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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 10

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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itfr. I 3ntc ln. Ter 'u'raelit. t Januar 1!Hui. Zünde betrachten würden, wenn man diese Gottesgabe von sich weisen wollte. Preist doch schon der königliche Psalmist dieses herrliche Getränke, welches «des Menschen Herz erfreut, daß sein Antlitz strahlet mehr denn Oel." Und wo anders als beim Wein kann der Staubgeborene der Sorgen des Lebens vergessen? Und so ging denn Hahnemann, so oft er Verdruß hatte, und er schien sehr, sehr häufig solchen zu haben, in eine jener gemütlichen Bürgerstnben, die so gar nichts mit den ständigen Wirtshäusern gemeinsam haben, um dort seinen „Halben" zu trinken. Da» Städtchen ist seit undenklichen Zeiten seiner großen „Schoppengläscr" und seines würzigen Weines halber berühmt. Bekannt aber sind auch seine Gin w.bncr wegen ihrer Trinlfestigkeit, und sie nehmen am Rhein denselben Rang ein, wie die Münchener -iwa in Bancrn. Der Glaube an die Heil und Grhaltungskrast des dortige» Weines geht io weit, daß die Ginwobner behaupten, daß wenn Jemand alt loird, diesen der Wein so lange erhalten habe. Srirbt hingegen Jemand jung, so heißt es. der Verstorbene habe (ich das Herz abgetrunken. Wer des Vormittag» nur einen „Halben" trinkt, ist entweder überhaupt kein „hiesig Geborener", und muß, da er jedenfalls nichts vertragen kann, mit mitleid'ger Nachsicht beurteilt werden. Gin „Kiesig .Lind," wie sich die Gin geborenen stolz nennen, fängt überhaupt mit emem „Halben" erst gar nickt an und überläßt das den jene Menschengattung zweiten Ranges bezeichnet ivird, welche die unerhörte Dreistigkeit besitzt, nicht an dem Qrt geboren zu sein, in welchem sie zu leben wagen. (Fortsetzung folgt.) Die alte fjUlob. Citt AIiärcHcrr oon TM c n Rmr a m. 'JJiUtbruc! vkrbotc:i. „Mutter, sieb mal die alte Tnllob!" riet oer tlelne Mar. „sieh mal, wie verstaubt und zerrissen sie ist; auf der Bodenkammer, unter altem Gerümpel, habe ich sie geninden: wem mag die wohl schon ge- •/***• „Küste sie doch." 'agle die Mutter; „Da w<iß: ja, inan tunt eine Dsilloh. wenn man sie ans der Grde fintet, denn es schmerzt sie. wenn sie gefallen, gerade wie Dick: und wie Dein Schmerz vorbei ist. wenn ick D'ch küsse, io ist's auch mit dem ihren." Da küßte Mar in scheuer Gbrsurckt dir alte Tnlloh. und plötzlich — er erschrak und fuhr bestürzt zurück — begannen die .ersetzten Blätter eigentümlich zu rascheln, zu flüstern und sch ln-*'lick zu sprechen. Müde und traurig kamen die Worte ans den Blättern hervor: zuerst ganz leise und langsam, dann laut und deutlich und schließlich beinahe froh. Gs loar, als ob ein Mensch, der lange hatte schwemm müssen, endlich einen anderen Menschen trissi, dem er von sich und seinem Weh erzählen kann. N"d ungefähr so mag die alte Dsilloh gesprochen haben: „Mein liebes Kind! Seit vielen Jahren lag ich vergessen und allein in der dunklen Kammer: niemand backte noch meiner, und wenn Du mich nicht gesunden hättest, wer weiß, ob ick jemals wieder ans Tageslicht gekommen wäre; und dabei sehnte ich mich doch so sehr nach dem Sonnenschein am .Himmel und den strahlenden Kinderaugen auf der Grde. Und weil Du Dick meiner liebevoll annahmst, und weil Du mich küßtest trotz meines häßlichen Aussehens, drum will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir von meinem Leben erzählen' Du sollst alles wissen, bis zu dem Tage, da mich lieblose .Hände in die Drödelkammer brachten und man meiner vergaß." Die Dsilloh hielt einen Augenblick im Spreckten inne, als ob sie sich besinnen wollte: dann begann sie mit ihrer Geschickte. „Gs mögen wohl fünfzig Jabre her sein, daß ick in einer kleinen Druckerei entstanden bin: ick kam allein aus der Presse und freute mich meines schönen schwarzen Druckes, der sich von dem »wißen glänzenden Papier so deutlich abhob: und als ick noch eimn Ginband ans rotem Plüsch mit silberbeschlagenen Gcken belaia, sing ick an. beinahe stolz zu werden. Meine 5lamcraden. die lein so prächtiges Kleid de kamen, beneideten mich, aber nur im Stillen; mir selbst machten sie Komplimente und erzählten mir immer auss Reue, wie schön ick sei. In der Wcrk statt gab es mancherlei Bücher: große und kleine und auch ganz große, vor denen wir Kleinen uns fast fürchteten, denn die waren nicht allein groß, sondern auch klug. Sie spraechn sehr wenig mit uns. und wir waren stets froh, wenn wir aus ihrer Nähe kamen. Ich sollte nicht lange bei ihnen bleiben; ein Bräutigam mit lachendem Munde und strahlenden Augen kaufte mich nach ein paar Tagen und brachte mich seiner Braut, einem schönen Mädchen mit blauen Augen. „Vielen, vielen Dank." sagte sie und bewunderte mich von allen Seiten: den Ginband, das Papier mit dem goldenen Schnitte, den Druck und dann die silbernen Gcken; aber sie spiegelte sich nicht darin, wie die Andern alle, denn sic wußte gewiß, daß sie schön sei, und der Spiegel brauchte es ihr nicht zu sagen. Am andern Tage war die Hochzeit, und vor de: Trauung betete die Braut in mir; ich wurde sehr ernst gestimmt, und als die blauen Augen sich mit Triincn füllen wollien, da hätte auch ich beinahe zu weinen begonnen. Dann lam die Trauung und bas ^>ochzeitsmahl, und alles sab und hörte ich. s waren ichöne Stunden, die ich nie vergessen werde. Be, der Tase! gab es Musik: es wurden Reden gebalten und Lieder gesungen, und der ganze Saal ergänzte in. Scheine unzähliger Lichter. Die Gläser klangen zusammen, io hell wie 'leine Silberglösicken, und man stieß mit ihnen an aus das Wohl des Braulnaares. Als ich aus der dunklen Kiste, in die man mich nach der Hochzeit eingepackt hatte, wieder ans Tageslicht kam. fand ick niich in einem schönen Zimmer. Ich erhielt einen Ghrenplatz im Biicherschrani. und wenn Gäste kamen, wurde ick häufig hervorgehvli und gez/:gt. Dreimal des Tages nahm mich die junge Frau zur Hand und nach kurzer Zeit wußte ick schon, was sie beten wollte und schlug ihr die Stelle aut: und dann freute sie sich. Biele Wochen und Monate waren vergangen, als es im stillen Hanse lebendig ward. Durch die Glastüre des Bücherschrankes sah ich, wie der kleine Knabe größer ward, wie er sprechen und gehen lernte. >vie er lachte und spielte, und loie glücklich seine Gltern mir ihm waren. Als er sechs Jahre alt war, lernte er lesen: wenn es zuerst auch langsam ging, in kurzer Zeit wurden aus den Buchstaben Worte, aus den Wo-ten Sätze und schließlich lonuic er i». Außer ihm waren noch zwei Knaben und ein kleines Mädchen zu uns gekonnnen, die fröhlich im Hause bernmtolltcn; es waren gute Kinder, aber von mir bekamen sie nichts zu ieben, denn meine schöne Sammethülle hatte im Laisse der Jahre schon sehr gelitten, und die Mutter wollte mich gern schonen. So führte ich ein stilles Lebe», und ich muß gestehen, daß mir dies auf die Tauer nicht behagie. Ich dachte oft daran, daß doch ein Jeder im Leben Freunde und (Kenosscn findet, toährend ich allein stand, wie alle Großen, die hichcr gestellt sind, wie ihre Brüder. Ja, es ggb Stunden, in denen ich meine geringen Kollegen beneidete: die standen mitten im Leben, wurden zur Schule und zum Gotteshaus hinausgetragen, und Armen Welt und Menschen kennen, toährend ich zu Hause bleiben mußte. Aber dann freute ich mich wieder de» Vertrauens und der Freundschaft, die man mir schenkte, denn auf der Rückseite meines Titelblattes hatte die Hausfrau all das ausgeschrieben, was ihr das Wichtigste im Leben war. Ta standen die Geburtslage ihrer vier Kinder; da stand auch der Gebnrts und Todestag eines fünften Kindes, das nur wenige Jahre alt getvorden war. Gs batte blonde Haare und blaue Augen gehabt, wie die Mutter, und der liebe Gott batte es zu sich genommen. denn es war zu gut für die Welt. Da standen ferner die Sterbetage ihrer Gliern, da stand ihr Hochzeitstag und der ihrer Geschwister und manch anderes, was ich inzwischen vergessen habe. So blieb ich ruhig in meinem Sckranic, bi» n:ein eintöniges Leben eines Tages unterbrochen werden sollte. Ick lam zu einem Buchbinder, um , mein schöne» Aussehen von Neuem zu erhalten, und Imachte unter dem Arm des kleinen Martin — das war der Name de» kleinsten Jungen im Hause — einen großen Weg durch die Straßen der Stadt. Der Buchbinder war ein roher Mann, der mich nickt so sanft ansaßte, wie ich cs gewohnt war: er riß mir den Sammcteinband mit den Silberbeschlägen und bas Titelblatt ab. bestrich mich mit häßlich riecken- '■ dem Kleister und legte mich zum Trocknen unter eine ' Presse. Da lag ich nun zusammen mit manchem ^Kollegen und langweilte mich: die Presse druckte mich fürchterlich, so oaß mir schon nach »venigen Stunden angst und bange wurde. Ginen Tag und eine Nacht mochte ich wohl so zugebracht haben, als mich der Luchbinder von meinen Qualen befreite, und daran ging, mich wieder einzubinden. Jedoch, was mußte ich erleben! Gntweder hatte er meine vornehme Herlunft vergessen, oder er verivechselte mich mit einer anderen Dsilloh, denn ich betam weder meinen alten Ginband noch mein Titelblatt zurück, sondern wurde in gewöhnliche Pappe gesteckt, wie alle anderen. Ich raschelte unwillig mit meinen Blättern, ich schlug die Seiten um, die er gerade haben wollte, ich entzog mich immer wieder seinen Fingern, aber es nützte alles nichts, (kr hielt mich eisenfest und legte mich nochmals unter die Presse, sodaß ich mich nicht rühren tonnte. Und dann kam da» Schlimmste! Ich blinzelte unter der Presse hervor und mußte mit ansehen, loie der Meister eine ganz fremde Tfilloh in meinen alten Ginband hineinpaßte, und ick glaubte damals, daß dies die größte Gnttäuschung sei, die mir das Leben jemals bringen lönne. Aber ändern konnte ich nichts oiran, und mußte schweigen; auch dann, als nach einigen Tagen unser kleiner Martin in die Werkstatt des Buchbinders l nn, um mich abzuholen. Wie aber nun der Meister die fremd? Tfilloh in meinen alten Ginband für ven kleinen Jungen einzupacken begann, da konnte ich nicht länger an mich halten, und sprang mit Gevolter r m dem Büchergestell ans die Grde berab. „Qh." wate der kleine Martin, „da ist ja eine Tfilloh gefallen," hob mich schnell auf und küßte mich. Der stcb', kl-me Kerl, wie hatte ich ihn so gerne, und wie wohl tat mir sein Kuß. Gs war ein Abschiedstusz, wie >hn sich Freunde geben, wenn sie auseinander geh-,, und ich wußte ja. daß ick ihn nie wieder'eben würde. Wäbrend ich nun mehrere Wochen auf meinem Regale stand, ging mir mir eine große und heilsame Veränderung vor. Ick hatte Zeit, über mich nachzudenken, und da merkte ich, daß ich eigentlich recht hochmütig und albern sei; bis jetzt hatte ich nur auf mein schönes Kleid geachtet und hatte nie daran gedacht, daß dies Kl-id doch nichts als die Hülle sei, in der so viel des Schönen und Guten verborgen läge. Und als ich mir darüber klara-mc>rden da batte die Sehnsucht nach meiner früheren Schönheit rin Gnde; ja, ich freute mich jetzt, daß. ich in die Werkstatt de» Buchbinder» gekommen sei und versprach es mir. von nun an verständiger und besser zu weiden. Ter Meister hatte mich zum Verkaufe ausgelegt, und eine» Tage» kam ein herumziehender Hausierer vorüber, der mich für billiges Geld erstand. Mein neuer Herr war ein armer Mann; wie ich bald be obachten konnte, war er die ganze Woche unterwegs, um seine Maren zu verkaufen, und nur am Schabbos zu Hause. Gr wanderte von einem Dorf zum andern; mochte die Sonne noch so heiß, herunterbrcnnen. oder ein weißes Schneetuch alles bedecken, oder der Regen in Strömen herabgießen, er zog munter weiter. Ich lag zu oberst in seinem Korbe, den er sters auf dem Rücken trug, und dieser Rücken tat mir leid, denn er war krumm geworden von dem schioeren Packen, den er schleppen mußte. Des Hausierers Mühe war gar groß. Ich war Zeuge von den vielen Widerwärtigkeiten, die ihm sein Beruf brachte; ich börte mit Mitleid, wie die Leute ihn verspotteten und ihm auf der Straße „Jud" nachriesen, aber er ließ sich nicht entmutigen. Wußte er doch, daß man ibm mit diesem Namen die große Ghre antat. und daß. die Geschichte seines Volkes die älteste und wunderbarste aller Völker sei. — Aus unseren Wanderungen lernte ick Welt und Menschen kennen und sammelte manche Grfahrung. Ich kam in die Gesellschaft guter und böser Leute; ich horte kluge Menschen sprechen und törichte, und ich lernte von beiden: von den Klugen, was man zu sagen habe, und von den Dummen, was man verschweigen sollte. Weiche und harte Menschen sah ich. Geizhälse und Verschwender, und ich sah. daß so viele nur an sich und ihr eigenes Wohl dachten, aber ich traf auch Menschen mit großen und guten Herzen, die stets für Andere sorgten und zuletzt für sich. Ja. das waren meine Wanderjahre, an die ick gern denke, obgleich sie beschwerlich und niühevoll waren. Gin Jeder muß wandern, in der Welt sich umschauen und Menschen und Dinge kennen lernen und das, was ihm not tut. — Wie ich bereits erzählte, kam mein Herr cm jedem Sckabbos von der Wanderschaft zurück, und da sah

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