Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 1 (4.1.1906)
- Date
- 1906-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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1. Osamuir Hnwi. r>«r Binder nämlich, welche die bremischen Volk? schulen desuct)«n, gehören, wie die Reichstagswahl es beweist, in ihrer überwiegenden Majorität der intu nationalen revolutionären -Sozialdemokratie an. Wollen und können die Lehrer, um den ihnen peinlichen ..Gegensatz von schule und Haus" zu ver weiden, die Erziehung der Kinder in patriotisch nationalem sinne aufgeben und dieselbe nach den Wünschen der Sozialdemokratie, zu der die über iviegende Zahl der Eltern gehört, einrichten *. Sie tyaben offenbar, als sie den zitierten Satz schrieben, nicht daran gedacht, zu welchen unmöglichen Konsequenzen er führen kann. Die ganze Denkschrift bewegt sich in einem sehr Aachen Fahrwasser. Es wäre noch manches darüber zu sagen, namentlich über die von vollkommener Unkenntnis zeugenden, schiefen Urteile, die über biblische Eharaktere und Institutionen gefällt werden, über die mangelnde Vertrautheit mit den Problemen der Ethik u. a. m. Aber e» würde uns zu weit führen, wenn wir auf alles eingchen wollten. Ich will es daher an dem Gesagten genug sein lassen und nun mehr zur prinzipiellen Würdigung des Vorgangs übergehen. ll. Was interessiert es uns, ob in Bremen Lehrer eines anderen Bekenntnisses die Forderung erheben, dass der Religionsunterricht an den öffentlichen Schule» abgefchafft werde? Man muss zwar mit der Eventualität rechnen, dass dieses Vorgehen der bremischen Lehrer vielleicht anderweitig Rachahmung finden und auch möglicherweise nicht ohne Rüäschlag auf die Verhältnisse der j ü d i s ch e n Schulen bleiben wird. '!( er nicht das habe ich im Auge, wenn ich die Denkschrift ein bedeutungsvolles Schriftstück nenne. Ich lasse vielmehr ihre möglichen Folgen und eventuellen Wirkungen ganz ausser Anrechnung und beziehe mich einzig und allein auf die Tatsache der Denkschrift an sich, auf die Tatsache nämlich, dass fast die gesamte zahlreiche Lehrerschaft einer Stadt sich zum Atheismus, zur Religionslosigkeit bekennt. Diese Tatsache erhebt die Denkschrift zu einem bedeutungsvollen Dokument, wenn wir sie in der rechten Weise würdigen. Es handelt sich nur darum, den Standpunkt zu finden, von dem aus der Vorgang seine richtige Beleuchtung empfängt. Wir gewinnen diese Perspektive, unter welcher die Bedeutung des Vorgangs klar für den Betrachter heraustritt, wenn wir einen Satz in der Denkschrift lesen, in welchem die Lehrer berichten, wie sie zu ihren atheistischen Anschauungen gelangt sind. Sie sagen: „Es iss das erklärlich bei der unbefangen wissenschaftlichen, auf historisch-kritischer Grundlage aufgebauten Art und Weise, wie der Unterricht im Seminar von jeher erteilt worden ist." Der Inhalt dieses Satzes bildet nach meinem Dafürhalten den Schlüssel zum Veistänh..is des ganzen Vorgangs. Die liberale, historischkritische Theologie, die, wie bekannt, gerade in Bremen ihre radikalsten Vertreter hat, hat den Religionsunterricht am Seminar erteilt. Sie hat die angehenden Lehrer in das wogende Uu.r der rcligiösen Zweifel und Probleme, in die schwankenden Meinungen historisch-kritischer Untersuchungen hineingestossen, anstatt diejenigen auf einen festen und sicheren Grund zu stellen, an deren Gewissheit die Zuversicht der nachwachfenden Generation erstarken soll. Der liberale Theologe, der den Seminarunter richt erteilte, glaubte den Kern der Religion zu retten, glaubte feine Zöglinge für die wahre und echte Religion empfänglich zu machen, wenn er eine vermeintliche Schale nach der anderen mit dem Seziermesser der Kritik löste und als wertlos preisgab. Und siehe da! 273 mit solchen Anschauungen genährte Lehrer erheben sich wie ein Mann und werfen nicht nur das, was man ihnen als gleichgültige Schale und Hülle aufzeigte, sondern auch das. was man ihnen als wertvollen Kern der Religion anpries, weit von sich. Sie wollen von der Religion, in keiner Fa^on, etwas wissen, auch von der liberalsten nicht. Sie zeigen absolute Verständnislosigkeit, voll„ kommen? Empfindungslosigkeit ai'ch für den , Kern der Religion. Aus den Brandungen d.5 Zweifels, in die sie von ihren eigenen Lehrern, um für die wahre Religion gerettet zu werden, hineingezogen wurden, steigt als einziges, sicheres Ergebnis das laute und freudige Bekenntnis des Atheismus und Israeli!_ Monismus hervor. Kein grösserer Schmerz konnte der liberalen Theologie zugesügt werden. Kein beredteres Zeugnis kann es für die Gefahren geben, welche der Religion aus der liberalen historischkritischen Theologie drohen, als die Denkschrift der bremischen Lehrer, die ein überaus wertvolles Dokument zur Beurteilung der schweren Bedrängnis bildet, in welche die Religion von ihren eigenen Anhängern, von denen, die sie zu fördern wähnen, gebracht wird. Man wird auf dieses Dokument erfolgreich Hinweisen können, wenn oer historisch kritische Liberalismus sich als R e t t e r der Religion aufspielt. Man ivird daran beweisen können, dass der Weg, den dieser Liberalismus zeigt, ein Weg ist, der ins Verderben führt. Ich habe Auslassungen liberaler Theologen über die Bremer Denkschrist gelesen. Sie bekenne» es schwer .rsiillt, dass die Tatsache des Schriftstückes siir sie. die für ihre Ideen gerade auf die Lehruschuft grosse Hoffnungen setzten, eine der traurigsten Tat lachen sei, die sie erleben konnten. Sie sind fassungslos. Sie konstatieren den „furchtbaren" Vorgang, tonnen ihn sich aber nicht erklären. Die oben ge gebene schlichte Erklärung, die doch so nahe liegt, übersehen sie und müssen sie übersehen, wenn sie sich nicht selbst in' Unecht sehen wollen. III. Ich habe versucht, die Dentschrist in ihrer p r i n» ziviellen Bedeutung zu würdigen Es ble.bt nun noch übrig, das spezielle Fazit aus ihr zu ziehen und die Rutzanwendling für das Judentum daraus zu gewinnen. Zu uns, als Juden, fvricht dieser Vorgang eine besonders eindringliche Sprache. Was für die herrschende Religion nur eine relative Gefahr bildet, das kann für das Judentum mit seiner besonderen Stellung und Geartung zu einer schweren Katastrophe führen. Auch bei uns machen, immer merklicher und aufdringlicher, Bestrebungen sich geltend, welche die Ausbildung unserer jüdischen Lehrer, bezw. ReligionSlehrer, auf die wankende und schwankende Grundlage d»r sogenannten historisch-kritischen Forschungen jener Bibel Wissenschaft stellen wolle», die von der heiligen Schrit't nicht viel mehr „übrig gelassen hat als - den Einband." Diese Bestrebungen gehen von denen aus, die nicht sowohl Religion und Gottesfurcht, als vielmehr Liberalismus und Radikalismus fördern und eine seichte Aufklärung verbreiten wollen, denen ein u n r e l i g i ö s e r Religions lehrer sympalistscker ist. als ein gläubiger und g e - setzestreuer, die ein religionsloses Judentum, wie es scheint, für minder gefährlich halten, als ein o r t h o d o r e s. Solchen Bestreb ungen gegenüber gilt es aus der Hut zu sein, gilt es mit doppellu Hingebung und Liebe den WabrheitS besitz des überlieferten Judentums zu verteidigen, in Lehre und Leben mit treuem jüdischem Herzen sich ihm zu bekennen. An der Treue und Gottesfurcht des jüdischen Lehrers soll die Treue und Gottesfurcht des jüdischen Kindes wachsen und sich ausrichten. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!" sagt Schiller von den Künstlern. Des Judent u m e s Würde aber ist sein heiliges Gotteswort, ist das heilige Vermächtnis der Gotteslehre, die von den Vätern ererbt, allen kommenden Geschlechtern in ihrer Erhabenheit, Lauterkeit und Wahrheit überliefert iverden soll. Jüdische Lehrer, in eure Hand ist des Judentums Würde gegeben! Alle Erziehung ist Wirkung der Persönlichkeit. Was dem Judentum» nottut. das sind jüdische Lehrer, die j ü d i s ch e Persönlichkeiten sind, die das Judentum lieben, lehren und leben, von dem heiligen Verlangen erfüllt, dass die Seelen derer, die ihrer Obhut anvertraut sind, dem Iudentume gewonnen und erhalten weiden, dass sie das Judentum als ihr höchstes Gut voll Liebe erfassen, bereit und gewillt, ihm ihr Leben zu weihen. Von einem bremischen Schriftstück bin ich ausgegangen; mit einem bremischen Spruch will ich schliessen. Auf dem Portale des Seefahrt- Hauses in Bremen steht als Inschrift das alte, be rühmte Wort: Navigare i^ecesse est, vivere non est necesse. Schiffahrt treiben ist nötig. Leben ist nicht notig. _3fUe I Ar I. Mochte es den jüdischen Lehrern aelinaen, in die Herzen der jüdischen Jugend z» heiliger Geltung ein zuschreiben das Wort: Leben ist nickst nötig, j ü d i s cd leben, das ist nötig! Deutsche» Weid). Brikft von der Sprkk. «Von >• '«?,ii llorrclvoiitenteiii. Berlin, den l. Januar I!l«M Sie kcnnen zweifellos das schöne Wort. Herr Redakteur, welches Aron Bernstein sein»m „Vögele der Maggid" in den Mund legt: „Es ist de kannt, dass Ihr Berliner Ssochrim seid grosse Gojim, aber Ihr habt gute, jüdische Herzen, und Ihr helfet auf allen arm:n jüdischen Kindern, was da kommen zu Euch." Dieses Wort, das die Berliner Juden schalt von lrÄ7 so trefflich charakterisiert, wollte mir heute nicht aus dem Sinn, da Sie von mir einen Stimmungsbericht über das jüdisch« Berlin von l!*"ö wünschen. „Ihr Berliner seid grosse Gojim" ja, das trifft vollinhaltlich auch noch heute zu! Was hat man nicht vor Jahr und Tages gross hergemawt mit dem Siege der konservativen Partei bei den Wahlen zur Repräsentantenversammlung der jüdi sä>en Gemeinde. Die einen, die Sieger, konnten sich vor allein nicht genug tun in Vorwürfen geoeu die „Ausgetretenen", die in der Adass IiSroel Alles haben, was s i e in der jüdischen Gemeinde nicht erreichen wollen! In boshaftem Tone warf man uns Kurzsichtigkeit. Mangel an Solidaritätsqesükl. Se parationsgelüste und alles mögliche und unmögliche sonst an Fehlern und Lastern vor. „Wäret Ibr »ich: ausgetreten, so könnten wir heute ganz anders aut treten, könnten alles erlangen, was wir wollen, so gar - ", da brach man ab; denn über die allgemeinen Redensarten trauten sich wohlweislich die Herren nicht hinaus, die in der Wahlbewegung es ihren Wählern immer wieder und vor allem betont hatten, dass sie um Gottcswillen nicht etwa di> Geschäfte der döset, Orthodoxie besoraen wollten. Und als nun gar die Ry'estrassensynagoge nach vorangegangenem heftigen Kampfe in der Repräsentanten Versamm lung ohne Orgel eröffnet wurde, da kannte das Siegesgefühl schier keine Grenzen mehr und man prophezeihte bei den nächsten Wahlen schon das Ver schwinden des letzten „Liberalen" aus den Verwalt ungsbehörden, wonach man dann ankanaen werde, ganze Arbeit zu machen. Die unterlegene Partei, die „Liberalen", sah, oder stellte sich so. als ob sie in dem Siege oer „Kon servative:i" bereits den Anfang vom Ende der Berliner jüdischen Gemeinde voraus sähe. Den Konservativen wurde unterstellt, sie wollten liorribile «tictu - das Kaparotschlagen obligatorisch machen, „Ordnung, Mass, Anstand und Stille als unjüdische Reuerungen" aus dem Gotteshause verbannen, die Orgel aus allen Synagogen beseitigen und sonstige, vom Standpunkt des „liberalen" Judentums unver zeihliche Schandtaten imd Frevel verüben! Hatten sie s. Z. die Orgel gegen den Willen ihres eigenen Rabbiners, des unvergesslichen Mich. Sacks s. A und unter dem offenen Protest aller gesetzestreuen Mitglieder der Gemeinde aufgezwur.gen, so behaup'en sie jetzt, „die Ablehnung der Orgel Hab« grosse Entrüstung bei fast allen Mitgliedern, auch den streng gläubigen (!) hervorgerufen"; hatten sie mit kaum zu überbietender Pietätlosigkeit gegen die ererbten Heiligtümer förmlich gewütet, so wurde in ihrer B-- leuchtuna eS bereits zu einem Sacrilegium, lvenn man an die von ihnen geschaffenen Institutionen nur