Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1868
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
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12 -4— einer wohlverdienten, aber nimmer ersehnten Ruhe vergönnt waren, den Platz eingeräumt, den er geschaffen ititb auf dem er so reichen Segen gewirkt hat. Und nun er dahingegangen, soll ich versuchen, ihn zu ersetzen oder doch ihm nachzustreben in der Lösung der erhabenen Aufgabe, der er sein Leben geweiht hat." Diese Aufgabe, auf deren hohe Bedeutung Stern so gerne hinwies, war um so schwieriger, da die Schule so ganz und gar mit der Individualität ihres ersten Leiters verwachsen war. So sehr er aber auch bestrebt war, sich immer mehr in ihre Eigenthümlichkeiten hineinzuleben, so hat er doch die eigene Ansicht und Ueberzeugung, sofern er sich nicht zu ihrer Berichtigung veranlaßt sah, mit Entschiedenheit geltend gemacht. Stets aus Verbesserungen bedacht, hat er der Anstalt in mancher Beziehung eine veränderte und angemessenere Gestalt gegeben. Seinem organisatorischen Talente verdankt sie mehrere zweckmäßige Einrichtungen, die sich dauernd in ihr erhalten werden. Er hat namentlich auch unsere Mädchenschule gehoben, wozu ihn ein zartes Verständniß des weiblichen Sinnes besonders befähigte.*) Gewohnt, die strengsten Anforderungen an sich zu stellen, hat Stern als Vorsteher der Anstalt, wie als Lehrer seinen Pflichteifer bewährt. In beiden Beziehungen war sein Wirken getragen durch die seltenen Eigenschaften seiner würdigen Persönlichkeit. Wenn Stern die sittliche Bildung der Zöglinge als das höchste Ziel der Schule betrachtete, so verstand er darunter nicht blos die „Erziehung zur Pflichttreue," die nach seiner Auffassung theilweise schon durch das Schulleben an sich gegeben ist, sondern vornehmlich auch die Veredlung der ganzen Gesinnung und des Gefühls, die Anregung eines höhern Strebens, das aus der Empfänglichkeit für das Große, Schone und Gute hervorgeht, überhaupt die Heranbildung eines Charakters, der nicht in das Gemeine und Niedrige versinkt. Denjenigen, welche verlangen, daß den Zöglingen nur möglichst viele nützliche Kenntnisse beigebracht werden, die recht frühzeitig verwerthet werden sollen, rief er zu: „Wenn ihr diesen Weg einschlagt, dann seid ihr auf dem gefährlichen Wege, aus eiteren Zöglingen jene frühreifen und äußerlich fertigen Menschen zu machen, die... fast noch im Knabenalter zu einer selbstständigen Existenz gelangen; die aber dann plötzlich und für immer stille stehen, weil sie bereits an's Ziel ihres Ideals gelangt sind. Beklagt euch aber auch dann nicht, wenn ihr in ihnen jede *) Seine Abhandlung: „der weibliche Beruf u. s. w." enthält treffliche Bemerkungen in dieser Beziehung.