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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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^euilloton - Beilage zu J rWaelit“ " *XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX*'XX*K' jfLVML'WW« Süim ii. Aiiilw in Drr l\ikmk i!on Jlriliur Mahn. '.’iarijPrutt verboten. E rstes Kapitel in welche», der Leser eiue» südliche» Lchuner u»d Lwiieiccr. eiiie» christliche» Hilftnachnvächter und Munlus und sciisliqe kleine Leute uns einer kleine» 3taht kenne» lernt. 'hud. ei» denkioürdiges i?reigitis uns des ^dinners Leden w,,e hier erzühu. In der unteren -V'älfte der Iudengasse. in einem ^acigaßchen, über deffen Eingang sich ein große; Haus erhebt, wohnte der jüdische Schuster Brn; Storch. Das Sackgäßchen besteht aus nur wenige» Häuiern, deren rohe Bactsteinmauern teilweise schon verwittert sind. Finster starrt es in die Gaüe, als brüte es über etwas trübe» Bergangenes nach. Rur im Hochsommer fallen des Bormittags, und dann auch nur auf kurze Zeit, wenige Sonnenstrahlen in dieses Sackgäßchen. Wenn das gclcdiedl, so er innert das Gäßchen an das runzelige Gesicht eines grämlichen Greises, über welches ein fluchtiges Lächeln hinhufcht. Das Haus, in welchem Berez Storch wohnte, ist fast in allen feinen Räumen du.ilcl. Ter Hausflur. an deffen Hinterseitc eine winkelige Stiege in die oberen Räume führt, liegt in steter Halbdämmerung. Aus den zahlreickxn Ritzen und Spalten einer Türe, welche in oen Hof führt, erbält die Stiege nur so viel spärliches Licht, daß man die ersten Treppem absätze bei einiger Aiismerllamteit erkennen kann. Ter Flur ist so winkelig und unsn'nmetrisch gebaut, daß man meinen sollte, der Baumeister habe einen Raum zum B-rsteckspielen für Kinder schassen wollen. Tatsächlich benutzten auch die Juden in der Indengaffc sowohl das Sackgäßchen, als auch diesen Hau-slur zu solckzen Spielen. Tie erwähnte Türe mit den dielen Ritzen führte zu einem kleinen Hot, der nur stellenweise gepflastert war, nämlich bis zur Punipe. Der übrige Teil mit seinen kleinen Grdbügeln mackste den Eindruck eines zerstampften Gartens, aus den, nur ein kleines schiefgewachsenes Füederbcunnchen sich . erhalten hat. Im Fr'.ihling und Sommer scheint sich die ganze Vegetation dieser ehemaligen Gartens auf die über mannshohen, mit Mauerpfeffer. einigen Kamillen und Gänseblümchen und Moos bewachsenen Mauern gepslüchtet zu baden. Sie mildert dann den melancholischen Gindruck, den die roten Schieferdach.-r der winkeligen Hinterhäuser mit dem schwarzen Gn bälk. den ' schrägen, verlöcherten Dachrausen und finsteren Giebelsenstern. lvelche spähend über die Hof mauern herüberblicken. Zwischen diesem melancholisch aussel>enden Hof und dem düstern Sackgäßchen eingezwängt, liegt des Schusters Wohnung. Der hellste Raum der ebener Erde liegenden Wohnung ist ein kleines Stübchen deffen tief gehendes einziges Fenster in den eben beschrieb«men Hof blickt. Hier befand sich B«rez Storch s -schliffen werkstätte. Drei Schusterschemel, ein nur um weniges höherer Tisch mit Werkzeug bedeckt em hölzerner Stuhl, ein sehr schmales Beit für den Lehrbuben oder Gesellen, ein mit Waffer gefüllter Holzkükel, in welcheni einige Bechtlumpen bernmschwiminen, bilden das ganze Inventar. An der mit Blumen und schwer erkennbarem Blätterlvcrk'» geschmacklos getünchten Wand, hängen drei mit Waffer gefüllte Glaskugeln, deren Bestimmung war, den Schein der Lampe aut das jeweilige Arbeitsfeld des Schusters in der?lrt eines Brennspicgels zu werfen. Auf einem kunstlos an^ebiachlen Brett längs einer Wand waren die hölzernen Leisten in den verschiedenartigsten Größen nel^neinander gereiht. Einige Bilderboaen und ein aus weißem Pappdeckel tunstlos gezeicbneies Bild, das Berez Slvrh's Züge trug, von einem liandferiigen Gesellen als Anoenlen hinterlaffen, stnb der einzige Wandschirm?. An einem Ragel an der Türe hängt ein brauner Beutel, in welchem sich die Gebetrieu des Schusters befinden: in einem über dem Loffen breit düngenden, iveit größeren Beutel, ü« der Gebelinanlei verwahrt. Alle übrigen Räume, es find deren nur wenige, nämlich eine Küche, eine Schlaslammci und eine Wohnstube, bieten nichts bemerkenswertes, es sei denn die in der Wohnstube von einem zackigen Haken an der Decke gehaltene mächtige Meffinglampe. mit acht Zacken und mancherlei kleinen daran angebrachten Verzierungen, die Sabbatlampe. terez Storch's einziger Sohn und A ' inhaber der Schusterei, KoppelA, selbst verheiratßüber der väterlichen Wohnung, eine Treppe bock,, sül sich >i."hn!e, lo reichten die erwähnten Räume sück Berez und seine Spring ) vollkommen aus. Sprinz.I die Schustersgattin, konnte fick, wie üblich, mit ihrer Schwiegertochter nickst gut vertragen. Sie zankten und keiften aber schon seit Jahren nicht mehr mit einander, sondern gingen, nachdem sie die «Gleichheit ihrcr Zungen traft gegenseitig anerkannt, die beiden 'rpewänncr aber, Berez und sein Sobn Koppel, eine strenge, ablehnende Reutralität bewahrt hatten, eine Art bewaffneten Friedens ein. der bei eintretenben ' .w ran inci i'ölst a sogar zu zeitweilige'- völliger Ae rüstung führte. Zu jener Zeit, in welcher unsere Erzählung ein setzt, war Koppel übrigens noch unbeweibt; saß er noch aus der Schulbank und war weit davon ans Heiraten zu deuten. Vorderhand war sein Geist dainit besthäsligi, die Geheimniffe der Rechentunst zu ergrünten. Hierbei geriet er täglich mit dem Lcbrer in Meinungsverschiedenheiten, die der Lehrer damic ausglich, baß er Koppels Sitzpolster mit der differierenden Anzahl von Stockstreichen in einer für diesen, allerdings nicht sichtbaren, aber ihm um so fühlbareren Art aufschrieb. Erfuhr dann Bater Storch durch indiskrete Mit schüler. daß Koppel wieder „nichts gekannt" habe dann wiederholte er des Lehrers Methode. Rur be diente er sich dabei statt des Robrstockes eines langen Lederriemens, der eigens zu diesem vädagogikchen Zweck am Fensterhaken hing. Aber auch ohne die arithmetischen Mißgriffe in der Schule, bekam Koppel nicht selten den Lcdenrriemen zu kosten und zwar in ganz bcstimmtcn periodischen Zeitabschnitten, einmal von väterlicher und in bestimmter Abwechslung von mütterlicher Hand. Zwinaende Gründe lagen für diese, damals für unerläßlich notwendig geltenden er« zieherische-. Maßregeln nicht immer vor. denn Koppel war. eines zum andern gerechnet, ein braver Junge, wenngleich er zuweilen, auf dem Weg vom Krame zur elterlichen Wohnung, entweder ein Stückche- Zucker heimlich aus der Düte naschte, oder von der wie Pech haftenden, schwärzlichen Apselgelee «in« Finger voll in den Mund führte; von anderen schweres Versuchungen gar nicht zu reden. ,! Gine Treppe über Berez Storch's befand sich dis; Wohnung des Hilssnachtwäckters und Musikus Jot Hannes Christoph Hahnemann. in drei kleinen Stilbs chen mit seiner Frau und vier Kindern. Das ältest«, ein blondes, starkes Mädchen mit bellen fröhlichen Augen, mußte schon als Zehnjährige der Mutter zur —-1, jnittfllft Schablonen worden damals die Wind» mir verschiedenen yarben getüncht ton« den Wänden da, Ansehen von Tasten verleiben sollte. 2) Karl. 3) E,v»r»nia. H-uid gehen und war, wie viele Kinder armer Leut«, schon über ihr Alter hinaus im Haushalt erfahren. Da Hahnemann nur Hilfsnachtwächter war, von dieser städiüchen Bestallung allein aber nicht leben konntc. so begab er sich zur Sommerzeit in seiner Eigenkchask als Musikus aus die benachbarten Dörfer, wenn dort die .Kirchweihfeste stattsanden uod hals den Bauern zum Tanz aiisspielen. Tbgleich seine musikalisch Fenigteit hauptsächlich im Trom petenblalen bestand, aus welcher Fähigkeit seine Mit bürger seine besondere Befähigung zum stellvertretenden Rackstwöchter herleiteten. und ihm daher die Tb but ihres nächtlichen Schlafes anverirauten. ra war dennoch Habiremanns Kunst nicht aus die Tromvete allein beschränkt. «*r verstand nämlich auch auf der Gei.r verschiedene Tänze zu spielen und diese so an ders gearteie K'anst im Rüche der Töne t'»g ihm den R»s eines musikalischen istenie-.' ein. Und wenn er aar betrunken war. was biirchaus nicht selten voc kam, >'o vssegten die gebildeten Bürger zu sagen. Habnemann sei ein Perlom"ienes Genie. Es genügt kehr häusia, und ni-bt nur in Meinen Trädten, daß «in Stümper zugleich ein Sauser ist. um als ver tninmene--? Genie beweriel und entiverlei ,u werden. Habnemann r-ar nun alicrdii glein Bagan:-i ober Tle Büle und haiie auch wahrscheinlich von beiden nie etwas gehört. Aber dennoch muß zur Steuer der Wahrheit sestgestellt werden, baß er die wenigen Tänze, die er aus seiner Geiae spielte, so sicher beherrschte, daß ihn nichtaus dem Takte bringen tonnte. Selbst im wüstesten Lärm einer allgemeinen Prügelei, ohne welche den Bauern burschen ein Tanzfest reizlos erscheint, spielt Hahne mann ruhig weiter, als wollte er in die Rauferei einen Taiijinthmus bringen. Während er geigte, sang er auch zuweilen gleichzeitig mit, so daß er dir begleitende zweite Violine zu ersetzen vermochte. Sein Lieblingswalzer, den schon unsere Urgroßeltern kannten war: „Gin guter Freund, der schon wje Fahren. Bon drr Well iir aogefahrrii." Rach seinen „Hoppsern" tanzte es sich so leichi. seine Marzurkas kreundet'n sich so schmieg'am selbst den ungelenlsien Beinen an, daß die Erlernung drr Tanzlunst vdnc Habnemanns Melodien fast ausge schlossen schien, Kein moderner Walzerkomponist fand Gnade vor seinen Augen. „Wer nach den Tänzen von Lanner und Hummel nicht tanzen lernt, der wird'- überhaupt nicht lernen." behauptete Hakmemann den fnrtf-ferittffctter gesinnten Tanzschülern, die in den Rachbarstädken in drr Kausmannslehre gen'esen. gegenüber. So war denn Habnemann seit mehr als dreißig Jahre der souveräne Herrscher auf dem Tanzboden, in der Stadl sowohl, wie aus den Dörfern im weiten Umkreis. Run wäre der Hisssnackuwächirr Musike- und ehemalige Flickschneider — denn dieses Handwerk hakte Hahnemann in seiner Jugend einmal gelernt — wenn er öfter nüchtern und seltener betrunken ge« wesen wäre, ein ganz leidlicher Hausinsaffe gewesen. Denn ivenn Habnemann nüchtern war. so war er rin sehr gefälliger Rachbar. hielt Freitag abends und wahrend des Sabbats hilfsbereit Licht und Feuer in Trdnung und versah gerne kleine Dienste, welcbe dem streng gläubigen Juden am Sabbat untersagt sind. Auch war der Musikus sehr erkenntlich dafür, daß Berez sowohl ihm wie seiner zahlreichen Familie das Schubwerk nur gegen Vergütung eigner Auslaoen ausbesserte. Sobald es draußen warm wurde, liefen Habnemanns Kinder allerdings barfuß, aber in der übrigen Jahreszeit wurde so viel Schuhwerk verbraucht. daß der arme Musikus oft verzweifelt die Hände zusammenschlug und aus Verdruß einen „Halben" trinken ging. Was in dem kleinen Städtchen, das inmitten berühmt'r Weinberge liegt, ein „Halber" und ein „Ganzer" bedeutet, ist kurz erklärt. Was der liebe Gott aus der den ganzen Tag lang vom Sonnenschein geküßten Erde an knorrigem Holz heranwachsen läßt, woran schon Roach's Nüchternheit Schiffbruch erlitt, tst so köstlich, daß die Be« wobner diese? gesegneten Stückehen Paradieses es als

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