Mitteilungen deS Vereins zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" war vor einiger Zeit berichtet worden, daß ein Lissabon«! Krösus sechzehn Jahre lang einen jüdischen Korrespondenten beschäftigte, der am Sonnabend und an den jüdischen Festtagen vom Dienste befreit war. Ter Ohes der Firma, der dies mir selbst erzählte, rügte lachend hinzu, anfänglich sei der junge Mann des Sonntags ins Bureau gekommen und der Ehes ihm zuliebe auch. Doch später habe er sich gesagt: ״Was soll ich mir wegen seines Sabbats meinen Sonntag verderben!" und so habe er dem Angestellten mich den Sonntag frei gegeben. Dieser Angestellte war deutscher Jude, und deutsche Juden sollen in Portugal ganz besondere Schätzung genießen und leicht und gern von portugiesischen Banken und Kapitalisten Geld und Kredit zu Ilntcr nchmnngen bekommen. z1׳ denen Portugiesen umsonst anklopsen würden. Ein Portugiese hat mir das mit bitter-ironischen Worten auseinander gesetzt und durch einige frappierende Beispiele belegt. Worüber die Portugiesen ober den Kops schütteln, dar sind die unbibliichen Vornanten vieler deutschen Jude» Einem portugtenichen Juden würde es nicht cinfallen, sich Vornamen wie etwa Antonio, Benito, Francisco, Gotofredo. Domingo beizulegen. Selbst Manuel, obwohl doch biblischen Ursprunges, ist ungebräuchlich. Die Juden tragen vielmehr die Vornamen Abraham' Jsac, Levi, Mose, Aron, David, und ebenso sind biblische Frauen-Namcu wie Ester, Hanna, Simcha vorherrschend, Nur klingt bei der korrekten Akzentuierung solch Name schön und wohl, ganz anders als in der bei uns üblichen nachlässigeren Aussprache. Ein Name, Lewi gesprochen, hört sich ganz anders an, als wenn er Leesi gesprochen wird. Wir können von unseren stolzen Glaubeitsbrüdern neben manch anderem die Würde übernehmen, die man den alten bedeulnugSvollen. Namen bewahrt. Überhaupt Würde, Geschmack, Freiheit, Formenschönheil, daS ist portugiesisch-jüdisch. Ein Freitag- Abend in solchem Hause ist schön. Die Frage des ״EinzelkelcheS" ist da längst gelöst. Während in der Heidereutergasse zu Berlin vom Kiduschwein in der Synagoge aus sanitären Gründen neuerdings nur ein einziger Knabe trinken darf, hat man in Lissabon von Alters her den Brauch, daß nach beendetem Kidusch ans dem großen Pokal in so viel kleine silberne mit dem ich tuich über die Sabbat-Idee unterhielt, das Wort sprach: ״Wenn ich überhaupt an eine Offen barung glauben könnte, dann würde ich an die Göttlichkeit der jüdischen Religion glauben!" 'Be׳. Partie aus den Armen- und Pilgerwohnungen aus Zion in Jerusalem. Becher gegossen wird, als Teilnehmer vorhanden sind. 'i ist ein hübsches Blld, die aus Füßen stehende lberne Platte, in der Mitte darauf der hohe Kelch und um ihn eine stattliche Zahl kleinerer. Im Hause am Freitag Abend wird nach .Kidusch zunächst ein Blumenstrauß, dann der Reihe nach Baumfrncht, Erdfrucht und Fisch gereicht, danach erst wäscht man sich zum Brotgenuß. Der portugiesische Svnagogenbrauch ist vielen Lesern bekannt: auch er ist feierlich, und lesonders anziehend war mir das Ministrieren minderjähriger .Knaben bei den in die Gebete eingcsügten Psalinstitcken. Doch ״gelernt" wird nicht genug in Portugal, und die Gelegenheit dazu ist bedauerlich genug. Wohl giebtS noch einige talmudkundige Privatleute, doch schon müssen orthodoxe Eltern, denen an einer soliden jüdischen Durchbildung ihrer.Kinder liegt, diese nach Deutschland und Holland schicken. Lissabon hat keinen Rabbiner: einfache hctlachische Fragen werden von den beiden wackeren Ehasanim entschieden, für kompliziertere Fragen ist der Ehachatn von Gibraltar zuständig, mit dem zuweilen ein lebhafter Telegrammwechsel geführt wird. Es wollen einige Lissabonner Familien ihren Stammbaum bis zum davidischcn Hause zurücksühren können. Ich weiß nicht, ob solcher Stammbaum je sachverständiger Prüfung unterzogen wurde: doch wenn ich die prachtvollen seinen Menschen sah und hörte, war ich versucht daran zu glauben, daß noch Blut des Königs und Dichters in diesen Kindern unseres Volkes vulücrc, und da lernte iw ihre fast gefürstete Stellung intnittcn der nichtjüdischen Ilntgcbung begreiiett und wunderte mich nicht mehr, als ein Katholik Lin Besuch in den Armen- und Mger- Wohnungen ans Iion zu Jerusalem (בהי מחסה). Von •}Innie (*. Landau '» Ferujaleiu. Nachdruck Verbote». Es sist noch früh am Freitag Nachmittage, da wir nnsercn Weg beschwerlich durch die für Wagen oder Pferd unzugänglichen stufenartigen Gassen der Altstadt Jerusalems nehmen. Das Herz ist uns schwer, wir fühlen uns so hilflos im Angesicht des Elends, der grüß- - — . gesundheitswidrigen Verhältnisse, toelche bei der Besichtignng der inneren Stadt sich Augen und Gemüt aufdrängen. diese Wohnstätten, es dünkt uns grausam, sie einem Tiere als Aufenthalt zu bieten, dumpfe, feuchte enge Löcher, ohne Licht und Luft. Wir können uns nicht mehr wundern, tvie es kommt, daß solche Schreckensepidetnien, wie Diphtheritis, Scharlach, Thphus, Pocken immer wieder so verheerend in Jcrusalein wüten und daß so Viele an Malaria leiden. Es steigt in uns der Wunsch auf, ״wie können wir Helsen!" <8egcn solche Verhältnisse, wie wir heute gesehen, erscheint es uns unmöglich, anzukämpfen, doch tvie sehr es möglich ist. soll uns gleich bewiesen werden. Plötzlich, unerwartet, am Ende einesWinkelgäßcheus, das nirgends hinzuführen scheint, erhebt sich vor uns ein erstaunlicher Anblick, hinter diesen mächtig großen eisernen Toren liegt ja eine andere Welt, ein schöner, sich weit dahindebnender offener Platz, orgfältig gepflegtes Grün, einfach, reinlich und olid aussehende Häuser. Es wird uns schwer, zn;egreifen, daß wir eben, so dicht hinter uns, daS Bild )es tiefsten menschlichen E.ends gelassen haben. Wir sind aus dem Berge Zion, und diese Häuser, deren Anblick so eindrucksvoll als Ergebnis der Liebe und EnthusiaSuttts der praktischen Philantropie wirken, sind die בת' מחסה — die Armen- und Pilger- Wohnungen I e r u s a l e nt s. Der freundlichen Einladung der Insassen folgend, treten wir in verschiedenen Wohnungen ein. ^Überall dieselben luftigen Räume, dieselbe wohltuende Sauberkcit und Ordnung. Jede Familie verfügt, sehen wir, über zwei Zimmer und eine Küche. Wir bemerken eine fleißige Hausfrau, die damit beschäftigt ist, die Außenwand ihrer Wohnung noch vor Sabbateingang frisch zu kalken, ihre kleine, neunjährige Tochter hilft emsig mit. Nebenan gibt eine Andere den schon so blanken Fensterscheiben eine letzte Polierung. ES tut gut, von den Lippen dieser Armen zu vernehmen, welche Wohltat ihnen diese dreijährige Gewährung einer freien Wohnung ist. In heißer Dankbarkeit werden uns als Schöpfer und Erhalter dieses Paradieses inmitten einer Wüste ehrfurchtsvoll Männer genanttt, weiche die ganze jüdische Welt als אנש׳ השם fitutt, Rabbiner Israel Hildesheimer זצ׳ל, Rabbiner Akiba Lehren זצ״י, Josef Hirsch זצ״ל, Jacob Ettlinger זצ״י, Rabbiner Wolf Mannheimer זצ״ר, Gustav Husch Baron Willi Rothschild צ״ל:, Satnncl Strauß יציל.

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