Jüdische Jugend
- Journal
- Jüdische Jugend
- Volume
- 1 (1924-25) Tischri 5685
- Issue
- 6 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Heft 6 Jüdische Jugend 97 Kein Wunder, daß sich an die Zerstörung die Hoffnung auf die Wiederherstellung anschloß, und daß diese sehnsüchtige Hoffnung die zweitmalige Zerstörung nicht minder überdauerte. Dieses glühende Sehnen kam in Gebeten und Liedern, in mystischer Verzückung und mannigfachen praktischen Versuchen der Wiederherstellung zum lebendigen Ausdruck. Der moderne Zionismus unterscheidet sich im Wesen nicht von der großen nationalen Liebe und dem Ringen nach Freiheit, Kraft und Leben, der in der ganzen Zionsliebe des Judentums im Exil zum Ausdruck kommt. Moderne Mittel und moderne Anschauungen sind es, die ihm ein anderes Bild gegenüber der alten glühenden Sehnsucht, die er sonst völlig teilt, verleihen. Aus dem modernen Leben, das dem Judentum allmählich einen frischen Lufthauch in seine dumpfen Ghetti ziehen läßt, entwickelt das Judentum die alte nationale Liebe zur heimatlichen Scholle und versucht auf Grund moderner Ansichten und mit Mitteln moderner Technik und Politik das alte Ziel stammestümlicher Sehnsucht zu erreichen. Zuerst sind es europäische, kulturell hochstehende Juden aus dem sefardischen Galut, die das Empfinden haben, der jüdischen Stammesehre nur dann Genüge leisten zu können, wenn die alte gewaltige Volksgeschichte auf den ältesten Grundlagen wieder errichtet und würdig der großen Vergangenheit fortgesetzt wird. Hierbei gehört Amerika zum europäischesten Europa. Dann aber ist es kein Wunder, daß es stammesstolze spanisehportugisische Juden sind, die in den Ländern der Zerstreuung am meisten Gefühl für die nationale Wiederherstellung hegen und zeigen. Ist doch noch immer bei allen Völkern die nationale Bewegung aus den Familien hervorgegangen, die in ihrer Nation die ruhmvollste Überlieferung hatten. So war es der sefardische Philosoph und Historiker Salvador, der zuerst sein nationales Bekenntnis in der Glorifizierung der nationalen Geschichte erblickte, und der erkannte, daß die Nation mit ihrer Geschichte identisch sei. Salvador hat für die nationale Auffassung der jüdischen Geschichte mit dem hoffnungsvollen Ausblick auf eine nationale würdige Zukunft epochemachend gewirkt. Er hat keinen Augenblick daran gezweifelt, daß der historische Eifer zur Neubelebung der Nation führen müsse. Was er auf geistigem Gebiet versuchte, eine Renaissance seines Volkes, glaubte ein anderer Jude dessen Vorfahren ebenfalls einst auf der iberischen Halbinsel gelebt hatten, auf praktisch-politischem Wege erreichen zu sollen. Der bekannte amerikanische Dichter, Verleger und Staatsmann Mordechai Manuel Noah wollte auf Grund eines Charters,' den er von der amerikanischen Unionsregierung erhalten hatte, in der Nähe von Buffalo einen Judenstaat errichten, ein Ideal, für das er beinahe ein halbes Jahrhundert tätig war. Der dritte sefardische Jude, der der Wiederherstellung Israels seine wärmsten Wünsche und seine ganze Lebensarbeit widmete, war Moses Montefiore, der nicht bloß überall für die verfolgten Brüder eintrat, vielmehr seine ganz besondere Aufmerksamkeit und Sorglalt dem alten Stammeslande und den dortigen Juden zuwandte. Er wollte in Palästina in langsamer stetiger Arbeit die Juden zu einem produkiven Stamme erziehen, um so eine werktätige jüdische Bevölkerung zur Grundlage der spätem Siedelung des jüdischen Volkes im alten Stammeslande zu machen. So arbeiteten die drei großen nationalen Manne