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Jüdische Jugend · 1924-01-01 · 6 (1924) · p. Seite 109

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Journal
Jüdische Jugend
Volume
1 (1924-25) Tischri 5685
Issue
6 (1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 109 (sequence 18)
Language
German
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Heft 5 Jüdische Jugend 109 dies eine ist die jüdische Sache, das geistige Judentum, das Wirken und Leben für sein Volk, für den Kreis derjenigen, bei denen allein er seine Heimat, seinen Frieden, seine Erlösung von der Oede, in der er — mehr oder minder bewusst— lebt, finden könnte. Sehen wir uns doch um, öffnen wir die Augen! Habt ihr so unrecht, ihr Hetzzeitungen, ihr Antisemiten nah und fern? Nur zu begreiflich oft ist eure Wut, euer Widerwille: Ihr seht eben nur das Judengigerl, das zwar meistens nicht aus der jüdischen Gemeinschaft austritt, aber doch um jeden Preis Assimilant an der europäischen Zivilisation sein will und so immer ein Zwitter bleibt zwischen gänzlichem Aufgehen in ihr und jüdischer Art. Sehen wir nicht aller Enden den jungen Juden, vorlaut, präpotent, Beifall heischend an der Spitze marschieren? Alles kennt er, alles hat er schon gesehen, nichts imponiert ihm mehr. Er „jüdelt", teils weil er nicht anders kann, teils um den blasiert leichten, nachlässigen Ton des Weltmannes zu markieren, der sich zwar über alles erhaben dünkt, aber doch jede Sensation mitmachen, jede absurde Spielerei nachäffen muss. Mancher von so ausgeprägtem jüdischem Typus, dass er in Burnus auf einem Kamel ebenso schön wäre, als er mit wattierten Hüften und Monokel hässlich ist. Wir kennen solche „Jungherren" zu Dutzenden, die in Büros herdmlaufen, die hohen Feiertage gern benutzen, um nicht arbeiten zu müssen, auf Börsengewinne lauern, um sich elegante Vergnügungen und Kleider leisten zu können, die noch in der Schule ihren Lehrern auf jede Weise das Leben erschweren, weil — man das so tut, die alle Shimmymelodien pfeifend, auf Tanzschritten schiebend und schlenkernd, unwiderstehlich sind, die schliesslich nach erschlaffendster Jagd auf Vergnügen und Sensation irgendwo in „vermögende, israelitische Familie" einheiraten und schwächliche Kinder in die Welt setzen, die durch Milieu und Beispiel wieder ebenso zu werden verflucht sind. Wurden dafür Jahrtausende hindurch unsägliche Leiden, Schmach, Hetze, Not und Verfolgung von den Vorfahren ertragen, dass ihre Enkel in einer Geistesenge und -öde leben, ärger und aussichtsloser als das Ghetto, in das man jene Vorfahren sperrte. — Seit der äusserlichen Befreiung der grossen Judenmasse in der Mitte des 19. Jahrhunderts änderte Europa sein Gesicht. Der Jude wurde Kapitalist oder Marxist, ZeitungssChmock oder Weltverbesserer, Börsenjobber oder Kommunist, Kosmopolit oder nationaler Chauvinist. Oft auch alles zusammen oder hintereinander. Diese ungeheure Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit wird dem Juden sehr viel vorgeworfen. Diese Vielseitigkeit gilt als seine eigentliche Schuld. Sie könnte seine eigentliche und wunderbare Auferstehung aus dem europäischen Sumpfe sein. Denn in der kleinen Judenheit ist jeder Gegensatz der Welt nicht nur vertreten, sondern schärfer als irgendwo auf die Spitze getrieben. Mutet es nicht wirklich tragikomisch an, wenn Juden, Juden politisch, wirtschaftlich, literarisch, privat einander hassen, bespeien, verachten, erniedrigen wegen der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Klasse oder Anschauung. Unendlich vielseitig und differenziert kraft ihrer ererbten Lebhaftigkeit des Intellekt, treibt und strebt das Judentum heute noch so vielfach zum Schaden der Menschheit und seiner selbst. Wann wird der Tag kommen, sich zu besinnen, dass der Geist eines uralten Volkes, dass dieser einzige und älteste Adel der Welt zu Grösstem verpflichtet. H. T.

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