Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 8 (9.1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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besonders religiöse Menschen beschäftigen sich mit dieser Aufgabe von Kind auf, geheimnisvoll sind sie davon schon bedrängt durch die erste Regung der Vernunft. Der Verfasser dieser Blätter ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen. Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: Was ist Gott? was ist seine Natur? so frug ich schon als kleines Kind: Wie ist Gott? Wie sieht er mi§?" Heine hat sich überhaupt Zeit seines Lebens viel zu sehr mit religiösen Fragen beschäftigt, als daß man ihm religiöses Empfinden absprcchen könnte. Gewiß, er gelangte schließlich zum Atheismus, doch war dies mehr die Schuld seiner Erziehung und Umgebung, und dann war diesem Glauben auch keine Dauer beschieden. — Heine war nun schon eine Reihe von Jahren in Paris. Er hatte sich vermählt und war in den neuen Verhältnissen völlig heimisch geworden. Aber seine Gesundheit hatte nachgelassen. Materielle Sorgen, die ihn nach dem Tode seines Oheims Salomon Heine überkamen, taten das ihrige. Der schauerlichste Todeskampf setzte ein. Jahrelang mußte der Dichter, der die Umwelt, das Freie, die Menschen und den Frühling so wenig entbehren konnte wie das tägliche Brot, ans Bett gefesselt, halbblind, von den schrecklichsten Schmerzen gepeinigt, nur noch von den intimsten Freunden anfgesucht, seine Tage verbringen. In dieser Stimmung kehrt er auch wieder zu seinem Gott zurück und schließt seinen Frieden mit ihm. Woher kommt dieser Wandel in Heines religiöser Gesinnung? Er selbst gibt uns die Antwort: „In der Tat, weder eine Vision, noch eine seraphische Verzückung, noch eine Stimme vom Himmel, auch kein merkwürdiger Traum oder sonst ein Wnnderspuck brachte mich auf den Weg des Heils, und ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches . . . und dieses Buch heißt auch kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes . . ." An einer anderen Stelle heißt es dann: „Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne befriedigt worden zu fein — jetzt befinde ich mich plötzlich auf dem Standpunkte der Bibel." Es geht ihm wie dem Jüngling, den es in seiner überschäumenden Jugendkraft nicht mehr zu Hause hält. Er entflieht, treibt sich jahrelang in der Fremde herum und gelangt nirgends zur Ruhe. Als gebrochener Greis