Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 4 (5.1917)
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-6467833-9641082-9641087--0311-6468351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Machte mir wenig Aussichten auf Koscherkost für die Landstraße, die sich dem transsylvanischen Gebirge anschließt, und die mein erstes Reiseziel war. So zog ich denn los mit meinen sechs Konservenbüchsen von der Freien Vereinigung und gelangte von Siebenbürgen in das herrliche Alt-Tal. Ungeachtet der kriegerischen Strapazen, die einen kannibalischen Hunger weckten, befleißigte ich mich der haushälterischen Schonung meiner Vorräte, 1*? VW 12 212 il^D3 ns in der stillen Hoffnung, daß ich hie und da einen Tisch finden werde, an dem ich doch einmal einen Koscherbissen bekäme. Und ganz täuschte mich diese Hoffnung nicht. Zwar dauerte es Tage seit meinem Abrücken von Hermannstadt, ohne daß ich das Tischlein fand, und inzwischen beruhigte ich den knurrenden Gesellen in mir mit dem Gedanken, daß Frau und Freie Vereinigung ja unausgesetzt Atzungen abschicken, die doch bald einmal in gehäuften Mengen ihr Ziel erreichen müßten. Aber in Pitesti endlich, einer mittelgroßen Stadt, machte ich mit Hilfe eines Dolmetschers den ansässigen Schochet ausfindig. Gleich nach unserem Einrücken in den erst tags zuvor von den rumänischen Truppen verlassenen Ort wanderte ich durch die Straßen und redete aufs geradewohl einen Juden an, der mir den Weg beschrieb. In Pitesti gibt es nur wenige fromme Juden und cs war nicht leicht, in die enge Seitengasse zu gelangen, in der der Schochet wohnte. Bei meinem Eintritt war die ganze Familie, die sich in einem engen Zimmerchen aufhielt, erschreckt und eingeschüchtert. Denn sie standen ebenso wie die übrige Bevölkerung unter dem Eindruck der Ereignisse, die sich in den letzten Tagen da abgespielt hatten. Die Straßen waren fast durchweg von Granaten aufgerissen, die Häuser zum Teil völlig zerstört, mindestens war der Dachgicbel zertrümmert. Da war es kein Wunder, daß die Bevölkerung verängstigt und niedergeschlagen war, zumal da auch die Nahrungsmittel von der deutschen Proviantverwaltung, die sofort ihre bewährte Tätigkeit glanzvoll aufnahm, beschlagnahmt wurden. Erst als ich mich nach den dortigen jüdischen Verhältnissen erkundigte und wie ein Armer um ein wenig Essen bat, wich bei der Familie die Angst dem Erstaunen, daß ein deutscher Offizier hungernd um einen koscheren „warmen Löffel" bat. Den Hausvater selbst traf ich beim Lernen, und während einer längeren Unterhaltung konnte ich mich überzeugen, daß ich in das richtige Haus geraten war. Es war Freitag Vormittag; die Hausfrau und ihre Töchter waren mit den Vorbereitungen zum Schabbos beschäftigt, die Ber-