Jahresbericht
- Journal
- Jahresbericht
- Volume
- 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7083615-7086972--29-7084612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Mädchenschule des Tachkemoni in Wilna gewährten wir einen Zuschuß von 2500 M. für den Umhau des ersten Sockwertks ihres Schulgebäudes. Die Schule hat allen neuzeitlichen Anforderungen der Schulhygiene entsprechende Räume für 400 Schülerinnen, sowie für das Lehrerinnen- und Fröbelseminar erhalten. Den Jeschiwoth Torath Chessed und Ohel Tora in Baranowicze übermittelten wir je 600 M. für die Verpflegung der Schüler, die in besondere Not geraten sind. Am 1. Mai bekamen wir ein Telegramm aus Wilna, daß infolge einer gewaltigen Überschwemmung in der Umgebung der Stadt große Not herrschte. Wir erließen nachfolgenden Aufruf: „Wir erhielten erschütternde Nachrichten aus Polen. Wilna und eine Anzahl von Orten in weitem Umkreise sind von einer furchtbaren Hochwasserkatastrophe betroffen worden. Wohnungen und Werkstätten sind unter Wasser gesetzt, Häuser zerstört worden, Synagogen, Schulen, Spitäler haben gelitten. Tausende jüdische Familien mußten ihr Heim verlassen, unter Verlust ihrer Habe. Viele konnten nur ihr nacktes Leben retten und müssen, von allem Notwendigen entblößt, im Freien oder in Dachstuben zusammengedrängt kampieren. Zelte und Baracken fehlen. Es herrscht fürchterliche Not und Arbeitslosigkeit. Eine Typhusepidemie ist ausgebrochen. Man organisiert in Polen selbst, so trostlos auch die wirtschaftliche Lage dort ist, eine Unlerstützungsaktion. Gleichzeitig sind dringende Hilferufe an den Hilfsverein der Deutschen Juden ergangen. Wir hielten es für unsere Pflicht, diesem Appell sofort zu entsprechen. Trotz der schweren Zeiten wenden wir uns an die deutschen Juden mit der herzlichen Bitte: „Versagt nicht Eure Teilnahme den von Unglück Heimgesuchten! Helfet, damit zur Linderung der großen Not beigetragen werden kann!" Einem uns vom American Joint Distribution Committee übermittelten Bericht seines nach den Überschwemmungsgebieten entsandten Vertreters entnehmen wir folgendes: „In Dzisna sind von 47 Gassen 33 gänzlich, bis über die Dächer der Häuser, überschwemmt, in 11 Gassen sind die Häuser bis zur Hälfte unter Wasser, und nur drei Gassen wurden von der Katastrophe verschont. Die ganze Bevölkerung drängt sich in den wenigen von der Flut verschonten Häusern zusammen; dreißig bis vierzig Personen hausen in einem Zimmer. Nach Druja kann man jetzt nur per Schiff kommen. Ich hielt es für nötig, die Stadt zu besuchen, um gewissermaßen das Gefühl völliger Verlassenheit zu mildern, das bei der dortigen jüdischen Bevölkerimg herrscht. Das Wasser ist 14 m über den normalen Stand gestiegen. Über 20Ö jüdische Wohnhäuser und 76 andere Gebäude wurden überschwemmt. Nur sechzig Häuser haben nicht gelitten. Alle fünf Bethäuser, darunter die historische Synagoge, sind überflutet. Es gibt jetzt 60 Typhuskranke, die Epidemie droht sich weiter auszubreiten. — Ferner litten folgende Städte: Wilna, Dunilowitsche, Plissa, Radoschkowitsch und andere. Am größten war jedoch die Katastrophe in Dzisna und Druja." (S. die photographische Aufnahme von Druja nach der Überschwemmung.) Wir überwiesen 4000 M., das sind 29 o/o der beim Rettungskomitee in Wilna eingelaufenen Hilfsgelder, die größtenteils für den Aufbau zerstörter Privathäuser und gemeinnütziger Anstalten verwendet worden sind. 17