Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 7 (8.1917)
- Date
- 1917-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 verschämten und ״nur so ganz" — Mitbürger sein wollenden Juden. Wer hat cs noch nicht bemerkt, wie schwer ein ״toleranter" Christ sich entschließt, im Gespräch mit uns das Wort Jude in den Mund zu nehmen? Er macht vorher einen mündlichen Gedankenstrich und, ehe ihm noch das Wort entfahren, ersetzt er es durch ״Israelit" oder ״Ihre Glaubensgenossen", Ausdrücke, die er in seinem Kreise nie gebraucht. Woher diese schämige Feinheit? Weil er aus unserem Gebaren herausgefühlt hat, daß viele dieses Wort Jude stört, daß viele ihm ungern und geniert als Juden begegnen, sondern — Mitbürger sein möchten. — Statt der theoretischen Wetterführung dieses Gedankens sei es gestattet, an Hand von Geschehnissen und Erfahrungen aufzuzeigen, wie der Verkehr unter Mitgliedern der beiden verschiedenen Weltanschauungen sich zum Behagen beider Teile leicht und einfach gestalten läßt. Aus den vielseitigen Erlebnissen eines mir nahestehenden weitgereisten Orthodoxen sei einiges nacherzählt. Wir saßen, so sagte er, in Südspanien auf einer Bcrgkuppe, achtzehn Kilometer fern von besiedeltem Land, unser sieben um einen Tisch, zwei portugiesische Barone, ein Ingenieur, ein Markscheider, ein Werkdirektor, ein Berliner Akademie-Professor und ich, alle zum selben geschäftlichen Zweck zusammen. Die Herren tranken an dem schönen Spätherbstabend spanischen Landwein, ich hatte eine mitgebrachte Flasche Bordeaux zwischen die Kniee gepreßt und goß mir daraus ein. Die Stimmung wurde aufgeräumt und aufgeräumter, man rückte sich näher, und einer neckte mich mit meiner weinkundigen Zunge, der gewiß der Trank der anderen nicht fein genug sei. Ich antwortete, sicher sei umgekehrt der spanische Tropfen köstlicher als mein koscherer. Lustig verlangten sie, den zu kosten. Ich spendete jedem eine Nagelprobe — geizig genug verfuhr ich dabei zum Hallo meiner Kumpane — aus meiner in Spanien nicht ersetzbaren Flasche. Die Einbildung vermag viel, die Herren schnalzten ob der Güte. Im Scherz suchte ich abzulenken — da fragte plötzlich einer, warum ich nicht mit ihnen trinke, und warum ich die Flasche nicht auf dem Tisch stehen habe. Da half kein Mundspitzen mehr; ich kündete ihnen die s’tam jsinoin-Vorschriften und gab auf weitere Frage nach dem Grund an: Reinhaltung der Rasse. Einer der Portugiesen verstand mich gleich und fügte nachforschend hinzu: ״Bier aber und Schnaps dürft ihr mit uns trinken? wohl deshalb, weil nichts so sehr wie der Wein die Intimität beider Geschlechter fördert?" Und als ich mit Wort und Kopfnicken zustimmte, wendete er sich an die recht ernsthaft gewordene Gesellschaft: ״Wenn ich überhaupt an die