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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 4

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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'.'i'r. I Seit* I Ter ^evatlit. <■ yVi.UUU l'.KW rühren wagte; warm sie während der Jahrzehnte ihrer unbestrittenen Vorherrschaft mit Hohn und Spott über die — nur allzu - bescheidenen Wünscye der gesetzestreuen Gemeindemitglieder hinwegge schritten, so stimmten sie jetzt tragische Lamenti über die Intoleranz und Partcieigensucht der „Ortho boxen" an, die ergraute Männer aus ihrem Amt verdrängt hätten! In allem: das Bild der Graccken, die übe: Aufruhr klagen. Den Haupttrumpf aber spielten sie erst zuletzt aus. „Wenn von den orthodoxen Repräsentanten in solcher Weise lvciter gewirtschaftct wird, dann wird die erste Gemeinde Deutschlands bald nicht mebr an der Spitze sielen, sondern hinter vielen kleinen Gemeinden Zurückbleiben." Das zog Je weniger man ist, uni so mehr möchte man sein: so lvenig dir jüdische Gemeinde Berlins, trotz ihres immensen metallischen Schwergewichts, trotz ihres von Jabr zu Jahr wachsenden äußeren Umfanges in Wirklichkeit die „erste" jüdische Gemeinde ist, dieser Rang ihr viel mebr v-m einer ganzen Reihe anderer, wirkliches jüdisches Leben betätigenden Provinzialgemcindcn mit Recht streitig gemacht wird, eben so sehr sucht man es sich einzureden, dast man an der Spitze marfchirre und alle Anderen rinasumder soviel Glanz und Größe einfach stumm verehren. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlins entstammen sicherlich zu einigen PO Prozent kleinen Provinzgemeinden: allein das hindert sie nickt nur nicht, mit unendlicher 'leverlegcnhest aut diese ihre bcimatsstätten mitleidig herabzublicken, sondern stachelt sie geradezu an, den Makel ihrer Geburt durch einen überreizten Reu lotalpatriorismus zu verdecken und sick durch anaeb licke- Verständnis für die Pslickten ..liberal«':" Ge sinnung und Gesittung besonders löblich hervorzutun. Ein Apvell an diese Instinkte hat in Berlin immer Aussicht aus Erfolg: nick; zuletzt bei den ..konservativen", die um alles in der Welt darum ja auck nick: ortdodor genannt werden wollen. Und nun stelle man sich vor: Krolo > ckin bat eine Crcu;, oie R n l e st r a tz e nickt! Ja. wär's noch wenigstens die Gipsstraste. dann lönnie man sick mi: dem „geistreichen" Aver>.u trösten, die läge nickt in "erlm! Aber dir Rvkestraste. Die Probe au?'- Erempel bot sich bald. Die vvriahrigen Reprälentanrenwahlen harten sie zu liefern, und die vernichtende Riederlage, welche die konservativen dabei erlitten, hat in unzweideutiger Weite eriviescn. dast die „liberale" Partei, wenn erdr nur gelingt, den Jndinerenrismuzahlreich?' i^rer ivesolg'ckrsten zu überwinden übe: die dir über wälkigendt Majorität der Wählerschaft zu verfügen dar. Lediglich ein Zusall-sieg war'-, der dei den Dahlen der konservativen Gruppe in den Barrel half. Die Antipathie, welche weiteste Kreise der Berliner Juden gegen die Allüren der Jobanni-siraße bc herrscht, war damals den „Konservativen" zugute gekoinmen, welche in dem Sonntagsgotterdiensi Bro gramm der „Liberalen" die Blöstc de- Gegners ent deckten und sie geschickt auszunützen verstanden, Ein Wahlsieg der Liberalen hätte die Einführung des Tonntag-goilecdiensie- und damit eine Verbeugung aegrn die „ReGru.gemeinde" bedeutet: die Masten suhlten es in ihrem dunklen Drang, dast hier der er'ste Schritt zur offiziellen Anerkennung des Ed.llui Sckabbos geschehen sollt», und bäumten sich dagegen aus. Denn den Schabboa b s ch a f f c n will selbst der liberale Berliner Rormaljude nickt: er will ihn nur nickt halten. Diese wohlverdienle Lehre beherzig ten die „Liberalen" bei den letzten Wahlen: die Folge war die vollste Deroute der konservativen Heerscharen. Keiner ihrer .Kandidaten zog auch nur als Stellver trete: in bas Estmeindevarlament ein und ihre Kampscrganitalion, der .. Zentralverein für die Jnteresten der jüdisckien Gemeinde", zerfiel in Rickt-. Und heute? Run, Heute tobt auf's neue der Kamps um die Orgel in der Rvlestraste und es ist wohl nur eiur Frage der kürzesten Zeit, wie lange die Gnade der „liberalen" Majorität den „.konservativen" den Ruhm nvck belassen. wirb, in Berlin eine Srmagoqe ohne „musita l-.sche Begleitung des Gottesdienste?" geschaffen zu haben, Schon wirb burch allerlei mehr ober weniger dunkle Künste Stimmung für eine Agitation zu Gunsten der Orgel gemacht, sobast selbst einem ur 5\-.n*r. und versöhnlichen Manne wie OZeb Ra: k n t d a l das bitterböse Wort non dem „Jnlrlguenspiel hinter den Koulisten" evtfchliiv^st. das er auch trotz heftigster Anzapfungen zurückzunchinen keinen Anlaß fand. Im übrigen muß — um gerecht zu sein — bekannt werden, dast in der Berwaltungsprazis der Eiemeinde das neue Regime keine wesentlichen Beränderungen in pejus gegen das verflossene gebracht hat. Die Adaß Jisroel ist die wahre Siegerin in dem Kampfe geblieben, den sie nicht mitzufechten brauchte; bas Austrittsprinzip hat durch die letzten Erfahrungen eine glänzende Rechtertigung erfahren, wie seine treuesten Verfechter in ihren kühnsten Vorstellungen nie zu erleben Hoisten; diese Erfahrungen, welche jedem, der nur sehen will, mit Flammenschrift die klare Erkenntnis lehren, dast der wahre Friede in einer Gemeind« auf die Dauer nimmer wohnen kann, solange die unversöhnlichsten Gegensätze neben und miteinander religiöse Angelegenheiten beraten, beschließen und vollführen, daß wahre Gewistensfreiheit nur dann verwirklicht werden kann, wenn die in ihrem innern, heiligsten Empfinden Geschiedenen auch äußerlich getrennt jeder seine eigene Straße zieht und die Entscheidung Uber ihre schwersten Gewistensbedenken und Zweifel nicht dem wechselvollen Spiel eines Zufallssiegens oder - unter liegens zu iiberlasien genötigt sind. Die überwältigende Macht dieser Erkenntnis ist so stark, daß auch die Gegner sich ihr nicht entziehen können; sie lohnen sie ler Adaß Jisroel durch um so entschiedenere Abneigung und durch Ehikanen gegen ihre Mitglieder. Und hierbei wenigstens sind „Liberale" und zahlreiche „Konservative" e i n Herz und eine Seele, im Haste gegen die „Adaß" und ihre Mitglieder finden beide sich zusammen und gälte es, einen Preis für die edelste Leistung zu erkennen — auf diesem Gebiete wäre er den Konservativen gewiß. Darüber bei anderer Geleg-nheit mehr! E. B. Rutzlariv. Zwischen Tod unö A'klikn. (Von unser»m Korrespondenten». S l. - P e t e r s h u r g , 31, Dezember. Roch immer schwebt der Generalstreil als mäch tigsles Kampfmittel der revolutionären Organisationen wie ein Tanwklesschwert über unseren Häuptern. Abgesehen davon, daß die Juden überhaupt ein ehr billiges Kanonenfutter daibieten und zum Koder für eine Kantrereoolution sich vorzüglich eignet, ist es die H't'.itU jüdische Organisation, der „Bund". ,vje besonders die jüdischen Führer in den allgemeinen Organisationen, ivelche in erster Reihe den Z^rn der Regierung und ihrer Getreuen der konservativen Elemente im Staate, aus sich laden und ihren Rachedurst erregten. Daist leider für diese sogenannten Juden durchaus kein Geheimnis. Sie .inen ganz gut die unsäglich große Gefahr, welcher sie durch ihr revolutionäres Treiben ihr unglückseliges Bolk unter ziehen, ader das kümmert sie gar zu wenig. Sind sie ja, je nachdem, Bollblutrusten ader Allmenschcn, Sozialdemokraten, aber nur nickt Juden, und was gebt es sie an, daß für das Gelingen, wie für das Mißlingen ihretolltühnen Kampfes ihr hartbe drücktcs, in unsäglichem Elend zugrunde gehendes Bolt mit seinem Gut und Blut wird zahlen muffen. Jedock ausführlicheres über diesen Punkt ein anderes Mal. Heute beschäftigt mich hauptsächlich unsere gegenwärtige Lage im Land«, die mit jedem Tage sich verschlimmert, obgleich sie schon ohnehin eine ver zweifelte ist. Die koloffalcn unheilbaren Schäden der jüngsten Judenkrawalle sind noch heute, nach Verlauf von fast zwei Monaten, nicht zu übersehen. Vor allem haben diese Krawalle noch immer nickt aufgehört, und kommen hin und wieder bald hier, bald dort vor und richten von Reuem die größten Verheerungen und das entsetzlichste Elend an. Schon bis jetzt sind mehr denn 130 jüdische Gemeinden registriert, darunter die größten und reichsten, wie Odesta, Kiew, Orscha, Romnh, Rostow am Don. Elisaweigrad, Krement sckug u. dgl. m. -- welche fast gänzlich ruiniert sind. Dir Zahl der Toten und Verwundeten beläuft sich auf 125,000 und die der materiell Ruinierten auf niindestens 200,000 Familien. Der Gelamtlchadm wird auf 500 Millionen Rubel geschätzt. Dieses grenzenlose Elend auch nur halbweas zu mildern, ist leine opferfreudige Großmut der Welt im Stande. Ebensowenig wie den Verwitweten und Verwaisten der Fürsorger ersetzt tverden kann, ist es mög lich, die durch die Krawalle an den Bettelstab Ge brachten aufzurichten. Wie groß, unabsehbar groß der materielle Schaben den die letzten Judenkrawalle angerichtet haben, auch sein möge - dieser Schaden bleibt iveit hinter dem ungeheueren Schaden zurück, den die M a s s e n e m i g r a t i o n , welche jetzt in kolossalen Dimensionen vor sich geht, verursacht. Die gegen wärtige Emigration unterscheidet sich in ökonomischer Beziehung ganz wesentlich von der bisherigen. Die gegenwärtige Emigration ist quantitativ unvergleich lich stärker als sie je zuvor war. Und während bis jetzt fast ausschließlich die unbemittelten Klasten, die Arbeiter, Handwerker und Kleinhändler, die hier zu Lande, infolge der übermäßigen starken Konkurrenz, für ihre Arbeitskraft keine Verwertung finden, ihr Unterlommen in weiter Ferne suchten, emigrieren gegenwärtig vorzüglich die reichen und bemittelten Klaffen. Große jüdische Gemeinden werden förmlich ent völkert. I m Verlaufe einer Woche bat der K i e w e r Gouverneur 3000 jüd i s ch e ausländische Pässe herausge geben. Die Eisenbahnlinie von Odesta nach dem Auslände, wie die den Odestaer Hasen verlassenden Schiffe sind brechend überfüllt von Juden. Plätze in der ersten und zweiten Klaffe muffen um 15—20 Tage im Voraus belegt tverden. Durch den Auszug der reichen und bemittelten Klaffe wird nach und nach den zurückgebliebenen Arbeiter- und HandwerkertloMen jede Erwerbstätigleit entzogen und ihre ötonomjsche Lage, die schon ohnehin seit jeher eine sehr klägliche war, gestaltet sich zu einer üher alle Maßen verzweifelten und aussichtslosen. Und dennoch darf man es den gegenwärtigen Emigranten durchaus nicht verargen, daß sie ihrem angestainmren Vaterlandc zu einer solch' kritischen Zeit den Rücken kehren. Die jüngsten Judenkrawalle, und noch mehr das Verhalten der Regierung und der christlichen Bevölkerung zu denselben, lasten das Schlimmste für die Znkiinfl der Juden in Rußland befürchten und machen es Allen und Jedem zur sittlichen Pflicht, sich zu retten, so lange es nicht zu spät ist. Die letzten Judenkrawalle haben bewiesen, daß sie der Evolution unterliegen, sich nach und nach ent wickeln und sich technisch vervollkommnen. Rach dem teuf lieben Plan ihrer mörderischen Urheber sollten am 1. Rovember n. St. in ganz Rußland die Krawalle ausbrechen, und nur die Streits der Eisenbahner uns des Post- und Telegraphcnamtes. welche um die für die Judenlrawalle anberaumte Zeit stattranden. verhinderten ihre Verwirklichung. Teils konnten sich die Großnieistcr der Maffakres, Kruschewan und .Konsorten, die damals gerade im Süden weilten, nickt nach den nordwestlichen Provinzen begeben, wo manche Vorkehrungen zu ihrem Empfang von seiten des örtlichen „schwarten Hunderts" bereits gerroffen waren, teils tonnten die Leiter der Judentrawalle sich nickt miteinander verständigen. Es ist v. a. folgende Tatsache bekannt: Als am 1. Rovember n. Sl. in W. die subordinierten Agenten der Administration sich an ihren Ebef mit der Anfrage wandten, ob die Judenkratvalle schon losgehm sollten, erhielten se zur Antwort: „Podoschdiom", d. h. „wir wollen noch abwarten"; weil, wie man behauptet, er die erwartete Weisung noch nickt erhalten hatte. Wie dem auch s-i. dieses einzige Wörtchen hat eine Provinz vor den Krawallen gerettet. Uebrigens scheiterte an anderen Orten der mörderische Anschlag an der edlen Gesinnung derjenigen Gouverneure und Generalgouverneure, die sch zu solcher Schändlichkeit nicht hergeben wollten. So der Get»eralgouverneur Gras Balilen zu Wilna, Werewkin zu Kowno. Als an einen dieser Braven sich eine Deputation mit der Bitte um Schutz wandte, antwortete er: „Ich bürge Euch für die Rübe, obgleich man höheren Ortes mir dafür nicht Dank sagen wird." — woraus der in der Deputation anwesende Rabbiner mit der doppel sinnigen Bemerkung emfiel: „Dafür aber ist noch höheren Ortes ewiger Dank Ihnen sicher." Während von der einen Seite im Berlause der Zeit die Judeukrawalle immer größere Dimensionen annebmen und ihre blutrünstiae Technik sich mehr

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