Jüdische Jugend
- Journal
- Jüdische Jugend
- Volume
- 1 (1924-25) Tischri 5685
- Issue
- 6 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Jüdische Jugend Heft 6 WIE DER ZIONISMUS ENTSTAND Von Heinrich L o e w e, Berlin Die gewöhnlichste Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Zionismus ist die, daß er die natürliche, oder manchmal auch, daß er - die unnatürliche Reaktion auf den Antisemitismus sei. Und so ganz Unrecht hat diese Ansicht nicht. Denn abgesehen davon, daß es tatsächlich, besonders in Deutschland, manchen Zionisten gibt, den erst die Erscheinung des Antisemitismus zum Judentum zurückgeführt und ihn hier zum Zionismus gebracht hat, wäre es wirklich mehr als begreiflich, wenn man einzig und allein stammesstolzen Zionismus als die berechtigte und selbstverständliche Antwort auf die Verunglimpfung ansähe, die die jüdische Ehre durch die antisemitischen Angriffe erfahren hat. Denn wenn wir auch die materiellen Schädigungen durch diese Bewegung gern verschmerzen wollen, die Herabsetzung unserer Stammeswürde, das Herabziehen der Judenehre in den Kot, durch das jeder Gassenjunge sich groß machen kann, müßten eigentlich jeden Juden mit angeborenem und erzogenem Ehrgefühl allein schon zum Zionisten machen. Dennoch ist die antisemitische Bewegung nur sehr wenig an der Entwicklung des Zionismus beteiligt, an seinem Entstehen aber überhaupt nicht. Dagegen hat sie sehr viel Anteil an den Judentaufen, und zwar unendlich viel mehr als alle Missionsarbeiten je vermocht haben und vermögen werden. Denn wenn tiefere Naturen durch die Angriffe erst recht an den alten Ehrenstamm gekettet werden, so rüttelt der antisemitische Sturm um so mehr die Blätter vom Stamme, die bereits etwas locker sitzen, und zerbricht ganze Äste und Zweige. Will man die Entstehung des Zionismus verstehen, so muß man tiefer blicken und vor allem die historische Entwicklung betrachten. Freilich könnten wir dann beinahe „bei Adam beginnen". Denn die gleiche Grundstimmung, die wir im Zionismus beobachten, durchzieht die ganze biblische Geschichte, ob nun an Abraham der Ruf ergeht, sein Land und seine Heimat, Vaterstadt und Vaterhaus zu verlassen und in das Land zu ziehen, das ihm als die zukünftige Heimat seiner Nachkommen gezeigt wird, oder ob den Erzvätern dies Land Kenatan als ewiges Erbteil zugeschworen wird, solange der Himmel über der Erde steht. Und ganz dieselbe Erscheinung haben wir bei unserm Lehrer Mosche, der nur eine einzige Strafe des Ungehorsams für sein Volk kennt, das Land nämlich verlassen zu müssen, das ihm als ewiges Erbteil von seinen Vätern zufallen soll, und der nur eine einzige Belohnung für spätere Gerechtigkeit verheißt, die Rückkehr in das Land der Väter zu neuem hebräisch-kulturellem Leben. „Wenn deine Verstoßenen sein werden am Ende des Himmels, so wird der Ewige dein Gott von dorther dich sammeln, und von dorther dich holen, und der Ewige dein Gott wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen, und er wird dir wohltun und dich mehren, mehr denn deine Väter". Der ganze Prophetismus ist biblischer Zionismus, getragen von dem gottbegeisterten Temperament der größten Männer, die der jüdischen Nation je entsprossen sind.