Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 1 (4.1.1906)
- Date
- 1906-01-04
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. «eite 14. Xfr Israelit. 4 v^rtiutar t!X>6. hingkftrllt, «r hat die »Weltreligion" bekämpft, uno so must die »Wissenschaft" die Beweise für diese Anschauung liefern. >1. (Fortsetzung folgt.) Die Memoiren einer üieitwanaererr. >Tie Wefdjidjtc meiner Kampfe Memoiren von Arininuie 16 am b er» in zwei Bande» Unwin's Verlag.» Nachdruck verboten. An die Wunder von »Tausend und eine Nacht" erinnernd und doch ernstestem Streben, tüchtiger Arbeit das Wort redend, liegt vor uns in englischer Sprache eine fesselnd geschriebene Lebensgeschichte. »Kämpfe" nennt sie der Verfasser. Und er schildert den mit zäher Energie geführten Kampf gegen die unerbittlichen Feinde alles Lebens, gegen die Widersacher jeglichen geistigen VorwärlSkonnnenS, gegen äußeren Druck, Armut, Hunger. Kälte und — daS kampflose Erliegen ererbten jüdischen (Geistes vor den Scheingrößen einer seichten AUermeltokultur. Ein eigentümlich interessantes Buch, spannend von Anfang bis zu Ende. ES stört etwas, wenn der Verfasser im zweiten Bande wieder auf die »n ersten Bande geschilderten Ereignisse zurückkommt, doch erhallen wir aus diele Weise ein klareres Bild des errungenen Eriolgcs. Schanen, Wirke» ist ihm »anfporncnder, treibender Lebensnerv; die Arbeit, der es gelungen, den menschlichen Intellekt auch um nur einen Buchstaben zu bereichern, erstrebtes Ziel." Vambery (ursprünglich Bamberger», 1832 in Ungarn geboren, Jude, Sohn eines idealen strenggläubigen tüchtigen Talmudgelchrten, verlor früh den Vater. Seine Mutter, die entscheidenden Einsiuß ans sein Leben gewann, auch orrhodcr. doch mehr weltlich ge- .oandten Sinnes. Dem verachteten, blutarmen, lahmen Judenjungen schien jedes VorwärtSkommei: abgeichniiten. und wie :n einem Kampf mit Giganten hat er sich jeden Fußbreit Erde erstritten. Schon im Valerdauie war Schmalhans Küchenmeister gewesen, und in der Fremde — man höre ihn selbst: »Hinauszutrelen in die Well nnl eli Jayren, in Armut und Elend, mit einer Krücke als (M fährlin, fern der liebenden Mntter unter Fremden zu wandeln, ihren kalten Blicken ausgeseyl ist eine grausame Prüfung und Han zu ertragen für ein junges, gefühlvolles Kind." Um sich Mittel;u erwerben, eine höhere Schule be'uchen zu können, war er in kindlichem Aller bei einem jüdischen Gastwirt Hauslehrer geworben. Nach feiner .TStrat er in eine Schule ein. Er schreibt: »Von einem Freunde meines verstorbenen Vaters baire ich die Erlaubnis erhalten, meine Strohmatrave des nachts in irgend einem Teile des Hauies auszubreilen, und mitleidige Leute gaben mir ein Kisten und eine Decke." TaS war seine Wohnung. Dar Miltagesten erhielt er abwechield in judilchen Familien. Doch seine weltlichen Studien entzogen ihm bald die Gunst seiner onhodoren jüdischen Freunde, er verlor seine Wohnung und hatte schließlich nur noch vier Mahlzeiten wöchentlich. Er sagt: »Unbeschreiblich waren meine Gefühle, wenn ich in einer Ecke deS Hofes faß, meine Lektionen lernend, während andere Knaben meines Alters an ihrer Eltern Titch aßen. Ich schmauste mit den Augen und es war mir, als ob ich über den Inhalt eines Bäckerladens hülle verfügen können. Die hungrig blickenden Augen eines gesunden, lebhaften Knaben sprechen die bercdcsie Sprache der Welt. Später in meinem abentcuerlichen Leben stand ich ot't Angesicht zu Angesicht dem surchtdarcn Ungeheuer, .Hunger' genannt, gegenüber. Seine entsevlichen. grinsenden Züge haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis geprägt, denn Hunger verursachte mir die gleichen Schmerzen in meiner elenden Wohnung in der Stadt wie in den Sandhügeln Eentral- Aslens. An Spott fehlte es auch nicht, weder von seinen Genossen, noch von seinen Lehrern, deren einer ihm sagte: »Ei Moschele, warum studierst Dud Wäre eS nicht besser für Dich, Du würdest ein ehrlicher Metzger werdend" Ein unbändiger Wissensdurst, ein unersättlicher Hunger nach Kenmnisten errangen in diesen frühen Lebenskämpfen den Sieg. Schon damals zeigte sich das fabelhafte Sprachtalrni B.'s, unterstützt von einem nie versagenden GedächintS. Für de» Schulbesuch landen sich bald keine Mittel mehr, und als Hauslehrer konnte er sich nur knapp da» Dasein fristen. Trotzdem wurden diese sechs Jahre die sruchlbarstcn seine» Leben» und wurden der Ausgangspunkt seines späteren Schicksals. Er bildete sich selbst weiter und wurde außer de» Hebräischen und Ungarischen, de» Slavischen und anderer österreichischen Mundarten, des Deutschen, Französischen, Englischen, Italienischen, Schwedischen, Dänischen, Russischen, Lateinischen, Griechischen, Arabischen, Türkischen, Persischen und anderer asiatischer Idiome mächtig. Die litterarischen Erzeugnisse der verschiedensten Nationen waren ihm bekannt, vieles wußte er auswendig und fand darin höchsten Genuß, Elsaß für so manche Entbehrung. Das Studium der orientalischen Litteratur und ein unbändiges Verlangen nach Abenteuern erweckte in ihm den Wunsch, d.n Orient kennen zu lernen. Als Privatlehrer hatte er sich 120 fl. erspart, und mit dieser mehr als unzulänglichen Summe beschloß er, nach dem Orient zu reisen. »Ich werde cs schon irgendwie machen", sagte er sich, wenn ihm warnende Gedanken kamen. Durch Vermittlung des Baron EötvöS erhielt er eineu Paß und ein Billet zu halbem Preise bis Galatz und machte sich im Mai 1857 auf den Weg nach Konstantinopel. Die Reise begeisterte ihn, aber bei der Ankunft in Konstantinopel hatte er gerade noch genug Geld, das Fährboot zu bezahlen und stand dann ohne Pfennig in einem wildfremden Lande. Glücklicherweise fand er Landsleute, die sich zuerst seiner annahme», und dann halfen ihm seine »laiinigfachen Sprachkenntnisse. In Kaffeehäusern trug er Gesänge vor, er unterrichtete, erst in ärmeren Kreisen, dann aber verschastle ihm fein Witten immer größeren Spielraum und als Reshid Estendi er kleidete sich und lebte wie ein Türke - fand er Zutritt in die höchsten Kreise, sogar zum Sultan. Er verfaßte eia »Deutsch-Türkisch Wörterbuch", veröffentlicht in Pera 1858 von Georg Köhler, sein erstes Werk und zugleich das erste deutsche Buch, das in Konstantinopel gedruckt worden. Leicht hätte P. dort eine Stelle im diplomatischen Dienste finden können, doch er sagt: »ich war immer und werde bleiben ein unverbesserlicher Enthusiast nnd Phantast, dem nur das Außerordentliche zniagt". Eine glühende Liebe zum Vuterlande - non diesem nie gedankt, oder auch nur anerkannt — hatte schon den Knaben, den Jüngling erfüllt und wurde Veranlassung zu seiner reichlich phantastischen Reise nach Eenlral'Asien. Er wollte den Ursprung, die Herkunft der Magyaren erforschen, die zur Zeit der Völkerwanderung aus den tartariichen oder Turknianen- Slevven nach Ungarn gekommen feien. Nach Pest znriickgckehrt, erhielt er durch Protektion ein Stipendium (1000 rl.) von der Akademie, in deren Auftrag er reiste, und einen Geleitsbrief. Die bewilligte Summe war bald gewaltig zusammcngcschmolzen, und der Geleitsbricf hätte ihm bei den wilden Völkerschafre», denen er Tücke scheinen mußte, nur schaden können. Der GcleitSbrief vom Sultan leistete ihm wirklichen Dienst. In Konstantinopel schloß er sich einem Zug Pilger an, die aus Mekka zurückkehrte», und machte sich trotz „aller Warnungen der Freunde auf den Weg. Im Übermaße seines Gefühls, im Webanfeii an all das Neue und Interessante, das ihm bevorstand, erwog er weder Gefahren noch Strapazen. »Wahrlich," sagte er selbst, »ein gewagtes Unternehmen, vielleicht ein närritcher Streich, dessen Gefahr ich damals kaum ermessen konnte." (Schluß folgt.> M. A. l&flkflwödbawio Wrammatif des Vibliilst-'llrainäifchen. von H L. strack. I. Auflage Preis M . . ged M. Leipzig, o E H >» r > chs fct> e Buchhandlung , Das ist feil dem Jabre W."> die I Auflage, die von dieser Grammatik erscheint. gewiß das beste Zeugnis für die Zuverlässigkeit nnd Brauchbarkeit des Buches, seine» Haupt mball bildet die Formenlehre des Nomens und des Verbs: sämtliche aramäische Terte des i jr, in vortrefflicher Aus gäbe, bilden den 'Anhang. Ta» Studium dieser Wrammatif giebl nicht nur die notwendige Grundlage für das sichere Verständnis der aramäischen Bücher, es schärft auch, indem cs zur Vergleichung anregl. den Blick iür die Formenlehre des Hebräischen, und nicht zuletzt bierel es Handhaben zur Lrientierung über die aramäische» Forme» im Talmud Dr. B. Zum Raschi-Jubiläum. Etwas über Nafchis Einfluß auf die spätere hebräische Literatur. Von Tr. Mar >14 r u n w a l d. Nabbiner und Prediger der israelilischen Kullusgemeinde Wien. Wien, Berlin INi.'>. Ea lvar» & Eie 17 «eile». Preis 0,60 Pit. Ter populärste «chrinerklärer ist unstreitig Nafchi: er hat de» größte» Einfluß als Eregei, noch mehr aber als Talmuderklärer auf die Nachwelt geübt, einen Einfluß, der heule, HOO Jahre »ach seinem Tode, sich noch geltend macht. Wir sagten: populär als «chrtflerklärer, denn feine Er klärung ist ins Volk eingedrunge», die Ausdeutung des ei» fachen Worisinnes mit der Ausichuiückung agadifcher Er klärungsweise, die 'Anwendung des Midrasch und im gesetz lichen Teile die schlichte Wiedergabe des halachifche» Midrasch hat dem Volke Belehrung und zugleich llnterhaltuug ge boten und weile schichten des Volks Lusi am «lndinin der «chrifl geivinuen lasse», «eine «chrifterklärung, welche Einblick in alle Weidete der jüdischen Halachah und '»0drasch Literatur geivinuen ließ, bat die breite '»lasse des jüdischen Volks vor lluiviffenheit bewahrt. Außerdem hat sie auch dein Forscher Anregung gegeben und auf die CitcUen hinweisend, das Studium dieser Quellen belebt, so sahen wir, daß sie einen Ramban, wenn auch oft dessen Widerspruch kervorrufend. mächtig beeinflußte »ud seine Forschungen belebte, einen Misrachi und später viele andere zu supereoinmealaren auregle. Gewaltiger aber ist der Einfluß, den seine Talmuderklärung auf die Forschung der Folgezeit üble. Tiefer präziie, knapp gehaltene, aber viel und meivV sagende Komiiieniar iettfe die Feder» der besten Kopfe in Bewegung und ließ eine tveiischichlige Literatur enlflrhen, die wir heule, da manches nur noch bruchstückariig erhallen ist. noch nicht ganz überselieu könne». Es war wob! der MüKe wert zu erforsche,!, ivarnui :Wai(fci sich so und nicht anders geäußert, warum er sich inr die Praris Vieser und nicht der enigegenstelienden 'Uleinung angeschloffe». «eine Erklärung war eine Fundgrube fiir den Forscher und eine 'Anleitung zum Verständnis nie den einfachen Leier. Wir können uns beute nicht vorstelleu. was aus dem Taliundstudiuni geworden wäre, wenn Nascht seine Er klärung nicht geschrieben hätte. Wären wir doch nicht ini staube einige Zeilen im Talmud zu leien und zu verstehen, wen» wir nicht de» treuen und liebevolle» Führer uns zur seite halte». Es ist daher nicht zu verwundern, daß der einjährige Gedenktag Rafchis viele veranlaßt hat. in schrill »nd Wort dem Andenken des großen Mannes, der durch seine Werke noch Keuleunseren Herzen lebt, die gebührende Huldigung, zu bringen. Zu diesen Hnldignngs 'Akten gehört auch die mit Wärme geschriebene vorliegende kleine schritt. die de» Einfluß Naichis auf die Nachwelt in kurzen Zugen schildert. Wir können diese schrill als eine treffliche bezeichnen, wen» auch in einer 'Aniiierknug sich der Fehler eingeichlichen hat, als wenn eine Enischeidung Na'chis über die Einieizung eines Kohe» in feine frühere Würbe, ver ger»»il, de,,,,, wieder znni Jndeninin zurückgekelirl iei, der des Nabbenn Grei'choin widersprochen habe. Ties ist nidu der Fall, auch N. Gerichoui bat sie gestaltet. ,'Vergl Machsor Vilrn II. seile '.'0, Berlin 'Allein dieser kleine «chönbeiis fehler tut dein Wan;?» feinen 'Abbruch , wir können die schritt »nr einpfehlen. der Leier wird von ihrer Lektüre be frieoia.l iein. S. Zur 'Verständigung über die 'Vrgriste Nation und Nationalität. Von Allred Kirchhori. Halle a. s I!»".', Verlag der Buchhandlnng des Waisenhauses Preis Mk. l. . ..sieh', eine Volksgesellfchoft, die gesondert ivobni. und die unter die Völker sich nicht zählen läßt." Tas alle Weis heiisivoil des scharfblickende» aramäischen sebers. das die Lubsuniiernng des jüdischen Volkslunis unter die allgemeinen begrifflichen t'leniente von Nation und Nationalität rundweg für wahrheilswidrig erklärt, ist zweifellos noch heule z» treffend, 'Nichtsdestoweniger erwächst ans de» durch die zionistische Lehre angeregten Erörlerungen über die jüdische 'Nationalität auch bei» denkenden geselzesirenen Juden die Pflicht, sich mit dein stände des Nationalitätsproblenis im allgemeinen vertraut zu machen, u», dann aus dein >'leiste des Judentums heraus dazu Stellung zu gewinnen Hierbei kann das Kirchhoff'fche Büchlein mit feiner individuell ent fchiedenen und doch durch reiches Tatsachenmaterial gestülzlen Betrachtungsweise treffliche Tienste leisten. Kirchhofs weift überzeugend »ach, daß weder '.'lbstamiining noch spräche die entscheidenden Faktoren der Nalionenbildung sind, sondern rein psnchische Momente, die allerdings durch politische und wirtschaftliche Interessen bedingt fein können. Ans der Geschichte 'Amerikas und der Schweiz einerseits, Belgiens und Hollands andrerseits ist die Nichtigkeit dieser Tbese zii erweisen. „Eine piano» ist eine große Gemeinschaft. die sich gründet a»f das Bewnßlsein der Lpfer, die inan ge bracht hat nnd »och zu bringen bereit ist. ans die 11 e b e r einstimmung. den klar ausgesprochenen Wunsch, das gemeinschaftliche Lebe» weiterzufüdren." Tiefe Tennilion Nenans erkennt Kirchboif als zulrest'end an. Er scheidet zwischen «taatsnaiione» und kullurellen Nationen, zu welch lebieren Juden, Armenier und Polen zu zahlen seien. Je weniger ein gemeinsamer Wob» oder siedlmigsrau», durch wirtschaftliche Interessengemeinschaft aneinander fesselt. desto entscheidender werden Mir die Frage der nationalen Be tätigung naturgemäß die.Kulturmomenie und vor allem der Wille der Individuen zur Gemeinsamkeit. Tie «chrift sei besonders de» Führern des Misracht zum Studium empfohlen, die daraus für ihr verantwort nngsreiches Unter nehmen bei ernster Prüfung mancherlei werde» lernen können. R,