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Der Israelit · 1906-01-04 · 1 (4.1.1906) · p. Seite 2

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
1 (4.1.1906)
Date
1906-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr I. Ter ^erjelit. ifite i. 4. Januar ÜXXi. gründlich«, vielseitige jüdische und profane Bildung der gegebene weiter der ungarischen Orthodorie ist, hat in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit das in xijn gesetzte Vertrauen so glänzend gerechtfertigt, daß man der ferneren gedeihlichen Entwickelung der Orthodoxie in Ilngarn zuversichtlich entgegen sehen darf. (Schluß folgt.) Aüllr für Nufsland. Wir veröffentlichen an anderer Stelle einen Srimmungsdericht unseres Petersburger «orrefpondenten, der die hochgradige Erregung, in der sich unsere bejammernswerten rusiischen Brüder noch immer befinden, lebhaft miederspiegelt. Wer vermöchte gegenüber dem Berzweiflungsschrei, der aus jeder Zeile hervorklingt, nicht immer wieder und wieder sein ganzes Denken und Sinnen auf den einen Puntt, die eine bange Frage konzentrieren: Gibt es denn keine Rettung? Zwei bedeutsame «onferenzen werden im Xiauf« dieses Monats zusammentreten, die der Beantwortung dieser Frage im weiteren Sinne gewidmet sein sollen: Die «onserenz der großen Wohllätigkeitsnrganisationen in Frankfurt und die von den Zionisien nach Brüssel einberufcne internationale Tagung am 29. Januar. Die erste dieser beiden Versammlungen soll vor allem den beiden drängendsten Problemen des Tages gewidmet sein' der Regelung der in immer höher anschwelleuden Wogen aus dem Zarenreiche nach Westen vordringenden Auswanderung und der Bersorgung ^r unglücklichen W a i s e n. Eine frankfurter Dame. Frl. Bertha Pappenheim, bat vor Wochen schon die dankenswerte Anregung gegeben, es möckt'n allüberall, wo Juden wohnen, kinderlose oder kindrrarme Familien sich zur Aufnahme, Erziehung oder Adoption jener Unglücklichen bereit erklären, unter stüsr und überwacht von den jüdischen «omitees. D as englische HUs-lomitee ha: zur praktischen Ler mirklichung jenes Gedankens denn auch bereits eine Subkommü'ion eingesetzt, die von Rev. Dinger in London geleitet wird. Wir wissen im Augenblicke nicht, wie weit die Angelegenheit in Deutschland ge dieben ist, möchten aber wiederholt darauf Hinweisen, wie dringend nottvendig in diesem Punkte ein Gin areis'n einslußirichcr grsetzestreuer «reise i't. Mit den gleichen materiellen Aufwendungen kann oem Judentum hier ein unberechenbarer geistiger Gewinn ae'ichert oder ein nimmermehr zu verantivorten der Schaden zugesüc» errrn. Die Brüsseler Tag- -:ng dürste praktisch wohl aus eure ern«rfte Dir kussion des Derritorialismus, der I. T. O. oder ver wandter Bestrebungen hinauslausen. Wenn unser Petersburger «orrespondent den Judenhaß als eine dauernde Eigentümlichkeit des russischen National cbaraktrrs betrachtet und inrolaedessen Kossnungslos ,n die Zukunft der aus russischem Boden ver bleibenden Juden bliclt, so ist dem gegen über zweicrlei nicht zu überselxn. Auch die erfolgreich^ «oloni iation, so wünschensivert sie iss. kann nur einem winzigen Bruchteile der russiscixn Juden Helsen - und die frage andrerseits, ob fudenversolgungen und ^udenplünderungen zu den ewigen Bedünniste» des russi'chen Böller gehöre», scheint uns noch lange nicht am allerwenigsten im bejahenden Sinne, gelöst. Hier beißt es mit nüchtern wägendem Sinn das erreich bare Neue in Angriff nehmen, ohne unter dem Gin druck einer schreckenreichen Zeit, alles auf eine «arte sehend, an der Gesundung der bessehenden Berbält nisse zu verztoeifeln. HkrbkN Louis Sumukl. Im Augenblick tut er besonders wohl, von der Grnennung eines Juden zum Staatssekretär im englischen Ministerium des Innern zu hören. Im Osten werden Tausende gemordet, im Westen wird ein Sohn des jüdischen Volkes, Herbert Loui » Samuel, auf einen hohen staatlichen Posten berufen. Gs scheint, als wollte England für da» Schweigen, das es den Ausschreitungen der Hooligans gegenüber bewahren zu müssen glaubte, die Judenheit dadurch entschädigen, daß es einen Stammesgenossen jener Unglück lick)cn eine Ehrung entgcgenbringt, wie es sie in gleichem Maße bisher in England nur drei Juden genossen: Disrali, Sir George Jesiel und Baron Henry de Worms. Das jüdische Volk nützt also der hohen Politik der Böller nicht nur durch seinen Opfertod. indem ungezählte Leichen zur Ablenkung der Bolkswut eine schuldbelastete Regierung wie eine Festung decken, zuweilen gedenkt man auch da oben, wohin der Bolkswillc nur durch die Schranken oer Klassengegensätze zu dringen ve .rag, unserer Beähigung, mit unserem Leben, mit Geis, und Sinn dem Staatsintcresse zu dienen und hebt einen der unsrigcn auf die einsame Höhe, wo die Großen der Menschheit wandeln. Groß und schwer ist darum die Aufgabe, die Herbert Louis Samuel und Jeder übernimmt, den jetzt die Gunst des Augenblicks zur Förderung des Gemeinwohls in einen bedeutenoen Wirkungskreis versetzt. Groß und schwer vor allem darum, weil mehr denn je das aufmerksame Späher a»ge der nichtjüdischen Welt heute uns zugewendet und nicht gering die Zahl der Uebelwollenden ist. die im politischen Auftreten der noch lebendigen Judenheit einen Makel suchen, um das Geschick der gemaltam lstemordeten als ein wohlverdientes zu recht ertigen. Mit dem Schwert in der Hand haben wir wenig Aussicht, Mord und Totschlag zu parieren und wenn es auch ileberwindung kostet, im Augenblick nicht die Waffe zu ziehen, cbv cp; bleibt darum doch ein wertvolles Regulativ für unser Verhalten, ob auch die uns umgebende erzgepanzertc Welt ein tatloses Zuschauen nach den Maximen ihrer Auffassung nickt fordern dürfte. Ei» Dokument. "i'cu Rabbiner Dr. «aal» ln Zabrze. I. Bor einigen Monaten hat sich in der freien Hansestadt Bremen ein bemerkenswerter Vorfall ereignet. Tie Lehrer an den bremischen Volksschulen der Stadt und des Landgebietes kamen zu der Ueberzeugung, daß der Religionsunterricht aus der Schule entfernt werden müsse. Sie arbeiteten eine Denkschrift aus. die in dem Anträge gipfelt: „Eine hoh-> Behörde möge verfügen, daß der Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen abgeschafft werde." An Stelle de» Religionsunterrichts soll ein Sittenunterricht, sowie auf der Oberstus- »in Unterricht in allgemeiner Religio nsgeschichtc treten. Die von einer Religionsiommission verfaßte Denkschrift wurde mit überwältigender Majorität, 273 gegen 43 Stimmen, von der Lehrerschaft genehmigt und g'.ng als Eingabe im September der obersten Schulbehörde zu. Tie bremischen Lehrer bringen darin zum Ausdruck. daß sie das nicht glauben, was sie im Religionsunterricht von Amts wegen lehren müssen. Tie lehnen jede Art von positiver Religion ab, haben mit dem Glauben an einen überweltlichen persönlichen Gott gebrochen und bekennen sich zu einer atheistischen Welt und Lebensauffassung. Die Denkschrift ist eine bedeutungsvolle Urkunde der gegenwärtigen religiösen Lage. Ich sage: eine bedeutungsvolle, aber durchaus keine b e - deutende. Bedeutungsvoll durch ihre Tendenz, aber wenig bedeutend durch ihren Inhalt. Ob die in der Denkschrift ausgesprochene Forderung, daß „die Erteilung des Religionsunterrichts den einzelnen Religionsgemeinschaften überlassen werden soll," berecvligt ist oder nicht, das soll stier ganz außer Ansatz bleiben. Nicht um diese Forderung, die ebenso gut ganz anderen, diametral entgegengesetzten Vor aussetzungen entspringen, die auch eine religiöse Orthodoxie erbeben könnte, handelt es sich hier. Sondern um die Begründung, welche dieser Forderungen gegeben, um die flache Art. wie hier auf wenigen Blättern die Frage d«r Religion erledigt und durch Majoritätsbeschluß, 273 gegen 43, ad acta gelegr wird, um die, zu den Dogmen der Wissenschaft gläubig ausschauende Raivetät, die über ungeheuer schwer zu handhabende Probleme schnell fertig hin weggleitet, ohne eine Ahnung von ihrer Tiefe zu haben, um die ganze Geistesrichtung, die in der Denkschrift zum Ausdruck kommt. Sie ist voller Halbheiten, äußerer und innerer Art. Ich will einige der erstereu aufzählen' 1. Die bremischen Lehrer erklären, keine Religion mehr zu haben. Welche praktische Folgerung müßte nun notwendigerweise aus dieser Präniisse hrrausspringen? Offenbar doch die, daß derjenige, welcher keine Religion hat, auch keinen Religionsunterricht erteilen kann. Das ist so selbstverständlich, daß weiter kein Wort darüber zu verlieren ist. Man erwartet beim Lesen der Denkschrift, daß sie am Schlüsse den Streik proklamieren wird. Aber das geschieht bezeichnender Weise nicht. Die Lehrerschaft droht nicht einmal, den Religionsunterricht niederzulegen, wenn ihre Forderung nicht erfüllt iverden sollte. Sondern sie „erlaubt sich eine hohe Behörde zu bitten." den Religionsunterricht an den Schulen abzuschaffen. Wie nun, wenn die hohe Behörde dieser Bitte der Lehrer nicht willfahren wird? Nun, dann werden sie eben weiter Religion unterrichten. Wie ist das möglich? Die bremischen Lehrer erinnern an jenen bremischen Geistlichen, der aus schweren Gewiffensbedenken heraus eine vorgeschriebene Bekenntnisformel, an deren Inhalt er nicht glaubte, nicht mehr anzuwenden in der Lage war und daher an deren Stelle eine andere setzte, aber als ihm das von einer hohen Behörde untersagt wurde, ruhig zu der alten Formel zurückkchrte, denn die Ruh« seines Gewissens dünkte ihn nicht so wertvoll, wie der Besth seines Amtes. 2. Dieselben Lehrer, die dagegen protestieren, den Religionsunterricht, zu dem sie sich durch freiwillige Uebei nähme ihrer Stellung verpflichtet haben, erteilen zu müssen, verlangen, daß ein Unterricht in allgemeiner Religionsqeschichte. und zwar offenbar als obligatorischer Lehrgegenstand, eingeführt werde, der „in objektiver, d. h. wissenschaftlicher Form mit allen wichtigen Religionssnstemen der Welt sich beschäftigen solle. Den Gegenstand der Darstellung würden die Dogmen selbst bilden, nicht aber Stoffe und Geschichten, die von vornherein im Sinne eines bestimmten Dogmas geschaffen sind." Was soll man zu dieser Ungerechtigkeit sagen! Denn diese Forderung beißt, wenn ich sie recht verstehe, nichts anderes, als dasi der religiösen Ueberzeugung der « inder, bezw. der Eltern, keinerlei Berücksichtigung zuteil iverden. daß das allein ausschlaggebende Moment die jeweilige Anschauung des Lehrers bilden soll. Ob auf die i\ i n b e r ein Gewissenszwang ausgeübt, ob durch einen solchen Unterricht eine „Beschränkung der verfassungsmäßig gewährleisteten Glaubens und Gewissens freiheit" der Schüler, bezw. der Eltern, bewirkt wird, daran scheint den bremischen Lebrern nichts zu liegen. Sie verkünden damit den unlxilt baren Grundsatz, daß nicht der Lehrer uw. der Schule willen, daß vielleicht die Schule um des Lehrers willen da ist. Ein Zusammenstoß zwischen Haus und Schule scheint ihnen da bedeutungslos, wo die Interessen der Religion berührt werden. 3. Mit dem Argument des Gegensatzes von Hau» und Schule operieren sie nur dort, wo es ihnen zur Erreichung ihres Zieles nützlich erscheint. Sie sagen nämlich, daß die atheistischen Anschauungen „infolge des gestobenen Standes der allgemeinen Volksbildung in die breiten Massen der Bevölkerung eingedrungen sind. Längst hat sich in diesen «reisen ein stillschweigender Gegensatz zwischen Haus und Schule herausgevildet, der. wenn er auch nicht immer zu offenen Zusammenstößen führt, doch ein gedeihliches Zusammenwirken vereitelt und dem Ansehen der Schule, wie der Lehrerschaft, Abbruch tut." Ob dieses Argument aa sich richtig oder falsch ist, soll hier nicht untersucht werden. Eines aber scheint mir sicher, daß die Lehrer gut daran getan hätten, dieses Argument aus einem sehr gewichtigen Grunde ganz aus dem Spiele zu lassen. Denn es kann sich von einer Seite her. an die sie nickt dachten, als eine scharfe Waffe gegen sie kehren. Die Eltern

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