Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1868
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
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*- 11 -* schied in der Auffassung zeigen zwischen demjenigen, der das Einzelne vom erweiterten Gesichtspunkte des Allgemeinen aus betrachtet, und demjenigen, der vom Einzelnen ausgeht und sich zur umfassenden Anschauung erhebt. War Stern bei längerer Erfahrung veranlaßt, manche seiner Ansichten zu modificiren, so hat er andererseits jeden Gegenstand mit einem freien, unbefangenen Blicke betrachtet. Bei pädagogischen Verhandlungen, namentlich im Kreise hiesiger Lehrer,*) wie in den jährlichen allgemeinen deutschen Lehrerversammlungen hat er daher einen nicht unbedeutenden Einfluß geübt. Stern hat das Ideal der Schule hoch gehalten; er betrachtete, wie wir bereits angedeutet haben, die eigentliche Erziehung als Hauptaufgabe derselben, in einem höheren Maße, als das gegebene Verhältniß gestatten möchte. Konnte es ihm dabei nicht an einem richtigen Verständnisse der vorliegenden Thatsachen fehlen, die er, sobald es sich um die Ausführung handelte, mit besonderer Geschicklichkeit berücksichtigte, so war doch wieder durch das ideale Streben, das ihn beseelte, sein Geist gehoben und fühlte er sich zu immer weiterem Fortschritte angetrieben. Die Freunde unserer Schule erinnern gerne daran, daß sie das Werk des Aufschwunges aus beengenden und niederdrückcndcn Verhältnissen war. Hat sie auch — Dank der fortgeschrittenen Zeit — lange schon keine andere Aufgabe zu erfüllen als andere Anstalten ähnlicher Art, so muß sie doch stets ihres Ursprungs eingedenk bleiben. Sie soll sich doppelt aufgefordert fühlen, in jenem Geiste der Humanität zu wirken, der das Lebensprineip jeder Bildungsanstalt ausmacht. Stern war der Mann, der den Beruf in sich trug, das geistige Erbe, das ihm der greise Heß übergab, im Sinne desselben zu bewahren und zu mehren. Beim Antritte seines Amtes und später bei verschiedenen Anlässen hat er es ausgesprochen, wie er sich glücklich fühlen werde, wenn er sich einst sagen dürfe, daß es ihm gelungen sei, die Schule in dem Geiste seines verehrten Vorgängers fortzuführen. „Wer hat" — so lauteten seine Worte an der Bahre desselben — „wer hat von dem theueren Hingeschiedenen ein größeres, ein heiligeres Vermächtniß empfangen, als ich selbst, der ich an seinem Grabe stehe im Vollgefühl der schweren Verantwortlichkeit, die ich mir mit dem Antritt dieses Vermächtnisses auferlegt? Denn mir hat er noch bei seinem Leben, als ihm die wenigen Jahre *) Einer an ihn ergangenen Aufforderung folgend, hielt der Unterzeichnete in der hiesigen Lehrerversannnlnng v. 11. Januar d. I. (zur Feier des Pestalozzitages) einen dem Andenken Stcrn's gewidmeten kurzen Vortrag, dessen Hauptinhalt in diesen Blättern wiedergegebcn ist.