Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 1 (4.1.1906)
- Date
- 1906-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus^XJeff untf ILet llllustriertc Beil Dsraelif »Ae zum Dorluliiesische ÄkiskeriniikrulMn. '.'i'actiPrüit mt'picit Portugal mib insbefoubeve die llmflfbunfl yiffabon4 ist so schön, das; viel;n wenig Sommerfrischler au* dem worden dabin wandern. Mas kann die Riviera gegen t'intra bieten, dieses wundervolle Stückchen Brde, eine Ansammlung von nordeuropäiicher und ironischer Ilora, von Bergesmajestät und Tälerlieblichkeit. von Waldcsdickicht und Blnmenrebbichen, von Iriihlingszauber und Sommerprachr und Nebelgrauen, von Mccreslust und Höhenlage. Und wie ((intrn, so ist (saseaeS und wie Baseaes ist Mont (fstoril, alles voll Sonne und Dust unter tief blauem Himnicl, an wogender See. Lissabon selbst, wie eine gewaltige Rutschbahn an zwei großen f*!horftpn^tiSpr» vSitrtMtt an- und aufgcbaut. ist eine merkwürdige Stadt. Von der Senke zwischen-den Hügeln hinauf führen die Straßen so steil, das; cs schwer ist hinan zu klimmen; elektrische Zahnrad - Straßenbahnen bewirken den Verkehr. Sicht man ans der Senke hinans, so meint man zuerst einen großen Häuserrntsch zu sehen, bei dem eine Häuserreihe die andere überstürze, und man möchte der Lawine answeichcn. Von oben herab aber bietet sich ein weiter Blick über die flrofu’ Stadt, über grüne Landstraßen nach Norden und das freie Meer nach Westen. Am Tejo herrscht frisches Hafengelriebe, in der Bin, emsiger ißeschäflsvcrkehr, im 'Westcnd ragen Prachtbauten und ziehen sich schöne Villenstraßcn: in den vielen Parken und Promenaden steht die laiche neben dem blühenden Dlcander. wechseln Buche und Zeder, Veilchen und Magnolien, Farren und Lorbeer, und an den Mauern wiegt sich wild und üppig der Heliotrop mit seinem betäubend süßen 2 uh empor. In breiten Straßen ragen hohe (.Edeltannen, Dattelpalme.:, (fukaluptos, und dazwischen wieder Ahorn, lfschcn mit weitverzweigtem Laub. Im botanischen Zarten. diesem kostbaren Schmuckstück der Stadt, auf einer Bank sitzen, Blumcnatem einsaugen, tiefer Stille lauschen, die durch leises Rannen der Brunnen nur gehoben wird, und zu den Palmengiganre» hinauf, oder auf den userschönen weiten Strom vor sich den Blick schweifen lassen, wer das getan hat an einem klaren Soni'nerabcnd oder Herbstesmorgen, der niöchl zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist zu schön! Wie das Land, so ,ind seine Bewohner interessant. Dort wo im Innern viele Straßen noch nicht einmal die Postkutsche erreicht. wo außer einigen Bahn- Netzen zur Verbindung der größten Städte keine. Schienenwege vorhanden, wo hunderte von kleinen uiid größeren Ortschaften von der Außenwelt ganz oder fast abgeschnilten sind, dort haben Rassen sich bis heute noch sd rein erhalte», das; dem Irennde der Rasien-Reinheit darüber das Herz im Leibe lachen mußte. Don fände er (fgupter, Phönicicr und (Hriedictt in nnvcrmischler Urabslammnng, Araber und Mauren von »nvcrfälschtem Tnvns und in der Sierra tntrcla die Neu-(^hristen, die wir Marannen nennen, eine Bezeichnung übrigens, die man weder in Svanie», noch in Portugal mehr zu kenne» scheint. (*•? sind Abkömmlinge von Inden, die zur Zeit der Inaniiilion die Schcintaufe annahmc» und ihrem jüdischen «ßesctz und Brauch in geheimen Ilntergewölbe» und Mellern gerecht zn werden suchten. Die Leute sind jetzt religiös indifferent, Halle» aber ans Irene zur Iamilicniradilion noch immer ein jüdisches Ritual unter dem Erdgeschoß ab, und zwar eine Art r^ollesdiciisl zu Zehnt. t>s in das Rudiment einer vor mehr als sünshunderl Jahren geübten jüdischen Pffichierfüllung und erinnert an das ■1 HlM Lnnagvge in Lissabon. Iornienivcsen eines Drdcnskapitels. Solche Ortschaften im Norden Portugals zeichnc» sich durch Reinlichkc ' und Wohlstand vor den benachbarten Plätzen aus. in denen die Bevölkerung zur Mehrheit nicht aus Neu-Bhristcn (wie sie im Volke Heiken» besteht. Drei C rte aber giebl es in Portugal, die fast ganz von Juden bewohnt werden und zwar nicht von NcU'Bhristcn, auch nicht etwa von eingewanderten fremdländischen Juden, sondern von Rindern »nseres Volkes, deren Ahne» bei der Inauisilion einfach vergessen. oder durch irgend eine sonstige Ursache nicht erreicht wurden. In der gräßnchcn Schrcckenszeit, als die Scheiterhaufen in Toledo und Lissabon in Madrid und Sevilla loderten, mögen sie ungestört und ahnungslos, oder in verzehrender Angst und in Todesgrauen in ihren weltverlorenen Städte» dem Judentum und der Arbeit gelebt haben: ihre »linder wissen cs nicht, sie wissen nur, daß die Vorfahren durch eine besonders glückliche Iugung dem Verderben 'ntronnen sein müssen. Von den zweitausend Einwohnern Tortosentos sind mehr als skchzebnhnndert Ind-m: diese führen jüdische Vornamen und adelige Iamiliciinamcil, haben ihre «Gemeinde, den alt vortngisischen Ritus, Schechila- und Oncllbad-In slilulionen. halten den Sabbat und die Speisegcsctze, tragen Tallis und Tesillin und heiraten nur untereinander; sie sind verehrt und angesehen in ihrem Orte, der ihnen Industriebetrieb, Ansblülien und Wohlstand verdankt. Diele Mitteilnugen machlcn mir zwei karhoinckie Portugiese», bereit einer ans Tortosento stamink. während der andnre in sierejaes, gleichfalls ein Städtchen der Sierra (vftrela, geboren ist. wo auch die incitten Iamilien jüdisch und geievestreu und feil mehr als ieckishnndcrt Jahren ansässig sind. Durch einen merkwürdigen Zufall traf ich an' spanischen Bergen, meilenweit von bevölkerten «ffegenden. einen drillen Herren ans einer jüdischen Stadt der Sierra (Vftrela. Dieser Herr zwar der berühmten fpaniolisckicn Iamilie da Silva, von der viele 'Mitglieder vor der Inanisition nacki Holland flohen: er kam als kleines Rind nach Lissabon, studierte an der Universität und Bergakademie und erfuhr erst als Dreißigjähriger von seiner altjüdsich adligen Abkunft, (fr bestätigte mir nicht nur vollinhaltlich, was ich vorher über die jüdischen kleinen Städte erfahren batte, sondern fügte aus eigenem Wissen Mitteilungen hinzu, die offenbar richtig sein müssen, beispielsweise über die Sitten der Inden seiner Vaterstadt am Pesachseste, über die Beaufsichtigung des Milckeinmelkens und sonstiges, desien Richtigkeit ich ja nachpriifen konnte, t^r »elbst steht dem Judentum gänzlich fremd und fern, lernte erst im Hause seines Professors und Ire lindes Ben Lande jüdisches Leben kennen und erfuhr auch erst durch diesen, daß die da Silvas jüdischer Abstammung sind und seine Mutter somit ein jüdisch .Rind war. Die Ben Sandes, wie die meisten anderen Inden Lisiabons, sind aus Marokko eingcmandek, nehmen eine hochgeachtete soziale Stellung ein, sind in der großen tffcsellschasl gern gesehen, äußerlich von auffallender Schönheit, gewandt und elegant. Was läge näher als die Annahme, daß sie sich mit den christlichen Portugiesen verschwäger:.? Doch eine Mischehe ist eine höchstseltene Ausnahme. Plan wird nach dem (Mritnbe fragen, wird vermuten, daß der Antisemitismus oder religiöse tssewissenhaftigkelt die Mischehen unmöglich mache. Aber Antisemitismus giebl es in Portugal nicht. Wenn auch die ifleistlichkcit jesuitisch ist, das Volk in allen Schichten ist äußerst liberal und niemand stößt sich an des andern Religion, l^in starker Teil der Juden ist religiös indifferenr. (stiebt es trotzdem keine Mischehen, oder doch nur in verschwindend geringer Zahl, so liegt das lediglich am Rasienstolz der Inden. Wenn in Portugal die Juden mit den Andersgläubigen verkehre» und zwar viel und