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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 11

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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1. ^Altmu I!X"i. Icv ,'u'V.lCtlI 'tut II >h. I bl) auch sein Heim, seine Frau und seine Binder. Gs war ein bescheidenes Heim, aber dennoch, die Frei »agabende und besonders die der Wintermonate werde ich nimmer vergessen. Im kleinen Wohnzimmer iiand dann der Tisch mit weitem binnen bebertt; es war nicht auu der besten Leinewand gefertigt, aber «s glänzte von Sauberkeil und spiegelte beinahe den hellen Sehein der siebenarmigen Schadboslamoe wieder, die non der niedrigen Decke herabhing. Die alte Wanduhr tiette leise, im kleinen Dfcn flackerte «in behagliches Feuer, und der Frost malte Gibluinkn an die Fenster, t^s war so still und friedlich in dem lleinen Zimmer, und die Augen des Hausierers und seiner Frau leuchteten. Wenn die bescheidene Mahlzeit vorüber war, dann wurde ich von einem der Kinoer herbcigebolt, und dann sangen sie alle die Semiraur-, die am Freitagabend den Schabbos de grüßen; der Schabbos ist ja der Freund der Menschen; er koiunn ungcrulen zu ihnen; die Freude bringt er mit r\t), u"? Soraen und Leid schwinden, wenn er ins Zimmer tritt. - (5s war ein merkwürdiger Ge 'ai.g. c-m ich an jedem Freitagabend zu hören bekam: der Litern Stimmen, die voll und tief waren, oer mischten stck, mit den dünnen Kinderstimmckxn, oft icm., d'r G.ne höher als der Andere "der schneller, ober nicht im Tritt, aber trotz alledem halte ich meine Mie Freute an ihrem Sing,'.,- es lag fopi.'l Liede und Per'raucn zu CHott und soviel Freude an 'einem S.aebbos darin, das; ich das unmelodiiche Dingen bald überhörte " Die Ftillob batte vei diesen 'Worten plötzlich zu sprechen anrgebört: die alten Erinnerungen schienen sie übermanni zu Halen, und durch die zerristenen Blätter ging es wie leists SeuHeu: langsam srrack, üe;t>eiter: Ich mochte wohl eine Reihe von Fahren in dem Besitz des Hausierers gewesen sein, als in rneineur Leben iviederum ein Wechsel eintrat. Gs war in tiefem Winicr, und wir batten am t'väicn Abeno in einer Herberge Suartier erhalten. Trotz der vorgerückten Stunde herrscht: dort noch reges LciSn, denn gleich »ns suchten Biele hier Unter!unft vor der grimmigen Malte. Wie an jedem Abend sprach mein Herr auch dieses Mal sogleich nach seiner Ankunft das Marivgcvct, vergast aber dann mich wie stets in seinen Packen zu tun. sondern legte mim nS-cn diese,>. Und als er am anderen Morgen noch in tiefer Dunke!- heit wieder auibrack. dachte er nickst meiner und liest mich liegen. Bei dem matten Scheine mes Cef lichtes sah ich wie der lrumme Rücken sich ächzend noch tiefer neigte, die getvobnte Last zn empfangen, und wie die abgearbeitete Hand sich bod, die Mesnt'oh zu berühren: dann schlug die Türe krachend hinter ihm zu, und sein Tritt, der den frisch gefallenen Schnee knirschen machte, war nach wenigen Minuten nickst mehr zu hören. Co batte ich auch meinen zweiten Herrn der loren, aber an's Verzweifeln dachte ich drum doch nickt. Die Torbeitcn meiner Kinderjahre batte ick vöstig abgelegt, und erwartete getrost den 'Morgen und das, was er bringen würde. Rack kurzer Zeit wurde e* im Gasthause lebendig: der Tag war ange brockten, uns die Leute zogen mit ihr-n Bündeln wieder fort bis aus einen, der es nickt eilig zu naben schien. (5r ging gemächlich in der tstaststube au) und nieder, beschaute sich dies und jenes, und so kam er auch zu mir. die ich ganz verlassen auf einer Bank im Winkel lag. „Dich hat gewist einer verloren." meinte er. „und ich könnte dick gerade jetzt jo aut für meinen Jungen gebrauchen." Darauf ging er aus dem Zimmer, um bald mit dem Wirt zuriickzu kommen, der ihm versicherte, daß die Tfilloh nicht inS Haus gehöre, und dast er sie mit sich nehmen rönne, wenn sie niemand zurückvcrlange. Co blieb ich noch einige Tage in der Gaststube, und da mein £err nicht mehr nach mir gefragt hatte, gehörte ich dem Finder^ der nuch in seiner tiefen Manteltasche vergnügt nach Hause brachte. Tort gab er mich seinem kleinen oohn. einem Funaen von etwa sechs Jahren, der mit mir zur Schule ging und leien und übersetzen lernte; so kam ich in meinem Alter noch in die Sckiule.. Das Schalzimmer war ziemlich grost. und aus niedrigen Bänken fasten viele Kinder, wahrend der Lehrer einen erhöhten Platz hatte. Gr war noch ein junger Mann, der zu den Kindern sehr gut und freundlich war. und diese hatten ihn auch bald lieb gewonnen. Der kwint Theodor, aus decken Pulk ich lag, war ein ausmerk - sanier und braver Schüler; was er in der Schule lernte, nahm er zu Hause nochmals genau durch, und ivenn man am anderen Tage das gestern Gelernte wiederholtt. ''o tonnte der Lehrer sicher sein, dast Tbecdor die Prüfling am besten bestehen würde. M,r machte der Gifer des kleinen Jungen eine große Freuve, und ich Härte mich sicherlich noch mcbr damit gefreut, wenn ich nicht zu meinem Schrecken gemerkt batte, dast mein schon recht gedrechlicher Körper dem Lerneifer des lieben Jungen nicht gewachsen war. Meine Blätte fingen an. alt und brüchig zu werden, und als Theodors Pater dies eines Tages entdeckte, da gab er ibm eine andere Tfilloh und behielt mich, denn er meinte mit Reckt, ick könne dies Leben nicht mehr lange ertragen. Gr reparierte mich notdürftig urib bractne mich bann in die Snnagoge, wo ick bei anderen Tfillaus einen Platz in seinem Pulte fand. Biele Jahre habe ick da zugcbrachl. Mein Besitzer law nicht jeden Tag zur Synagoge, denn er war ja im Laufe der Woche verreist, und nur an Freitag Abenden und am Sckabbos nahm er mich zur Hand. Gr betete stets, aber wie ich bald bemerken konnte, mit wenig Andacht. Das Gebet kam beinahe ge wohnheilsmastig über seine Lippen und ich must ge stehen, dast ich mich darüber eigentlich gekränkt fühlte. Ich mußt: dock, dast die Mensichen in der Tsilloh für jede Ciunde das richtige Wort finden können, »nd es tat mir leid, dast mein Herr es nicht zu wiffen schien. Denn die Tsillob soll den Menschen zu jeder Zeit begleiten und ans seine Fragen Antwort geben; Freude und Leid verstebt sie, sie kennt das Menschen berz mir seinen Wünschen und Honnungen. mit seinem Gluck und seinem Kummer, und keiner ist je bedrückt zu ibr getommen, ohne dast sie ibi. ge tröstet {kitte. Aber ick rügte mich bald darein und wunderte Mick nur, dast nach nicht allzulanger ^fit mein Be sitzer immer seltener zur Synagoge kam, bis er ganz fort blieb. Und als ick e:nes Tages wieder aus dem Pult genommen wurde, da 5ah ich mich in der Hand meine» jutivtiu Fecund«» Theodor. Gr macht: rin trauriges Gesicht und schlug das Kaddisch Gebet aus, und da wustte ick. vast ich meinen Herrn nie mebr wiedcrseben würde, dast er gestorben sei. Der arme Junge trat mit mir vor die Stufen oer.' lcuuiir*k>utuuutiu) und sagte Kaddisch. ^e:ne timme klang leise und traurig, und als er geendet, ging er init müden unsicheren Schritten auf keinen Platz zurück. An diesen Kaddisch must ich immer noch denken: ein Gebet für die Toten und doch in ihm kein Wort von Tot und Trauer, sondern nur von dem Rubin des Schöpfers. Und das ist eben das Schöne an ihm: Gott gibt dem Menschen das Leben und nimmt es ihm, und der Mensch geht von dannen, wenn sein Herr ihn ruft. Und wenn ein Dater gestorben ist. oder eine Mutter, dann tritt der Sohn in seinem Schmerze vor die Gemeinde und preist den Schöpfer, der es gut meint mit seinen Menschen im Nehmen wie im Geben; er spricht es aus. und die Gemeinde spricht ibr Dmen, und der Vater oder die Mutter im Himmel d"vben freuen sich ihres Kinder. ZlKOOor kam alle Tage zur Synagoge, aber mit Grslaunen sah ich. dast er das Pult, in dem ich lag, nack und nach zu leeren begann. Gs hatten darin Tnllaus und Ghuinoschim und Machsaurim gelegen und zwischen ihnen ein altes Tallis; den grösticn Teil nahm er mit sich und liest nur mich und ein paar alte Tfillaus zurück. Gines Rachmittags, es war im Sommer, und man ging erst am späten Nack mittag Minchoh. hörte ich, wie er sich bei seinen Nachbarn verabschiedete; von einer Reise nach Amerika sprachen sie, und ich horchte auf, um kein Wort des Gesprächs zu verlieren. Ich freute mich schon auf die Abwechslung die mir bevorstand, denn ick hatte das Meer noch nie gesehen und nur gehört, wie grost und mächtig cs sei. Aber meine Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Nach dem Kaddisch hielt mich Theodor noch eine kleine Weile in der Hand; er durchblätterte meine Seiten, seine Finger strichen liebkosend über das Papier und er sagte: Ja. du liebe Tfilloh. du bist alt geworden, und ich kann dich nicht mitnehmen: in dir habe ich lesen gelernt, in dir Vater Kaddisch nackgesagt, leb' wohl! magst du hier bleiben, und mancher wird noch in dir beten können." Ich fühlte seine Lippen, die mich kützten; dann legte er mich in das Pult und ging eilends davon. Die Zeir verging, niemand kümmerte sich um mich, bis der Pultbeckel eines Tages geöffnet wurde, und ein fremdes Gesicht üdrr ihm erschien. Gs war ein junger Mann, den ich noch niemals gcfeben hatte, denn der sslatz war in andere Hände gekommen. G» toar Grev Jomkippur, und mein neuer Besitzer war ausnahmsweise zur Synagoge gekommen. Ich schien ihm sehr zu mistsallen, denn er nahm mich mit zwei Fingern als oo er mich anzufassen scheute aus dem Putte heraus und verglich mich mit einem neuen Machsor in Goldschnitt, das er in der Hand dielt. Und bas sah freilich schöner aus. Dann brachte er mich dem Schammes, der mich erstaunt betrachtete. „Behalten Sie sie nur." sagte er. und „die hat Theodor gewist vergessen." meinte er für sich. Ich wustte es besser; ich wustte, dast er mich nicht ver gesien hatte, und dast er gehofft, ich würde gute Menschen finden, die sich meiner anuähmen; aber er hatte sich geirrt; ich war alt und häßlich geworden, und es ist einmal der Welten Lauf, was alt und häst lich geivoroeu ist. must sortgehen, um dem Jungen und Schönen Platz zu machen. Als die Synagoge zu Gnde war. wickelte mich der junge Mann in eine Zeitung, und zu Hause liest er mich in eine Bodenkammer dringen; „ich brauche sie doch nicht," zagte er. „und dann ist sie auch furchtbar schmutzig." In der Svnagoge rüsteten sie sich den Jomtippur zu empfangen, und ich laa verlassen in einem staubigen Winkel. Wie häßlich hatte man an mir gehandelt, und wer iveist. was dem jungen Mann einstmals eine Tfilloh bedeutet hatte, wie er sie lieb« voll geküßt, und wie er sich gefreut, in ihr beten zu können, und nun beute! es must schon Jomkippur sein, wenn er zur Synagoge kommt, und eine alte Tfilloh läßt er zum (Gerümpel legen: und es tat mir webe; nicht allein um meinetwillen, sondern auch für ibn, der mit den Kinderkleibern auch die Treue für die ewigen Gesetze seines Volkes abgelegt hatte. Und heute war dock Jomkippur, und in der Snnagoge standen sie in Sterbekleidern und beteten. - - — Lange lag ick in der finsteren Gcke bis ich eines Tages von rohen Fäusten mit schmutzigem Trödelkram zusammen eingepackt wurde, um in eine andere Kammer geworfen zu werden. Ich war von dem Falle betäubt, und nur langsam kam ich wieder zu mir. In. der Kammer mn» es still und nur selten hörte ich Schritte, die aber stets an der Türe vor übergingen. Was ich geduldet, vermag ich nickt zu sagen: manches Jahr habe tch dort oben gelegen; der Sta'ib bedeckte mich, und Spinnen krochen über mich hinweg. Draußen ward es Sommer und Winter, allein ick merkte nichls davon. Da wurde es vor kurzer Zeit hier lebendig: ich hörte oft Dein Lachen, Heiner Max; ich sah, wie Du begierig die Rumpelkammer durchstöbertest, und ich begann zu hoffen, daß ich doch noch einmal den schönen Sonnenschein sehen würde. Und ich habe mich ja nicht getäuscht: Du fandest mich. Du warfst mich nicht bei Seite. Du brachtest mich behutsam Deiner NWtter, und Du gabst mir die Sprache, da Du mich küßtest. Wie wehmütig verklingendes Frohlocken kam es aus dem zerrissenen Buche, als die Tfilloh jrtz! merk, lich schwächer fortfuhr: „Du bist ein guter Knabe, kleiner Max, und ich danke Dir für Deine Liebe; sei immer folgsam gegen die Gltern, gut zu den Geschwistern und freundlich zu allen Menschen, dann wird Dich ein jeder gerne haben. Und nun erfülle meine letzte Bitte: begrabe mich: wenn ein Mensch müde geworden ist vom Leben, nnd er ist gestorben, dann legt man ihn in die Grde. damit er dort schlafen möge; ich bin kein Mensch, aber der Menschen Freund, ich bin alt und müde geworden, gleich ihnen und ich möchte in der Grd« schlafen, wie sic." — Noch einmal bewegten sich die zerrissenen Blätter leise und langsam. dann waren sie still.- Da nahm der kleine Mar die alte Tfilloh und trug sie in den Garten hinaus; mit seinen kleine» Händen grub er die Grd« auf, küßte die Tfilloh noch einmal und legte sie in ihr kleines Grab. Dann bedeckte er es mit grünem Moose und merkte sich den Platz, da sie begraben lag. und Ivenn die Sonne auf den kleinen Hügel sichren, da freute er sich, denn den Sonnenschein hatte sie ja so gerne gehabt, die alte Tfilloh.- Manches Jahr ist seitdem vergangen; der kleine Max ist grost geworden. er hat manches erlebt und vieles gesehen und gehört, aber die Tfilloh und ihre Geschichte wird er nimmer vergessen.

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